MCU Rewatch | Captain America: Civil War

Es ist erstaunlich, wie schnell Marvel in dieser Phase neue Charaktere eingeführt hat. Wobei es eigentlich mehrere Phasen sind, denn Ant-Man bezeichnete das Ende der zweiten und Civil War den Beginn der dritten. Es sollte die längste und letzte Phase der Infinity Saga sein. So haben wir in Age of Ultron Wanda und ihren Bruder Pietro kennengelernt. Dann kam Ant-Man dazu. In Civil War sind es gleich zwei neue Charaktere, die das MCU noch für lange Zeit prägen sollten: Peter Parker aka Spider-Man und T’Challa aka Black Panther.

Die Einführung von Peter Parker gelingt hervorragend. Dieses Mal schenkt sich Marvel eine Erzählung der Origin-Story. Wie das funktioniert und ob es vielleicht besser gewesen wäre, einen entsprechenden Film später noch einzufügen, können wir bei den Spider-Man-Filmen des MCU besprechen. Tom Holland als Peter Parker ist exzellent besetzt. Ich finde, er kombiniert die besten Eigenschaften von Tobey Maguire und Andrew Garfield, um seine eigene Interpretation des Charakters zu finden. Dass er Schrott sammelt und daraus Dinge bastelt, seine Web-Flüssigkeit selbst entwickelt hat und mit einem improvisierten Anzug durch die Gegend schwingt, um Leute zu retten, ist eine tolle Umsetzung seiner Anfangszeit. Er versprüht die Awkward-Teenager-Vibes, die der Charakter benötigt, und ist sowohl redselig als auch schnell zu begeistern. Man denke nur an die erste Begegnung mit Bucky und seinem Metall-Arm.

Schließlich haben wir noch die Einführung von T’Challa. Wir werden noch mehr über Chadwick Boseman und seine hingebungsvolle Interpretation des Charakters sprechen, wenn wir ihn in folgenden Einträgen des MCU sehen. Boseman hat dem Charakter neues Leben eingehaucht. Leider hatte er viel zu wenig Zeit, den Charakter weiterzuentwickeln. Trotzdem ist es ihm gelungen, in gerade einmal vier Auftritten als T’Challa zu einem Symbol aufzusteigen und hat sich als der einzig wahre Black Panther im MCU zementiert. In Civil War gerät er zwischen die Fronten, wenn sein Vater bei einem Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Wien getötet wird. Erst wird er von Rache und Wut gelenkt, doch je mehr er sich mit seinem Gegner beschäftigt und die Avengers kennenlernt, desto mehr versteht er, was dahintersteckt. Seine Reise in dem Film ist etwas losgelöst von den anderen. Er macht sein eigenes Ding und lässt sich nicht davon abbringen. Eine großartige Umsetzung des Charakters, und Boseman weiß sowohl die Action-Sequenzen als auch die ruhigeren Momente gekonnt zu spielen.

Mir gefällt sehr, wie sich der Konflikt zwischen den Held*innen im Laufe des Films entwickelt und durch den Bösewicht Helmut Zemo noch verstärkt wird. Im Gegensatz zum ersten Avengers-Film oder Age of Ultron ist es kein Untergangsszenario oder ein drohendes Ende des Universums. Es ist eine überraschend intime Geschichte, die auf die einzelnen Beziehungen der Avengers untereinander eingeht. Sie beschäftigt sich mit der Frage von Konsequenzen und Verantwortung. Wer soll entscheiden, ob und wann die Avengers eingreifen? Kann das ein Panel der UN überhaupt entscheiden? Sollen sie weiterhin unbeaufsichtigt agieren können? Kann man darauf vertrauen, dass sie immer aus den richtigen Gründen handeln? Wer finanziert den Wiederaufbau, wenn die Kämpfe vorbei sind? Was ist mit den Kollateralschäden?

Es sind Fragen und Herausforderungen, die logischerweise aufkommen und behandelt werden sollten. In den Comics ist dies natürlich sehr viel ausführlicher geschehen, als es ein zweieinhalbstündiger Film je könnte. Die vielen Comics, die um das Event Civil War geschrieben und veröffentlicht wurden, erlauben es, den Blick auf unterschiedlichste Themen, Charaktere und Sub-Konflikte zu richten. Trotzdem sind die Dialoge und Diskussionen im Film meiner Meinung nach gut umgesetzt. Man weiß, wo welcher Charakter steht. Wenn man die bisherigen Filme gesehen hat, weiß man auch, wo die Charaktere herkommen und warum sie diese Meinung vertreten. Hier liegt der Fluch und Segen des MCU. Durch die vielen Filme muss ein Film wie Civil War nicht alles erklären, weil es bereits in anderen gemacht wurde. Dennoch setzen damit Avengers-Filme von Natur aus voraus, dass man alle anderen Einträge i, MCU gesehen hat. Auch wenn es sich hier offiziell um den dritten Teil von Captain America handelt, ist es so etwas wie Avengers 2.5.

Selbst der Standpunkt von relativ neuen Charakteren, wie Scott Lang, ist nachvollziehbar. Er wurde von Hank Pym geprägt, der eine starke Ablehnung gegenüber den Avengers, aber besonders Tony Stark gegenüber hat. Peter Parker wiederum verehrt Tony wegen seiner Technik-Affinität und kreativen Weise, Dinge umzusetzen. T’Challa verfolgt seine eigene Agenda und lernt im Laufe des Films, dass es kein Richtig und Falsch geben kann. Clint und Wanda stehen natürlich gemeinsam auf einer Seite. Seit Age of Ultron halten sie zusammen. Der Tod von Pietro scheint sie noch mehr verbunden zu haben. Vision meint es gut, ist aber vielleicht noch zu frisch dabei oder sein einzigartiger Blick auf die Welt treibt ihn auf die Seite von Tony. Leidtragender ist natürlich James Rhodes. Dass es hier Vision ist, der ihn beinahe für immer als Querschnittgelähmter zurücklässt und von Himmel schießt, jemand, der eigentlich auf seiner Seite sein soll, ist ein cleverer, erzählerischer Schachzug. So kann man nicht die andere Seite beschuldigen, sondern muss sich selbst fragen, was schiefgelaufen ist. Wie es so weit kommen konnte.

Civil War ist ein toller Abschluss für die Captain America Trilogie. Der Charakter hat sich nicht nur in diesen, sondern ebenso während der Avengers-Filme, sehr verändert. Vom patriotischen Soldaten, der alles für sein Land tut, hin zu jemandem, der Dinge hinterfragt und für das Wohl der Menschen eintritt, selbst wenn er es als Verbrecher tun muss. Selbst sein Schild lässt er am Ende zurück. Trotzdem bleibt er für seine Freunde und Kollegen immer abrufbereit, sollte die Welt ihn brauchen. Manchmal geben diese Art von Filmen nur Auszüge an Diskussionen, ohne alle Möglichkeiten selbst auszuschöpfen oder die Themengebiete in aller Ausführlichkeit darzulegen. Aus den Konflikten über die »Sokovia Accords« hätte man natürlich noch sehr viel mehr herausholen können. Doch geben die Filme genug Stoff für Spekulation und arbeiten die Eckpunkte deutlich genug heraus, sodass man die Lücken selbst ausfüllen kann. Es bleibt alles nachvollziehbar, baut aufeinander auf und man kann sich selbst genug Gedanken darüber machen.

Das ist der Kern eines Konzeptes, wie dem MCU. Man darf es nicht überstürzen. Es braucht Zeit, trotzdem benötigt es einen gewissen Tiefgang in die Diskussionen und Themen. Natürlich kann man dem Publikum viel zutrauen und zumuten. Die Zuschauer*innen schaffen es, Punkte selbst zu verbinden und sich Dinge herzuleiten, wenn ihnen dazu die erzählerischen Eckpunkte und Story-Beats gegeben werden. Doch genauso werden unlogische, überhastete und faule Versuche abgestraft, wie man beim gescheiterten DC-Film-Universum gesehen hat. Wenn man es richtig macht, kommt ein so großartiger Film wie Civil War dabei heraus.