Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Der folgende Text erschien am 25. März 2018 das erste Mal auf meinem damaligen Blog »geek-planet«. Diesen Blog gibt es zwar nicht mehr, trotzdem will ich alle meine Texte an einem Ort versammelt wissen. Außerdem ist es ein nettes Experiment, diese alten Rezensionen zu lesen, zu redigieren und mit einer kleinen Einleitung zu versehen. Herauszufinden, ob sich Sichtweisen geändert haben.
Die Romane von Isaac Asimov habe ich sehr gerne gelesen. Auch wenn ich nie fertig geworden bin. Ich glaube, es sind beinahe 30 Romane, die er innerhalb seines Roboter-Zyklus geschrieben hat. Von ihren frühen Anfängen reichen seine Geschichten Jahrtausende in die Zukunft. Dass die Bücher vor über 60 Jahren geschrieben wurden, tut ihnen dabei keinen Abbruch. Es sind zeitlose Geschichten, in denen die Menschen im Vordergrund stehen. Trotzdem war Asimovs Vision einer Zukunft atemberaubend und brillant geschrieben. Science-Fiction auf dem höchsten Niveau.
Anders als erwartet, knüpft Die nackte Sonne direkt an Die Stahlhöhlen an. Protagonist ist erneut Elijah Baley, der einen außergewöhnlichen Mordfall lösen muss. Doch dieses Mal ist dieser nicht im vertrauten zu Hause der Stahlhöhlen geschehen, sondern auf einer der 50 Äußeren Welten: Solaria. Solaria ist eine Gesellschaft, die allem widerspricht, was den Menschen zum Menschen macht. Die Bewohner leben in kompletter Isolation voneinander, direkter Sichtkontakt ist verpönt und sie sind komplett abhängig von Robotern. Wie ist es zu einer solchen Gesellschaft gekommen?
Baley wird also in diese buchstäblich fremde Welt entlassen. Erneut begleitet ihn sein früherer Kollege R. Daneel Olivaw. Doch scheint Daneel von seinem Planeten Aurora eine eigene Mission bekommen zu haben und steht des Öfteren Baley im Weg. Dazu erneut ein kurzer Ausflug in die gesellschaftlichen Strukturen:
Während ich bei Die Stahlhöhlen Probleme hatte, mir vorzustellen, wie das Leben auf der Erde genau aussieht, bekommt man mit diesem zweiten Roman ein klar gezeichnetes Bild geliefert. Die Stahlhöhlen sind nämlich genau das: von der Außenwelt komplett abgeschottete, gewaltige Bauwerke, die autark funktionieren. Die Menschen haben Angst vor dem „Draußen“. Nicht die Wohnungen am Rand sind die teuersten, sondern diejenigen in der Mitte. Immerhin ist man dort am weitesten vom „Draußen“ entfernt und geschützt. Die Menschen leben also in einer künstlich beleuchteten Welt und haben jeden Bezug zur Natur verloren.
Die Solarianer dagegen begrüßen die Natur, doch haben sie jeden menschlichen Kontakt abtrainiert bekommen. In der Geschichte von Solaria hat sich dies durch die dünne Bevölkerungsdichte ergeben, wie auch deutlich im Buch erklärt wird. Es leben nur zwanzigtausend Menschen auf dem Planeten und hundertmal so viele Roboter, die jeden Handgriff erledigen. Jeder lebt allein auf gewaltigen Grundstücken, sich buchstäblich zu sehen ist nicht nur verpönt, sondern die Menschen dort haben auch Angst davor, sich von den Erdenmenschen anzustecken. Der Vergleich mit tierischem Verhalten wird des Öfteren angewendet. Im ersten Teil dieser Dilogie hatte ich noch die Vorstellung von perfekt reinen Menschen, die in künstlichen Umgebungen leben. Doch sie gehen in die Natur, begrüßen sie sogar. Sie haben also durchaus ein gutes Immunsystem, nur es wurde ihnen antrainiert, Erdenmenschen zu verachten.
Auch die Erziehung, welche sehr speziell auf diesem seltsamen Planeten ist, könnte direkt aus einem Horrorroman entsprungen sein. Außerdem sind Wissenschaften keine echten Wissenschaften, sondern Meinungen. So weiß ein Soziologe dort nichts von den antiken Griechen oder irgendwelchen Gesellschaftstheorien. Abstrakte Kunst ist die einzige Kunst und nicht nur eine von vielen. Lediglich die Robotik ist diejenige Wissenschaft, die stets Fortschritte macht. Solaria ist die führende Welt im Hinblick auf Robotik, weshalb andere äußere Planeten Angst vor ihnen haben.
Unter diesen schwierigen Bedingungen muss Baley nun also seine Ermittlungen durchführen, die immer größere Dimensionen anzunehmen scheinen. Die nackte Sonne ist ein perfektes Beispiel, wie ein Charakter, der in eine Situation hinein geworfen wird und eigentlich stets nur reagieren kann, schließlich eine Entscheidung trifft und eine Wandlung durchmacht: vom reaktiven hin zum aktiven Verhalten. Denn sobald sich Baley allen Mut zusammen nimmt und in das „Draußen” geht, sich Stück für Stück daran gewöhnt, nimmt die Handlung erst richtig Fahrt auf. Es ist bemerkenswert, wie er den Solarianern Paroli bietet und auch Daneel herausfordert.
War ich mir bei Die Stahlhöhlen noch unsicher, so zementiert Die nackte Sonne Baley als einen herausragenden Charakter. Er hat etwas, was vielen Menschen zu fehlen scheint, in dieser zukünftigen Welt: Hausverstand und gute Intuition. Guter Detektiv zu sein bedeutet, guter Soziologe zu sein. Ein echter Soziologe und nicht alles zu glauben, was einem gesagt wird – mit Vorurteilen zu brechen und die eigenen Ängste zu überwinden. Die nackte Sonne ist ein Testament für menschliche Neugier und Mut.
Am Ende bleiben zwei mögliche Wege offen, in denen sich die Menschheit entwickeln kann. Es bleibt abzuwarten, ob wir im nächsten Teil erfahren, welchen Weg sie eingeschlagen hat. Der sechste Teil des Zyklus hat den Titel: Sterne wie Staub.