MCU Rewatch | Doctor Strange

Langsam etabliert sich ein Thema, mit jedem weiteren Film, den ich mir aus dem MCU zu Gemüte führe. Und zwar bin ich doch überrascht, wie gut ich manche Filme finde. Natürlich hat man stets gewisse Vorstellungen eines Films, vor allem wenn man diesen des Öfteren gesehen hat. Jedoch verliert man mit der Zeit das Gesamtbild aus den Augen. Zurück bleiben bruchstückhafte Erinnerungen an bestimmte Szenen, vielleicht noch ein Zitat oder zwei oder ein Musikstück. Wie allerdings der Film als Konzept auf einen gewirkt hat oder wie es ist, wenn dieser seine komplette Kraft entfalten kann, gerät immer weiter ins Unterbewusstsein.

Vielleicht warte ich unbewusst einfach nur darauf, dass dieses Kartenhaus, welches Marvel hier aufgebaut hat, zusammenbricht. Dabei weiß ich doch, dass es mindestens bis Endgame hervorragende Filme sind. Natürlich schwankt die Qualität. Wie könnte sie das nicht, bei einer 23-teiligen Saga? Aber selbst Doctor Strange hat mich erneut überrascht. Ant-Man war der einzige bisher, der meine Befürchtungen etwas angefeuert hat, aber das auch nur kurzzeitig und weil die Produktion hinter den Kulissen scheinbar sehr schwierig war. Doctor Strange funktioniert jedoch fantastisch als Einführung des letzten Puzzlestücks.

Es kommen zwar noch die Solo-Filme von Spider-Man und Black Panther, sie hatten jedoch ihre offizielle Einführung ins MCU in Civil War. Nun kommt der letzte große Charakter zum Vorschein und mit ihm ein völlig neues Element, das wir bisher noch nicht kennenlernen durften: Magie. Guardians of the Galaxy und zu einem gewissen Teil auch Thor haben die Welt der Avengers und des MCU vergrößert. Man weiß inzwischen, dass es noch mehr da draußen gibt, als nur die Held*innen auf der Erde. Thor verkaufte uns ihre Magie nur als fortschrittliche Technologie, die wir noch nicht verstehen können. Doch jetzt kommt echte Magie ins Spiel, mit Zauberern, Astral-Ebenen und anderen Dimensionen. Das Multiversum wird so ganz nebenbei erwähnt und feiert ebenfalls sein Debüt.

Natürlich gab es bei dem Release von Doctor Strange eine Kontroverse, da Tilda Swinton die Rolle des Ancient One bekommen hat. Sie macht ihren Job zwar wunderbar, verkörpert die Rolle mit einer gewissen Eleganz, aber ebenso einer lockeren Attitüde, die so einem alten Wesen wahrscheinlich anhaften sollte. Trotzdem kippt es nicht ins Lächerliche oder ins unlustige Sprücheklopfen. Die Interaktionen mit Strange funktionieren ebenso wie die spätere Offenbarung, dass sie sich der dunklen Magie bedient, wie ihr eigentlicher Gegner und früherer Schüler Kaecilius. Dieser wird porträtiert von Mads Mikkelsen. Er passt gut in seine Rolle und spielt sie mit einer Ernsthaftigkeit und Dominanz, die der Film als Gegenstück zu Strange benötigt. Strange ist noch neu in dieser Welt der Magie, nimmt alles anfangs noch nicht ganz so ernst und setzt sich über Regeln hinweg. Eigentlich genauso wie Kaecilius es getan hat, aber eben ohne die Tendenz, die Welt ins Dunkel stürzen zu wollen.

Aber ich bin von der Kontroverse abgekommen. In den Comics ist der Ancient One ein älterer asiatischer Mann. Selbst wenn man den Charakter als Frau oder eher androgyn darstellen wollte, hätte man eine asiatische Schauspielerin engagieren können. Wenn man sich den Wikipedia-Artikel durchliest und auch nur dem Hauch einer Wahrheit entspricht, liest sich das heute, acht Jahre später, sehr schwierig. Sie wollten so sehr sämtliche Stereotype vermeiden, dass sie unweigerlich ein Whitewashing betrieben haben, das nicht notwendig war. Wieso gibt oder gab es denn diese Stereotype? Weil es wenig prominente asiatische Rollen in Filmen gibt. Man muss erst dazu übergehen, asiatische Schauspielerinnen in unterschiedlichsten Rollen zu engagieren, damit diese Stereotype endlich durchbrochen werden. Wenn man dann behauptet, man möchte diese vermeiden und castet deshalb keine asiatischen Schauspielerinnen, klingt das wie eine schlechte Entschuldigung.

Der Film ist allerdings sehr unterhaltsam. Die Trailer bestachen durch eine Inception-artige Optik, die im Film noch mehr auf die Spitze getrieben wurde. Zu dem Zeitpunkt lag Inception immerhin schon sechs Jahre zurück, die Techniken und Möglichkeiten im Hinblick auf CGI haben sich weiterentwickelt. Das Falten von Städten in der Spiegel-Dimension können sich heute noch genauso sehen lassen, wie der LSD-Trip von Strange, als ihm der Ancient One die Augen öffnen möchte und zeigt, dass die Welt so viel größer ist, als er ahnt. Doch trotz all dieser Effekthascherei und visuell überbordenden Kämpfen bleiben die Charaktere im Zentrum des Geschehens.

Angefangen von der Arroganz eines Doctor Strange, der alles daran setzt, seine Finger zu heilen und wieder im OP-Saal stehen zu können. Hin zu Christine, die nur ihrem Freund helfen möchte, ein neues Leben aufzubauen, aber harsch weggestoßen wird. Die Reise nach Kathmandu, das Training, die Veränderung des Charakters Strange und seiner Einsicht, dass es mehr für ihn in der Welt gibt, als zu operieren, schnelle Autos zu fahren und teure Uhren zu kaufen. Doch ebenso dürfen sich Nebencharaktere wie Karl Mordo weiterentwickeln, der einsieht, dass der Ancient One eben nicht alles weiß und sich selbst der Praktiken bedient, die eigentlich verboten sein sollten. Und natürlich Wong, der seine Liebe zu Musik entdeckt.

Es sind immer wieder die Kleinigkeiten, die diesen Film zu einem äußerst unterhaltsamen Unterfangen machen. Zwischen den großen Action-Sequenzen und Verfolgungsjagden in der Spiegel-Dimension stechen die Charaktermomente hervor. Doctor Strange ist ein toller Eintrag ins MCU und präsentiert uns einen weiteren Infinity Stone, mit dessen Hilfe die Zeit kontrolliert werden kann. Ich mag, dass es keine große finale Schlacht gibt, sondern Dormammu mit einem Twist besiegt wird. Das sieht man viel zu wenig in großen Blockbuster-Filmen und vor allem natürlich Comic-Verfilmungen. Es muss nicht immer die große Schlacht sein, es geht auch anders. Was nicht heißt, man muss auf epische Szenen zwischendurch verzichten. Es geht beides.