Geek-Planet: Inside Out

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit meines Blogger-Daseins. Am 08. November 2015 erschien der folgende Text auf meinem damaligen Blog »Geek-Planet«, den es heute nicht mehr gibt. Trotzdem möchte ich alle meine Texte auf einer Webseite vereint wissen.

Da spekuliere ich vor knapp neun Jahren über einen zweiten Teil und schon ist dieser in den Kinos. Genauer gesagt war dieser in den Kinos und das gar nicht mal so unerfolgreich. Zu dem Zeitpunkt, wo ich diesen Text hier schreibe, habe ich die Fortsetzung leider noch nicht gesehen. Nach der Lektüre des alten Textes und meiner damaligen Begeisterung für den ersten Teil muss ich den zweiten allerdings bald nachholen. Auf den Streaming-Plattformen wird es doch sicher ein entsprechendes Bundle im Angebot geben.


Pixar gehört definitiv zu den besten Animationsstudios unserer Zeit. Konstant liefern sie einen Hit nach dem anderen. Nachdem sie sich eine Pause gegönnt haben, kehren sie dieses Jahr mit gleich zwei Filmen in die Kinos zurück. Den Anfang macht Inside Out. Nach den Trailern zu urteilen, möchte dieser Film in einem äußerst ambitionierten Versuch nicht weniger als das Leben selbst erklären. Ist ihnen das gelungen?

“Crying helps me slow down and obsess over the weight of life’s problems.” – Sadness

  • Regie: Pete Docter
  • Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley
  • Produktion: Jonas Rivera
  • Musik: Michael Giacchino
  • Schnitt: Kevin Nolting
  • Cast: Amy Poehler, Phyllis Smith, Bill Hader, Lewis Black, Mindy Kaling

Die grundlegende Geschichte von Inside Out ist sehr einfach gestrickt. Diese dreht sich um das Mädchen Riley und ihre Familie. Sie ist ein aufgewecktes fröhliches Kind, hat viele Freunde, Spaß beim Hockey spielen und scheint ein perfektes Leben zu führen. Doch dann kommt ein Umzug und ihre ganze Welt bricht zusammen. Diese simple Prämisse erlaubt es, eine zweite, komplexere Geschichte in Gang zu treten, welche sich in Rileys Kopf abspielt. Dabei scheint jeder Mensch fünf Basisemotionen zu besitzen, deren Mischung, ähnlich dem Farbspektrum, zu einem Kaleidoskop an Gefühlen führt. Diese fünf Basisemotionen sind: Joy (Freude), Sadness (Traurigkeit), Anger (Zorn), Fear (Angst) und Disgust (Abscheu).

Pixar gelingt es, mit einfachen Mitteln die Funktion des Gehirns zu erläutern, sodass es wirklich jeder versteht und es Spaß macht, mehr davon zu entdecken. Angefangen von den tagtäglichen Erinnerungen, die wir uns aneignen und von denen viele ins Langzeitgedächtnis wandern, hin zum Vergessen von Unwichtigem oder nicht Relevantem, ist alles dabei. Es wird erläutert, dass sich unsere Persönlichkeit aus vielen verschiedenen Aspekten aufbaut und immer wieder neue hinzukommen können, sei es durch Lernen, Erfahrung oder ähnliche Dinge. Natürlich darf nicht vergessen werden, dass wir im Schlaf das Erlebte weiter verarbeiten.

Die Welt von Inside Out ist bunt, detailliert, fantasievoll und wunderbar ausgearbeitet. Alles hat eine logische Funktion und ich komme nicht umhin, immer mal wieder zu denken: Was würde sich wohl gerade in meinem Kopf abspielen? Allein dass die Macher es geschafft haben, mich emotional so sehr zu berühren, dass ich mir weiterhin Gedanken darüber mache, nicht nur wie der Film war, sondern darüber, wie mein Leben davon betroffen sein könnte, verdient großen Respekt.

Der Film schafft »awareness«, wie es im Englischen so schön heißt. Eine Art bewusst werden der eigenen Existenz und des eigenen Lebens. Ich stelle mir die Frage, welche Ereignisse an diesem Tag es wert sind, ins Langzeitgedächtnis gespeichert zu werden. Genieße ich das Leben tatsächlich in vollen Zügen? Was kann ich machen, um noch mehr herauszuholen? Vielleicht berührt mich der Film im Moment deswegen so sehr, da ich selbst gerade eine große Veränderung durchmache. Ich bin von zu Hause ausgezogen, um in Tübingen zu studieren, und dies liegt doch über 400 km weit entfernt und deshalb kann ich mich mit Riley umso besser identifizieren. Doch auch wenn ihr nicht gerade umzieht oder eine große Veränderung durchmacht, kann man aus dem Film etwas lernen, da er etwas Alltägliches so gefühlvoll und tiefgreifend erläutert, wie ich es selten gesehen habe.

Die vielschichtige Achterbahnfahrt der Gefühle bringt einem bei, die Erinnerungen und Ereignisse eines Tages nicht nur aus einer Perspektive zu betrachten. Natürlich möchten wir alle, dass nur Joy am Steuer sitzt, doch das Leben besteht nicht nur aus Positivem. Auch das Negative muss man erfahren, damit man daraus lernen kann. Wobei „negativ“ wahrscheinlich etwas Falsches suggeriert, denn Sadness oder Anger sind keine negativen Gefühle per se. Inside Out zeigt, dass alle Gefühle ihre Daseinsberechtigung haben und zum Beispiel Sadness nicht weggesperrt oder ignoriert werden darf.

Doch nicht nur die Geschichte des Films ist fantastisch. Auch alle anderen Aspekte des Films passen wundervoll zusammen: die bereits erwähnten Animationen entführen uns in eine Welt, die man gerne selbst entdecken möchte. Die Stimmen der einzelnen Protagonisten sind exzellent gewählt und lassen keine Wünsche offen. Auch die Musik, das Editing – alles fügt sich zusammen wie die einzelnen Teile eines Puzzles.

Da fällt mir ein, dass es in dem Film nicht den klassischen Bösewicht gibt. Ein Bösewicht, der sich gegen unsere Protagonisten stellt und ihre Pläne vereiteln möchte. Dies ist äußerst erfrischend zu beobachten, denn normalerweise hat man immer jemanden, der nur auf seine eigenen Interessen achtet und diese in jedem Fall durchsetzen möchte. Ich begrüße dessen Abwesenheit sehr. Alle ziehen an einem Strang und wollen die Herausforderungen, die vor ihnen liegen, lösen.

Den Machern ist es gelungen, eine Welt aufzubauen, in der ich gerne mehr Zeit verbringen würde. Sie erläutern unser Dasein mit so einfachen, doch effektiven Mitteln, dass ich nichts anderes als großen Respekt davor haben kann. Ich kann nicht sagen, ob es gut wäre, die Geschichte mit einem zweiten Teil fortzuführen, da der erste so perfekt ist. Die lustigen Dialoge und die witzigen Situationen, in die sich unsere innersten Gefühle verstricken, sind es wert, immer wieder angesehen zu werden, und wenn den Autor*innen ein Weg einfällt, dies so fortzusetzen, bin ich gerne wieder dabei. Besonders deswegen, weil Rileys Pubertät ansteht und dies sicher zu vielen interessanten und humoristischen Geschehnissen führt.