Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Genauer gesagt, zum 24. November 2014. Damals erschien der folgende Text auf meinem Blog »Geek-Planet«, den es heute nicht mehr gibt. Ich möchte aber trotzdem, dass meine alten Texte auffindbar sind. Deshalb präsentiere ich sie allmählich hier in redigierter Form und versehe sie mit einer kleinen Einleitung.
Nightcrawler war wirklich ein großartiger Film. Spannend gemacht, unheimlich und auf allen Ebenen auf einem hohen Niveau produziert. Seit dem Kinorelease damals habe ich ihn allerdings nicht mehr gesehen, wenn ich mich richtig erinnere. Ich mag solche Filme, die einfach nur eine Geschichte zu erzählen haben und dies dann konsequent durchziehen. Es wird kein Franchise aufgebaut oder gleich auf mehrere Fortsetzungen spekuliert. Einfach nur ein Film und fertig.
Was mir schon bei mehreren alten Texten von mir aufgefallen ist, vor allem wenn es sich um Rezensionen zu Filmen handelt, ist eine Bewertung am Ende. Nicht nur in Form eines letzten Satzes oder so ähnlich, sondern mit 9 von zehn Sternen beispielsweise, wie es bei Nightcrawler der Fall war. Ich bin allerdings dazu übergegangen, diese Bewertungen zu entfernen, da sie für mich nichts aussagen. Worauf bezieht sich eine solche Bewertung? Ist es wirklich eine Skala, die etwas aussagt? Lassen sich wirklich Filme unterschiedlicher Genres, die beide mit einer 9 versehen werden, irgendwie vergleichen? Mir kommt es eher auf die eigentliche Besprechung an. Warum ist der Film gut oder schlecht? Lohnt sich ein Blick hinein. Außerdem sollte man sich ohnehin immer selbst ein Bild machen, wenngleich man denkt, dass man mit der Meinung eines Kritikers übereinstimmen sollte. Eine Skala weckt nur Erwartungen, die das mediale Produkt nicht einhalten kann.
Auf den Film Nightcrawler bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ihn mir ein Freund empfohlen hat und wenig später sind wir dann auch gleich gemeinsam ins Kino gegangen. Der Film zählt für mich eindeutig zu den Überraschungen des Jahres, vielleicht war das auch den niedrigen Erwartungen geschuldet, die ich aufgrund des Informationsmangels hatte.
Die Geschichte dreht sich um den Kleinkriminellen Louis Bloom, der sich mit dem Stehlen von Kupfer und Gullydeckeln über Wasser hält und seine Beute anschließend an den Schrotthändler seines Vertrauens verkauft. Eines Nachts kommt er bei einem Autounfall vorbei und bleibt aus Neugier stehen. Als er den Polizisten dabei zusieht, wie sie eine Verletzte aus dem Wagen retten, kommen zwei Typen mit Kameras herbeigelaufen und filmen das Geschehen. Auf Nachfrage Blooms erläutern sie ihm, dass sie sogenannte Nightcrawler sind und ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Verbrechen, Unfälle und dergleichen zu filmen und an den meistbietenden Fernsehsendern zu verkaufen. Dieser bringt das Material dann in den Morgennachrichten um sechs Uhr. Louis wittert dabei seine Chance, endlich richtig Geld zu verdienen.
Die Geschichte selbst kann man als originell bezeichnen, denn bisher habe ich noch keinen Film gesehen, der sich auf diese spezielle Berufsgruppe bezieht. Nightcrawler erzählt eine spannende Geschichte und baut Stück für Stück die Welt um Louis Bloom auf. Vom Kauf einer Kamera, über den ersten Versuch, einen Unfall zu filmen (auf sehr ungeschickte Weise), hin zum Verkauf an einen Sender. Wir als Zuschauer*innen begleiten den Protagonisten auf seinem Weg, entwickeln uns selbst quasi zum Voyeurist.
Bei Louis Bloom handelt es sich um einen Einzelgänger, der die Menschen meidet, weil er sie einfach nicht mag oder sie eventuell sogar verabscheut. Im Internet hat er genügend Wissen zusammen recherchiert und Manager- bzw. Marketingsprüche auswendig gelernt, mit denen er versucht, sich zu präsentieren oder in bestimmten Situationen zu verkaufen. Das führt zu ein paar witzigen Szenen. Die gelernten Floskeln wirken oft fehl am Platz, passen aber grundsätzlich zu seiner Persönlichkeit, wodurch es wieder adäquat wirkt. Jake Gyllenhall ist die perfekte Besetzung für diesen Charakter. Er schafft es, die außerordentliche Persönlichkeit der Figur geradezu beängstigend authentisch zu präsentieren. Um es einigermaßen vorsichtig auszudrücken: Louis ist psychisch nicht ganz in Ordnung. Seine teilweise vielleicht sogar unbewusste Hinterhältigkeit und das fehlende Mitleid werden den Zuschauer*innen schrittweise direkter präsentiert. Dies macht es umso interessanter, die Geschichte weiterzuverfolgen.
Auch die Nebencharaktere in Form einer Produktionsleiterin, Polizisten, FBI und einem „Assistenten“ sind hervorragend besetzt und logisch in die Geschichte eingebaut. Ich möchte hier die schauspielerischen Leistungen hervorheben, die mir alle durchweg gefallen haben. Was mich allerdings etwas an der Geschichte gestört hat, ist die teilweise sehr offensichtliche Tatsache, dass sich Louis eigentlich nicht an diesem Tatort aufhalten darf/sollte und ihn scheinbar niemand bemerkt oder er einfach ignoriert wird. Da es allerdings nur bei zwei Szenen der Fall war, ist dieser Aspekt nicht weiter störend.
Leider habe ich den Film nur in der deutschen Synchronfassung sehen können, diese tut dem Film aber keinen Abbruch. Die Sprecher liefern eine gute Performance ab und passen vom Klang zu den Schauspielern und wirken nicht fehl am Platz, wie es bedauerlicherweise zu oft der Fall ist.
Wer Lust auf einen gut gemachten und durchdachten Thriller hat, dem kann ich Nightcrawler nur empfehlen. Die Art und Weise, wie die Handlung dargestellt wird, lässt mich vermuten, dass es sich nicht um den Beginn einer Reihe handelt (außer natürlich, die Einnahmen wären entsprechend). Allerdings habe ich mir zum Ende des Films hin gedacht, man könnte ihn in Form einer Serie oder eines Comics weiter fortsetzen, denn die Geschichte bietet sicher noch sehr viel Potenzial. Ich hätte Lust darauf, die Charaktere weiterzuverfolgen. Wie entwickeln sie sich weiter, was sind ihre Pläne und wer kommt ihnen in die Quere?