Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute wieder einen alten Text von mir an. Der folgende erschien am 17. April 2015 auf meinem damaligen Blog »Geek-Planet«, den es heute allerdings nicht mehr gibt. Trotzdem sollen alle Texte weiterhin auffindbar sein. Deshalb suche ich mir jede Woche einen heraus, redigiere diesen etwas und veröffentliche ihn mit einer kleinen Anleitung erneut.
Diese Woche geht es um den, wie ich in der Rezension schreibe, gesellschaftskritischen Comic D4VE. Ich kann mich noch gut an diesen fantastisch konzipierten Comic erinnern. Über die Jahre hat es zwei Fortsetzungen gegeben: D4VE2 und D4VEocracy. Vielleicht habe ich in meinem Text damals etwas zu viel hineininterpretiert, aber genau das macht den Spaß an solchen Texten aus. Man kann sich den eigenen Interpretationen hingeben. Die Autor*innen von Büchern, Comics und Co. liefern uns ihre Geschichten, aber was daraus hervorgeht, ob sie uns auf einer emotionalen Ebene berühren oder was sie in uns hervorholen, bleibt uns überlassen.
Bei D4VE handelt es sich um ein leidenschaftliches Projekt, welches von zwei Künstlern umgesetzt wird. Sie haben den Verlag Monkeybrain gefunden, um ihre Geschichte erzählen und einem breiten Publikum näher bringen zu können. Ich bin sehr froh, diesen Comic entdeckt zu haben.
- Autor & Letterer: Ryan Ferrier
- Künstler: Valentin Ramon
»I used to be awesome. I used to be important. I used to fight monsters and aliens and protect the planet« – D4VE
Ich muss gestehen, dass ich den Comic nicht ganz selbst entdeckt habe. Genauer gesagt handelt es sich mal wieder um eine Empfehlung von meinem liebsten Comic-Podcast »Talking Comics«. Seit dem sind allerdings schon wieder ein paar Wochen ins Land gezogen, und beim Durchblättern der Neuerscheinungen auf ComiXology bin ich über die dritte Ausgabe von D4VE gestoßen. Da die Comics gerade einmal 0,89 € kosten (ein willkommen günstiger Preis, doch ich würde für diese fantastische Geschichte auch mehr bezahlen) und ich im Hinterkopf noch wusste, dass es sich um einen guten Comic handeln soll, blieb mir nichts anderes übrig als die ersten drei Ausgaben zu kaufen und zu lesen (mittlerweile habe ich auch die letzten beiden Ausgaben erstanden und gelesen)
»You’ve really pushed it this time. I don’t know what your problem is, but if you can’t partition your shit and function, then this … we … are terminated.« – 54LLY
Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht zu viel in die Geschichte hinein interpretiere, doch ich finde, D4VE ist ein wunderbarer gesellschaftskritischer Comic, der auf lustige und ungewöhnliche Weise darstellt, zu welchen automatisierten Personen wir Menschen teilweise verkommen sind. Wir arbeiten in Jobs, die wir nicht mögen oder uns unterfordern, mit Strukturen, die wir nicht gutheißen oder verstehen, fahren Einkaufen, wo wir immer wieder dieselben Sachen erwerben, sitzen am Abend auf der Couch und sehen zum x-ten Mal eine Serie, die uns eh nicht interessiert. Eine dramaturgische Übertreibung und Verallgemeinerung natürlich, um den Punkt zu untermauern, aber so ganz unwahr ist es nun auch wieder nicht, oder? David Foster Wallace Rede »this is water« kann ich zu dem Thema ebenfalls sehr empfehlen.
Meist brechen wir aus diesen Mustern jedoch nicht aus, weil wir uns erstens zu sehr daran gewöhnt haben und Veränderung ist immer schlecht und böse. Zweitens haben wir Angst. Angst davor, am Ende noch beschissener dazustehen und unsere Träume nicht verwirklicht zu haben. Doch genau darum geht es im Leben. Risiken einzugehen und den Träumen aus unserer Kindheit nachzujagen. Wir dürfen den Spaß nicht aus den Augen verlieren und die Probleme nicht zu ernst nehmen. Wir haben nur dieses eine Leben und egal ob man an einen Gott glaubt oder nicht, es ändert nichts daran, dass wir nur diese eine Chance haben. Wir sollten das Beste daraus machen.
Nach dieser vielleicht etwas zu detaillierten Interpretation von D4VE komme ich erst einmal auf die Grundlagen zurück: Worum geht es eigentlich? In der Geschichte sind Roboter die dominierende Spezies auf dem Planeten Erde und in der gesamten Galaxis. Wir haben diese wunderbaren Wesen in dem guten Glauben erschaffen, sie würden uns helfen – im Alltag, wie im beruflichen Leben. Doch irgendwann wurde die künstliche Intelligenz zu gescheit und hat beschlossen, wir würden es nicht länger verdienen zu leben. Also haben sie sich dazu entschlossen, uns auszulöschen und wenn sie schon mal dabei sind, auch gleich alles Leben in der Galaxis – allein lebt es sich doch gleich viel angenehmer. Es stellt sich nur ein Problem dabei heraus. Sie wurden von Menschen programmiert und sollten sich auch wie Menschen verhalten. Im Grunde haben sie also nur biologisches mit künstlichem Leben getauscht.
Die Anspielungen auf die typischen Verhaltensweisen eines Menschen, nur überführt in die Handlungen eines Roboters, sind wohl die lustigsten Witze seit langem. Egal, ob Kleidung (wofür benötigt die ein Roboter), der Kaffee am Morgen (eigentlich nur Öl), Schlaf, etwas Vergessen einzukaufen, es ist alles dabei. Selbst Kinder können bestellt werden und treffen ein paar Wochen später ein. Der Roboter D4VE ist die zentrale Figur und weckt anfangs das Mitleid in mir. Der frühere Kriegsheld sitzt in einem Bürojob ohne Aussichten fest und lässt sich oft von seinen Tagträumen über vergangene Heldentaten entführen. Im Laufe der Geschichte wächst einem auch sein Sohn ans Herz – mit seinen schrägen, perversen Anspielungen und Äußerungen sorgt er für eine Abwechslung des sonst eher trockenen Humors von D4VE.
Die Geschichte wird mir zum Ende hin vielleicht zu abgedreht und alles geschieht sehr schnell. Ich hätte mir eher sieben bis acht Ausgaben gewünscht, um nicht so durch die Geschichte zu rauschen. Doch sie bietet großen Unterhaltungswert und vielleicht setzen die Schöpfer D4VEs Abenteuer irgendwann fort, ich würde es mir wünschen. Dem Duo hinter dem Comic gelingt es nicht nur lustige Momente zu schaffen, sondern klasse ausgearbeitete Charaktere, eine interessante Erzählung und vor allem dazu passende Zeichnungen zu kreieren. Am Ende jedes Comics hinterlässt der Autor noch einen Brief und erklärt die Hintergründe zur Entstehung oder geht auf Fragen von Fans ein. Dies rundet das Gesamtpaket schön ab und lässt die Erfahrung noch ein Stück persönlicher wirken als in anderen Comics.