Digital Detox

Eigentlich mag ich den Begriff »Detox« nicht besonders. Er kommt aus einer Bewegung heraus, die einem einreden möchte, dass man den Körper „entgiften” muss. Das bekommt dieser (im Normalfall) allerdings ganz gut selbst hin. Jedenfalls bringt der Frühling, zumindest bei mir, stets ein Gefühl der Erneuerung mit sich. Manche nennen es Frühjahrsputz, habe ich auch schon getan. Man erwacht aus dem Winterschlaf, will sich mehr bewegen und sich auf das Jahr vorbereiten. Das zeigt sich dieses Jahr, wie mir scheint, in Phasen.

Bereits im Februar habe ich auf Alkohol verzichtet. Das fiel mir nicht besonders schwer. Auch merkte ich keine negativen Auswirkungen, die darauf zurückschließen ließen, dass ich eine Abhängigkeit hätte. Trotzdem verzichte ich seitdem weitgehend auf Alkohol. Wenn ich mich recht entsinne, waren es zwei Gläser Rotwein in den vergangenen drei Monaten. Zwar merkte ich keine negativen Effekte, doch mir wurde bewusst, dass es sehr wohl positive hat. Selbst die leichten Auswirkungen von zwei oder drei Gläsern Wein an einem gemütlichen Abend will ich nicht mehr haben. Außerdem hat Alkohol vielfältige negative Auswirkungen auf den Körper. Der Verzicht ist nicht schwer.

Vor zwei Wochen etwa habe ich mich dann um Ausgaben und Abos gekümmert. Ich habe sämtliche Steady- und Patreon-Mitgliedschaften kontrolliert, bin alle Nachrichtenangebote, die ich bezahle, durchgegangen und habe Software und Apps gekündigt, die ich nicht mehr benötige. Oder bei denen ich zumindest sehen will, wie ich ohne sie auskomme. Radikal alles kündigen, wo ich mich auch nur im Entferntesten frage: Ist das sinnvoll? Dann wird es gekündigt. Im Zweifel kann man es ja wieder abonnieren. Aber erst einmal weg damit.

Vergangenes Wochenende bin ich dann noch meine digitalen Ablagen durchgegangen. Dank einer erratischen Orange, die auf der Welt für sehr viel Unsicherheit sorgt, gilt schon lange die alte Weltordnung nicht mehr. Wenn es sie denn je gab oder sie sowieso nur eine bequeme Illusion war, der wir uns hingegeben haben. Ich möchte weitgehend vermeiden, dass meine Daten auf amerikanischen Servern liegen, wo im Zweifel zwielichtig, inkompetent geführte Behörden jederzeit Zugriff darauf haben. Ich sehe mich gerade nach europäischen E-Mail-Diensten um und bin bei mailbox.org fündig geworden. Der Anbieter wird oft empfohlen. Zwar muss ich mir das noch genauer ansehen und es kostet 3€ im Monat, aber wenn meine E-Mails dann in Europa liegen, ist es mir das wert. Ein Backup meiner Gmail-Datenbank habe ich schon gemacht. Die vorhandenen Mails müssen nur noch gelöscht werden. Doch es geht noch weiter.

Ich nutze weitgehend Apple-Geräte. Das heißt, meine Fotobibliothek ist äußerst umfangreich und hat weit über 25.000 Fotos gespeichert. Die will ich nicht verlieren. Im ersten Schritt habe ich alle heruntergeladen und gespeichert. Gleiches gilt übrigens auch für meine restlichen iCloud-Daten. Als Nächstes werde ich alle Fotos löschen, die älter als vier oder fünf Jahre sind. Es muss nicht mein ganzes Leben in dieser Bibliothek nachvollziehbar sein. Es reicht eine SSD. iCloud werde ich auch reduzieren. Vielleicht komme ich dann sogar auf die 99-Cent-Stufe herunter. 50 GB sollten reichen. Mal sehen, was ich noch finde und welche Dienste ich noch nutze.

Natürlich ist es bequem, sich von diesen Konzernen mit einfach zugänglichen Lösungen verwöhnen zu lassen. Gerne sagen Menschen dann: »Ich habe ja nichts zu verbergen.« Wirklich? Vielleicht geht es nicht darum, dass man etwas zu verbergen hätte, sondern eher darum, was diese Firmen alles über einen wissen und aus den Daten schließen können. KI ist auf dem Vormarsch. Was ist, wenn diese aus den vorhandenen Daten falsche Schlüsse zieht, die aber sehr reale Konsequenzen haben? Dass wir gezwungen sind, umzudenken, ist nicht schlecht. Die Art, wie es herbeigeführt wurde, ist leider sehr unschön. Aber es wurde Zeit.