Geek-Planet: Sex Criminals – Volume 1

Es ist Donnerstag. Das heißt, wir schauen uns einen Text aus längst vergangener Zeit an. Dieses Mal geht es zurück zum 09. September 2015. An dem Tag erschien der folgende Text auf meinem damaligen Blog »Geek-Planet«, den es heute allerdings nicht mehr gibt. Trotzdem will ich alle meine Texte an einem Ort versammelt wissen.

Sex Criminals gehört zu den Comics, wo ich sehr froh bin, bei der Veröffentlichung live dabei gewesen zu sein. Es war eine großartige Zeit, ich habe jeden Monat Unmengen an Comics gelesen und auch Podcasts über das Thema gehört oder Bücher dazu studiert. Comics waren das Zentrum meines Lebens. Trotzdem stechen manche besonders hervor, wie es eben bei Sex Criminals der Fall ist. Wenn ich mich recht entsinne, war dies auch der Durchbruch für Chip Zdarsky, der danach eine gute Karriere hingelegt hat.

In eine ähnliche Riege fallen East of West, The Walking Dead oder The Beauty. Es sind außergewöhnliche Geschichten, die einen immer wieder in den Bann ziehen. Jede auf ihre eigene Art. Natürlich kann man diese nachholen und seit ein paar Jahren lese ich kaum mehr Comics, doch irgendwann muss ich vielleicht die Höhepunkte der vergangenen Jahre nachholen, einfach weil es ein so großartiges Medium ist. Man findet darin die originellsten Geschichten und großartige, kreative Menschen, die dahinterstehen. Sex Criminals ist ein Beispiel, welches man sich nicht entgehen lassen sollte.


Was erwartet man von einem Comic mit dem Titel »Sex Criminals«? Ich wusste es nicht, doch die Rezensionen waren gut und Image ist besonders gut darin, uns zu überraschen, uns in neue Welten zu bringen, von denen wir noch gar nicht wussten, dass wir dort hin wollen. Dies gilt auch für den Themenschwerpunkt im Oktober. Dieses Universum wurde ebenfalls von einem Image-Comic inspiriert und hat es in neue Höhen der Popularität befördert.

  • Sex Criminals by Matt Fraction & Chip Zdarsky

»You two are in my world now. And my world hurts.« – Sex Police

Sex kann ein sehr empfindliches Thema für manche sein – entweder es löst Gefühle des Unwohlseins aus, der Scham oder man berichtet detailliert und in allen kleinen Einzelheiten davon. Für Suzie und Jon, beide Ende 20 oder Anfang 30, durchschnittlich gut aussehend, ist letzteres der Fall. Sie reden viel darüber. Zu Anfang ihrer Beziehung haben sie zwar noch ihre Startschwierigkeiten, doch schließlich erkennen die beiden und auch aufmerksame Leser*innen, dass es sich bei ihnen um Seelenverwandte handelt. Sie können sich alles erzählen. Angefangen von ihrem ersten Mal über gewisse peinliche Vorfälle während der ersten Versuche einer sexuellen Begegnung und so weiter.

Diese Vertrautheit und Offenheit wird vom gesamten Comic ausgestrahlt. Sex ist hier ein Thema wie jedes andere. In unserer heutigen Gesellschaft habe ich manchmal das Gefühl, dass wir immer prüder und verklemmter werden. Allein der Irrsinn, dass in den USA eher geduldet wird, dass man in einer Serie detailliert sieht, wie Menschen zerstückelt, geköpft, erschossen und gehäutet werden, anstatt im anständigen PG-13 Stil zu zeigen, wie zwei Menschen Sex haben, macht mich oft fassungslos. Versteht mich nicht falsch, es wird besser, wirklich, man erkennt den „Fortschritt“ und die Entwicklung in unserer Gesellschaft deutlich, doch wir sind noch weit vom Idealzustand entfernt. Aber kommen wir zurück zum Comic.

Ich habe wirklich genossen, diesen Comic zu lesen, da die Unterhaltungen der beiden so schön geschrieben und liebevoll ausgearbeitet sind. Sie sprechen viel über ihre Vergangenheit, und die Zeichnungen von Zdarsky passen wundervoll dazu. Zwar könnte man den Erzählstil als chaotisch und wirr bezeichnen, da der Autor Matt Fraction oft zeitliche Sprünge macht und zwischen den Schauplätzen wechselt, doch man wird von ihm gut geführt, sodass ein strukturiertes Chaos mit flüssigen Übergängen entsteht.

In der Welt von »Sex Criminals« haben manche Menschen die Fähigkeit, nachdem sie erfolgreich Koitus gehabt und ejakuliert haben (Hier bricht der Sheldon Cooper in mir durch), die Zeit anzuhalten. Und nur sie, die den Höhepunkt hatten, können sich noch mehr oder weniger frei in dieser neuen Welt bewegen. Wie genau die Regeln im „The Quiet“ funktionieren, weiß ich noch nicht. Es könnte auch sein, dass es über ein reines Zeitanhalten hinaus geht und es eine andere Dimension ist, denn die optische Umsetzung, wenn wir diesen mystischen Ort betreten, unterscheidet sich grundlegend von der normalen Welt. Sie ist grell, bunt und es scheint alles möglich zu sein. Wie es scheint, können sich alle, die diese Fähigkeit haben, frei darin bewegen und diejenigen, die diese nicht haben, sind logischerweise eingefroren. Auch scheint der Zeitpunkt, zudem die Welt wieder in den Normalzustand zurückkehrt, unterschiedlich. Ich hoffe, dies wird im zweiten Trade noch etwas deutlicher, worum es sich bei dieser Fähigkeit genau handelt. Eine Frage lässt mich dann aber nicht in Ruhe: Wenn Suzie und Jon „The Quiet“ betreten und die Welt eingefroren ist, ist es dann auf der ganzen Welt so und die anderen, die auch diese Fähigkeit haben, müssen warten, bis es wieder vorbei ist? Die Welt müsste dann doch andauernd stillstehen oder etwa nicht. In welcher Art und Weise ist dies mit der sogenannten „Sex Police“ vereinbar? Jedenfalls führt die Geschichte immer wieder zu witzigen Begebenheiten. Will man aus irgendwelchen Gründen und sind sie noch so absurd, davon kann Jon ein Lied singen, die Zeit anhalten, muss man Sex haben oder zumindest sich selbst ans Ziel bringen. Mir gefällt, mit welch lockerer Art und Selbstverständlichkeit dies alles präsentiert wird, als sei es ganz normal.

Der Comic bietet eine faszinierende Geschichte, mit dem ein oder anderen Happy End. Die Charaktere sind sympathisch, gut ausgearbeitet und haben eine ansprechende Chemie untereinander. Als Bonus gibt es auf den letzten Seiten noch eine detaillierte Beschreibung von Chip Zdarsky, wie er die Panels, welche sich im „The Quiet“ abspielen, Schritt für Schritt aufgebaut hat. Dadurch erfahren die Leser*innen in allen Einzelheiten, wie Comics generell enstehen und wie Zdarsky im Speziellen an diesem Comic gearbeitet hat. Es müssen nicht immer seitenweise Extras in Trades vorhanden sein. Mir genügen oft schon kleine Einblicke hinter die Kulissen. Diese lese ich dann auch lieber als seitenlange Abhandlungen über diverse Themen. Wobei auch das reizvoll sein kann, wenn es zum Gesamtkonzept passt.