Ich bin mir nicht sicher, wie ich in diesen Text einsteigen soll. Es gehen mir so ein paar Gedanken durch den Kopf, die ich noch nicht ganz einzuordnen weiß. Bei den bisherigen Filmen konnte ich stets auf etwas referenzieren oder hatte sofort eine Idee, welche Punkte mir wichtig sind. Bei Captain Marvel habe ich zwar ebenso Themen, die ich gerne durchgehen möchte, doch mir fehlt etwas der rote Faden. Dabei ist der Film an sich toll gemacht. Brie Larson als Carol Denvers ist eine fantastische Besetzung und verleiht dem Charakter etwas Einzigartiges, was man in dieser Art noch nicht im MCU gesehen hat.
Es beginnt schon allein mit dem anfänglichen Trainingskampf zwischen ihr und Yon-Rogg (Jude Law). Sie hat ihre Kräfte, kann diese aber nicht vollständig einsetzen. Ständig wird ihr gesagt, dass sie ihre Gefühle unter Kontrolle bringen soll und die Macht, die sie erhalten hat, wieder weggenommen werden kann. Zwar stimmt es, dass sie auch ohne Kräfte auskommen sollte – etwas Ähnliches musste auch Peter Parker lernen, als ihm Tony den Anzug wieder weggenommen hat, wenn er nämlich ohne den Anzug nichts ist, dann hat er ihn auch nicht verdient – doch sind sie, seit dem Unfall, ein integraler Bestandteil ihres selbst. Außerdem ist Carol scheinbar die Einzige, die diese Fähigkeiten hat, auf dem gesamten Kree-Planeten.
Seit sechs Jahren ist sie dort, wird ausgebildet und in Missionen für einen Krieg geschickt, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hat und, wie sich später herausstellen sollte, auch noch auf der falschen Seite kämpft. Für mich ist es deshalb fast einleuchtend, dass Vers (wie sie die Kree nennen), unterbewusst weiß, dass sie allen überlegen ist. Das merkt man vorrangig an der Art, wie Brie Larson den Charakter spielt. Sie ist meist locker drauf, gibt coole Sprüche zum Besten und wirkt stets so, als habe sie die Kontrolle über sich und die Situation. Sie kann sich gut auf neue Situationen einlassen und versteckt sich nicht. Das wird deutlich, als sie auf der Erde abstürzt. Sie läuft in ihrer Uniform herum, sagt, wer sie ist und was sie sucht. Kein Versteckspiel.
Ich mag diese Art der Charakterdarstellung. Es ist nicht übertrieben oder zieht die Situationen um sich ins Lächerliche. Es sind keine Meta-Kommentare oder sonstiges. Sie lässt sich von den Situationen leiten und sieht, was passiert, weil sie ihre Kraft hat und auch sonst weiß, wozu sie in der Lage ist. Das steigert sich im Laufe des Films immer mehr, bis ihr schließlich klar wird, dass sie in ihrer Macht eingeschränkt wurde. Sie kann sehr viel mehr. Und sie wurden ihr nicht gegeben, sie hat sie bekommen. Durch einen Unfall mit einem Infinity Stone.
Doch zeichnet den Charakter noch etwas anderes aus und das ist ihr unbändiger Wille und ihre Durchsetzungskraft. Das wird visuell wunderbar dargestellt. Durch verschiedene Lebenssituationen hindurch sehen wir, wie Carol zwar immer wieder auf die Schnauze fällt, aber auch immer wieder aufsteht, um es erneut zu versuchen. Es ist ein sehr heroisches Bild und wirkt unfassbar mächtig. Es ist das, was uns Menschen auszeichnet. Die Kree-Intelligence unterschätzt das und zahlt den Preis dafür. Genauer gesagt, die Truppe um Yon-Rogg zahlt den Preis und die scheinbar grausamen Skrulls haben eine neue, mächtige Verbündete gefunden.
Marvel trumpft erneut mit ihrer großartigen Verjüngungstechnologie auf. Samuel L. Jackson sieht stets fantastisch aus und man kauft ihm das jüngere Alter auf jeden Fall ab. Es scheitert manchmal nur an seinem Gebären. Aber ein über 70-Jähriger bewegt sich nun mal etwas anders als jemand, der nur halb so alt sein soll. Trotzdem funktioniert es hervorragend und die Chemie mit Brie Larson bzw. die Zusammenarbeit zwischen Carol und Fury macht einfach nur Freude beim Zuschauen. Das Kennenlernen, das anfängliche Misstrauen und wie sie sich schließlich immer mehr vertrauen, ist großartig umgesetzt und folgt einem angenehmen, nachvollziehbaren Tempo. Nicht vergessen darf man selbstverständlich Furys Begeisterung der Katze gegenüber, genauer gesagt dem Flerken, Goose.
Maria Rambeau (Lashana Lynch) und ihre Tochter Monica (Akira and Azari Akbar), die im MCU noch eine größere Rolle spielen wird, dienen perfekt als Ruhepol im Film. Ein Zuhause, wohin Carol zurückkehren kann, zu Menschen, denen sie vertrauen kann und die sie mit ihren vergessenen Erinnerungen zusammenbringen. Es sind tolle, einfühlsame Szenen. Doch nichts wärmt das Herz so sehr, wie die lang ersehnte Wiedervereinigung von Talos (Ben Mendelson) mit seiner Familie. Es ist eine wundervoll gespielte Szene, in der man spürt, dass es das erste Mal ist, dass Talos seine Tochter sieht. Sechs Jahre waren sie getrennt und sind nun wieder vereint.
Captain Marvel ist ein großartiger Film. Leider hat es 19 Filme gedauert, bis eine Frau die Hauptrolle in ihrem eigenen Solo-Film spielen darf. Black Widow, der ein paar Jahre später erscheinen soll, kommt mir etwas zu spät, aber darüber reden wir, wenn es so weit ist. Erst einmal gilt es, den Erfolg von Captain Marvel zu feiern. Sie ist ein toller, mächtiger Charakter mit einer aufregenden Geschichte. Sie lernt im Film, sich nichts einreden zu lassen, sondern sich selbst zu vertrauen. Carol hat Menschen und inzwischen auch Skrulls in ihrem Leben, denen sie vertrauen kann und will ihre vergangenen Fehler wiedergutmachen. Ich bin sehr gespannt, wann wir sehen, wie sie die Kree erledigt und es mit der Kree-Intelligence aufnimmt. Aber der Auftakt war und ist heroisch.