MCU Intermission | Spider-Verse I

Es ist für mich unbegreiflich, wie ein Studio einerseits Meisterwerke, wie die Spider-Verse-Filme produzieren kann, aber andererseits ein Superschurken-Franchise aufzubauen versucht, das nicht nur mit jedem Film schlechter zu werden scheint, sondern für das sich auch niemand interessiert. Ich schreibe »scheint«, weil ich nach Venom: Let There Be Carnage aufgehört habe, mir diese Filme anzutun. Dieser Film war eine Beleidigung sondergleichen. Die Geschichte schlecht geschrieben, die Charakterisierungen alles andere als durchgängig und jeder Schweizer Käse würde vor den Logik-Löchern ehrfürchtig auf die Knie fallen, weil er glaubt, ein Gott stehe ihm gegenüber. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich im Zuge des MCU-Rewatch, der für mich unter anderem die Spider-Man-Filme von Sony beinhaltet, auch die Bösewicht-Filme mitnehmen soll? Reizen würde es mich durchaus, aber ob ich das überstehe, ohne dass aktiv Gehirnzellen dabei absterben? Mal sehen, ob es mir das Risiko wert ist.

Doch zurück zum Positiven: Spider-Man: A New Universe (oder Into the Spider-Verse, wie er im Original heißt) und seine Fortsetzung  Spider-Man: Across the Spider-Verse. Man kann nur hoffen, dass es bald neue Informationen oder einen Starttermin für den dritten Teil der Reihe gibt. Doch das wird leider immer unwahrscheinlicher. Ebenfalls ein nicht nachvollziehbares Verhalten von Sony. Als der erste Teil dieser Trilogie 2018 in die Kinos kam, hat wohl niemand mit einem dermaßen hochwertigen Film gerechnet. Der letzte Teil von The Amazing Spider-Man lag mittlerweile vier Jahre zurück, Tom Holland etablierte sich gerade im MCU und alle fragten sich, was Sony wohl mit der Spider-Man-Lizenz machen würde. Dass sie in die Richtung Animationsfilm gehen und dort versuchen, ein eigenes Multiversum aufzubauen, kam durchaus überraschend. Comic-Fans wissen natürlich über das Spider-Verse Bescheid, gab es doch ein gleichnamiges Comic-Event.

Das Comic-Event Spider-Verse fand, was mir offen gestanden nicht mehr bewusst war, ebenfalls 2014 statt und hat damals wirklich großen Spaß gemacht zu verfolgen. Geschrieben und verantwortet wurde dieses Mega-Projekt von Spider-Man-Autor Dan Slott. Dan Slott ist wohl einer der einflussreichsten Autoren von Spider-Man und hat das Leben von Peter Parker geprägt wie kaum ein Zweiter. Über 10 Jahre verantwortete er die Hauptreihe The Amazing Spider-Man. Man kann seinen Einfluss wohl nicht hoch genug einschätzen, und er hat durchaus großartige Storylines hervorgebracht. Darunter Superior Spider-Man, wo Doc Ock den Körper von Peter Parker übernimmt und für über 30 Ausgaben die Kontrolle hat. Es war zwar eine kontroverse Geschichte, doch ich mochte sie sehr gerne. Sie brachte frischen Wind rein und als Peter Parker schließlich zurückkehrte, stand er vor vollkommen neuen Aufgaben und Herausforderungen. Ich kann nur empfehlen, Dan Slotts Spider-Man Run eine Chance zu geben, unter anderem natürlich dem Spider-Verse-Event. Es ist komplett anders als im Film, aber nicht weniger tragisch und imposant.

Für die neuen Spider-Verse-Filme, welche ein größeres Franchise aufbauen sollen, in dem sicherlich geplant war oder ist, dass einzelne Charaktere Solo-Filme bekommen, hat Sony scheinbar die Besten der Besten zusammengetrommelt. Doch das viel wichtigere ist und das kann man nur von außen erraten versuchen: Ihnen freie Hand gelassen. Heraus kam die wohl originellste und beste Animationstechnik, die wir bis dato gesehen haben. Es ist die perfekte Art, einen Comic zum Leben zu erwecken. Ich weiß nicht, ob diese auch für andere IPs oder Charaktere funktionieren würde oder es nur bei Spider-Man so wunderbar passt, aber die Filme, die wir bisher bekommen haben, sind überragend. Es gibt die ein oder andere Sprech- oder Gedankenblase, verschiedenste Animationsstile greifen nahtlos ineinander, die Welt wirkt lebendig und die Action dynamisch.

Eigentlich sollte ein dermaßen chaotischer Animationsstil überfordern, doch man findet sich stets gut zurecht und es wirkt in sich konsistent. Was den verschiedenen Stilen natürlich zuträglich ist, ist eine Geschichte, deren Charaktere aus verschiedenen Dimensionen oder Welten kommen. Dadurch erhält jeder dieser Charaktere einen eigenen Stil, eigene Animationen und eine andere Art, sich zu bewegen. Der schwarz-weiße Spider-Man-Noir und die im Anime-Stil hervorgebrachte Peni in einem Film unterzubringen mag gewagt sein, doch das Risiko hat sich ausgezahlt. Die Charaktere unterscheiden sich deutlich voneinander, doch ergeben sie im Film ein sehr viel größeres Ganzes. Sie sehen aber nicht nur unterschiedlich aus, sondern folgen weiterhin ihren eigenen physikalischen Gesetzen. So kann Noir weiterhin keine Farben sehen und Spider-Ham seinen Cartoon-Hammer benutzen.

Was mir erst wieder durch den Rewatch der beiden Filme bewusst wurde, ist die Weiterentwicklung, die dieser Animationsstil zwischen den beiden Teilen durchgemacht hat. Der zweite Film startet im Universum von Gwen. Der Stil ist sehr viel kontrastreicher, die Farben dominieren und die detaillierten Zeichnungen rücken eher in den Hintergrund. Vor allem, wenn es um Gwen und ihren Vater geht. Wenn man sie interagieren und argumentieren sieht, wird einem bewusst, wie sehr sich die kreativen Köpfe hinter dem Film Gedanken darüber gemacht haben, wie sie die jeweiligen Farben der Charaktere am effektivsten nutzen können. Sie dienen dazu, Gwen weiter zu isolieren, die Unterschiede und die Kluft zwischen ihr und ihrem Vater noch spürbarer zu machen. Das eskaliert so weit, bis die Farben beginnen, von der virtuellen Leinwand zu rinnen. Es ist die maximale Verzweiflung, die Gwen gerade spürt und die wir in allem sehen, was das Bild ausfüllt. Doch die Farben können natürlich ebenso verbinden. Zudem können die Farben für Gwen als einen „versteckten“ Hinweis dafür gelesen werden, dass Gwen trans ist, aber das haben andere besser beschrieben, als dass ich es je könnte.

Man kann die Art, wie die Universen aufgebaut sind und ineinandergreifen, schon fast als expressionistisch beschreiben. Sie sind ausdrucksstark und voller Energie. Action, Gefühle, einfach alles, was die Charaktere, allen voran natürlich Miles und Gwen erleben, wird auf unterschiedliche Weise dargestellt und den Zuschauer*innen vorgeführt. Über die hervorragend geschriebenen Dialoge und die Dinge, die ich bereits erwähnt habe: Hintergründe, Farben, Animationsstile. Dazu zählen auch die Mimik und Gestik der einzelnen Spider-People. Jeder Charakter scheint eine eigene Art zu haben. Besonders in die Hauptcharaktere ist viel Individualismus geflossen. Sie sehen nicht nur von den Farben anders aus, Gesichter, Körpersprache, Formen, alles stammt aus ihrem eigenen Universum und dient dazu, diesen einen Charakter besser darstellen und sich ausdrücken zu lassen. Seien es die bereits erwähnten oder Peter B. Parker, Hobi (Spider-Punk), Jessica Drew (Spider-Woman), Pavitr Prabhakar (Spider-Man India) oder auch Miguel.

Der Fokus liegt stets auf den Charakteren. Das ist es, was die Spider-Verse-Filme auszeichnet und zu etwas Besonderem macht. Deshalb ist es auch so leicht, sich in dieser Welt zurechtzufinden, sich in ihr zu verlieren und mit dem Flow der Geschichte mitzugehen. Egal, ob es ein Multiversum umspannendes Abenteuer ist, oder was auch immer gerade auf der Leinwand oder dem Fernseher passieren mag, die Charaktere ankern uns. Deshalb empfinde ich den zweiten Teil wahrscheinlich auch als den schwierigsten und tragischeren, weil Miles vor sehr vielen Herausforderungen steht und sich scheinbar die ganze Welt, die ganzen Welten gegen ihn stellen. Doch das macht die Filme eben auch zu etwas Einzigartigem. Doch mit der Geschichte und den toll ausgearbeiteten Bösewichten beschäftigen wir uns nächste Woche.