Nackt und allein

Im Jahr 2015 habe ich mir meine erste Apple Watch gekauft. Es war die erste Generation. Ich war wenig angetan. Zu langsam, zu unausgereift, zu unfokussiert. Man wusste noch nicht, wo die Reise hingehen sollte. Wahrscheinlich hat es Apple selbst auch nicht einschätzen können. Ich habe sie nach wenigen Tagen wieder zurückgeschickt. Drei Jahre und drei Generationen habe ich gewartet, bis die Smartwatch ausgereifter, leistungsfähiger und zuverlässiger war. Die Apple Watch Series 4 war dann meine erste tatsächliche Smartwatch, die ich auch wirklich jeden Tag getragen habe. Seitdem ist kaum ein Tag vergangen, an dem ich keine Apple Watch am Handgelenk hatte.

Ausnahmen bestehen natürlich, wenn ich mal krank war. Aber meist war das Erste nach dem Aufwachen, das Anziehen der Apple Watch. Ich versuchte, damit zu schlafen, aber dafür ist sie mir zu klobig. Ich mag es nicht, über Nacht etwas am Handgelenk zu haben. Sonst hätte ich sie wahrscheinlich rund um die Uhr getragen. Die Smartwatch und damit die Health-App von Apple weiß sehr viel über mich. Trends, Sportarten, die ich mag oder ausprobiert habe, meine typischen Runden, die ich gehe oder laufe. Einfach alles, was mit meiner Gesundheit zu tun hat. Die Daten sind praktisch. Man kann Vergleiche ziehen, nachsehen, was man getan hat. Ob man sich gebessert hat.

Während ich diese Zeilen schreibe, trage ich keine Apple Watch mehr. Seit zwei Tagen liegt sie unbedacht auf dem Nachttisch neben dem Bett. Schon länger wollte ich ausprobieren, wie es ist, ohne eine Smartwatch herumzulaufen. Das Erste, was mir aufgefallen ist, sind die Konditionierungen, die Apple mir eingetrichtert hat. Sei es das Aufstehen einmal in der Stunde oder das gelegentliche Denken an die Ringe und dass man diese für den heutigen Tag füllen sollte – man will ja nicht, dass irgendwelche Streaks abreißen. Wenn ich Personen oder in Gruppen etwas geschrieben hatte, wartete ich unbewusst auf das Vibrieren meines Handgelenks, denn irgendwann mussten die Antworten kommen. Zur vollen Stunde bekommt man ein kleines Signal, genauso vor Terminen oder wenn Apps lästig sind und ich deren Benachrichtigungen bislang nicht richtig eingestellt habe. Über den Tag verteilt kommt so einiges zusammen.

Natürlich sind wenige Tage noch kein richtiger Zeitraum, um einzuschätzen, ob ich die Watch tatsächlich vermisse. Sport werde ich in den nächsten Tagen allerdings ebenso ohne die Watch machen. Keine Aufzeichnungen, keine Herzfrequenz. Ich weiß schließlich selbst, wann es anstrengend wird oder ob ich gerade zu schnell laufe. Ich bin sehr gespannt, wie sich das in den nächsten Tagen entwickeln wird. Aber das Experiment wage ich gerne. Denn jetzt kann mich niemand mehr belästigen. Ich muss selbst aktiv auf das iPhone schauen, um zu sehen, ob jemand geschrieben hat. Alle Benachrichtigungen, außer direkten Anrufen (die dürfen vibrieren), kommen stumm auf das iPhone. Kein Geräusch, keine Vibrationen.

Ich gebe mir für das Experiment aber mindestens ein paar Wochen. Auf jeden Fall bis Mitte/Ende Juni. Im Island-Urlaub wollte ich die Watch ohnehin nicht mitnehmen. Spätestens da hätte ich das Experiment gestartet. Jetzt beginne ich damit ein wenig früher. Immerhin wollen die erlernten Muster der vergangenen Jahre wieder verlernt werden. Vielleicht besorge ich mir eine traditionelle Uhr. Uhrzeit und Datum kurz ablesen zu können, fand ich dann doch sehr praktisch. Aber das lässt sich leicht lösen.

Raagesh C | Unsplash