MCU Intermission | Spider-Verse II

Letzten Samstag haben wir angefangen, uns mit den Spider-Verse-Filmen von Sony etwas genauer auseinanderzusetzen (MCU Intermission: Spider-Verse I). Es ging unter anderem um die Frage, wie es möglich ist, dass Sony sowohl so geniale Filme wie die des Spider-Verse in die Welt setzen kann und auf der anderen so dermaßen mit ihren Bösewicht-Filmen scheitert. Ich habe ausführlich versucht, den kongenialen Animationsstil zu loben, der so fantastisch einzigartig ist und sich perfekt für eine Erzählung des Spider-Verse eignet. Jeder Charakter wird mit Respekt und Sorgfalt zum Leben erweckt, folgt in gewisser Weise seinen oder ihren Regeln, interagiert aber auch glaubhaft mit den anderen. Außerdem bin ich etwas auf die Ursprünge des Spider-Verse eingegangen.

Es sind allerdings nicht nur die Animationen, die die Spider-Verse-Filme zu etwas Besonderem machen, die Geschichte weiß ebenso zu überzeugen. Die Einführung von Miles gelingt derart leichtfüßig und ungezwungen, es ist erschreckend, dass die anderen Filme von Sony nicht zumindest auf einem ähnlichen Level sind. Wer weiß schon, was den Drehbuch-Göttern geopfert werden muss, damit solche Meisterwerke, wie die Spider-Verse-Filme dabei herauskommen. Die Charakterisierung von Miles ist auf den Punkt getroffen, glaubwürdig und mitreißend. Er ist in seiner Community verankert, versucht den hohen Anforderungen seiner Eltern, besonders denen seines Vaters, gerecht zu werden, dann bekommt er auch noch neue Kräfte, die er nicht versteht.

Zu allem Überfluss muss er dabei zusehen, wie DER Held von New York vor seinen Augen zu Tode geprügelt wird und sein Onkel sich als Bösewicht entpuppt. Es ist eine unheimliche Last, die unser junger Held tragen muss, und die spürt man über den ganzen Film hinweg. Die anderen Spider-People helfen dabei nicht gerade, als sie ihn immer weiter unter Druck setzen, ihm bescheinigen, dass er nicht bereit ist und ihn geradezu mobben, nicht in den finalen Kampf mit Fisk einzugreifen. Doch es braucht diesen Tiefpunkt, den Zweifel und Kampf. Erst dann ist es umso befreiender, umso heldenhafter, wenn Miles sein eigenes Kostüm anzieht, sich nicht mehr von den anderen beeinflussen oder reinreden lässt, sondern sein eigenes Ding durchzieht. Der Song What’s Up Danger von Blackway and Black Caviar interagiert meisterhaft mit dem Score und Miles wagt den Leap of Faith ins Ungewisse. Für mich einer der besten Momente eines Superheldenfilms der letzten 10 Jahre.

Doch damit ist der innere und auch äußere Kampf von Miles nicht vorbei, sondern wird gekonnt in den zweiten Film übertragen. Er vermisst seine Freunde, vorwiegend Gwen, ist mit der Verantwortung eines Helden und seinen anderen Verpflichtungen überfordert. Dann muss er auch noch feststellen, dass die anderen hinter seinem Rücken interagieren und sich austauschen. Er ist nicht Teil der Spider-Community, ihm werden Informationen vorenthalten und dann ist da natürlich noch Miguel, der das Feingefühl und die subtile Art eines Schaufelradbaggers hat. Miles wird im Laufe des Films seine Autonomie genommen, er kann nur mehr reagieren und selbst hier wird ihm von den anderen gesagt, was er zu machen hat. Es ist mir unbegreiflich, wie sich die anderen so verhalten können und jemanden wie Miguel freie Hand lassen. Ein kollektives Abfinden mit den Ereignissen, die stattfinden müssen, damit Spider-Man zu dem Helden oder der Heldin werden kann, die er oder sie sein muss.

Damit kommt mein Unwort dieses Films ins Spiel: Canon-Event. Also ein Ereignis, das stattfinden muss, um eben Spider-Man hervorzubringen. Alle finden sich damit ab, Menschen zu verlieren und nichts zu tun; aktiv danebenzustehen, um die Dinge so geschehen zu lassen, wie sie scheinbar geschehen müssen. Eine Eigenschaft, die gegen alles geht, was Spider-Man für mich auszeichnet. Einen Helden, der alles macht, sich aufopfert, Wege ausforscht, die Welt zu verändern versucht, sodass er so viele Personen retten kann, wie nur irgendwie möglich, selbst wenn es ihm selbst schadet. Der ganze Vortrag von Miguel fühlt sich falsch und verräterisch an. Nur Miles stellt sich dagegen und kämpft mit jeder Faser gegen diese Canon-Events an. In diesem Multiversum ist er der Schlüssel, der allen zeigt, dass sie sich nicht dem Schicksal hingeben müssen. Sie haben es in der Hand. Großartig und ebenso befreiend, wenn Miles sämtlichen Spider-Man-Inkarnationen entkommt, wie es der Leap of Faith im ersten Film war.

Doch so ein Moment wäre nicht möglich, besonders in einem Film wie Across the Spider-Verse, wenn die Nebencharaktere nicht so toll ausgearbeitet wären. Und es gibt so einige Nebencharaktere. Die meisten wissen ebenso zu überzeugen wie unser Protagonist. Ich will gar nicht auf die unzähligen Spider-Man-Varianten eingehen oder deren wunderbare Sprecher (zumindest im englischen Original). Es sind einfach zu viele. Jedoch bekommt jede und jeder von ihnen einen Moment im Rampenlicht, hat eigene Motive und macht eine Entwicklung durch. Ebenso die Eltern von Miles, sein Onkel, die Lehrer und Freunde, alle haben ihren Platz in den Filmen und wenn es nur ein paar Sekunden sind. So würde ich mir wünschen, dass Sony den Fokus auf diese Filme legen würde. Ich möchte Solo-Filme von Miles, Gwen, Peter B. Parker und sogar Miguel sehen. Von Miles hätte ich gerne einen Solo-Film, wie er mit der neuen Verantwortung umgeht. Die Avengers-artigen Zusammenkünfte sind großartig und haben uns die Inkarnationen vorgestellt, doch nun sollten sie ausgebaut und weiter verfeinert werden. Darauf sollte sich Sony fokussieren. Überlasst Marvel die Live-Action, macht, was ihr scheinbar am besten könnt: Animationsfilme.

Aber was braucht jeder Held, jede Heldin? Richtig, einen entsprechenden Gegenpart. Und auch hier wissen in die Spider-Verse-Filme zu überzeugen. Der King Pin, der im ersten Teil als zentraler Bösewicht dient, hat eine Erscheinung, die ihresgleichen sucht. So etwas funktioniert nur in einem Animationsfilm und nur in einem mit diesem speziellen Stil. Der Vulture, der einen kurzen Auftritt im zweiten Teil hat, ist großartig umgesetzt und mit der richtigen Portion an Witz versehen. Spot, mag ein Gegenspieler sein, den man zuerst als tölpelhaft, geradezu lustig abtut. Doch die Entwicklung ist beängstigend. Genauso wie die finale Enthüllung und der Twist aus Across the Spider-Verse. Ich zähle ungeduldig die Tage, bis endlich die Fortsetzung kommt.

Es macht Spaß, diese Filme anzuschauen, darüber nachzudenken, zu philosophieren und sich etwas hineinzusteigern. Sie sind so gut und so überzeugend, weil sie ihre Themen und Charaktere mit einer gewissen Ernsthaftigkeit behandeln und vor allem mit Respekt an die Vorlage. Es gibt tiefsinnige Momente und auch schwierige Auseinandersetzungen, doch ebenso genügend lockere Szenen und Witze, die punktgenau landen. Qualität wie diese braucht ihre Zeit und wenn es eben ein Jahr länger dauert, bis wir das Finale dieser Trilogie sehen, dann ist es eben so. Ich würde mir wünschen, dass Sony mit ähnlicher Präzision und Sorgfalt an ihre anderen Projekte herantreten würde. Sie wissen doch scheinbar, wie es geht. Ihr Gaming-Studio produziert Meisterwerke sondergleichen, von den Horizon-Spielen über God of War hin zu Last of Us. Sie können fantastische Filme produzieren, wie die Spider-Verse-Teile es beweisen.

Sie schämen sich auch nicht ihrer Vorlage, sondern nehmen diese an und zeigen sie vor. Jede Inkarnation von Spider-Man wird mit einem Comic-Cover eingeführt. Das könnte etwas sein, was die Sony-Filme auszeichnet. Sagt doch einfach, worauf der folgende Film beruht. Macht Werbung für die Comics, bringt eigene Editionen heraus. Es sind Comicverfilmungen und es werden Milliarden an Dollar verdient, was Jahre oder Jahrzehnte davor nur als Comic existiert hat. Zollt denen Tribut, die das ermöglicht haben. Meiner Meinung nach sind die Spider-Verse-Filme ein richtiger und vor allem wichtiger Schritt in diese Richtung. Ich würde mir wünschen, dass sie mit diesen Filmen weitermachen und wertschätzen, was sie kreiert haben und wem sie es zu verdanken haben.

“Anyone can wear the mask. You could wear the mask. If you didn’t know that before, I hope you do now.” – Miles