Andor

Vergangene Woche ging die beste Star-Wars-Serie zu Ende, die je produziert wurde. Zumindest die beste Star-Wars-Serie (oder überhaupt der beste Star-Wars-Content), seit Disney das Ruder in der Hand hat. Tony Gilroy, der schon den großartigen Film »Rogue One« inszeniert hat, zeichnet sich für die Vorgeschichte von Cassian Andor verantwortlich. War »Rogue One« die Vorgeschichte zu »Episode IV: A New Hope«, so ist »Andor« die Vorgeschichte zu »Rogue One«. Wie kam es zur Allianz der Rebellen? Wie haben sie von den Plänen des Todessterns erfahren? Welche Opfer mussten die Rebellen im Laufe der Jahre bringen?

Ich bin davon überzeugt, dass »Andor« selbst ohne großen Kontext zu Star Wars funktioniert. Es ist eine Geschichte des Widerstands gegen ein faschistisches, unterdrückendes Imperium. Es kommen keine Jedi vor, keine Lichtschwerter. Brillant geschriebene Dialoge und Monologe, wiedergegeben von Schauspieler*innen, die ihr Bestes geben und immer wieder Performances abliefern, die alles andere an die Wand spielen. »Andor« ist die beste Serie seit »Breaking Bad«, »Better Call Saul« oder den Hochzeiten von »Game of Thrones«. Man wird als Zuschauer*in nicht für dumm verkauft, sondern ernst genommen. Die Anspielungen auf das restliche Star-Wars-Universum und die Easter-Eggs sind clever gemacht, drängen sich aber nie auf. Doch worum geht es?

Die zweite und letzte Staffel umfasst 12 Episoden. Jeweils drei bilden ein vollständiges Kapitel. Zwischen diesen Kapiteln vergeht immer ein Jahr. So wird die Lücke von vier Jahren zwischen dem Ende der ersten Staffel und dem Anfang von »Rogue One« gekonnt geschlossen. Das hört sich komplizierter und verworrener an, als es eigentlich ist. Die Zeitsprünge sind tatsächlich eine erzählerische Chance. Tony Gilroy und sein Team müssen sich nicht mit unnötigen Details aufhalten, die wir schon in unzähligen anderen Serien gesehen haben. Er kann direkt zum Kern kommen und sich auf die wichtigen Aspekte konzentrieren. Es ist immer wieder spannend, zu beobachten, wie sich die Charaktere verändert haben, was sie in diesem einem Jahr durchgemacht haben, und sie weiter zu verfolgen.

Welche Opfer musste Mon Mothma tatsächlich bringen und wie ist sie zum zentralen Charakter der Allianz geworden? War sie in den alten Filmen nur ein Nebencharakter, so macht sie »Andor« zu einer Schlüsselfigur. Die Belastung, der innere Kampf, der Widerstand im Senat und die subtilen politischen Machtspiele werden packend inszeniert und fantastisch gespielt. Overacting oder übertriebenes Gehabe sucht man hier vergebens. Es ist sehr viel subtiler, nuancierter und damit umso packender. Doch nicht nur bei den Rebellen bekommt man mit, wie sie sich organisieren, wie sich die verschiedenen Gruppierungen teilweise im Weg stehen und eine Möglichkeit finden müssen, doch noch zusammenzuarbeiten. Auch beim Imperium bekommt man einen guten Einblick in ihre Machenschaften.

Gelegentlich erwischt man sich sogar dabei, wie man für Charaktere, die auf der Seite des Imperiums stehen, sympathisiert. »Andor« ist kein Schwarz-Weiß-Bild des Star-Wars-Universums, sondern zeichnet ein sehr viel reichhaltigeres Bild mit unendlichen Graubereichen. Und jedes Mal, wenn man sich denkt: „Jetzt geht es aber um den Todesstern”, wird man eines Besseren belehrt. Denn »Andor« ist cleverer. Die Macher wissen genau, was wir erwarten, spielen damit und zeigen uns stattdessen etwas anderes, präsentieren uns eine Sicht auf die Dinge, wie wir sie in dieser Form noch nicht in Star Wars hatten.

»Andor« zeigt auf die eindrucksvollste Weise, was Star Wars kann und was in diesem Universum möglich ist. Tony Gilroy beweist, dass es möglich ist, den Fans und Liebhabern dieses Franchises etwas zu geben, das begeistert, und trotzdem respektvoll mit dem umzugehen, was George Lucas geschaffen hat. Es ist eine Verbeugung vor dem Vergangenen, aber auch ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Ich hoffe nur, dass es nicht der letzte gute Star-Wars-Content ist, den wir von Disney gesehen haben.

Wer sich noch tiefer mit Andor beschäftigen möchte: Ich kann nur wärmstens die Videos von Nerdkultur auf YouTube empfehlen. Genauso wie den Podcast Nerd&Kultur. Marco und Yves besprechen darin ausführlich die einzelnen Kapitel der zweiten Staffel, und beide Formate offenbaren immer wieder interessante Einblicke und Aspekte der Serie, die mir nicht aufgefallen sind.