Geek-Planet | The Walking Dead: Book 3

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute wieder einen alten Text von mir an. Der folgende stammt vom 15. Oktober 2015 und erschien damals auf meinem Blog »Geek-Planet«, den es heute allerdings nicht mehr gibt. Trotzdem möchte ich, dass alle meine Texte auffindbar sind. Deshalb redigiere ich jede Woche einen alten Text, versehe ihn mit einer kurzen Einleitung und veröffentliche ihn erneut.

Das dritte Buch von The Walking Dead ist wohl eines der besten Horror-Comics, die ich gelesen habe. Zwar kommen so manch andere sehr nahe heran, doch von der dichten Atmosphäre, dem psychischen Terror und dem, was einem als Leser*in in den Kopf gepflanzt wird, ist das dritte Buch ungeschlagen. Es ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben, und als ich den Text las, sind ein paar weitere Erinnerungen an die Geschichte zurückgekommen. Robert Kirkman hat etwas wirklich Besonderes geschaffen. Man mag von den (vielen) Serien halten, was man möchte, aber der Kern der Geschichte, der Comic, auf dem alles basiert, ist qualitativ hervorragend. Besonders die frühen Geschichten waren abwechslungsreich, erfrischend anders und haben gezeigt, wozu Comics in der Lage sind.


Ein großer Faktor, der die Qualität oder besser gesagt Erfahrung mit einem Comic deutlich beeinflussen kann, ist die Geschwindigkeit, mit der man durch die Seiten wälzt und wie viel Mühe man in die bewusste Wahrnehmung der Figuren steckt. Damit meine ich Stimmlagen, Betonungen, Aussprachen, aber auch Vorstellungen über Bewegungsabläufe und Umgebungsgeräusche. Durch das zweite Buch bin ich eher schnell durchgerauscht, weil ich endlich zur nächsten Staffel kommen wollte. Beim dritten Buch habe ich mir mehr Zeit gelassen und die Erfahrung war beeindruckend intensiv.

  • Creator, Autor: Robert Kirkman
  • Penciler, Inker, Cover: Charlie Adlard
  • Gray Tones: Cliff Rathburn
  • Letterer: Rus Wooton
  • Erstveröffentlichung: 2007
  • Ausgaben: #25 – #36

„Don’t pass out now, sister. We are just getting warmed up.“ – Governor

Aus der Serie wissen wir ja bereits, dass, nachdem wir das Gefängnis entdeckt und bewohnt haben, der Governor nicht mehr lange auf sich warten lässt. Sein Auftreten ist dann gleich äußerst monumental und die gesamte Erfahrung mit ihm hat mich emotional mehr mitgenommen, als es in der Serie jemals der Fall war. Dies liegt vorwiegend an der konsequenten Charakterzeichnung – hier darf er einfach nur böse sein. Ein Psychopath, der das macht, was er will. Wenn ihm jemand in die Quere kommt, sollte der oder in dem Fall diejenige besser das Weite suchen.

Nachdem unsere drei Gefährten Rick, Glenn und Michonne bei einem Ausflug mit dem Auto stecken bleiben und sich eine Zuflucht suchen müssen, kommen sie nach Woodbury. Dort werden sich gleich den grausamen Spielen vorgeführt, die dort stattfinden. Bei dem Versuch zu entkommen, verliert Rick seine rechte Hand, was äußerst brutal und kaltblütig wirkt – wiederum bin ich froh über die schwarz-weiß-Zeichnungen (an einer anderen Stelle wird dies ebenfalls noch von großem Vorteil sein). Michonne weiß sich zu wehren und beißt dem Governor kurzerhand ein Ohr ab, während Glenn schnell außer Gefecht gesetzt ist.

Michonne hat mit ihrer Aktion etwas losgetreten, das man nur als bestialisch bezeichnen kann. Stehend an Armen und Beinen gefesselt, wird sie vom Governor brutalst misshandelt und vergewaltigt. Dass diese Darstellungen nur passiv dargestellt werden, ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Man möchte so etwas nicht mitansehen, aber dadurch, dass man »hört«, was passiert, stellt man es sich um ein Vielfaches brutaler vor – so macht man emotional mitreißenden Horror. Glenn sitzt in der Zelle nebenan und man bekommt nur durch Geräusche und den unmenschlichen Monolog des Governor eine ungefähre Vorstellung von dem, was vor sich geht. Nach der Szene benötigte ich erstmal eine Pause, denn so intensiv und schwer verdaulich waren bis jetzt nur sehr, sehr wenige Szenen in Comics.

Die spätere Rache von Michonne ist ebenfalls grausam und man könnte mit dem Mann schon fast Mitleid haben. Was die Frau alles mit seinem Penis, Auge, Arm und seiner Hüfte anstellt, ist erstaunlich, von dem Löffel möchte ich gar nicht erst anfangen. Sie bekommt jedenfalls ihre Rache, doch sie übersieht ein kleines Detail, welches ihr später noch zum Verhängnis werden könnte.

Mit Rick und Glenn spielt der Governor geschickte Spielchen und trickst sie gekonnt aus. An einer Stelle ist die Maskerade und die Erzählweise der Geschichte so gut, dass auch ich darauf hereingefallen bin. Book 3 überbietet allgemein die künstlerischen Leistungen des zweiten Bandes um ein Vielfaches, was besonders daran liegt, dass es mehr doppelseitige Darstellungen und Panelstrukturen gibt. Diese wirken sehr imposant und sind für ein schnelles Geschehen oder ruhige Überblickzeichnungen perfekt gemacht.

Die Handlung in Woodbury nimmt einen Großteil der Geschichte ein und zieht sich über beide Kapitel („The best defense“ und „This sorrowful life“). Was mir weniger gut gefallen hat, aber nur im Vergleich mit der Serie, ist der Charakter von Carol. In der Serie ist sie die starke, selbstbewusste Frau, die alles macht, um die Gruppe zu schützen. Im Comic dagegen macht sie sich an Lori ran, möchte als zweite Frau Rick heiraten und so weiter. Dies gefällt eher weniger und ist, wenn man die Serie kennt, äußerst gewöhnungsbedürftig. Wenn es so weitergeht, wird sie den kommenden Krieg wohl nicht überleben.

Wie in der Serie wird ein Helikopter eingeführt, der abstürzt und Militärs beinhaltet. Woher dieser kommt und welchen Zweck die Ausflüge haben, wissen wir in beiden Medien noch nicht, doch ich bin davon überzeugt, dass es nur mehr eine Frage der Zeit ist, bis wir herausfinden, was dahintersteckt. Zwar bin ich nicht gerade ein Fan von militärzentrierten Geschichten, doch lasse ich mich gerne von Robert Kirkman eines Besseren belehren.

Das letzte Thema, das ich für heute ansprechen möchte, ist der Tag-Nacht-Zyklus im Comic. Es fällt sehr schwer, sich bei den schwarz-weiß-Zeichnungen zu orientieren, ob es gerade morgen ist oder schon wieder Abend. Es hat mich zwar im letzten Buch etwas gestört, dass oft gesagt wurde, es würde gleich dunkel werden, doch es hat zumindest zur Orientierung beigetragen. Dies habe ich hier sonderbarerweise vermisst. Ich hätte keine Idee, wie man es besser darstellen könnte. Vielleicht würde bereits ausreichen, wenn gelegentlich ein Panel dazwischenkommt, das die Protagonisten beim Aufstehen oder „Gute Nacht“ sagen zeigt. Der Governor zum Beispiel machte, wenn ich mich richtig erinnere und die Geschichte richtig interpretiere, zwischendurch ein Nickerchen. Hier fände ich es nicht schlecht, wenn dieses Thema in den nächsten Ausgaben besser umgesetzt wird.

Ansonsten war es eine fantastische Ausgabe, die einiges an Material bietet, um darüber nachzudenken und schlechte Träume zu bereiten – genau das, was ich von einem Horror-Comic erwarte.