MCU Rewatch | Black Widow

Die Pause nach Endgame hat wirklich gut getan. Seitdem habe ich die X-Men-Filme angeschaut, die wir in den vergangenen Wochen intensiv besprochen haben. Für mich war es tatsächlich eine noch längere Pause, als sie hier im Blog erscheint, da es etwa zwei Monate sind, seitdem ich Endgame gesehen habe. Vor allem die Abwechslung mit den X-Men fand ich erfrischend. Es ist eine andere Seite der Marvel-Welt, die wir damit näher beobachten konnten. So kann ich gefühlt frischer und neutraler an die nächste, vierte Phase herantreten. Schauen wir uns also die nächste Phase an, die mit Black Widow beginnt.

Als ich den Film damals im Kino sah, ließ ich kein gutes Haar an ihm. Irgendwie hat mich alles daran gestört; die Action, die Geschichte, die Tatsache, dass der Film gefühlt 10 Jahre zu spät erscheint und die Verfehlung, einen echten Thriller daraus zu machen. Nachdem ich nun den Film ein zweites Mal gesehen habe und mit etwas mehr Abstand, kommt er besser weg. Ich fühlte mich wirklich gut unterhalten und die zugrunde liegende Geschichte birgt eine notwendige Tiefe in sich.

Bei Marvel-Filmen oder Superhelden-Filmen allgemein bin ich versöhnlicher, wenn es darum geht, schwierige Themen zu besprechen oder sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Immerhin sind es Action-Filme, die durchaus eine komplexe Geschichte erzählen können, jedoch ein breites Publikum ansprechen wollen. Die Produktion ist teuer, aufwendig und zeitintensiv, da möchte man natürlich die Kosten wieder einspielen. Wobei das natürlich eine Spirale ist, die man gelegentlich durchbrechen muss. Denn es braucht nicht immer einen 300-Millionen-Dollar teureren Film. Ich mag genauso kleinere Geschichten innerhalb dieses Universums. Doch ich verstehe, dass man sich die Tiefe, die ich vorhin angesprochen habe, manchmal selbst erarbeiten und weiterdenken muss. Vielleicht bin ich aus den Comics heraus gewohnt oder bin eben bereit, mir diese Arbeit zu machen. Deshalb fällt es mir leichter, gnädig mit den Filmen umzugehen.

Die Grundpfeiler von Black Widow stimmen. Scarlett Johansson und Florence Pugh sind fantastisch in ihren Rollen, verkörpern die Agentinnen glaubhaft und haben eine tolle Chemie. Ihre Szenen machen Spaß, aber sie bringen ebenso die notwendige Ernsthaftigkeit und Gravitas auf. Diese braucht das Thema des Films. Denn es geht um Machtmissbrauch. General Dreykov, der Chef des »Red Room«, sucht sich verletzliche, junge Mädchen. Er bemächtigt sich ihnen, foltert sie quasi, bis sie dem Bild entsprechen, das er haben möchte. Er setzt sie unter Drogen, sodass sie ihm aufs Wort gehorchen, zwingt sie zu einer Hysterektomie. Wenn sie ihren Zweck erfüllt haben, wirft er sie weg und beschafft sich neue. Es ist brutal, grausam und höchste Zeit, dass sich Natasha um ihren ehemaligen Peiniger kümmert.

Die Szenen im Red Room Hauptquartier, zwischen Natasha und Dreykov sind widerlich. Beide Schauspieler*innen sind hier auf Höchstform. Ray Winstone als Dreykov verkörpert alles, was falsch ist. In dieser Welt, als auch in unserer. In ihm kann man sehr viel mehr lesen. Die Art, wie er sich den Frauen nähert, die Sprache, die er benutzt, die Gestik und Mimik; es ist widerlich und er hat alles verdient, was ihm im Laufe dieses Films angetan wird. Wahrscheinlich mehr. Die restlichen Black Widows zu befreien und dafür zu sorgen, dass die weltweit im Einsatz befindlichen Agentinnen frei kommen, ist nur ein schwacher Trost. Aber es ist einer. Genauso, dass Dreykovs Tochter Antonia aka Taskmaster endlich aus den Fängen ihres Vaters freikommt. Dieser Twist von Taskmaster ist genial und gefällt mir ausgezeichnet. Es passt perfekt in die Geschichte.

Zugegeben hätte ich das große Finale mit der Festung, die vom Himmel fällt, nicht gebraucht. Es ist das einzige wirkliche Manko, das ich an dem Film habe. Ich hätte gerne ein unaufgeregteres Finale gehabt. Ruhiger, intimer, so wie der Anfang des Films. Es hätte wunderbar gepasst, aber ich vermute, wir sind an einem Punkt, wo wir ein episches Finale benötigen. Der Rest des Films funktioniert für mich dafür wunderbar. Natasha, die sich einfach nur absetzen möchte, aber von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Die Verknüpfungen mit den anderen MCU-Filmen fühlen sich ungezwungen an. Nach Civil War ist ein geeigneter Zeitpunkt für die Geschichte.

Zwar gehen die emotionalen Momente teilweise in den brachialen Actionsequenzen unter, aber sie sehen dafür gut aus. Beispielsweise der Gefängnisausbruch von Red Guardian. Die Lawine, der Helikoper – für mich funktionieren diese Szenen. Das anschließende Familien-Dinner ist derartig cringe (ein anderes Wort fällt mir dafür nicht ein), dass es aus den Wänden trieft, spiegelt aber den aktuellen Zustand der Charaktere sehr gut wider. Black Widow ist vielleicht ein später, aber durchaus gelungener Abschied von dem Charakter und Scarlett Johansson. Ich korrigiere gerne meinen ersten Eindruck. Ich hatte eine gute Zeit und freue mich als Nächstes auf Shang-Chi.