Ich freue mich, wenn ich Unrecht habe. Es bedeutet, ich habe etwas dazugelernt. Besonders, wenn ich eine Meinung revidieren muss, die hauptsächlich auf derjenigen von anderen beruht hat. Wenn ich mich zu sehr habe beeinflussen lassen. Halte ich wirklich etwas für richtig oder falsch oder plappere ich einfach nur das nach, was mir gerade in den Kram passt und denke nicht weiter darüber nach? Habe ich mir die Mühe gemacht, meine Meinung zu hinterfragen? Das gilt für die großen Dinge im Leben, wie für die kleinen. Denn wenn man nicht bereit ist, im Kleinen zu hinterfragen und die eigene Meinung soweit flexibel zu halten, dass, wenn sich neue, bessere Informationen auftun, diese Meinung revidiert werden kann, wie sollte es dann im Großen funktionieren? No Way Home ist ein Beispiel dafür.
Als ich Ende 2021 aus dem Kino kam, lebte der Film von den Reaktionen des Publikums. Die Auftritte von Tobey Maguire und Andrew Garfield sind nun schon fast legendär. Später, als ich den Film zu Hause erneut geschaut habe, war ich in der Trotz-Phase des MCU. Ich dachte mir, der Film verlässt sich zu sehr auf die beiden ehemaligen Spider-Man-Schauspieler und dass die Szenen absichtlich so gedreht sind, dass das Publikum Zeit hat, zu reagieren. Mit etwas mehr Abstand und mit diesem Rewatch denke ich anders darüber. Der Auftritt der beiden ist allgemein ruhig gedreht, langsam und lässt sich Zeit, aber es ist auch gerade eine schwierige Phase für unsere Protagonisten. Es passt in das Gesamtkonzept des Films.
Spider-Mans Identität wurde verraten. Der eigentliche Bösewicht aus dem letzten Teil, Quentin Beck aka Mysterio, steht als Held da. Spider-Man als Mörder. Peter Parker steht im Rampenlicht, wird von der Presse und überhaupt von allen Menschen verfolgt. Es zerstört das Leben seiner Freunde und Familie. Natürlich wendet man sich dabei an den wohl mächtigsten Magier, den man kennt. Dass es Wong ist, der unabsichtlich die ausschlaggebende Idee liefert, die Welt vergessen zu lassen, dass Peter Parker Spider-Man ist, ist gut gemacht. Dass Dr. Strange so schnell einwilligt und bereit ist zu helfen, mag etwas verwundern, aber die beiden haben viel miteinander durchgemacht. Er sieht Peters Verzweiflung und dass es nicht nur um ihn geht. Nur unterbricht Peter ständig die Prozedur, weil ihm neue Ausnahmen in den Sinn kommen. Die folgende Auseinandersetzung ist das Einzige, was mich an No Way Home wirklich massiv stört.
Denn zum einen war es nicht Peters Idee, die Welt vergessen zu lassen, sondern die von Dr. Strange. Allerdings wirft der Zauberer es Peter an den Kopf. Außerdem hätte er Peter vorher fragen können, ob es Ausnahmen geben soll. Immerhin ist er in dieser Situation der Erwachsene. Er hat die Erfahrung mit Magie und welche Konsequenzen sie hat. Den noch sehr jungen Peter etwas anleiten, wäre durchaus machbar gewesen. Mir ist durchaus bewusst, dass der Film hier versucht, Peter im Lauf der Handlung immer mehr Schuld aufzuhalsen, doch diese eine Szene widerspricht sich selbst und das stört mich. Es hätte nicht viel gebraucht und sie hätte sehr viel besser funktioniert. Einfach ein paar Sätze anders formuliert würden die ganze Unterhaltung besser machen. Doch der Rest macht dieses Manko mehr als wett.
Die berühmtesten und besten Bösewichte aus den vergangenen Spider-Man-Filmen feiern eine gebührende Rückkehr. Dock Ock, Green Goblin, Elektro, Sandman, Lizard – sie alle werden von dem fehlgeleiteten Zauber in dieses Universum gezogen. Mir gefällt es auch, dass es Tante May ist, die das Zünglein an der Waage ist und Peter eintrichtert, dass es selbst diese Menschen verdient haben, dass ihnen geholfen wird. Es ist eine schöne Szene und fast kauft man Norman Osborn es ab. Er sieht bedauerlich aus, doch Willem Dafoe ist ein dermaßen guter Schauspieler, er spielt den Charakter stets so, dass man nicht weiß, was er als Nächstes macht. Sehr unheimlich.
Mir gefällt es auch, dass Ned und MJ sofort bei dem Plan dabei sind. Sie sind nicht sauer auf Peter oder machen ihm Vorwürfe. Schlechtere Filme würden sofort wieder ein Drama daraus machen. Doch nicht No Way Home. Es zeigt das Vertrauen und die Freundschaft, die die drei verbindet. Sie kennen sich nun schon so lange, sind in das Geheimnis eingeweiht und wollen nur das Beste. Dass sie zusammenarbeiten wollen, um den Menschen zu helfen, die sie eigentlich töten wollen, ist beeindruckend. Sie wollen sie aber auch vor dem Tod retten und ihnen eine Chance geben, ihrem ursprünglichen Schicksal zu entkommen. Es ist eine nette Botschaft, die in No Way Home immer wieder zu finden ist; Zusammenarbeit, Vergebung, zweite Chancen.
Ich muss wohl nicht sagen, dass die Schauspieler, die hier erneut ihre Bösewichte mimen, hervorragend in ihren Jobs sind. Ich bin sehr froh, dass ich die Spider-Man-Filme in diesem Rewatch mitgenommen habe. So sind die Charaktere noch frischer im Gedächtnis. Es macht Freude, sie hier wiederzusehen. Sie aber auch anders zu sehen, in neuen Kontexten. Die Charaktere werden mit Respekt behandelt und ihnen wird ein neuer Pfad gezeigt. Ich bin gespannt, ob Marvel und Sony daraus nochmal etwas machen. Doch es sind nicht nur sie, die hier eine tolle Performance abliefern. Der gesamte Cast agiert auf höchstem Niveau. Sie wissen wohl, dass es zum Teil ihre letzte Performance im MCU sein könnte und geben alles. Es ist das Ende Home-Trilogie und das Ende von Spider-Man, so wie wir ihn kennen. Der kommende vierte Teil muss einiges anders machen.
Besonders hat mich eine ganz einfache Szene berührt. Nachdem die Bösewichte aus dem Apartment ausgebrochen und verschwunden sind, ist Peter gebrochen. Er ist verletzt, doch das alles tut nicht so weh, wie der Verlust, den er hat erleiden müssen. Dass May es ist, die dieses Mal die berühmten Worte zu Peter spricht, ist einfach nur schön, aber genauso tragisch. Marisa Tomei und Tom Holland spielen hier alle an die Wand und zeigen, was sie können. Es ist eine wahnsinnig traurige, ausgezeichnet gemachte Szene. Doch Peter muss flüchten und hat keine Zeit, lange zu trauern. Schließlich findet man ihn auf dem Dach der Schule. Ich mag die Szene, die sich dann abspielt. Zuerst die Unterstützung von MJ und Ned. Ganz ohne Worte. Dann die Unterhaltung mit den anderen Spider-Men. Es zeigt, dass Peter nicht alleine ist. Ein toll geschriebener Dialog, der so wichtig für die Charaktere ist. Hut ab.
Die darauffolgende Zusammenarbeit der drei Peters gefällt mir außerordentlich gut. Zuerst im Labor, dann beim Kampf gegen die Bösewichte. Sie teilen Geschichten aus ihrer Vergangenheit, helfen sich beim Einrenken steifer Rücken und lernen echte Zusammenarbeit. Es ist eine Genugtuung für Spider-Man-Fans, und ich hätte mir nie gedacht, dass ich sie einmal so sehen würde. Einfach großartig. Der ganze Film ist voller beeindruckender Auseinandersetzungen und gut geschriebener Dialoge. Wie der Kampf in der Spiegel-Dimension zwischen Strange und Peter. Es gibt so viele Höhepunkte, es sind zu viele für einen Text. Irgendwie haben Texte über Spider-Man bei mir immer die Tendenz, sehr lang zu werden.
Doch ich mag den Charakter unfassbar gerne. Er begleitet mich schon mein Leben lang. Ihn in Filmen zu sehen, die dann auch noch mit so viel Liebe zum Detail gemacht sind, lassen mein Herz höher schlagen. No Way Home ist eine Kulmination aus allem, was bisher geschehen ist. Tobey Maguire, Andrew Garfield und Tom Holland haben jeweils ihre eigene Version von Peter Parker und Spider-Man gespielt. Das hier ist eine Ehrung für sie und diejenigen, die sie auf diesem Weg begleitet haben. Es ist episch, tragisch und hat alles, was ein guter Superheldenfilm braucht.
Für den vierten Teil würde ich mir wünschen, dass er etwas ruhiger wird. Keine Multiversum umspannende Erzählung. Vielleicht wieder etwas kleiner, bodenständiger, mit der Tendenz zu mehr. Aber ich lasse mich gerne überraschen und eines Besseren belehren. Wenn das Drehbuch stimmt und die Effekte so toll aussehen wie hier, bin ich gerne bereit, meine Meinung zu ändern.