Ungebetene Ratschläge

Ein Podcast, den ich sehr gerne höre, ist »Alle bekloppt« von den WildMics. Moderiert von Tommy Krappweis und mit den Diplompsycholog*innen Sophia Krappweis und Alexander Waschkau. Im Twitch-Chat können die Zuschauer*innen Fragen stellen, die Sophia und Alexander versuchen zu beantworten. Es ist keine Beratung und ersetzt selbstverständlich keine Therapie. Allerdings können die Gedanken der beiden sehr hilfreich sein. Immer wieder bin ich erstaunt, wie offen die Fragesteller*innen sind und wie wohltuend, überlegt und empathisch die Antworten ausfallen. Selbst als Podcasthörer, der nicht live dabei ist, können diese Gedanken helfen, Dinge vielleicht etwas anders zu betrachten.

Ein wichtiger Aspekt, den vor allem Sophia immer wieder herausstellt und den ich brillant finde, ist: Gebt keine ungebetenen Ratschläge. Wenn jemand von einem Problem erzählt, dann will der- oder diejenige vielleicht nur Dampf ablassen, es jemandem erzählen, die Last etwas leichter machen. Zu oft ist der erste Impuls, den wir wahrscheinlich alle haben, Tipps zu geben, was man besser oder anders machen soll. Solange die Person aber nicht explizit danach fragt, sollte man keine Ratschläge geben. Allerdings kann man sehr wohl von der eigenen Erfahrung berichten, aus der eigenen Perspektive schildern, was mir geholfen hat, wie ich mit etwas umgegangen bin. Zurückhaltung ist nicht immer leicht, aber manchmal ist das Beste, was man machen kann, zuhören – nichts tun.

Ich komme auf dieses Thema, nicht nur wegen des Podcasts, sondern weil auf YouTube immer wieder Videos zu finden sind, die einem erklären, wie man etwas machen soll. Die Tipps geben, wie man etwas effizienter gestaltet; Im Grunde genommen Ratschläge erteilen. Nur ein paar Beispiele: Verwende 4 Notizbücher pro Jahr (es wird dein Leben verändern); 10 Tricks für [beliebiges Gerät, Spiel oder sonst etwas hier einsetzen]; Lerne, auf Papier zu denken; Schreiben für bessere Entscheidungen; Essentielles, das die meisten beim Abnehmen vergessen. Und da habe ich noch gar nicht die Produktivitäts-, Sport- und Ernährungsecke von YouTube mit eingebunden. Grundsätzlich sind diese Videos nicht schlecht, wenn man sich mit einem Thema neu auseinandersetzt. Allerdings vermitteln sie den Zuschauer*innen: Du hast bisher etwas falsch gemacht, so geht es richtig. Oder zumindest: Du verpasst etwas, wenn du X nicht machst. Und wenn man einmal ein solches Video geschaut hat, kommen sie immer wieder.

Ich mag YouTube. Sei es Let’s Plays, Reviews oder Erklärvideos oder einfach nur Unterhaltsames. Nur brauche ich nicht jeden Tag 17 Ratschläge, wie ich etwas scheinbar besser oder effizienter mache. Das ist unmöglich umzusetzen. Und noch schlimmer: Man verlernt, auf sich selbst zu hören und sich selbst zu vertrauen, dass man es schon irgendwie hinbekommt. Wenn die Methode, wie ich mein Tagebuch führe, funktioniert, warum sollte ich sie ändern? Ich kann, wenn es mich wirklich interessiert, recherchieren, was andere machen. Ich brauche aber niemanden, der mir ein schlechtes Gewissen macht. Ich gehe gerne blind in Spiele, ohne viel Vorwissen. Ich brauche niemanden, der mir 25 Tricks verrät, bevor ich überhaupt nur eine Minute in der Spielwelt verbracht habe. Und verbessert das wirklich mein Erlebnis?

Wir sollten mehr auf uns selbst vertrauen. FOMO (Fear of Missing Out), also die Angst, etwas zu verpassen, ist sehr real. Es ist mühsam, solche Videos zu ignorieren und den Algorithmus darauf zu trainieren, weniger von diesen Inhalten darzustellen. Ich bin aber davon überzeugt, am Ende schläft man ruhiger und hat mehr von Spielen, Büchern oder mit was auch immer man sich beschäftigen mag. Im Zweifel einfach YouTube (oder TikTok, Instagram oder sonstige sozialen Medien) schließen. Man verpasst nichts. Man kommt schon zurecht. Mehr auf sich selbst vertrauen.