Letztens habe ich mir mal wieder Gedanken zu ersten Sätzen in Büchern gemacht. Auslöser dafür war das Buch »Die Lügen des Locke Lamora« von Scott Lynch. Nach fünf Büchern lege ich doch mal eine Pause der »Dungeon-Crawler-Carl«-Bücher ein. So großartig und abenteuerreich sie sind, ich möchte nicht, dass der Spaß an der Sache verloren geht. Ich möchte mit Wehmut die vorhandenen Bücher abschließen und nicht froh sein, dass ich endlich durch bin. Eigentlich wollte ich etwas Kürzeres lesen. Scheinbar existieren aber so gut wie keine kurzen Fantasy-Bücher. Zumindest keine, die sich in meiner digitalen Bibliothek befinden würden. Also ist es »Die Lügen des Locke Lamora« geworden. Schlanke 800+ Seiten hat dieses Monster. Der erste Satz lässt schon einmal vermuten, dass man sich auf eine lange, vielleicht auch komplizierte Reise wird einlassen müssen.
“Mitten in jenem langen, verregneten Sommer des Siebenundsiebzigsten Jahres von Sendovani begab sich der Lehrherr der Diebe von Camorr in den Tempel des Perelandro und stattete dem Priester ohne Augen einen unverhofften Besuch ab.” – Die Lügen des Locke Lamora von Scott Lynch
Erst dachte ich, es wäre ein wirklich schlechter, viel zu komplexer und überbordender Satz. Aber je öfter ich ihn lese, desto mehr passt er zum Buch. Denke ich, ich habe gerade erst angefangen. Man lernt in diesem einen Satz über das Land, in dem wir uns befinden, und trifft die ersten beiden Charaktere, die eventuell noch wichtig werden. Es gibt einen Tempel, also wird es vielleicht religiös angehaucht sein. Es lässt mich mittlerweile mit Spannung das Buch lesen, denn am Ende möchte ich mehr wissen. Sowohl über das Land Sendovani, wer oder was Camorr und Perelandro sind und was die Charaktere antreibt.
“The transformation occurred at approximately 2:23 AM, Pacific Standard Time.” – Dungeon Crawler Carl von Matt Dinniman
Das hat dann dazu geführt, dass ich überlegt habe, was eigentlich bei Dungeon Crawler Carl der erste Satz ist. Ich konnte mich noch an die ersten Szenen erinnern und wie es losgegangen ist. Aber an den spezifischen Satz partout nicht. Besticht der Satz von Scott Lynch durch Komplexität, macht Matt Dinniman nur auf eine Tatsache aufmerksam: die Transformation. Was verbirgt sich dahinter? Es bleibt unfassbar vage und mysteriös. Außerdem macht er unmissverständlich klar, dass wir uns in unserer Welt befinden und nicht in einer Fantasy- oder Science-Fiction-Welt. Zumindest noch nicht.
“Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste, und der Revolvermann folgte ihm.” –Der dunkle Turm: Schwarz von Stephen King
Einen der besten ersten Sätze hat Stephen King aufgeschrieben. In seinem Buch »Schwarz«, dem Auftakt der Saga um den dunklen Turm. Der Satz strotzt nur so vor einfacher Brillanz. Wer ist der Mann in Schwarz, warum flüchtet er und wer ist der Revolvermann? Wer von den beiden ist unser Protagonist? Was treibt sie an und was hat das mit dem dunklen Turm zu tun?
“Ich war nie das, was man eine Heulsuse nennt.” – Der Anschlag von Stephen King
Aus Neugierde habe ich dann in ein paar andere Bücher reingeschaut, die ich gerade griffbereit hatte. Unter anderem »Der Anschlag«, auch von Stephen King, und zwei Klassiker. Jeder dieser Sätze macht ein Versprechen. In »Der Anschlag« wird Stephen King unserem Protagonisten viele Herausforderungen stellen. Damit kämpft er das ganze Buch über, dass eben das erste Statement, das wir von ihm hören, nicht wahr ist. Mit dem ersten Satz wird zudem der Stil des Buches klar. Beispielsweise wenn man sich den Satz von Oscar Wilde aus »Das Bildnis des Dorian Gray« durchliest. Es wird sinnlich und voll grandioser Beschreibungen. Und Frankenstein, das mit einem Brief beginnt, hat ebenfalls etwas Mysteriöses an sich.
“Das Atelier schwamm in einem starken Rosendufte, und wenn der leichte Sommerwind die Bäume im Garten wiegte, so floß durch die offene Tür der schwere Geruch des Flieders herein oder der zartere Duft des Rotdorns.” – Das Bildnis des Dorian Grey von Oscar Wilde
In Zukunft werde ich wieder des Öfteren auf erste Sätze achten. Was sagen sie wirklich aus? Was steckt zwischen den Zeilen? Und am Ende kann man sich fragen, ob das Buch die Versprechen, Hoffnungen und Erwartungen dieses ersten Eindrucks erfüllt hat.
“[…] Es wird Dir Freude bereiten, zu hören, daß kein Mißgeschick den Anfang des Unternehmens betroffen hat, dessen Vorbereitungen Du mit solch trüben Ahnungen verfolgtest.” – Frankenstein von Marry Shelly
