Das titelgebende Monster in dieser Episode von Supernatural bringt einen interessanten Aspekt in der Mythologie der Serie hervor. Wie sich herausstellt, haben drei Teenagerinnen ein unschuldiges Spiel von »Wahrheit oder Pflicht« gespielt – was man eben so macht. Eine von ihnen wurde dabei aufgefordert, dreimal Bloody Mary in den Badezimmerspiegel zu sagen, woraufhin der Vater umgebracht wurde. Die Tatsache, dass sie es mit einer potenziellen Bloody Mary zu tun bekommen, macht die beiden Brüder, Sam und Dean, allerdings etwas stutzig. Denn John, ihr Vater, hat angeblich nie Beweise für die Existenz dieses Monsters gefunden.
Das bedeutet also, dass selbst die Jäger von übernatürlichen Wesen nie so recht wissen, welche Mythen nun der Wahrheit entsprechen und welche nicht. Über die Jahrhunderte (in späteren Staffeln stellt sich heraus, dass es die Tradition der Jäger schon länger gibt) haben sich zwar gewisse Ereignisse und Monstertypen als Tatsachen etabliert, aber es ist noch längst nicht alles recherchiert. Es gibt immer wieder spezielle Ecken von urbanen Mythen oder Legenden, die es zu erforschen gilt. John mag in seinem Tagebuch, das er seinen Söhnen über umständliche Wege zukommen ließ, zwar einiges notiert haben, jedoch sollte dies nur die Spitze eines sehr viel größeren Eisbergs sein.
Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn die Monster eine wirkliche Motivation bekommen. Bloody Mary tötet nicht nur aus einer reinen Böswilligkeit heraus oder weil sie die Farbe Rot mag. Nein, sie verfolgt diejenigen Menschen, die schreckliche Geheimnisse mit sich herumtragen. Deshalb ist nicht das erste Mädchen gestorben, das den Namen dreimal in den Spiegel gesagt hat. Mary geht es im Grunde darum, dass sich die Ungerechtigkeit, die ihr selbst widerfahren ist, nicht wiederholt. Sie bestraft diejenigen, die sich die Schuld eines Todes aufgebürdet und für sich behalten haben. Die davongekommen sind. Wie Sam feststellt, sieht sie dabei jedoch keine Grauzonen, sie bestraft alle.
Das Design der Figur Mary ist ebenfalls hervorragend gelungen. Zum einen bin ich großer Fan davon, wenn Filme oder Serien Spiegel in diesem Horror-Setting gut nutzen. Man fragt sich stets, ob sie nun da ist oder nicht; sehen die Charaktere sie, oder existiert sie nur in spiegelnden Oberflächen. Es ist etwas inhärent gruseliges. Zum anderen mag ich bei solchen Horror-Figuren ein schlichtes Design; es meist das effektivste. Es braucht keine elaborierten und mit unnützen Details versehenen Wesen. Wie in diesem Fall reicht es vollkommen aus, ein völlig in schwarz getauchtes Mädchen zu nutzen, dessen Gesicht man kaum sieht, das mit etwas bedeckt zu sein scheint und sich gespenstisch und unmenschlich bewegt. Genauso wie die Auflösung am Ende wirkt es durchdacht.
Was die Beziehung zwischen Brüdern anbelangt, setzt Sam eindeutige Grenzen. So lernen wir als Zuschauer*innen zwar ein weiteres, wichtiges Detail, doch Dean bleibt im Dunkeln. Denn wie sich herausstellt, hatte Sam eine Art Vision, bevor seine Freundin Jess auf grausame Weise von etwas Übernatürlichem getötet wurde. So gibt er sich die Schuld, weil er diesen Traum, diese Vision, nicht ernst genommen hat und das Schicksal von Jess auf seinem Gewissen hat. Doch Dean erzählt er das nicht. Er behält es für sich und setzt Grenzen. Ich bin mir offen gestanden nicht sicher, was ich davon halte. Zum einen halte ich es für gut, dass sie sich nicht alles erzählen, auf der anderen Seite ist es ein wichtiges Detail. Wir werden sehen, wie wir das in den nächsten Folgen zu beurteilen haben. Das ist das Praktische an diesem Rewatch, ich finde immer wieder Details und Kleinigkeiten, die es wert sind weiter beobachtet zu werden.
Kommen wir aber nun zu der Strecke, die Sam und Dean in dieser Folge zurückgelegt haben. Den Fall an sich finden Sam und Dean in Toledo, Ohio. Nachdem sie beim letzten Mal im Westen Pennsylvanias waren, nördlich von Pittsburgh, sind nur knapp über 400 Kilometer zu dem Ort zurückzulegen, wo Bloody Mary ihr Unwesen treibt. Allerdings machen sie noch einen Abstecher nach Fort Wayne in Indiana, wo Mary ursprünglich ermordet wurde. Außerdem fahren sie wieder zurück nach Toledo. Damit legen sie insgesamt „nur“ 740 km zurück. Die bis jetzt kürzeste Strecke in einer Folge. Mal sehen, wo es uns das nächste Mal hin verschlägt.