Die Verdammung der Jugend

»Von den leiblichen Begierden sind es vorzugsweise die des Liebesgenusses, denen sie nachgehen, und in diesem Punkt sind sie alle ohne Selbstbeherrschung. […] zornmütig und leidenschaftlich aufwallend in ihrem Zorne. Auch sind sie nicht imstande, ihren Zorn zu bemeistern, denn aus Ehrgeiz ertragen sie es nicht, sich geringschätzig behandelt zu sehen, sondern sie empören sich, sobald sie sich beleidigt glauben.« – Aristoteles

Wenn ich mir eines aus dem Philosophiestudium gemerkt habe, dann dass sich bereits Aristoteles über die Jugend seiner Zeit aufregte. Das zeigt das obere Zitat sehr gut. Diese spezielle Nachrichtensau wird seit tausenden Jahren durch das Dorf getrieben. Aber wann vergisst man, dass man selbst jung, naiv und völlig selbstüberschätzend in die Welt hinauszog? Wann tritt es ein, dass man die jungen Leute von heute als Nichtsnutze bezeichnet und als unfähig betrachtet, einen Bleistift zu spitzen?

Im Standard war neulich ein Text über Booktok und Co. Also spezielle Strömungen oder Nischen in sozialen Medien und YouTube, die sich der Besprechung und Analyse von Büchern widmen. Besonders Literatur, die sich an junge Erwachsene richtet, ist hoch im Kurs. Wenn man in einen Buchladen geht, findet man nicht selten eine Ecke, die speziell die Bücher hervorhebt, die in den dortigen Kanälen rauf und runter gelobt werden. Warum auch nicht? Es wäre doch blöd, von den Läden auf diese Trends nicht aufzuspringen. Und nur weil ein Buch über BookTok oder BookTube empfohlen und an Reichweite gewonnen hat, muss es nicht gleich schlecht sein. Das sieht Nico Hoppe, Verfasser des Standard-Artikels, jedoch ganz anders.

In einem durchaus elegant formulierten Text wird alles an diesem Phänomen zerrissen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich verstehe diese Position nicht. Was ist sein Ziel? Sollen alle von Anfang an Tolstoi, Dostojewski, Goethe und Mann lesen? Ich glaube nicht, dass Hoppes erstes Buch »Krieg und Frieden« war, sondern eher ein buntes Kinderbuch mit vielen Bildern und sehr wenig Text. Mag vielleicht weit hergeholt klingen, finde ich aber einen angebrachten Vergleich. Vorlieben beim Lesen entwickeln sich mit der Zeit. Ich habe dutzende Stephen-King-Romane in meiner Jugend gelesen und genieße sie heute noch. Dazwischen mag ich Fantasy oder Science-Fiction. Lese genauso queere Geschichten wie Sachbücher über das Mittelalter oder mitreißende Klassiker. Oder Comics. Ich habe tausende Comics gelesen. Superheldengeschichten genauso wie Horror, Slice-of-Life oder all die anderen Genres, die es gibt.

Booktok zu verurteilen, nur weil sich junge Leser*innen gerne in den Geschichten repräsentiert sehen wollen, sich nach Sichtbarkeit sehnen und manchmal vielleicht etwas voreilig, doch manchmal auch berechtigterweise „Klassiker“ kritisieren, ist eine äußerst gewagte These. Ich lese auch gerne queere Geschichten, weil ich mich selbst in Geschichten wiederfinden will. Meine Erlebnisse, meine Gedanken, meine Erfahrungen und Ängste, Sorgen und Sehnsüchte. Die finde ich nicht in »Krieg und Frieden«. Sollte wirklich »Der Tod in Venedig« die einzige queere Repräsentation sein, die ich kenne und die man mal mehr, mal weniger zwischen den Zeilen herauslesen muss? Es ist ein gutes Buch, aber auch ein Mahnmal und nichts, was ich bereits als naiver Jugendlicher hätte lesen wollen. Ich möchte andere, vielschichtige Sichtweisen, und die finde ich in moderneren Geschichten und Büchern und Comics und Filmen und Serien, die eben auch in Booktok und Co. verhandelt werden.

Hoppe schreibt: „Es ist diese selbstmitleidige Identitätsliteratur, die die Menschen in ihrem vermeintlichen Sosein bestärken will und in einen Zustand pädagogischer Benommenheit lullt.“ Was für ein absoluter Schwachsinn. Wer sieht sich nicht gerne in seiner jugendlichen Naivität bestärkt und sucht sich Lektüre, die die eigene Lebenswelt abbildet? Natürlich will ich in meiner Queerness bestärkt werden. Hat Herr Hoppe kürzlich Nachrichten gelesen? Es ist eine beängstigende Welt für queere Menschen. Nicht nur in fernen Ländern. Bücher zu besprechen und sich selbst zu feiern, sich Sicherheit in Form von bestärkender Literatur zu beschaffen, ist alles andere als verwerflich.

Er schreibt auch: »Wenn Booktuber in Videoessays über toxische Charaktere schwadronieren oder in zahllosen Booktok-Schnipseln über die angebliche Romantisierung problematischer Verhaltensweisen und Wertesysteme in klassischen Romanen geschimpft wird, dann soll Literatur und wohl Kunst im Allgemeinen allein der Selbstbestätigung dienen.« Ich würde gerne die Beispiele sehen, die kritisiert werden. Könnte es sein, dass klassische Romane manchmal problematisch mit weiblichen Figuren umgehen, insofern sie überhaupt vorkommen? Oder mit Minderheiten? Nur mal eine Frage, die man sich stellen könnte, aber dazu war wohl im Artikel kein Platz mehr.

Natürlich sind nicht alle Bücher gut, die auf BookTok und Co. besprochen werden. Natürlich gibt es für alles Negativbeispiele oder verwerfliche Verhaltensweisen. Aber die Generalisierung des Artikels geht mir zu weit. Und jungen Menschen absprechen zu wollen, Bücher zu lesen, weil sie ihnen gefallen, sie bestärken und vielleicht nach den immer gleichen Mustern arbeiten, finde ich äußerst gewagt. Man sollte doch lieber froh sein, dass noch gelesen wird und diverse Sondereditionen von Büchern gedruckt werden, weil sie bei der Zielgruppe beliebt sind. Und wer weiß, was diese Menschen in Zukunft lesen werden. Geschmäcker wandeln sich mit der Zeit. Manchmal bleiben sie gleich.

Aber Hauptsache, man hat sich mal wieder über die Jugend beschwert. Über sie gerichtet, von oben herab, anstatt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Man hätte ja vielleicht etwas Neues gelernt. Aber wer möchte das schon?