Everything X-Men | Über Comics

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute wieder einen alten Text von mir an. Wir setzen unsere Reise durch mein Projektstudium fort. Dieses habe ich während meines Medienwissenschaftsstudiums geschrieben. Darin habe ich angefangen, die X-Men-Comics chronologisch zu besprechen. Mit den Comics an sich geht es allerdings erst nächste Woche los. Erst einmal habe ich bei der Abgabe des Projektes ein wenig Kontext und Einordnung liefern müssen. Deshalb gibt es heute das Vorwort, welches sich mit dem Konzept »Comics« befasst hat.


Comics sind ein faszinierendes Medium. Oberflächlich betrachtet sind sie die Verbindung von Bild und Text, mit dem Ziel, eine Geschichte zu erzählen. Doch hinter dieser stumpfen Betrachtungsweise steckt sehr viel mehr als das. Autoren wie Will Eisner und Scott McCloud, die nicht nur selbst Comics kreiert haben, und dies sehr erfolgreich, sondern sich auch auf der Metaebene dem Medium nähern, haben Bücher damit gefüllt, wie sie funktionieren. Vieles scheint intuitiv zu funktionieren, doch im Hintergrund laufen Prozesse ab, die es uns ermöglichen, die Bilder und Texte miteinander zu kombinieren und so eine kontinuierliche Geschichte zu erleben.

Die Einteilung des Mediums ist nicht so einfach, besonders da durch das Internet Webcomics in allen möglichen Formen entstehen und präsentiert werden können. Doch grob kann folgende Einteilung erfolgen (basierend auf William Eisner): newspaper strips (kurze, meist humorvolle Sequenzen, die in Zeitungen und ähnlichen Medien anzutreffen sind), graphic novels (typischerweise in sich geschlossene Geschichten in variierender Länge) und comic books (regelmäßig, meist monatlich erscheinende Hefte, die eine fortlaufende Geschichte von einem oder mehreren Protagonist*innen erzählen und später in so genannten collected editions oder trade paperbacks gesammelt werden).

Diese Einteilung, wie auch die folgende Definition, was Comics sind, ist eine neutrale Beschreibung, wie sie auch Scott McCloud in Understanding Comics anbietet. Sie beinhaltet weder Stil noch Genre noch ein empfohlenes Alter der Leser*innen. Ebenso kein Format, Druckprozess oder zu verwendende Materialien. Hinzu kommt, dass mit neuen Technologien auch neue Möglichkeiten entstehen, wie Comics umgesetzt werden, und Definitionen, die heute als aktuell und vollständig gelten, können morgen bereits überholt sein. Dabei erweitert McCloud den von Will Eisner eingeführten Begriff „Sequential Art“ auf „juxtaposed pictorial and other images in deliberate sequence“, da, wie er selbst sagt, Eisners Definition für den Großteil von Comics gilt, jedoch auch speziellere Arten existieren, die einer genaueren Beschreibung bedürfen, welche er mit den Erweiterungen abdecken möchte.

Diese Beschreibung umfasst sämtliche Bildsequenzen, also auch Warnhinweise, Mangas, Webcomics, Sicherheitshinweise, Beschreibungen und Anleitungen, wie auch das klassische Verständnis des Comic Books, nämlich die monatlich bzw. regelmäßig erscheinenden Hefte von Verlagen wie DC Comics, Marvel oder Image. Es sollen im Folgenden die englischen Begriffe verwendet werden, da Comics als Medium verstanden werden und es keine deutsche Entsprechung für das Konzept des Comic Books bzw. der Graphic Novel gibt. Dabei wird außen vor gelassen, ob diese digital oder analog auf Papier veröffentlicht werden.

Was jedoch allen Comics gleich ist, ist die eigene Sprache, die sie im Laufe der Zeit entwickelt und die Leser*innen gelernt haben, zu decodieren. Wie jedes Medium kommen auch Comics mit eigenen Regeln, einer eigenen Grammatik, die Will Eisner in den Kapiteln zwei bis fünf von »Comics and Sequential Art« detailliert beschreibt. Er konzentriert sich dabei vor allem darauf, was innerhalb des Rahmens der Panels oder auf der Seite des einzelnen Comic-Books passiert. Scott McCloud hat später diese Theorie erweitert, indem er auch dem „Gutter“, dem Platz zwischen den einzelnen Panels, eine zentrale Rolle zuschreibt. Mit dem von ihm selbst etablierten Begriff des „Closure“ beschreibt er außerdem dessen Funktion, nämlich von uns wahrgenommene Fragmente mental zusammenzusetzen, so dass ein komplettes, vollständiges Bild entsteht. Dabei geht es nicht nur um das Erkennen von Mustern (der Mensch ist beispielsweise dazu prädestiniert, in allen möglichen einfachen Strukturen Gesichter zu erkennen) und das Vervollständigen von Bewegungen (Panels bieten ausgewählte Positionen, die einen kompletten Bewegungsablauf simplifiziert darstellen und durch die Einordnung in eine Sequenz verstanden werden). Closure meint auch einen Erkenntnisprozess, der entsteht, wenn eine Sequenz aus scheinbar nicht zusammenpassenden Bildern mental zu einem sinnvollen Bild zusammengesetzt wird.

So viel sei zu Comics gesagt. Es scheint mir immer wichtig zu sein, erst zu erklären, was Comics sind und wie komplex das Medium sein kann. Dies wird einem auch bewusst, wenn man sich Nick Sousanis Werk »Unflattening« ansieht. Die Art und Weise, wie er darin nicht nur das Medium beschreibt, sondern den menschlichen Wahrnehmungsprozess, beeindruckt immer wieder aufs Neue.