Manchmal verliert man es aus den Augen. Man kann es auf vielfältige Weise bezeichnen. Seien es die eigenen Prinzipien oder die Prioritäten, die man sich gesetzt hat. Man kann es als Mantra einstufen oder Lebensphilosophie. Doch wenn das Leben mal wieder Leben-Dinge macht, also zeigt, was es so kann und dazwischenkommt, wenn es mal wieder drunter und drüber geht, kann man es durchaus aus den Augen verlieren. Dann kann es umso wichtiger sein, sich wieder auf die ehemals als wichtig erachteten Dinge einzulassen. Zu sehen, ob sie weiterhin zutreffen oder es Zeit ist, sie zu überdenken.
Für mich sind drei Worte über Jahre zu einem Mantra geworden. Entnommen aus einem Vortrag, der in Schulen gelehrt werden sollte. Es geht um eine so genannte »commencement speech« (eine Rede vor College-Absolvent*innen). Vorgetragen von David Foster Wallace. Die drei Worte: This is water.
Ich kann nur von ganzem Herzen empfehlen, sich den Vortrag auf YouTube herauszusuchen und anzuhören oder eine Abschrift oder Übersetzung zu lesen. Vor vielen Jahren habe ich mir eine bereinigte Audio-Version des Vortrags auf Audible für wenige Euro gekauft. Darin ist nicht nur der Originalvortrag, sondern auch eine deutsche Übersetzung inkludiert, vorgetragen vom unvergleichlichen Synchronsprecher und Hörbuchleser David Nathan.
Früher habe ich mir den Vortrag mindestens einmal im Jahr angehört und immer wieder ins Gedächtnis gerufen. Doch wie bereits erwähnt, kommt irgendwann das Leben dazwischen und ich habe den Vortrag etwas aus den Augen verloren. Letztens habe ich ihn mir mal wieder angehört. Erneut war es eine Offenbarung und ein Genuss. Im Kern geht es darum, dass David Foster Wallace den Absolvent*innen eine Wahl gibt. Er unterbreitet ihnen allen ein Angebot. Denn ihnen wurde in den vergangenen Jahren in Kursen und Vorträgen beigebracht, wie man denkt (how to think). Doch geht dieser scheinbar banale Ansatz weit über die universitären Anwendungen hinaus. Denn was diese jungen Menschen noch nicht kennen, ist die unfassbare Banalität und Eintönigkeit des Alltags. Immer wieder gibt Foster Wallace Beispiele vor, in denen man sich wiederfinden wird. Sei es das regelmäßige Einkaufen, Situationen im Straßenverkehr und so weiter. In all diesen Situationen des Alltags hat man immer wieder die Wahl: Wie gehe ich vor? Wie entscheide ich mich, zu denken?
Eines müssen wir dafür allerdings überwinden und das ist wahrscheinlich das Schwerste, was Foster Wallace verlangt. Denn wir sind in unserem Leben, in unserer ganz persönlichen Sicht, stets und immer das absolute Zentrum des Universums. Alles dreht sich um mich. Alles geschieht aus meiner Perspektive heraus. Das scheint eine der größten Schwächen der menschlichen Spezies zu sein: Wir können anderen nur durch Worte mitteilen, wie wir die Welt sehen und was in uns passiert und los ist. Hinter dieser Weltanschauung, dass ich das absolute Zentrum des Universums bin, zurückzutreten und empathisch auf die Welt zu blicken, erfordert Kraft und ist nicht immer einfach. Aber es lohnt sich.
Genau darum geht es in den von mir als Mantra angepriesenen drei Wörtern: This is water. Die Entscheidung, anders über die Welt zu denken. Nicht immer davon auszugehen, dass ich und meine Perspektive die einzig richtigen sind. Foster Wallaces Beispiele mögen nicht immer die wahrscheinlichsten sein, trotzdem sind sie möglich. Die Mutter, die mit ihrem Kind vor mir an der Kasse steht, genervt wirkt und das Kind anschreit. Natürlich kann ich sie als schlechte Mutter und bösartig einstufen. Vielleicht hat sie aber seit drei Tagen nicht geschlafen, weil ihr Mann sterbend im Krankenhaus liegt und sie sich allein um die Kinder kümmern muss. Natürlich kann ich den Idioten, der mich auf der Landstraße riskant überholt oder mir fast reinfährt, als genau solch einen Typ Mensch abschreiben. Vielleicht hat er aber ein krankes Kind oder einen Partner auf dem Beifahrersitz und muss ins Krankenhaus. In dem Fall bin sogar ich es, der ihm im Weg ist. Wie gesagt, alles keine wahrscheinlichen Optionen, trotzdem sind sie möglich.
Es obliegt uns allen. Die Entscheidung, was und wie wir über die Welt denken. Falle ich immer wieder auf den Standard zurück und gehe davon aus, dass sich alles und jeder um mich dreht, weil ich das Zentrum meines/des Universums bin? Oder entscheide ich mich, einen Schritt weiterzugehen?
This is water.