Everything X-Men | Kirby & Lee (Teil 3/3)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute einen Blick in die Vergangenheit. Für mein Medienwissenschaftsstudium habe ich ein Projekt namens »Everything X-Men« auf die Beine gestellt. Ich habe mich darin eingehend mit den X-Men beschäftigt. Die Textreihe erschien sowohl auf einer eigenen Webseite als auch auf dem amerikanischen Blog »Rogues Portal«, bei dem ich drei Jahre mitwirkte. Die Texte des Projektes übersetze ich für die Aufbereitung hier mithilfe von DeepL und redigiere sie anschließend.

Bisher sind folgende Texte erschienen:

Heute geht es mit dem dritten und letzten Teil der Ära Kirby/Lee weiter.


Freund oder Feind

Mit jeder Ausgabe kommt ein neuer Mutant hinzu. Und bei jedem Mutanten spielt die Rekrutierung eine wichtige Rolle. Dafür hat der Professor ein Gerät entwickelt: Cerebro. Die Einführung von Cerebro, einem Gerät, das andere Mutanten aufspüren kann, war sehr unbefriedigend. In den Filmen muss Professor X mit dem Gerät verbunden sein, damit Cerebro funktioniert. In den Comics hingegen ist es ein eigenständiges Gerät. Und es ist in einen Schreibtisch eingebaut, einen Holzschreibtisch. Cerebro hat nichts Majestätisches oder Beeindruckendes an sich. Vielleicht ist das aber auch ein Vorteil.

Bei der Frage der Rekrutierung und Suche nach anderen Mutanten kann man eine gewisse Diskriminierung nicht ignorieren. Sie sind sehr streng, was ihre neuen Mitglieder angeht. Ein Thema, das mich stört, ist Folgendes: Auf der einen Seite stehen die X-Men und auf der anderen Seite die Bruderschaft der bösen Mutanten. Magneto hat die Gruppe gegründet, und die ersten Mitglieder sind The Toad, Pietro alias Quicksilver, Wanda alias Scarlet Witch und Mastermind. Immer wieder kämpfen die beiden Teams um neue Mitglieder. Das Problem dabei ist, dass es offenbar keine Alternative zu diesen beiden gibt. Mutanten schließen sich ihnen entweder an oder – nun ja, was genau? Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie sich keinem der Teams anschließen wollen, aber es klingt immer wie ein Ultimatum.

Nehmen wir zum Beispiel Blob. Die X-Men gehen so unvorsichtig auf ihn zu, dass es kein Wunder ist, dass er sich keinem der beiden Teams anschließen will. Nach ihrem anfänglichen Scheitern greifen sie ihn an, und natürlich wehrt er sich. In dieser Situation waren die X-Men selbst die eigentliche Bedrohung. Und der größte Fehler ihres Vorgehens ist, dass sie ihm sofort ihre richtigen Namen nennen. Keine geheimen Identitäten, keine Kostüme oder Ähnliches – nur ihre richtigen Namen und Alltagskleidung. Zugegeben: Wären sie etwas empathischer gewesen, hätten sie die Geheimidentität wahrscheinlich nicht gebraucht.

Hier sind einige Beispiele für Charaktere, um die Charles und Magneto (dessen richtiger Name in diesen 19 Ausgaben nie genannt wird) kämpfen: Prinz Namor/Sub-Mariner (der die Gesetze der Physik auf unschöne Weise beugt), Unun (der von seinen eigenen Kräften besiegt wird), Ka-Zar alias Lord of the Jungle (der in einem geheimen Land unter der Antarktis lebt) und einige andere. Zwei der faszinierendsten Bösewichte dieser Ära (neben dem oben erwähnten Juggernaut und der Bruderschaft) sind The Stranger und Luzifer.

Ja, richtig gehört, sie kämpfen sogar gegen Luzifer selbst. Oder zumindest Charles Xavier tut es. Luzifer ist derjenige, der den Professor in den Rollstuhl gebracht hat (wobei ich die Erklärung aus dem Film »X-Men: First Class« besser finde), und jetzt ist er zurückgekehrt, um Rache zu nehmen. In dieser Ausgabe müssen die X-Men auch gegen die Avengers kämpfen, denn wenn sie Luzifer zu früh besiegen, wird eine Bombe explodieren. Es ist eine großartige Ausgabe, und ich glaube nicht, dass Luzifer ein Mutant ist. Sondern nur ein Mensch mit viel Zeit und Ressourcen. Quasi wie Batman.

The Stranger ist ebenfalls sehr faszinierend. Und interessanterweise ist er nicht einmal ein Mutant, sondern ein Außerirdischer. Die elfte Ausgabe ist auch die Quelle eines außergewöhnlich guten Zitats (Achtung, Sarkasmus voraus) eines Zivilisten: „Holt einen Arzt! Die Frauen fallen hier wie die Fliegen um!!“ Man beachte die beiden Ausrufezeichen am Ende, die für eine so großartige Aussage notwendig sind. Abgesehen davon ist die Ausgabe eine gute Lektüre. The Stranger stammt von einem anderen Planeten und rekrutiert mutierte Kreaturen, um sie zu studieren – er nimmt Magneto und The Toad mit und lässt Mastermind in Stasis zurück. Dieses Ende war sehr überraschend, und keine der beiden Seiten kann wirklich gegen die Bedrohung kämpfen. Er ist einfach zu mächtig. Ich könnte mich irren, aber ich glaube, dies könnte auch die erste Ausgabe sein, die mit einem Teaser am Ende endet! Zumindest fühlte es sich mehr wie ein Cliffhanger/Teaser an als in den vorherigen Ausgaben.

Fazit

Sobald man anfängt, nach Quellen für Artikel wie diesen zu suchen, kann es schnell wie ein Fass ohne Boden erscheinen. Eins führt zum anderen, und man hat Dutzende von Aufsätzen, Büchern und Artikeln zu lesen und zusammenzufassen, damit man nicht vergisst, dieses oder jenes Thema oder diesen oder jenen Hinweis zu erwähnen. Ich bin Perfektionist, und gerade der erste Artikel dieser Reihe sollte spannend sein.

Ich wollte einen Überblick über die Entstehung der X-Men sowie über die Art und Weise geben, wie sie dargestellt wurden. Dazu habe ich mich auf eine Handvoll Quellen und meine Interpretation des Materials konzentriert. Eines möchte ich jedoch erwähnen: Ich habe nicht über die Bezüge zum Kalten Krieg gesprochen, weil andere das bereits viel besser getan haben, als ich es jemals könnte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas Neues beitragen könnte. Stattdessen war es mir wichtig, aus einer anderen Perspektive ausführlich über die ursprüngliche Serie zu sprechen und den Leser*innen hoffentlich einige Anregungen zu geben, sich ebenfalls diese frühen Ausgaben anzuschauen.

Der nächste Artikel wird sich mit der »Comic Book Authority« befassen, und dann setzen wir unsere Reise mit Neal Adams und Roy Thomas (Ausgaben Nr. 55 bis Nr. 66) fort.

Quellen:


Ich hatte ganz vergessen, wie lang die Texte teilweise geworden sind. Trotzdem fällt mir jetzt auf, wie kurz sie in gewisser Weise auch waren. Immerhin bespreche ich drei Jahre an X-Men-Geschichten. Vieles habe ich teilweise nur angedeutet oder verkürzt dargestellt. Themen, die ich aus heutiger Sicht betrachtet gerne ausführlicher besprechen würde. Aber die Texte sind immerhin 8 Jahre alt und ich habe mich in dieser Zeit auch weiterentwickelt. Trotzdem ist es interessant, die Texte von »Everything X-Men« durchzugehen, und ich bin schon sehr gespannt, wie die nächsten Texte ausfallen.