Pendlerbekanntschaften

Es gibt Menschen, die im eigenen Leben eigentlich keine Rolle spielen. Trotzdem sieht man sie fast jeden Tag. Man begrüßt sich, nickt sich zu. Irgendwie kann man sich darauf verlassen, dass sie da sind. Oder man kann sich konkret auf sie verlassen. Wenn ich beispielsweise frühmorgens zum Zug gehe und beim Bahnhof ankomme, steht meist schon ein Mann mit Fahrrad da. Ich weiß, er hat den Knopf bereits gedrückt, sodass der Zug auch stehen bleibt. Bei der Lokalbahn muss man bei den kleineren Bahnhöfen drücken, sonst fährt er durch. Aber ich kann mich darauf verlassen, dass das der Fall ist, wenn ich am Bahnhof ankomme und er mit dem Fahrrad dasteht.

Oder im Zug selbst. Man sieht immer wieder dieselben Menschen. Manche allein, manche in Gesellschaft, manchmal Paare. Wo fahren sie hin, was treibt sie an und wo kommen sie her? Manchmal stelle ich mir solche Fragen und mehr. Wieso trägt diese Person scheinbar immer dieselben Klamotten? Was ist in dem Koffer drin? Wo fährt er mit seinem Fahrrad hin? Pendlerbekanntschaften sind etwas Besonderes. Auf ihre ganz eigene Art spielen diese Menschen zugleich eine zentrale Rolle in meinem Leben und gleichzeitig haben sie gar nichts damit zu tun. Doch wenn sie plötzlich nicht mehr da sind, vermisse ich sie oder frage mich zumindest, ob ihnen etwas passiert ist.

Selbst die Ausstrahlung finde ich spannend. Viele Menschen sind natürlich am Morgen müde und strahlen eine Ruhe aus. Manche wirken hektisch oder nervös. Andere lesen in einem Buch. Viele haben Kopfhörer drin. Menschen im eigenen Alltag zu beobachten und wahrzunehmen, finde ich immer wieder faszinierend.