Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Wir gehen zurück zu meinem Medienwissenschaftsstudium. Für das sogenannte Projektstudium habe ich mir die X-Men-Comics genauer angesehen und eine Textreihe dazu geschrieben. Da ich die Texte damals auf Englisch schrieb, ich sie aber hier auf Deutsch präsentieren will, übersetze ich diese initial mit DeepL. Natürlich redigiere ich sie anschließend. Auch Zitate sind übersetzt.
Beim Korrigieren des letzten Artikels ist mir aufgefallen, dass manche Formulierungen auf Deutsch gar nicht mehr so klasse klingen wie auf Englisch. Ebenso sind manche Aussagen, die ich vor gut acht Jahren getätigt habe, nicht mehr aktuell oder meine Ansicht ist nun etwas nuancierter. Das ist das Schöne, wenn man alte Texte noch einmal durchgeht und aufarbeitet: Man kann sie ändern und aktualisieren. Natürlich tue ich das nicht in detailliertem Umfang, aber hier und da ein paar Anpassungen vorzunehmen ist auf jeden Fall drin.
Bisher sind folgende Texte erschienen:
- Primer
- Einleitung
- Über Comics
- Kirby/Lee (Teil 1, Teil 2, Teil 3)
- Comic Book Authority
Was haben wir verpasst?
Als wir die X-Men das letzte Mal gesehen haben, kämpften sie gegen Mimic und besiegten ihn gemeinsam. Aber während wir zum 55. Heft gesprungen sind, scheint viel passiert zu sein. Scott jagt einen Pharao, der seinen Bruder Alex Summers entführt hat. Die X-Men haben ein neues Mitglied: Lorna Dane. Sie hat magnetische Kräfte und ist die Freundin von Bobby? Irgendwann in der Zukunft müssen wir vielleicht zurückgehen und auch die Ausgaben lesen, die zwischendurch veröffentlicht wurden. Das Schockierendste war allerdings, dass offenbar der Professor gestorben ist. Wir wissen nicht, wie oder warum oder was genau in den ersten beiden Ausgaben dieser Reihe passiert ist, aber es muss erst kürzlich geschehen sein.
Zu guter Letzt seien noch die Künstler der „Roy-Thomas-und-Neal-Adams-Reihe“ erwähnt. Werner Roth ist der Zeichner von Ausgabe Nr. 55. Neal Adams beginnt mit der Zeichnung des Comics ab Ausgabe Nr. 56.
Allein in den ersten beiden Ausgaben gibt es eine Menge Verwirrung, Fragen und faszinierende Story-Elemente, die wir diskutieren müssen. Fangen wir also an.
Storytelling & Artwork
In diesen Ausgaben finden sich viele Anknüpfungspunkte zu früheren Handlungssträngen. Aber es gibt auch genug neue Elemente und Bösewichte. So fühlt es sich erfrischend an, zugleich aber auch nach einer lebendigen Welt, in der auch Konsequenzen eine Rolle spielen. Die ursprünglichen Ausgaben waren meist Einzelgeschichten (mit wenigen Ausnahmen) und nur geringfügige Wechselwirkungen untereinander. Aber jetzt lernen wir nicht nur Trask Junior kennen (sein Vater war für das Sentinel-Programm verantwortlich), sondern treffen auch Ka-Zar wieder.
In Bezug auf die Zusammenstellung der Welt können wir einige Verbesserungen feststellen. In Ausgabe Nr. 58 sehen wir zum Beispiel eine kleine Szene mit Magneto und seinem neuen Kameraden Mesmero. Das vermittelt uns den Eindruck eines größeren, reichhaltigeren Universums, weil wir sehen können, dass die Zeit auch für andere Charaktere weitergeht. Wir betrachten ihre Handlungen und Vorbereitungen nicht nur im Rückblick, sondern während sie geschehen. Aber es sind nicht nur solche Dinge, die die Geschichte bereichern. Manchmal erhalten wir Informationen aus Nachrichtensendungen im Fernsehen, die sich natürlich in die Erzählung einfügen.
Auch die Panelstruktur unterscheidet sich von der ursprünglichen Serie. Es gibt Panels innerhalb von Panels, und die frühere 2×3-Struktur existiert mehr oder weniger nicht mehr. Panels variieren in Größe und Form. Dies sorgt für ein dynamisches Leseerlebnis, insbesondere während der Kampfszenen. Diese Änderungen waren längst überfällig und kommen perfekt zur Geltung, wenn Scott in Ausgabe Nr. 55 gegen den Hauptschurken antritt.
Eine Sache, die ich an modernen Comics liebe, sind Doppelseiten. Überraschenderweise handelt es sich um Zeichnungen, die sich über zwei Seiten erstrecken, oder um eine Ansammlung von Panels, die über eine Doppelseite reichen. Wenn sie gut gemacht sind, gehören solche Einstreuungen zu den Höhepunkten eines Comics. In letzter Zeit habe ich viele Comics von DC Comics gelesen, und die Doppelseiten, die in Green Arrow, Green Lantern oder den Titans-Comics zu finden sind, funktionieren einwandfrei. Manchmal treiben sie sogar die Erzählung voran. Das Gleiche gilt für einige Ausgaben dieser X-Men-Reihe. Sie präsentieren uns die erste Doppelseite der Serie (soweit ich das beurteilen kann – vielleicht gibt es noch einige in den Ausgaben Nr. 20 bis Nr. 54) und es ist wirklich beeindruckend. Neal Adams ist ein großartiger Künstler. Er kann alles. Ob seitenfüllende Action-Sequenzen mit intensiven Kämpfen oder emotionale Diskussionen zwischen Trasks Sohn und einem Richter – alles ist atmosphärisch und dabei auch noch schön anzusehen.
Bevor ich auf spezifischere Dinge eingehe, die mir gefallen oder nicht gefallen haben, möchte ich noch das Finale erwähnen. Man erkennt an der Ausgabe Nr. 65, dass Roy Thomas diese kleine Geschichte schon seit längerer Zeit vorbereitet. Doch es ist schade, dass sie in nur einer Ausgabe erzählt wird. Da die X-Men allerdings ihre erste Reihe abgeschlossen haben, erscheint es nicht logisch, einen weiteren epischen Handlungsbogen zu beginnen. Dies sind die letzten Ausgaben der X-Men. Zumindest für eine Weile. Nach der Ausgabe Nr. 66 veröffentlichte Marvel nur noch Nachdrucke älterer Geschichten. Es dauerte fünf Jahre, bis sie mit »Giant-Sized X-Men Nr. 1« zurückkehrten.
In der letzten Geschichte kehrt der Professor zurück! Yay? Hat jemand geglaubt, dass Xavier tot war? Nun, ich war mir offen gestanden nicht ganz sicher, aber jetzt haben wir den Beweis, dass er seinen Tod vorgetäuscht hat, um eine Strategie für die Invasion der Z’Nox vorzubereiten. Außerirdische Invasoren mit einem Todesstern-ähnlichen Schiff. Klingt großartig, oder? Leider ist das Ganze in nur einer Ausgabe erzählt und sehr schnell wieder vorbei. In der letzten Ausgabe müssen wir uns zudem mit einer seltsamen psychischen Neustartmaschine herumschlagen, damit der Professor wieder normal funktionieren kann. Eine verrückte Art, einen Handlungsbogen abzuschließen und eine Ära von X-Men-Comics zu beschließen.
Wie dem auch sei, die 66. Ausgabe fühlt sich wieder wie die alten an. Zurück zu den Wurzeln. Es gibt sogar eine kurze Trainingseinheit. Der Kreis schließt sich.
The Good, the Bad & the Ugly
Kennt ihr Backstorys? Das sind zusätzliche Seiten am Ende eines Comics (meist nicht mehr als zwei oder drei), die eine weitere Geschichte der Figuren aus dem Heft erzählen. Ich war erstaunt, so etwas in einem X-Men-Comic zu sehen. Dann entdeckte ich eine Tabelle in der Dissertation „Reading The Uncanny X-Men“ von Joseph Darowski. Darin sieht man, dass Backstorys seit der 38. Ausgabe Teil der Comics sind. Nun bin ich noch mehr daran interessiert, die anderen Geschichten zu lesen. Vor allem, weil die, die wir in den Ausgaben 55 bis 57 zu sehen bekommen, qualitativ äußerst unterschiedlich sind. Es ist jedoch schön zu sehen, dass sich die Geschichten seit Stan Lee weiterentwickelt haben. Beispielsweise dadurch, dass sie sich auf alte Geschichten beziehen oder Handlungsbögen über mehrere Hefte erstrecken. Es werden neue Dinge ausprobiert. Backstorys sind nur ein Teil des Prozesses, und Roy Thomas war eine ausgezeichnete Wahl als Nachfolger von Lee.
Worum ging es also in den Backstorys? Die Erste erzählt die Entstehungsgeschichte von Angel alias Warren Worthington oder, wie er sich selbst vor seinem Beitritt zu den X-Men nennt: The Avenging Angel! Er stoppt Einbrecher und Diebe auf eigene Faust. Bald werden die X-Men auf ihn aufmerksam und tauchen in seiner Wohnung auf. Ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür, wie man jemanden NICHT für seine Sache gewinnt (aber dieses Thema haben wir bereits im zweiten Artikel dieser Reihe behandelt). Ob ihr es glaubt oder nicht, das ist noch nicht der schlimmste Teil der Geschichte. Nein, es gibt kurze Kämpfe zwischen Warren und den X-Men, sogar eine Atombombe spielt eine Rolle. Es ist absurd, irre komisch und ich finde es eigentlich ganz gut.
Der peinliche Teil beginnt, als Jean ihre Hintergrundgeschichte bekommt. Ihr wisst schon, um der Figur etwas Respekt zu zollen, einem Charakter noch etwas mehr Tiefe zu geben; die Vergangenheit überwinden, quasi. Nur ein Scherz. Sie bekommt eine Hintergrundgeschichte, die nicht nur die letzte ist, sondern auch in nur einer Ausgabe erzählt wird. Das Erste, was sie tun darf, ist, ihre Wohnung zu putzen und mit Hilfe ihrer Kräfte einen Apfelkuchen zu backen. So geht Feminismus! So stellt man eine X-Woman vor. Das ist natürlich sarkastisch gemeint. Es ist zum Fremdschämen. Ich hatte hohe Erwartungen. Diese wurden leider herb enttäuscht. Noch dazu, weil die Geschichte von einer Frau geschrieben wurde. Hatte sie Vorgaben? Musste sie gerade diese Geschichte erzählen? Geht das nicht cooler? Lasst Jean etwas tun. Was wir bekommen, ist nicht einmal eine richtige Geschichte. Es ist wie ein Tagebucheintrag, den Jean dem Publikum vorliest. Es gibt kein Thema und keine Handlung. Ich kann es kaum erwarten, Chris Claremont zu lesen, also machen wir weiter mit etwas Gutem.
Das war der erste Teil des Textes zu Roy Thomas und Neal Adams. Nächste Woche geht es mit dem zweiten und letzten Teil weiter.