Cancel Culture

Beim Stöbern durch Online-Buchabteilungen ist mir ein vermeintlich kleines, violettes Büchlein aufgefallen. Wie man es von Edition-Suhrkamp-Büchern kennt, ist das Cover recht schlicht gestaltet. Darauf zu lesen sind nur zwei Dinge: der Name des Autors und der Titel des Buches: Adrian Daub; Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst. Etwas widerwillig habe ich es in den Warenkorb gelegt und bestellt. Doch die Neugierde hat dann doch gewonnen.

Warum habe ich es widerwillig bestellt? Weil ich »Cancel Culture« schon nicht mehr hören kann. Vor allem scheint jeder eine andere Definition des Begriffs zu haben. Rechte, intolerante Idioten verwenden den Begriff genauso, wie linke Einfaltspinsel, und alles, was dazwischenliegt, wirft ebenfalls mit dem Begriff um sich. Aber was steckt wirklich dahinter? Selbst die Beispiele, die für diese moralische Panik herangezogen werden, scheinen oft an den Haaren herbeigezogen. Ich frage mich immer wieder: Stimmt das wirklich? Ist das so passiert? Gibt es Quellen oder noch mehr Beispiele? Gibt es wirklich eine Tendenz in die eine oder andere Richtung? Deshalb hat die Neugierde schließlich gewonnen und ich habe das Buch gelesen. Auf das, was mich zwischen den Buchdeckeln erwarten würde, war ich nicht vorbereitet.

Adrian Daub hat einen sehr angenehmen Schreibstil. Wahrscheinlich hat jede*r unterschiedliche Herangehensweisen an Bücher. Egal, ob es Sachbücher sind oder Belletristik. Manchmal macht man sich Notizen, markiert Stellen und tritt in einen Dialog mit dem Buch. Manchmal ist es aber auch so, dass ich einfach nur vor mich hin lesen möchte. So habe ich es bei diesem Buch getan. Deshalb ist es ganz angenehm, dass Daub immer wieder gewisse Kernelemente wiederholt. Das ist der Struktur des Buches geschuldet. Denn der Autor des Buches nähert sich dem Thema »Cancel Culture« aus unterschiedlichsten Richtungen. Von der Herkunft als Diskursobjekt, über die Wortherkunft und Geschichte des Begriffs hin zu einer ausführlichen Analyse, wie das Phänomen entstanden ist. Manchen mag das etwas zu viel sein, aber ich finde es eine angenehme und sogar notwendige Zerlegung des Begriffs. Des Weiteren ist das Buch gespickt mit Beispielen und gut geschriebenen Analysen.

Wer sich auch nur annähernd für das Phänomen »Cancel Culture« interessiert, dem würde ich das Buch nur wärmstens empfehlen. Adrian Daub zerlegt Stück für Stück alles, was je über diese irrsinnige Diskussion gesagt oder behauptet wurde. Vieles, was immer wieder als Beispiel für »Cancel Culture« durch die Medien getrieben wird, wie eine Dorfkuh, ist oft Jahrzehnte her und/oder nicht so passiert, wie es dargestellt wird. Das hat oft vielerlei Gründe. Sei es „lost in translation“, da viele Beispiele aus den USA stammen und manche Medien es mit der Überprüfung dieser Fälle nicht so genau nehmen oder es eben falsch verstehen. Manchmal werden scheinbare Fakten 1:1 übernommen, obwohl nichts dahintersteckt. »Cancel Culture« hat eine jahrzehntelange Geschichte, die immer wieder in neuem Gewand daherkommt. Sei es »politische Korrektheit« oder »Cancel Culture« – es steckt im Grunde dasselbe dahinter.

Es hilft natürlich auch, dass es nicht die eine Definition der Begriffe gibt. Oft kann man aus dem Kontext schließen, was eventuell gemeint ist, aber wirklich sicher kann man sich nicht sein. Deshalb ist das Buch von Adrian Daub so ein Genuss. In knapp 350 Seiten wird die komplette Debatte zerlegt, auf den Kopf gestellt und ihres mythischen, panischen Status beraubt. Es sollte wirklich zu einer Pflichtlektüre werden. Vielleicht wappnet es auch für zukünftige Diskussionen und dafür, dass man sich selbst nicht von der moralischen Panik anstecken lässt. Man kann etwas gelassener und standfester agieren und reagieren.