Einfach mal die Klappe halten

In den vergangenen Tagen hat man vielleicht den ein oder anderen Bericht über Shia LaBeouf gelesen (unten habe ich den Text von queer.de verlinkt). Darin berichtet er, Angst vor schwulen Menschen zu haben. Ich habe einen Moment gebraucht, um die Überschrift zu verarbeiten. Wenn man sich dann den Text durchliest und die Zitate aus dem Interview sieht, wirkt es wie eine wirre Aneinanderreihung inkohärenter Aussagen von einem Menschen, der Hilfe benötigt. Vor allem diese Aussagen von jemandem wie ihm zu lesen, hat mich etwas schockiert. Denn gerade von einem Schauspieler, der davon lebt, sich in andere Lebensrealitäten hineinzuversetzen, hätte ich mehr Reflexion erwartet.

Ist es nicht seine Aufgabe, sich in Rollen einzufühlen? Sich mit anderen Lebensentwürfen auseinanderzusetzen, Charaktere zu verstehen, ihre Beweggründe zu durchdringen? Herauszufinden, was sie antreibt, was sie bewegt, wovor sie Angst haben und wovon sie träumen? Gehört es nicht zum Kern der Schauspielkunst, offen zu sein – neugierig, tolerant, bereit, Perspektiven zu wechseln? Vielleicht ist das idealistisch. Aber das ist mein grundlegendes Verständnis von Schauspieler*innen. Deshalb kann ich beispielsweise auch die Diskussion nicht nachvollziehen, warum „nur“ queere Menschen queere Charaktere darstellen sollen. Repräsentation und Sichtbarkeit sind natürlich wichtig, sie lassen sich aber auch anders erreichen, indem man alle Rollen mischt, wenn man so will. Das ist aber eine andere Diskussion.

Wenn ihm schwule Menschen Angst machen, allein schon der Gedanke, von queeren Personen berührt zu werden – was sagt das über ihn aus? Und es geht hier nicht um romantische Berührungen oder um sexuelle Handlungen. Wenn man sich das Interview durchliest, scheinen ihn allein schon Berührungen, die aus Versehen, die in einer Menschenmenge oder so nun einmal nicht zu vermeiden sind, völlig aus der Fassung zu bringen. Was sind das für Aussagen? Nur weil etwas anders ist, als er es gewohnt ist? Nur weil er es nicht nachvollziehen kann? Macht ihm alles Angst, was ihm fremd erscheint oder nicht in sein Weltbild passt? Wie unsicher und schwach muss man sein, um so etwas öffentlich zu äußern – was für ein armseliges Leben muss dieser Mensch führen?

Und dann stellt er sich als Person des öffentlichen Lebens – als ehemaliger Star eines weltbekannten Franchises, dessen Filme ich durchaus gerne geschaut habe – hin und behauptet, schwule Menschen machten ihm Angst. Wer eine Plattform hat, trägt Verantwortung. Nicht jeder Gedanke muss ausgesprochen werden. Nicht jede persönliche Unsicherheit gehört in die Öffentlichkeit. Vor allem, wenn er noch ein Alkoholproblem hat (vielleicht sogar mehr?). Ich weiß es nicht), dann ist das nichts anderes als Clickbait und das Ausnutzen eines armen, unsicheren Menschen. Wem nützt die Aussage in diesem Interview? Was sollen sie bewirken? Im Privaten kann man diskutieren, zweifeln, sich mit Freunden austauschen. Und selbst dann springt hoffentlich jemand ein und holt ihn zurück zum Boden der Realität. Aber wer in der Öffentlichkeit steht, sollte sich der Wirkung seiner Worte bewusst sein. Verantwortung bedeutet auch, zu wissen, wann man am besten die Klappe halten soll. Unfassbar.