Privatleben, KI und YouTube (1/2)

Das Internet gibt und das Internet nimmt. Eigentlich wollte ich einen Text über den Einsatz von KI schreiben. Einen sehr spezifischen Einsatz von KI. Ein gern geschauter YouTube-Kanal hat vergangene Woche, am Mittwochabend, ein Video veröffentlicht. Der Kanal: Midwinter Minis. Das Thema: eine spezifische, von einer KI-Expertin programmierte ChatGPT-Variante, die es einfach machen soll, Warhammer-Regeln zu verstehen. Diese eigens für diesen Zweck programmierte und mit Hierarchien und Guardrails versehene Variante hat mit öffentlich zugänglichen Informationen gearbeitet. Es wurden keine Informationen von GW gestohlen, soweit haben sie das im Video klargemacht und versucht, es so zugänglich wie möglich zu machen. Diese ChatGPT-Variante könnte auch Armeezusammenstellungen verstehen helfen und sogar beim individuellen Zusammenstellen von Lore oder Farbschemata für die eigene Fraktion unterstützen.

Es war ein cooles Video, das fast eine halbe Stunde dauerte, und ich bin sehr froh, dass ich mich noch dazu entschlossen hatte, es an diesem Abend anzuschauen. Denn am nächsten Morgen war das Video down. Nicht mehr verfügbar. In meiner Naivität wusste ich erst nicht genau, warum. Dann habe ich auf Reddit nachgeschaut. Sagen wir mal, die Reaktionen sind nicht äußerst positiv ausgefallen. Was mich besonders schockiert hat, waren die Kommentare zu Guys Privatleben. Guy betreibt Midwinter Minis. Es ging um seine Scheidung, Kinder, seine ehemalige Assistentin und so weiter. Unschöne Dinge wurden behauptet. Ich weiß nicht, was wahr ist, und mir ist es auch egal. Ich kann Guy nur aufgrund dessen bewerten, was ich in seinen Videos sehe. Er hat eine große Leidenschaft für Warhammer, möchte Menschen dieses Hobby näherbringen und die Community unterstützen. Ich schaue fast jedes Video von ihm und ich könnte ihm aus dieser eingeschränkten Perspektive nichts Negatives unterstellen.

In dem KI-Video hat er die negativen Seiten von KI angesprochen. Wie die meisten kreativen Menschen verabscheut er generative KI. Ich halte es für besorgniserregend, dass KI Bilder erzeugen kann, Bücher und Texte schreibt, Audio und Video produziert und damit das Internet zumüllt. KI hat ihren Nutzen, ja. Beispielsweise um SharePoint zu durchsuchen, Informationen zu extrahieren oder eben die komplexen Regeln von Warhammer einsteigerfreundlich aufzubereiten. KI ist nun einmal in unserer Welt. Die Blase kann platzen oder nicht, die Technologie geht allerdings nicht weg. Und ja, sie wird auch einige Jobs kosten, genauso wie die industrielle Revolution und etliche andere technologische Erfindungen, besonders wenn es um Automation geht. Aber es werden ebenso neue Jobs entstehen, die wir uns vielleicht noch gar nicht ausmalen können.

Wie so oft wünschen wir uns vielleicht, dass ein Thema schwarz-weiß ist. Ja oder nein: einfach. Die Welt ist allerdings kompliziert und ambivalent und manchmal können zwei Zustände gleichzeitig wahr sein. Bei KI ist es ebenfalls so. Gibt es ein Energieproblem, das es zu lösen gilt? Ja, unbedingt. Nutzen wir alle KI jeden Tag, ohne es zu wissen? Mit Sicherheit. Wird entschieden, zu viel Geld in Firmen und Infrastruktur gesteckt? Oh ja! Gibt es unzählige sinnlose Anfragen? Wir sind alle immer noch Menschen, als auch hier, ja.

Vielleicht war ich naiv in meiner Annahme, dass die Community, die sich rund um Midwinter Minis gebildet hat, nachsichtig wäre und durchaus bereit ist, sich auf eine Diskussion einzulassen. Ich hätte nicht mehr irren können. Von pauschalem KI-Hass (den ich von vorneherein nicht nachvollziehen kann: Wieso müssen Menschen immer gleich etwas aggressiv hassen und pauschal ablehnen?) hin zu den unnötigen Kommentaren unter der Gürtellinie. Und nicht nur gegenüber Guy, sondern auch der KI-Expertin. Ja, es gibt eine Professorin (sie wird nicht die Einzige sein), die sich speziell mit dem Thema Ethik und KI beschäftigt. Das ist ein wichtiges Feld und wird nur noch wichtiger werden. Ich fand das Video gut gemacht. Sie vermittelten eine für mich richtige Einstellung dem Thema gegenüber. Skeptisch, aber doch offen, experimentierfreudig und mit einem Hauch Selbstironie versehen.

Ich hatte mich schon darauf gefreut, die von ihnen konzipierte KI für meine Tyraniden-Armee zu verwenden. Schade, dass Menschen dazu genötigt werden, ihre Videos zu depublizieren, weil sich ein Mob auftut und Moralpolizei spielt. Geradezu beschämend. Das mindert nicht nur die Diskussion innerhalb des Hobbys, sondern verhindert eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Dabei bräuchte es genau solche Videos. Um zu zeigen, dass KI sehr viel mehr sein kann als nur ein schlechter, Slop produzierender, böser Dämon, mit allen damit verbundenen Weltuntergangsszenarien.


Eigentlich wollte ich es dabei belassen, aber dann ist mir doch noch ein Aspekt eingefallen, über den ich gern schreiben würde. Den sehen wir uns aber morgen an.


Da seit dem Schreiben des Textes schon ein Entschuldigungsvideo herausgekommen ist, bekommt diese Duologie auch noch einen dritten Teil.