Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute einen Text aus grauer Vorzeit an. Für mein Medienwissenschaftsstudium habe ich ein so genanntes Projektstudium geschrieben. Darin habe ich mich mit dem X-Men-Comics auseinandergesetzt. Die Texte habe ich damals in Englisch verfasst, möchte sie aber heute in Deutsch präsentieren. Deshalb habe ich sie mithilfe von DeepL initial übersetzt und anschließend redigiert.
Heute geht es weiter mit dem zweiten und letzten Teil zu »Avengers Disassembled«. Wir werfen einen genaueren Blick auf den Charakter Wanda Maximoff, das Ausmaß ihrer Kräfte und wie es weitergeht.
Als Letztes sind erschienen:
- Comic Book Authority
- Thomas & Adams (Teil 1, Teil 2)
- Was ist ein Mutant (Teil 1, Teil 2)
- X-Men First Class v1 (2007)
- Comic-Epochen (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5)
- Avengers Disassembled (Teil 1)
Überbleibsel der Vergangenheit
Wie bereits erwähnt, kenne ich Bendis hauptsächlich aus seiner Reihe »Ultimate Spider-Man«. Eine seiner größten Stärken als Autor sind seine Dialoge. Sie wirken natürlich und authentisch, und es scheint fast übernatürlich, wie er komplexe, schwerwiegende Themen in Gespräche einfließen lässt. Selbst die Art und Weise, wie die Figuren sprechen, verrät viel über sie. Ich glaube, man könnte eine beliebige Sprechblase auswählen und den Charakter benennen, der sie gesprochen hat.
Das ist wichtig, weil die Figur, die für all die Zerstörung und das Chaos verantwortlich ist, aus den 60er Jahren stammt. Und obwohl wir sie bereits in früheren Geschichten kennengelernt und über sie gesprochen haben, ist in den vergangenen 30 Jahren viel mit ihr passiert. Ich spreche von Scarlet Witch alias Wanda Maximoff.
Während die Ex-Avengers über sie sprechen, enthüllen sie ihre tragische Vergangenheit. Sie ist offenbar eines der mächtigsten magischen Wesen im Marvel-Universum und in der Lage, die Realität selbst umzugestalten. Der Grund, warum S.H.I.E.L.D. die Kree mit ihren Sensoren nicht aufspüren konnte, ist, dass Wanda sie erschaffen hat. Sie hat sie durch ihre Gedanken ins Leben gerufen. Aus dem Nichts kann sie alles kreieren, was sie sich vorstellen kann. Nichts scheint unmöglich. Das könnte auch der Grund sein, warum Jack of Hearts, der eigentlich tot sein sollte, zu Beginn der Geschichte auftaucht.
Es ist wichtig, dieses Konzept zu verstehen: Sie kann die Realität manipulieren. Das hat sie schon einmal getan. Zu dem kommenden Thema habe ich noch keine Recherchen angestellt, weil ich mich zumindest ein wenig überraschen lassen möchte, wenn wir zu der Geschichte um Genosha kommen. Soweit ich es verstehe, wollte Wanda Kinder haben und führte aus reinem Willen – mit ihren magischen Fähigkeiten – eine Schwangerschaft herbei. Sie brachte zwei Kinder zur Welt. Dennoch waren es keine „echten“ Kinder. Wir diskutieren hier nicht das Konzept dessen, was in diesem Zusammenhang „real“ ist. Das ist eine andere Diskussion. Aber so wird es im Marvel-Universum unter den Charakteren diskutiert: Die Kinder hätte es nie geben dürfen. Nach der Geburt hat eine Frau, deren Namen mir nicht bekannt ist, diesen „Fehler“ korrigiert. Wandas Kinder existierten also nicht mehr.
Zurück zur aktuellen Situation: Wanda ist in eine Welt der Fantasie geflohen. Sie hat ihre Kinder in ihrer Vorstellung wieder erschaffen, um mit ihnen Haus zu spielen („to play house“, wie es im Englischen so schön heißt). Sie verliert jedoch die Kontrolle über ihre Kräfte, und wie Doctor Strange betont, ist die Fantasie der Feind. Alles ist möglich. Niemand ist vor Wandas Kräften sicher. Mit dem Auge von Agamotto kann Dr. Strange Wandas Kräfte bändigen, woraufhin sie bewusstlos wird.
Das letzte Bild, das wir von ihr sehen, ist, wie Magneto aus dem Nichts auftaucht, seine Arme zu beiden Seiten ausgebreitet und in der Luft schwebt. Der Jesus-Vergleich ist nicht wirklich subtil, auch wenn Magneto in Purpur gekleidet ist, inklusive Umhang und Helm. Überrascht und ungläubig (Magneto sollte eigentlich auch tot sein, hat dies aber nur vorgetäuscht) unternimmt keiner der Avengers etwas. Sie geben Magneto seine Tochter, und gemeinsam fliegen die beiden davon.
Dies war eine der am besten gestalteten Szenen, die ich je in Superhelden-Comics gelesen habe. Alles, was passiert ist, führt zu diesem Moment. Man muss nicht alle vorherigen Geschichten gelesen haben, denn die Reaktionen der Charaktere reichen aus, um einen in den Bann zu ziehen. Das ist bemerkenswert. Die künstlerische Fähigkeit, all diese emotionalen Szenen umzusetzen, ist ebenfalls großartig. Jedes Wort, jedes Bild, jeder Gesichtsausdruck trifft ins Schwarze. Schlag auf Schlag auf Schlag. Und dann ist es plötzlich vorbei und man sitzt vor einem Scherbenhaufen, der einmal die Avengers waren.
Fazit
Eine Sache, die mich in diesen wenigen Ausgaben am meisten fasziniert hat, ist die Art und Weise, wie Bendis die Avengers auseinandergenommen hat. Sie müssen einen Schlag nach dem anderen einstecken. Zuerst eine Explosion, dann ein Absturz, angegriffen von Ultron-Robotern und den Kree – allesamt große Gegner der Avengers – und Wanda nutzt sie alle, um das Team zu zerstören. Bendis hat die Avengers nicht nur auseinandergenommen, er hat ihren Kern zerstört. Dann hat er das, was übrig geblieben ist, genutzt, um die Scherben aufzulesen und ein neues Team zu bilden. Von vorne anzufangen.
Nächstes Mal sehen wir uns quasi die Fortsetzung an (ebenfalls von Brian Michael Bendis): House of M.