Zum Schutz der Kinder! Weltweit grassieren gerade Gedanken zum Verbot von sozialen Medien für unter 14-Jährige – entsprechende Gesetze werden in einem Staat nach dem anderen erlassen. Manchmal ist auch 16 Jahre die Grenze, wenn ich mich recht entsinne, aber das Thema bleibt das gleiche: Man möchte Jugendliche vor den Schäden von Social Media bewahren. Dem großen Übel des 21. Jahrhunderts – Gegner und Bedrohung der Demokratie. Es macht süchtig (aktuell laufen entsprechende Klagen und ich bin sehr gespannt auf die ersten Urteile, die wegweisend sein könnten – Vergleiche zur Tabakindustrie werden herangezogen und scheinen gar nicht mal so weiter hergeholt), reduziert die Aufmerksamkeitsspanne und ist ein Zeitfresser, wie wir es wohl in der Menschheitsgeschichte noch nicht erlebt haben. Ganz davon abgesehen, welcher Müll dort teils verbreitet wird. Wobei »Müll« hier sehr viele Definitionen einnehmen kann, je nachdem von welcher Seite oder von welchem Blickwinkel man das Thema betrachtet.
Sehr empfehlenswert zu dem Thema ist die zweite Folge der 13. Staffel von Last Week Tonight. John Oliver und sein Team widmen sich eingehend dem Untergang von Twitter und wie gefährlich die Plattform wirklich ist – egal ob man sich nun darauf herumtreibt oder nicht. Es ist augenöffnend. Verschwörungstheoretiker scheinen zurzeit sowieso Hochkonjunktur zu haben und könnten uns allen sagen: „Wir haben es euch doch gesagt!“ Bei den Epstein Files kratzen wir gerade erst an der Oberfläche und entdecken schon jetzt ein globales Netzwerk, das seinesgleichen sucht. Dann haben wir soziale Medien wie Twitter, das vom reichsten Menschen der Welt betrieben wird und der so in politische Systeme eingreifen kann, wie kaum ein Zweiter. Es ist beängstigend. Für mich hat die Last-Week-Tonight-Episode allerdings auch bestätigt: Kinder und Jugendliche sind nicht das Problem.
Es ist eine Scheindiskussion, auf die man sich eigentlich gar nicht einlassen sollte. Bringen sich Altersbeschränkungen wirklich etwas, solange man nicht seinen Ausweis einreichen muss, um das eigene Alter zu bestätigen? Und will man, weiter gedacht, wirklich seinen Ausweis amerikanischen Plattformen zur Verfügung stellen, nur um das eigene Alter zu verifizieren? Wer hat dann Zugriff auf meine Daten? Die US-Regierung? Will ich das wirklich? Alles ganz große Fragezeichen. Das viel größere Problem von sozialen Netzwerken sind nicht die Jugendlichen, sondern die Erwachsenen. Alle können quasi unmoderiert posten, was sie für richtig und wichtig halten. Fakten gibt es schon lange nicht mehr, da man sich seine eigene Blase zusammenbaut und glauben kann, was man möchte. KI-generierte Inhalte, Bilder und Videos machen die Unterscheidung zwischen Fakt und Fake noch einmal schwieriger. Und ich wage zu behaupten, dass niemand von uns in der Lage ist, wirklich den Unterschied zu erkennen.
Altersbeschränkungen für soziale Medien sind nett. Viel wichtiger wäre es jedoch, wenn die Plattformen endlich für die Inhalte, die mit ihren Mitteln gepostet und verbreitet werden, haften würden. In der Anfangszeit von Social Media war es vielleicht noch okay, so naiv zu sein und den Usern die Moderation der Inhalte zu überlassen – mit ein bisschen Content-Moderation der Betreiber. Doch diese Anfangszeit ist längst überholt. Social Media, egal um welche Plattform es sich handelt, um welchen Betreiber, muss Verantwortung für das übernehmen, was auf ihnen veröffentlicht wird; KI produzierte Inhalte müssen entsprechend gekennzeichnet werden. Nur so können wir in die Nähe einer brauchbaren Nutzung von sozialen Medien kommen. Alles andere sind Scheindiskussionen und Ablenkungen, auf die man sich eigentlich gar nicht einlassen sollte.
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