Ich weiß nicht, ob ich langsam betriebsblind werde, aber wiederholt muss ich feststellen, dass mich ein MCU-Film der vierten Phase positiv überrascht. Dr. Strange in the Multiverse of Madness ist ein äußerst unterhaltsames, mehrere Universen umspannendes Abenteuer. Sam Raimi gelingt es, einen vergleichsweise ernsten Film zu erzählen. Natürlich gibt es den ein oder anderen lässigen Spruch. Doch es dürfen Momente für einen Augenblick verweilen und für sich stehen. Es wird nicht alles sofort relativiert oder ins Lächerliche gezogen. Der Score von Danny Elfman untermalt das Geschehen gekonnt, ohne zu sehr in den Vordergrund zu drängen.
In den vergangenen Tagen habe ich so einige Marvel-Filme geschaut. Ich bin länger krank gewesen, konnte aber zum Glück Filme schauen. So habe ich nicht nur die X-Men-Filme in wenigen Tagen beendet, sondern auch die Phase vier vom MCU relativ zügig vorangetrieben. Wenn dieser Text erscheint, ist das schon einige Monate her. Doch ich finde, dass es den Filmen nicht schadet, sie in so kurzen Zeitabständen zu schauen. Auch vermisse ich bisher den Kontext der Serien nicht. Die Motivation von Wanda aka Scarlet Witch ist nachvollziehbar. Sie hat Vision verloren, davor ihren Bruder; es ist verständlich, dass sie ein normales Leben leben möchte.
America Chavez (Xochitl Gomez) ist ein toller Charakter und wird hier gut eingeführt. Ihre Hintergrundgeschichte ist schnell erklärt, wobei hier eine Art Erinnerungsmaschine in einem der Universen, die sie mit Dr. Strange besucht, hilft, es uns Zuschauer*innen einfach und schnell zu erläutern. Den Rest kann man sich selbst dazu denken. Es muss nicht alles ausformuliert werden. Mit ihr haben wir in Dr. Strange in the Multiverse of Madness nun drei Arten von Magie, wenn man Americas Fähigkeiten so bezeichnen möchte. Die »mystic arts« von Strange und Wong, die Hexerei von Wanda und Americas multidimensionale Reisefähigkeiten. Doch alle drei sind visuell klar voneinander zu trennen und es wird deutlich, dass sie jeweils anders funktionieren. Das erleichtert es, den Überblick zu behalten.
Visuell ist Dr. Strange in the Multiverse of Madness erneut ein Testament für die Fähigkeiten von CGI-Künstler*innen. Dieser zweite Teil übertrumpft den ersten, was abgefahrene, kreative und waghalsige Kulissen, Effekte und Monster anbelangt. Es ist ein wahrer Augenschmaus. Ebenso sind die Doppelgänger der bekannten Charaktere leicht anders und man kann sie stets dem Universum, dem sie entstammen, zuordnen. Raimi und sein Team schaffen es stets, dass man trotz der vielen Ortswechsel den Überblick behält.
Die Cameos in Form der Illuminaten finde ich ebenso gelungen. Vor ein paar Wochen habe ich mich noch etwas davor gedrückt, diese gut finden zu wollen. Es missfiel mir, dass ein Charles Xavier, eine Peggy Cater oder ein Reed Richards dermaßen verbraten werden. Doch die Inhumans hatten ihre Chance und sind kläglich gescheitert. Genauso wie die vergangenen Versionen der Fantastic Four bald durch eine »offizielle« MCU-Version abgelöst werden. Patrick Stewart in dem aus der Zeichentrickserie entliehenen, gelben Rollstuhl zu sehen, war erfreulich. Es passt und ist kurz genug, dass man ihre Auftritte feiern kann. Ob es in unserem Marvel-Universum (Kennzahl 616) ebenfalls eine Form der Illuminati geben wird, wage ich zu bezweifeln. Deshalb ist es schön, dieses Konzept aus den Comics zumindest in dieser Form verarbeitet und erwähnt zu sehen.
Zu Benedict Cumberbatch als Strange, Elizabeth Olsen als Wanda Maximoff oder Benedict Wong als Wong muss ich wohl nicht mehr viel sagen. Die drei (und ein paar der Nebendarsteller*innen) haben ihren Charakter über Jahre und in so manchen MCU-Einträgen gespielt. Die Charaktere liegen ihnen, passen zu ihnen und sie verkörpern sie perfekt. Es ist schön zu sehen, dass sie sich weiterentwickeln dürfen. Das ist Charakteren in Filmreihen nicht immer gegönnt. Egal in welche Richtung es gehen mag, ob sie mir gefällt oder nicht, Stagnation fände ich viel schlimmer. Und wir sind hier in einer Comicverfilmung, das heißt, eine »redemption arc« ist immer möglich. Besonders, wenn die nächste Multiversum umspannende Katastrophe bevorsteht.
Ursprünglich sollte Nightmare der nächste Bösewicht werden. Ich hoffe, dass dieser Charakter im nächsten Film seinen Auftritt feiern darf. Raimi einen Horrorfilm im MCU drehen zu lassen, mit einem Charakter wie Nightmare wäre episch. Wenn dann noch Hans Zimmer als Komponist für den Soundtrack engagiert werden würde, blieben keine Wünsche mehr offen. Dass dies alles so eintritt, ist zwar relativ unwahrscheinlich, aber man darf träumen. Und wie wir in Dr. Strange in the Multiverse of Madness gelernt haben, sind Träume Fenster in andere Universen. Und irgendwo wird es sicherlich so einen Film geben. Vielleicht also auch bald bei uns.