Manchmal mag man es sich ja nicht eingestehen, aber das Internet als gesamtes Konglomerat hat einen Einfluss auf die eigenen Meinungen und Sichtweisen. Es ist so ähnlich wie mit Werbung. Man begegnet immer wieder Menschen, die behaupten, dagegen immun zu sein und sich nicht von Werbung manipulieren zu lassen. Dann tragen diese aber irgendwelche Markenklamotten oder kaufen Produkte, die für ihre Funktion nur teuer sind, aber keinen echten Mehrwert bieten. Vor allem, wenn jemand behauptet, nicht manipuliert zu werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es eben doch so ist.
Deshalb glaube ich, dass ich einen viel zu schlechten Eindruck vom MCU entwickelt habe. Wie bereits in anderen Texten zum Rewatch geschrieben, müssen sich die neuen Filme erst noch beweisen, da ich nach Endgame ein gewisses Maß des Überdrusses hatte. Doch ob sie wirklich so schlecht sind, wie allgemein behauptet wird? Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Nehmen wir als Beispiel Spider-Man, wenn wir schon zufällig dabei sind, Homecoming zu besprechen.
Tobey Maguire wird von der Fangemeinde mehr als vergöttert. Er war der erste einer neuen Interpretation des Charakters. Eine Live-Action-Version von Spider-Man, die sich selbst ernst nahm und ausgezeichnet gemacht war. Dann kam Andrew Garfield. Das Studio und die Verantwortlichen versuchten etwas Neues, und sofort kam die Kritik. Es war eben nicht das Gewohnte, sondern etwas anderes. Dabei war es die erste Neubesetzung. Mit einem neuen Schauspieler versuchte man natürlich Dinge anders, vielleicht besser zu machen. Meiner Meinung nach ist das durchaus gelungen, und ich hätte gerne mehr gesehen. Nun werden die Filme von Tobey Maguire und Andrew Garfield, so kommt es mir gelegentlich vor, in manchen Bereichen zu sehr auf ein hohes Podest gestellt. So kann Marvel mit ihrer Interpretation des Charakters nur scheitern.
Aber wie waren denn die Anfänge von Peter Parker im MCU? Das erste Mal haben wir Spider-Man bereits in Civil War gesehen. Das Intro war durchaus gelungen. Die Action-Sequenz am Flughafen hatte genau die richtige Dosis Spider-Man, mit seinen lustigen Sprüchen, kreativen Ideen und seinem ganzen Auftreten. Die Interaktion mit Tony Stark war logisch, da Tony mehr Einheiten auf seiner Seite brauchte. Da kam ein junger, unerfahrener Held, den er manipulieren konnte, gerade richtig. Zu hart? Vielleicht, aber genau das hat er getan. Denn beim wiederholten Ansehen ist mir etwas aufgefallen, was mir zuvor vielleicht nur unbewusst klar war: Tony unterbricht im MCU die natürliche Entwicklung von Spider-Man, wenn man es so bezeichnen möchte.
Unter der natürlichen Entwicklung verstehe ich in etwa das, was in den Filmen von Tobey Maguire und Andrew Garfield passiert. Peter Parker und Spider-Man entwickeln sich unabhängig von anderen Helden, bis sie bereit sind, sich diesen anzuschließen. Doch durch die Einmischung von Tony überspringt Peter diesen Entwicklungszyklus. Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes und wie sich, vorwiegend in den Avengers-Filmen, zeigt, war Spider-Man eine hervorragende Ergänzung. Wie anders würde das MCU aussehen, wenn sich Marvel und Sony nicht auf geteiltes Fürsorgerecht geeinigt hätten?
Wenn man sich das Bonusmaterial zu Spider-Man – Homecoming anschaut, wird einem erst so richtig die Leidenschaft und Hingabe für den Charakter bewusst. Nicht nur von Tom Holland, sondern vom gesamten Team. Sie haben sich viele Gedanken darüber gemacht, wie sie Spider-Man ins MCU einführen und wie das erste Solo-Abenteuer aussehen könnte. Wobei es so richtig Solo nicht ist, da Tony weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Nicht nur eine positive, wie ich finde. Aber dazu gleich mehr. Ich möchte zuerst noch herausstellen, wie essenziell Tom Holland für diese Interpretation des Charakters ist.
Immer wieder wird im Bonusmaterial erwähnt, welch tragende Rolle der Schauspieler einnimmt. Das geht weit über das simple Porträtieren des Charakters hinaus. Durch seinen Hintergrund als Tänzer und seine Leidenschaft für Gymnastik ist er prädestiniert dafür, viele der Stunts selbst zu machen. Tut dies dann auch. Tom Holland ist ein sehr physischer Schauspieler und weiß, wie er seinen Körper einsetzt, um gewisse Emotionen darzustellen oder wie sich Spider-Man in diesem Moment bewegen und verhalten würde. Das macht er allerdings nicht nur im Anzug vor der Kamera, sondern erledigt nebenbei noch Motion-Capture-Aufnahmen für die späteren CGI-Ergänzungen und liefert kreativen Input. Außerdem, wenn man den Berichten der letzten Jahre glauben darf, hat er im Hintergrund einiges mit der Produktion und den Verhandlungen zwischen Marvel und Sony zu tun gehabt. Dazu ist er noch ein bodenständiger, sympathischer Typ. Einen besseren Schauspieler hätte man sich für die Rolle eines Spider-Man nicht wünschen können.
Tom Holland zeigt im Film immer wieder, dass er die unterschiedlichen Aspekte des Charakters wunderbar beherrscht. Seien es die Awkward-Teenager-Momente, die nervöse Energie, die Action-Einlagen, das Überschätzen seiner eigenen Fähigkeiten oder die naive Herangehensweise an Kämpfe und Konflikte. Ned ist ein wunderbarer Gegensatz dazu, den es gebraucht hat, um den Charakter Spider-Man in einer gewissen Realität zu verankern. Er ordnet Dinge ein, holt Peter auf den Boden der Tatsachen zurück, aber unterstützt ihn auch, wenn es notwendig ist. Genauso Tante May, die hier wunderbar porträtiert wird, von Marisa Tomei. May will nur das Beste für ihren Neffen, scheitert aber immer wieder an seinen Geheimnissen und seiner Verschlossenheit.
Ich habe die letzten Einträge des MCU relativ knapp hintereinander geschaut. Das ist insofern zuträglich, als man so erst das Verhalten von Tony und Happy etwas besser nachvollziehen kann. Immerhin lässt Tony Peter ziemlich allein. Weder Happy noch Tony erklären ihm den Anzug oder was es damit auf sich hat. Sie spionieren ihm nach, ohne es ihm zu sagen, und lassen ihn nach den Ereignissen von Civil War allein. Das ist zum einen verständlich, da beide aufs tiefste betrogen wurden, doch Peter ist hier noch ein Kind und hätte die entsprechende Unterstützung gebraucht. Stattdessen wird er angeschrien, auf ein sehr hohes Podest gestellt, das mit Erwartungen verknüpft ist, die nicht einmal ein Tony Stark hätte erfüllen können. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir ein gefühlvolleres Vorgehen gewünscht hätte, da das Verhalten der Charaktere durchaus nachvollziehbar ist. Es hätte aber auch anders laufen können.
Tony scheint allerdings aus diesen Fehlern, die er mit Peter begeht, nichts zu lernen. Sonst würde er ihm am Ende nicht den Posten eines echten Avengers mit eigenem Raum im Hauptquartier anbieten. Hier zeigt sich, welch eine Entwicklung Peter während des Films durchgemacht hat. Von den höchsten Höhen bis zum tiefsten Punkt. Dabei sind Tonys Worte, die Peter im Kopf herumschwirren, als er von tonnenschwerem Material begraben daliegt, nicht falsch. Wenn er ohne den Anzug nichts ist, nichts kann, dann hat er diesen auch nicht verdient. Es ist eine Lektion, die selbst Tony hart lernen musste, wie wir in Iron Man 3 gesehen haben. Allerdings hätte er Peter das etwas schonender beibringen können.
Im Kontext des MCU ist Spider-Man – Homecoming ein perfekter erster Film für Peter Parker. Er lernt die notwendigen Lektionen, die ihn für die weiteren Abenteuer vorbereiten. Wenn wir die gesamte erste Trilogie, inklusive der Avengers-Filme, als eine Art Unterbrechung der natürlichen Entwicklung von Spider-Man sehen, so bin ich sehr gespannt, was der nächste Teil für uns parat hält. Persönlich würde ich mir ein Zurückbesinnen auf die klassischen Spider-Man-Abenteuer wünschen. Also einen Film, indem er allein gegen einen Bösewicht antritt. Vielleicht mit ein paar cleveren Cameos von anderen Charakteren. Aber bis wir dorthin kommen, dauert es noch eine Weile.
Zum Schluss möchte ich noch ein paar Easter Eggs erwähnen, die mir entweder nicht mehr so bewusst waren, oder die ich bisher noch nicht bemerkt hatte. Als Erstes sei natürlich Gargan erwähnt, der als zukünftiger Bösewicht eingeführt wird. Sein Anzug liegt in irgendeinem Pick-up-Truck in New York und wartet nur darauf, verwendet zu werden. Vielleicht im vierten Teil? Donald Glover als Aaron Davis hatte ich ehrlicherweise komplett vergessen. Er erwähnt sogar seinen Neffen, der hoffentlich ebenfalls noch sein Debüt im MCU feiern darf. Auf der Blu-Ray-Version des Films, die ich habe, ist ein Special Feature dabei, das einem die Referenzen und Easter Eggs im Film während des Anschauens erklärt. Leider habe ich das erst nach dem Rewatch gesehen, deshalb muss ich ihn mir vielleicht leider nochmal anschauen. Ich bin sehr neugierig, wie sie das umgesetzt haben. Nach all den Jahren, in denen ich den Film aber nicht mehr gesehen habe, war ein reiner Genuss, ohne Erklärungen, unausweichlich und wahrscheinlich besser.
Was mir ebenfalls gefällt und ich bei mehr Filmen gerne gesehen hätte, sind einleitende Worte von Schauspielerinnen oder Regisseurinnen. Bei Doctor Strange war es, glaube ich, der Regisseur, der vor Beginn des Films ein paar Worte verliert. Zu Beginn von Spider-Man – Homecoming ist es Tom Holland, der das Publikum begrüßt. Eine charmante Idee, die nicht aufwendig ist, aber trotzdem viel Wirkung hat. Eine kleine Aufmerksamkeit für die Fans, die sich die Disc-Version der Filme kaufen.