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Fiction | Liebe auf den ersten Blick

Wie auch letztes Weihnachten habe ich mir für dieses Jahr eine Kurzgeschichte herausgesucht. Diese habe ich vor einigen Jahren in einem VHS-Kurs geschrieben; ich glaube, es war 2018 oder 2019. Es ist nicht gerade eine leichte, weihnachtliche Geschichte, sondern eher düster. Aber passt vielleicht in die dunklere Jahreszeit.

Es erstaunt mich immer wieder, welche Texte ich in der Vergangenheit geschrieben habe und wo ich die Ideen herhatte. Für diese konkrete Geschichte lässt sich das leider nicht mehr nachvollziehen, aber ich finde sie durchaus gelungen. Ich mag das Kurzgeschichten-Format gerne. Man kann innerhalb kurzer Zeit eine dichte Atmosphäre aufbauen und ohne viel Gewese auf das wesentliche der Geschichte kommen. Die Leser*innen sind natürlich ebenso gefragt, sich auf diesen kurzen Trip einzulassen und eventuell aus dem Kontext zu schließen, oder selbst zu überlegen, wer die Protagonisten sind, wo sie herkommen, wie sie sich fühlen, was sie durchmachen.

Dass man manchmal von sich selbst überrascht ist, was man im Laufe der Jahre so geschrieben hat, kommt vielleicht mit dem Handwerk des Schreibens. Vor allem, wenn man es regelmäßig und über viele Jahre betreibt und aufrechterhält. So sammeln sich einige Texte zusammen. Deshalb mag ich es so sehr, vergangene Texte von mir hervorzukramen. Manchmal bedarf es eines Blicks in die Vergangenheit, um zu sehen, wie weit man gekommen ist und wohin man gehen möchte. Auch solche Überlegungen passen zu dieser Jahreszeit und zum Jahreswechsel.

In diesem Sinne wünsche ich schöne, besinnliche Weihnachten und erholsame Feiertage.


Liebe auf den ersten Blick

von Christoph Staffl

Sven saß erschöpft im Bus. Ein anstrengender Tag liegt hinter ihm. Als ihm etwas auffällt:

Er sitzt einfach nur da. Tut nicht viel. Wippt leicht mit einem Fuß. Hört er Musik? Durch das Fenster hinter ihm sehe ich die Bäume und Häuser vorbeiziehen. Laternen beleuchten immer wieder, ganz kurz, sein schlankes Gesicht. Gleichgültig blickt er hinaus in die Nacht, lässt sich von ihr nicht einschüchtern. Bietet ihr die Stirn. Es ist eine gewisse Spannung in seiner Haltung, eine Intention. Wie die Aura einer Katze, die im noch feuchten Gras sitzt, scheinbar entspannt und ruhig, jedoch innerhalb eines Wimpernschlages dazu in der Lage, eine Amsel aus der Luft zu holen. Trainiert er? Ist er mir schon mal beim Laufen begegnet?

Was machst du hier? Du bist doch viel zu gut für uns, mit deinem gut gebauten Körper, deiner Haltung und deiner gleichgültigen, nachdenklichen Art.

Eine Station nach der anderen zieht am Bus vorbei. Schließlich greift er nach seinem gefüllten Rucksack – sind da Bücher drin – und verlässt die nach Matsch und Feuchtigkeit riechende Kloake. Das Dunkel und die Kälte verschlingen ihn, ohne dass ich den Mut hatte, ihm zu folgen und anzusprechen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Endlich kommt meine Haltestelle – waren die anderen schon immer so langsam? Hastigen Schrittes bahne ich mir den Weg durch die Leute zu meiner WG. Hoffentlich hat Patrick nicht wieder einer seiner Partys in der Küche. Doch sie ist leer. Zum Glück. Schnell die Sachen im Zimmer verstaut, was zu essen gemacht – geduscht. Ich will es mir endlich auf der Couch gemütlich machen, doch zuerst muss frische Luft ins Zimmer. Ich gehe zum Fenster, nehme den Griff in die Hand und …

Nein, unmöglich. Ich wohne hier seit über einem halben Jahr. Und solche Zufälle gibt es nicht. Noch immer den Griff in der Hand starre ich aus dem Fenster auf das Gebäude schräg gegenüber. Sein noch feuchtes Haar hängt ihm ins Gesicht, ein Handtuch lässig um die schlanken Hüften geschwungen. Zwar verschleiert mein zur Abwehr von Insekten befestigtes Netz etwas den Blick, doch es gibt keinen Zweifel. Er ist es.

Willst du dich etwa vor mir verstecken? Aber du bist doch nicht schüchtern. Sonst würdest du dich nicht so zur Schau stellen. Vor der ganzen Nachbarschaft.

Seit dieser ersten Begegnung sind ein paar Tage vergangen. Das Fliegengitter habe ich kurzzeitig entfernt. Der Schreibtisch neben dem Fenster ist zu meinem Aussichtspunkt geworden. Ich habe schon gelernt, mein Licht abzudrehen, damit er mich nicht sieht. Aber das ist unwahrscheinlich – immerhin bin ich zwei Stockwerke höher.

Wenn ich so dasitze und auf ihn warte, komme ich mir vor wie ein Stalker. Aber das ist lächerlich. Stalker haben Kameras und sind Verrückte, die nur auf einen kurzen Kick aus sind. Ich will ihn kennenlernen. Mut aufbauen, um ihn schließlich anzusprechen. Stalker haben sich nicht unter Kontrolle. Ich kenne nichts anderes, als Kontrolle. Davon abgesehen, wer sieht sich nicht gerne attraktive Menschen an, wenn sie alle zwei Tage vom Sport zurückkommen und für den Abend vorbereiten? Immer um dieselbe Zeit.

Aber in einer Hinsicht habe ich ihn überschätzt. Er lernt nicht besonders lange an seinem Schreibtisch. Ist wohl nicht so fleißig, wie vermutet. Er verbringt eher Zeit damit, auf dem Bett zu liegen und in sein Smartphone zu starren.

Was fasziniert dich nur so darin?

Begehren ist schon etwas Erstaunliches. So flüchtig, wie ein Nebel, aber auch so hartnäckig. Kaum fassbar und trotzdem blockiert es die Sicht. Doch ich verliere mich nicht selbst in diesem Nebel. Ich weiß, wo ich mich befinde, was ich will. Außerdem ist es spannend, das Gefühl, selbst dabei ertappt zu werden, wie man vor dem Fenster sitzt. Werde ich auch beobachtet?

Der traurigste Moment des Tages ist, wenn er sich zum Schalter neben der Tür bewegt und diesen betätigt. Langsam schließen sich dann die Fensterläden. Wieder einmal geht ein Tag vorüber, ohne einen Blick auf seine bezaubernde Figur erhascht zu haben.

Das liebst du doch, nicht wahr? Mit mir zu spielen? Betrachtet zu werden, Wolllust auszulösen, bis sie in nagende Gier umschlägt. Du bist ein Monster.

Und dann erwache ich aus meiner Fantasie. Aus der Welt der Möglichkeiten. Mögliche Welten zusammengesetzt ohne festgetretene Pfade oder Limitierungen. Eine Welt, in der alles möglich scheint und doch das meiste aussichtslos ist. Limitierung. Ich hasse sie. Der Mensch kann nicht alles werden, was er will. Er ist geboren in einer Kaste, geboren in einer Schicht, geboren, um zu sterben. Doch das bin ich nicht. Ich habe die Kontrolle. Ich bin die Kontrolle.

Wir sehen uns, mein Liebster. Ich weiß auch schon genau, was ich zu dir sagen werde.

Fünf. Monate. Später.

Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann war es schon ein Wahnsinn, dass ich so lange gewartet habe, um dich anzusprechen. So viel Zeit vergeudet, die wir hätten gemeinsam verbringen können. Doch es ist ja nochmal alles gut gegangen, findest du nicht auch?

Genau. Ich weiß noch, wie nervös auch du warst, bei unserem ersten Date. Wir waren Eisessen in dem Café nebenan. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wir uns in all den Monaten, die ich hier gewohnt habe, noch nie getroffen haben. Das Schicksal spielt einem manchmal schon gerne Streiche. Ich hoffe, du bist mir nicht bewusst aus dem Weg gegangen.

War nur ein kleiner Scherz. Entschuldige.

Aber jetzt ist ja alles gut, mein Liebster. Ich liebe es, die Sonntage lange mit dir im Bett zu bleiben und einfach nur so dazuliegen und zu reden. Ich liebe dich.

Auch wenn Sven immer noch an einigen Abenden erschöpft im Bus sitzt und die Leute beobachtet, so weiß er nun, dass zu Hause jemand auf ihn wartet. Davids Wohnung ist ideal für die beiden. Am Ende des Ganges, kompakt, keine neugierigen Nachbarn und perfekt, um ganze Tage gemeinsam zu verbringen.

Die Fensterläden bleiben nun jedoch immer geschlossen. Sven ist eine sehr private Person. Und falls doch jemand einen Blick in die Wohnung werfen könnte, würden sie ihm David nur wegnehmen. Doch er gehört ihm.

DU BIST MEIN!

Fiction | God is in the rain

Schön, dass mein Geburtstag dieses Jahr auf einen Donnerstag fällt. Der Tag der Woche, an dem ich alte Texte von mir ausgrabe und vorstelle. Heute ist allerdings kein Blogbeitrag an der Reihe, sondern mal wieder eine Kurzgeschichte. Zwar hatte ich mir im Dezember, als ich die letzte Kurzgeschichte veröffentlicht habe, vorgenommen, mehr in diese Richtung zu Schreiben, doch fehlte es mir etwas an Inspiration. Deshalb freut es mich umso mehr, erneut eine Kurzgeschichte zu präsentieren.

Sie trägt den ominösen Titel »God is in the rain« und ich habe sie vor vielen Jahren im Rahmen eines VHS-Kurses zum Thema kreatives Schreiben verfasst. Zwar würde ich mich als etwas zwischen Atheist und Agnostiker bezeichnen, doch manche Fragen scheinen universell zu sein. Die Geschichte ist ein Philosophieren und Nachdenken, das ich diesem namenlosen Charakter auferlegt habe, das so manchen innewohnt. Besonders an melancholischen Herbstabenden, mit einer Tasse Tee in der Hand und einer Tastatur unter den Fingern.

Die Idee für diese Geschichte oder der spezifische Ausdruck »God is in the rain« kommt in diesem Fall vom Film V wie Vendetta, als die Protagonistin Evey nach ihrer Gefangenschaft und Folter das erste Mal an nach draußen kommt und es anfängt zu regnen. Ich wollte versuchen, dieses Gefühl einzufangen und weiter herunterzubrechen. Ob es mir gelungen ist, entscheiden Sie, liebe Leser*innen.


God is in the rain

von Christoph Staffl

Der Regen prasselt auf die viel beschäftigte Straße. Erst schwach und kaum wahrnehmbar, wie der Beginn eines klassischen Konzertes, wenn nur wenige Instrumente spielen. Dann immer stärker steigert sich die Szene, nähert sich dem Crescendo. Es beginnen sich Pfützen zu bilden. Menschen ohne Regenschirm suchen hektisch nach Unterschlupf. Warum fürchtet ihr den Regen und das, was er offenbart? Anderen macht diese nasse Überraschung nichts aus und gehen einfach weiter ihres Weges – unbeirrt, beinahe stur, doch entschlossen. Wie eine Hyäne, die ihre Beute ausspäht, sich ihr nähert und nicht durch einen Vogel ablenken lässt. Kinder spielen mit den neu entstandenen Pfützen, springen hinein, sehr zum Ärgernis ihrer Eltern, die zu Hause nun die Kleidung waschen müssen. Autos und Busse fahren die enge Straße entlang, spritzen Wasser auf die Fußgänger am Bürgersteig. Nichts bleibt so vor dem Regen sicher. Alles berührt und verändert er. Etwas Magisches wohnt ihm inne.

Die reinigende Kraft des Regens ist unbeirrbar. Sie ist eine Naturkonstante, gleich der Schwerkraft. Wie eine Gottheit, die sich nur durch den Regen in die Welt begeben kann und den Menschen versichert, dass sie da ist, über uns wacht, uns den Weg zeigt, uns begleitet und Leben spendet.

Gott ist im Regen.

Es war ein guter Tag. Die Tasse ist halb voll, jetzt wäscht der Regen die Münzen sauber. Trotzdem bleibe ich sitzen. Ein Hut mit Krempe schützt mich vor dem Regen. Ein Poncho, den ich kurzerhand übergeworfen habe, schützt den Rest meines Körpers, hält den Boden halbwegs trocken. Ich bleibe sitzen. Wer weiß, was noch so passieren mag, an meiner Ecke der Straße. Kein Schild ziert meinen Platz, kein offensichtliches Gebrechen peinigt meinen Körper, kein Anzeichen, warum ein junger Mensch wie ich hier sitzt, eine Tasse in seiner Hand und wortlos die Menschen um Hilfe bittet.

Doch ist das Warum wirklich so faszinierend? Ich schaue den Menschen lieber in die Augen, wenn sie vorbeigehen. So wie Gott im Regen ist, sitzt die Seele eines Menschen in seinen Augen. Katzen wissen das. Deshalb fühlt man sich auch so verletzlich, wenn einem eine Katze lange und tief in die Augen blickt. Sie urteilt über die Seele. Wägt sie ab, wie in der ägyptischen Mythologie scheinen sie die Seele gegen eine einzelne Feder abzuwiegen und zu prüfen – ihren Wert festzustellen. Die Augen eines Menschen sind das Tor zu seiner Seele, für jeden ersichtlich, der sie zu lesen weiß.

Und wenn Menschen nun zu hunderten jeden Tag an mir vorbeigehen, dann blicke ich ihnen in die Augen, lerne sie kennen, ihre Seelen, ihre Natur, ihre Verletzlichkeit. Viele fürchten diese offen zur Schau gestellte Blöße. Sie blicken schnell zur Seite oder blicken stur geradeaus. Sie sind die schlimmsten. Nicht für mich, aber für sich selbst. Ich habe Mitleid mit ihnen. Hassen sie sich selbst so sehr, dass sie einen Menschen, der so viele Schichten unter ihnen ist, nicht einmal eines Blickes würdigen können?

Doch es gibt auch andere. Diejenigen, die einem Respekt zollen. Ein kurzer Blick in die Augen hier, ein kurzes Nicken da. Sie nehmen mich und mein scheinbares Leid zur Kenntnis. Nehmen zur Kenntnis, dass ich hier sitze und warte. Es sind gütige Augen, mitleidvolle Augen, Augen, die Angst davor haben, zu enden wie ich. Auf der Straße, der Natur ausgeliefert, Gott ausgeliefert und die Seele für jeden offenzulegen, der sie beurteilen möchte. Eine Verletzlichkeit, die nicht viele ertragen. Mit den Jahren werden die Menschen entweder zu jenen gütigen, nachsichtigen Wesen, die ein paar Geldstücke erübrigen können oder zu denjenigen, die sich für zu gut halten, um den Blick überhaupt zu senken. Ich habe Hoffnung für sie. Hoffnung für sie alle.

Diejenigen, die dann doch ein paar Geldstücke übrig haben, um sie einem wildfremden Menschen in die Blechtasse zu legen, mögen im Inneren vielerlei Gründe dafür haben. Doch ich sehe nur zwei. Aus der Güte ihres Herzens, um einem anderen zu helfen. Oder aus Scham und aus einem irrwitzigen Schuldgefühl heraus. Die zweite Kategorie ist geschwind in ihren Bewegungen, wie Taschendiebe in einer Menge von Menschen. Sie wollen nicht gesehen werden, wie sie etwas geben. Scham ist ein mächtiger Motivator, beinahe so effektiv wie Hass.

So sitze ich hier, im beginnenden Regen, Menschen beobachtend und wartend. Jeden Tag. Andere sitzen in ihren Büros, sind gehetzt und warten auf das Ende eines Arbeitstages. Wieder andere sitzen nahe dem Ausgang eines Supermarktes, der sie zu verspotten scheint, werden sie ihn doch nie wirklich erreichen. Sitzen nur da, um eine nie enden wollende Flut an Produkten über einen Scanner zu ziehen.

Ich sitze hier, in Ruhe, im Reinen mit mir selbst und warte ebenso. Wir alle warten auf etwas. Doch was ist dieses Etwas? Wenn es so regnet wie jetzt, die Sonne am Horizont verschwindet, der Verkehr weniger wird und die Menschen es nach Hause treibt, dann kann man dieses Etwas beinahe hören. Es liegt in den Tropfen, die auf Dachrinnen landen und dann durch ein Rohr auf die Straße plätschern. Es liegt in den Bächen, die sich bilden und sich einen Weg durch die Straße suchen. Es liegt im Zauber des Regens, der die Menschen ausweichen macht, als handele es sich um etwas Ätzendes. Dabei scheint es so, als würde man am Ende dieser einzelnen Zweige aus Wasser den Sinn des Lebens finden.

Ich sehe diesen Rinnsalen gerne nach, genauso voller Neugier, wie ich in die Augen eines Menschen blicke und auf Erkenntnis hoffe. Ein Erwachen, einen Blick in Gottes Seele, der mir den Sinn des Lebens offenbart. Manchmal, an einem Abend wie heute, denke ich, dass ich kurz davor bin, etwas in ihnen zu entdecken. Die Muster, die sie über die Straßen ziehen, die Wege, die sie durch die Stadt nehmen. Ein großes Ganzes, wie die Muster und Nebel der Millionen an Galaxien. Kann das alles Zufall sein?

Das Einzige, was ich sehe, sind – nasse blaue Sportschuhe?

Ich war so in Gedanken, ich merkte gar nicht, dass die Tasse zu Boden gefallen war. Mein Gesicht war dem kalten Boden nun ganz nah. Ich beginne zu zittern, ob der Erkenntnis, dass die Kälte inzwischen auch meinen Körper erreicht hat. Und blicke auf diese blauen nassen Schuhe. Die Person kniet vor mir, ich setze mich auf. Blaue nasse Jeans kleiden die schlanken Beine. Die Jacke, zuvor mag sie grau gewesen sein, scheint nun schwer und schwarz. Ich sehe der Person ins Gesicht. Es sind gütige Augen, die darin zu Hause sind. Die Seele dieses Menschen sieht mich, erkennt mich und ich sehe und erkenne die Seele dieses Menschen. Die Tasse wird mir entgegengestreckt. Die Münzen sind nun wieder darin verstaut. Ich greife nach der Tasse. Unsere Finger treffen sich, wie sich unsere Augen getroffen haben. Und alles ändert sich.

Gott ist im Regen.

Fiction | Goldie, der Goldhamster

Ich habe mir vorgenommen, wieder etwas mehr Kurzgeschichten oder etwas Vergleichbares zu schreiben. In den vergangenen Jahren habe ich mich bereits an so manchen Geschichten versucht und die Ergebnisse möchte ich natürlich auch gerne hier teilen. Manche habe ich einfach so geschrieben, andere im Zuge eines VHS-Kurses, den ich vor Jahren besucht habe. Den Anfang bildet eine meiner liebsten Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe. Eine nette kleine Geschichte über Goldie, den Goldhamster. Inspiriert wurde die Geschichte vom Podcast Sprechkabine mit Philipp Seidel und Timo Hetzel. Viel Spaß.


Goldie der Goldhamster erwachte mit einem sanften Lächeln auf seinem spitznäsigen, pausbäckigen Gesicht. Das Fell war von der Nacht noch ganz durcheinander. Da machte es auch nichts, wenn er gleich noch ein paar Runden auf dem Laufrad zurücklegte, um die restliche Müdigkeit abzuschütteln. Es war ein tolles Rad. Aus Holz, in einem kräftigen Rot gestrichen und feinen Balken, sodass man durchsehen konnte, während sich das Rad immer schneller und schneller drehte. Ein herrliches Gefühl, sich in den verschwommenen, vorbei sausenden Bewegungen zu verlieren. 

Nach dem Training gab es erst einmal etwas zu trinken und so nuckelte Goldie der Goldhamster an dem metallenen Stutzen, der kaltes, frisches Wasser spendete. Was für ein toller Start in diesen besonderen Tag. Denn es war kein Tag, wie jeder andere. Goldie der Goldhamster war auserwählt worden, Glück und Freude über die Menschen zu bringen. Es waren auch andere ausgewählt worden, denn die Welt war so groß und Goldie so furchtbar klein. Doch gemeinsam konnten sie die Aufgabe schaffen. Während sich Goldie Gedanken über seine bevorstehende Aufgabe machte, kam auch schon der Mensch vorbei, der ihn vorbereiten und zur Rampe bringen sollte. 

„Guten Morgen, Goldie“, sagte der Mensch mit einer sanften Stimme. „Bist du bereit für deinen großen Tag?“ 

Aufgeregt begann Goldie der Goldhamster zu fiepen und mit einem der hinteren Beine zu schaben. Der Mensch nahm Goldie den Goldhamster aus seinem üppigen Käfig. Während er das kleine Tierchen in der Hand hielt, streichelte er über dessen weißen flauschigen Bauch. Da zuckten und strampelten die Hinterpfoten wie wild. Was für ein herrliches Gefühl. 

Nun war es an der Zeit, sich fertig zu machen. So begann der Mensch Goldie seinen Anzug anzuziehen. 

„Es wird Zeit für deinen Anzug, Goldie. Wir wollen doch schließlich nicht, dass du frierst.“ 

Ein großes Lächeln stand auf dem Gesicht des Menschen. Das verstand Goldie der Goldhamster nicht. Aber das machte nichts. Die Uniform bedeckte seinen gesamten, winzigen Körper. Und er glänzte so hübsch silbern. Ein blaues Symbol war auch darauf zu sehen. Das bedeutete, dass Goldie der Goldhamster wichtig war. Nicht jeder bekam solch eine Uniform mit dem Symbol. Das war nur für die besonderen Goldhamster. Hübsch eingepackt, machten sich die beiden auf den Weg zur Rampe. Goldie der Goldhamster durfte dabei die ganze Zeit auf der Hand des Menschen sitzen. Sie gingen durch lange Gänge, sahen andere Menschen und gelangten schließlich zu einer großen schweren Tür. Von draußen konnte man bereits die Menge toben hören. 

Hinter Goldie dem Goldhamster und seinem Menschen stellten sich nun auch die anderen Goldhamster mit ihren Begleitern auf. Goldie der Goldhamster konnte es kaum erwarten, bis es losging. Sein kleiner Körper zitterte vor Aufregung. Da begann Musik zu spielen. Viele Instrumente erklangen und es war eine schöne Musik. Das Tor öffnete sich und sie gingen los. 

Ein langer roter Teppich begrüßte sie und viele Menschen waren gekommen, um sich zu verabschieden. Es war laut und die Menschen klatschten und jubelten. Langsam gingen die Goldhamster und ihre Menschen zwischen der Menge entlang. Goldie der Goldhamster fürchtete sich zwar, es war viel zu viel Lärm für seine kleinen spitzen Ohren, aber das gehörte nun einmal dazu. An der Rampe angekommen winkten die Menschen der Menge noch einmal zu. Die Goldhamster fiepen aufgeregt, doch niemand konnte sie bei dem Lärm hören. 

Schließlich stiegen sie alle in einen Lift ein und fuhren nach oben. Dort angekommen gingen sie über einen kurzen Steg und stiegen durch eine kleine Luke in das große, mächtige Gefährt. Leider kannte Goldie der Goldhamster nicht den richtigen Namen, aber das machte nichts. Die Menschen setzten die Goldhamster ab und sicherten sie mit winzigen Gurten. Dann setzten sie sich ebenfalls und bereiteten alles vor. Sie alle schauten jetzt nach oben. Es war ein klarer, blauer Himmel zu sehen. 

Plötzlich zischte es. Dann donnerte es. Dann rüttelte und schüttelte sich scheinbar die ganze Welt. Goldie der Goldhamster wurde in seinen Sitz gepresst. Es tobte und plärrte. Er verhielt sich mucksmäuschen still. Der blaue Himmel wurde immer dunkler, bis schließlich Sterne zu sehen waren. Es wurde ganz still. Das Rütteln und Schütteln hörte auf und alles schien sich zu entspannen. 

Während die Menschen ihre Arbeit verrichteten, schliefen die Goldhamster ein. Eine solch lange Reise war anstrengend für die kleinen Nager. Sie hatten es sich verdient, sich auszuruhen. 

Goldie der Goldhamster knabberte gerade genüsslich an einer halben Walnuss. Wie herrlich das schmeckte. Da wurde er plötzlich sanft geschüttelt. Er sah seinen Menschen vor sich. „Bist du bereit, Goldie?“ Es war leider nur ein Traum gewesen. Etwas bedrückt nickte Goldie. Aber er freute sich auch, denn nun ging es los. 

Goldie der Goldhamster bekam seinen kleinen Helm aufgesetzt und schwebte langsam mit dem Menschen zu einer anderen, größeren Luke. Die Menschen hatten große, dicke Uniformen an, und hielten ihre Goldhamster in der Hand. Wieder zischte es, dann glitt die Luke zur Seite. Vor ihnen lag die Erde. Was für ein wundervoller Anblick. 

Nacheinander schwebten sie alle hinaus und die Menschen hielten sich an einer Stange an der Seite des Gefährtes fest. Jeder hatte seinen Goldhamster in der Hand. Sie sagten etwas zueinander, aber Goldie konnte sie bedauerlicherweise nicht hören. Es war ganz still. Der Mensch nickte Goldie mit einem breiten Lächeln zu. Das war das Zeichen. Goldie, der Goldhamster fiepe. Ein ernster Blick erschien auf dem sanften Gesicht. Er war bereit.

Der Mensch hob Goldie an und warf den Goldhamster in Richtung Erde. 

Immer näher kam der blaue Planet. Die Sonne war auf der anderen Seite fast verschwunden. Es war still und ruhig. Goldie der Goldhamster, hörte nur seinen eigenen Atem. Er flog immer weiter und weiter. Die anderen Goldhamster konnte er leider nicht sehen. Er wollte sich umdrehen, doch all sein Strampeln und Zappeln half nichts. 

Etwas stimmte nicht. 

Er wollte zurück, doch er konnte nichts machen. 

Unaufhaltsam kam die Erde näher und näher, immer schneller und schneller. Und es wurde auch wärmer. Plötzlich erschien etwas vor Goldies Helm. Waren das Flammen? Sie züngelten an Goldies Helm und seiner Uniform. Es wurde heiß. Jetzt hatte Goldie der Goldhamster wirklich Angst. Panik machte sich breit. Die Flammen züngelten weiter. Seine Uniform löste sich langsam auf. Er konnte Wind und Hitze spüren. Goldie fiepte und fiepte, doch er konnte sich nicht einmal selbst hören. Immer tiefer stürzte er, direkt auf die Erde zu, seinem Ziel entgegen. Als die Katastrophe unausweichlich schien, hatten sich die Flammen Goldies kleinen Körper einverleibt. Es wurde schwarz vor seinen Augen. Und so verglühte Goldie, der Goldhamster.

Zurück auf der Erde zog ein kleines Mädchen, in einem rosafarbenen Kleidchen, an der Jacke ihrer Mutter. „Schau Mami, die Schernschuppen sind wieder da!“ 

„Ja, Lili“, antwortete die Mutter, „und jedes Jahr scheinen sie hübscher zu glühen.“