Wie auch letztes Weihnachten habe ich mir für dieses Jahr eine Kurzgeschichte herausgesucht. Diese habe ich vor einigen Jahren in einem VHS-Kurs geschrieben; ich glaube, es war 2018 oder 2019. Es ist nicht gerade eine leichte, weihnachtliche Geschichte, sondern eher düster. Aber passt vielleicht in die dunklere Jahreszeit.
Es erstaunt mich immer wieder, welche Texte ich in der Vergangenheit geschrieben habe und wo ich die Ideen herhatte. Für diese konkrete Geschichte lässt sich das leider nicht mehr nachvollziehen, aber ich finde sie durchaus gelungen. Ich mag das Kurzgeschichten-Format gerne. Man kann innerhalb kurzer Zeit eine dichte Atmosphäre aufbauen und ohne viel Gewese auf das wesentliche der Geschichte kommen. Die Leser*innen sind natürlich ebenso gefragt, sich auf diesen kurzen Trip einzulassen und eventuell aus dem Kontext zu schließen, oder selbst zu überlegen, wer die Protagonisten sind, wo sie herkommen, wie sie sich fühlen, was sie durchmachen.
Dass man manchmal von sich selbst überrascht ist, was man im Laufe der Jahre so geschrieben hat, kommt vielleicht mit dem Handwerk des Schreibens. Vor allem, wenn man es regelmäßig und über viele Jahre betreibt und aufrechterhält. So sammeln sich einige Texte zusammen. Deshalb mag ich es so sehr, vergangene Texte von mir hervorzukramen. Manchmal bedarf es eines Blicks in die Vergangenheit, um zu sehen, wie weit man gekommen ist und wohin man gehen möchte. Auch solche Überlegungen passen zu dieser Jahreszeit und zum Jahreswechsel.
In diesem Sinne wünsche ich schöne, besinnliche Weihnachten und erholsame Feiertage.
Liebe auf den ersten Blick
von Christoph Staffl
Sven saß erschöpft im Bus. Ein anstrengender Tag liegt hinter ihm. Als ihm etwas auffällt:
Er sitzt einfach nur da. Tut nicht viel. Wippt leicht mit einem Fuß. Hört er Musik? Durch das Fenster hinter ihm sehe ich die Bäume und Häuser vorbeiziehen. Laternen beleuchten immer wieder, ganz kurz, sein schlankes Gesicht. Gleichgültig blickt er hinaus in die Nacht, lässt sich von ihr nicht einschüchtern. Bietet ihr die Stirn. Es ist eine gewisse Spannung in seiner Haltung, eine Intention. Wie die Aura einer Katze, die im noch feuchten Gras sitzt, scheinbar entspannt und ruhig, jedoch innerhalb eines Wimpernschlages dazu in der Lage, eine Amsel aus der Luft zu holen. Trainiert er? Ist er mir schon mal beim Laufen begegnet?
Was machst du hier? Du bist doch viel zu gut für uns, mit deinem gut gebauten Körper, deiner Haltung und deiner gleichgültigen, nachdenklichen Art.
Eine Station nach der anderen zieht am Bus vorbei. Schließlich greift er nach seinem gefüllten Rucksack – sind da Bücher drin – und verlässt die nach Matsch und Feuchtigkeit riechende Kloake. Das Dunkel und die Kälte verschlingen ihn, ohne dass ich den Mut hatte, ihm zu folgen und anzusprechen. Vielleicht beim nächsten Mal.
Endlich kommt meine Haltestelle – waren die anderen schon immer so langsam? Hastigen Schrittes bahne ich mir den Weg durch die Leute zu meiner WG. Hoffentlich hat Patrick nicht wieder einer seiner Partys in der Küche. Doch sie ist leer. Zum Glück. Schnell die Sachen im Zimmer verstaut, was zu essen gemacht – geduscht. Ich will es mir endlich auf der Couch gemütlich machen, doch zuerst muss frische Luft ins Zimmer. Ich gehe zum Fenster, nehme den Griff in die Hand und …
Nein, unmöglich. Ich wohne hier seit über einem halben Jahr. Und solche Zufälle gibt es nicht. Noch immer den Griff in der Hand starre ich aus dem Fenster auf das Gebäude schräg gegenüber. Sein noch feuchtes Haar hängt ihm ins Gesicht, ein Handtuch lässig um die schlanken Hüften geschwungen. Zwar verschleiert mein zur Abwehr von Insekten befestigtes Netz etwas den Blick, doch es gibt keinen Zweifel. Er ist es.
Willst du dich etwa vor mir verstecken? Aber du bist doch nicht schüchtern. Sonst würdest du dich nicht so zur Schau stellen. Vor der ganzen Nachbarschaft.
Seit dieser ersten Begegnung sind ein paar Tage vergangen. Das Fliegengitter habe ich kurzzeitig entfernt. Der Schreibtisch neben dem Fenster ist zu meinem Aussichtspunkt geworden. Ich habe schon gelernt, mein Licht abzudrehen, damit er mich nicht sieht. Aber das ist unwahrscheinlich – immerhin bin ich zwei Stockwerke höher.
Wenn ich so dasitze und auf ihn warte, komme ich mir vor wie ein Stalker. Aber das ist lächerlich. Stalker haben Kameras und sind Verrückte, die nur auf einen kurzen Kick aus sind. Ich will ihn kennenlernen. Mut aufbauen, um ihn schließlich anzusprechen. Stalker haben sich nicht unter Kontrolle. Ich kenne nichts anderes, als Kontrolle. Davon abgesehen, wer sieht sich nicht gerne attraktive Menschen an, wenn sie alle zwei Tage vom Sport zurückkommen und für den Abend vorbereiten? Immer um dieselbe Zeit.
Aber in einer Hinsicht habe ich ihn überschätzt. Er lernt nicht besonders lange an seinem Schreibtisch. Ist wohl nicht so fleißig, wie vermutet. Er verbringt eher Zeit damit, auf dem Bett zu liegen und in sein Smartphone zu starren.
Was fasziniert dich nur so darin?
Begehren ist schon etwas Erstaunliches. So flüchtig, wie ein Nebel, aber auch so hartnäckig. Kaum fassbar und trotzdem blockiert es die Sicht. Doch ich verliere mich nicht selbst in diesem Nebel. Ich weiß, wo ich mich befinde, was ich will. Außerdem ist es spannend, das Gefühl, selbst dabei ertappt zu werden, wie man vor dem Fenster sitzt. Werde ich auch beobachtet?
Der traurigste Moment des Tages ist, wenn er sich zum Schalter neben der Tür bewegt und diesen betätigt. Langsam schließen sich dann die Fensterläden. Wieder einmal geht ein Tag vorüber, ohne einen Blick auf seine bezaubernde Figur erhascht zu haben.
Das liebst du doch, nicht wahr? Mit mir zu spielen? Betrachtet zu werden, Wolllust auszulösen, bis sie in nagende Gier umschlägt. Du bist ein Monster.
Und dann erwache ich aus meiner Fantasie. Aus der Welt der Möglichkeiten. Mögliche Welten zusammengesetzt ohne festgetretene Pfade oder Limitierungen. Eine Welt, in der alles möglich scheint und doch das meiste aussichtslos ist. Limitierung. Ich hasse sie. Der Mensch kann nicht alles werden, was er will. Er ist geboren in einer Kaste, geboren in einer Schicht, geboren, um zu sterben. Doch das bin ich nicht. Ich habe die Kontrolle. Ich bin die Kontrolle.
Wir sehen uns, mein Liebster. Ich weiß auch schon genau, was ich zu dir sagen werde.
Fünf. Monate. Später.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann war es schon ein Wahnsinn, dass ich so lange gewartet habe, um dich anzusprechen. So viel Zeit vergeudet, die wir hätten gemeinsam verbringen können. Doch es ist ja nochmal alles gut gegangen, findest du nicht auch?
Genau. Ich weiß noch, wie nervös auch du warst, bei unserem ersten Date. Wir waren Eisessen in dem Café nebenan. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wir uns in all den Monaten, die ich hier gewohnt habe, noch nie getroffen haben. Das Schicksal spielt einem manchmal schon gerne Streiche. Ich hoffe, du bist mir nicht bewusst aus dem Weg gegangen.
War nur ein kleiner Scherz. Entschuldige.
Aber jetzt ist ja alles gut, mein Liebster. Ich liebe es, die Sonntage lange mit dir im Bett zu bleiben und einfach nur so dazuliegen und zu reden. Ich liebe dich.
Auch wenn Sven immer noch an einigen Abenden erschöpft im Bus sitzt und die Leute beobachtet, so weiß er nun, dass zu Hause jemand auf ihn wartet. Davids Wohnung ist ideal für die beiden. Am Ende des Ganges, kompakt, keine neugierigen Nachbarn und perfekt, um ganze Tage gemeinsam zu verbringen.
Die Fensterläden bleiben nun jedoch immer geschlossen. Sven ist eine sehr private Person. Und falls doch jemand einen Blick in die Wohnung werfen könnte, würden sie ihm David nur wegnehmen. Doch er gehört ihm.
DU BIST MEIN!