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Everything X-Men | Comic-Epochen (2/5)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick auf einen alten Text von mir. Wir gehen zu meinem Medienwissenschaftsstudium zurück. Im Zuge des Projektstudiums habe ich eine Textreihe zu den X-Men verfasst. Doch es ging nicht nur darum, die Comics zu analysieren, sondern sich mit Themen rund um diese Comics auseinanderzusetzen. Wie den Comic-Epochen. Heute setzen wir unsere Reise durch diese Epochen fort und sehen uns das Golden Age und das Atomic Age an.

Als Letztes sind erschienen:


Das Goldene Zeitalter

Das Goldene Zeitalter der Comics war eine einfache Zeit. Die guten alten Zeiten, wenn man so will. Die vermeintlich Guten trugen Umhänge und gewannen. Das Böse verlor. Es gab keine Grauzonen. „Keine Gnade! Die Moral dieser Geschichte, meine Damen und Herren, lautet: Die Guten gewinnen, die Bösen verlieren, und wie immer: England siegt!“ (V wie Vendetta, 2006)

Ich denke, die Geburt von Superman im Juni 1938 ist das perfekte Datum, um das Goldene Zeitalter der Comics zu beginnen. Superman – der erste Superheld. Er war und ist die Verkörperung von Gerechtigkeit, Wahrheit und dem American Way. Er ist nicht nur gut, sondern auch unfehlbar (zumindest zu dieser Zeit). Stark, schnell, unbestechlich, bereit, sich für das Allgemeinwohl zu opfern. Der perfekte Mann, aber kein Mensch. Ein Ideal, das niemals zu erreichen ist. Durch die Art, wie er spricht, sich bewegt und verhält, könnte er einen täuschen. Dennoch ist er ein Außerirdischer. Vielleicht eignet er sich deshalb so gut als der Beschützer der Erde.

Jedoch: Seine Kraft ist nicht unbegrenzt. Der Hulk wird immer stärker, je wütender er wird. Das ist wirklich unbegrenzte Kraft, aber Superman hat das nicht. Er ist so stark und fähig, wie es die Geschichte erfordert. Ich habe einen solchen Satz in einem Artikel über Superman gelesen, leider habe ich mir nicht notiert, wo ich ihn gefunden habe – aber es ist eine treffende Beschreibung des Charakters. Wie könnte man Kraft quantifizieren? Manche haben es versucht und Kilogramm oder Tonnen angegeben, die Superman stemmen und heben kann. Aber ist das wirklich relevant? Ist nicht die Varianz hinter Supermans Fähigkeiten das, was seine Geschichten bis heute so faszinierend macht?

In seinen neuesten Abenteuern hat er eine Familie, sogar einen Hund, und auch damit geht er großartig um. Aber warum spreche ich so ausführlich über Superman? Um ehrlich zu sein, begann es als sarkastische Liste von allem, was Superman ist und sein kann. Aber als ich darüber nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass es logisch ist, mit dem ultimativen Superhelden zu beginnen. Ein Außerirdischer, der alles verloren und seine Trauer überwunden hat. Jemand, der von guten Menschen aufgezogen wurde und nun so viel zurückgibt, wie er kann.

Die Einzige, die besser ist als Superman (nein, ich spreche nicht von Batman), ist Wonder Woman. In meiner Lieblingsgeschichte über die Entstehung dieser Figur wurde sie aus Ton geformt und von Zeus zum Leben erweckt. In dieser Geschichte gibt es kein Leiden. Als dann Steve Trevor auftauchte, beschloss sie, mit ihm zu gehen und Gutes zu tun. Keine Spur von Schuldgefühlen. Es war ihre Entscheidung, dies zu tun. Nicht etwas Tragisches aus ihrer Vergangenheit, das sie dazu gezwungen hätte. Niemand wurde in einer dunklen Gasse ermordet.

Eines darf man jedoch nicht vergessen. Wenn wir auf die Geschichte dieser großartigen Figuren zurückblicken, tun wir das aus unserer heutigen Perspektive. Wir blicken zurück auf die 1930er Jahre. Und wie ich bereits sagte, war Superman nicht der erste Superheld. James Henry (2016) schrieb:

„Verdammt, Superman war nicht einmal der erste Superheld von DC Comics, das war offenbar »Doctor Occult« [3], der 1935 von DC Comics in »New Fun Comics #6« veröffentlicht wurde. Er war ein Privatdetektiv, der sich auf Fälle spezialisiert hatte, in denen es um übernatürliche Phänomene ging. Er nutzte seine magischen Fähigkeiten (wie Astralprojektion und Telekinese), um seine Fälle zu lösen.“

Dennoch blieb er nicht lange allein. Das Goldene Zeitalter erlebte auch den Aufstieg von Batman, Wonder Woman, Captain Marvel, The Flash, Captain America, 1940 der Justice Society of America und vielen anderen. Einige Autoren weisen darauf hin, dass die Charaktere hinter den Masken und unter den Umhängen nicht so interessant waren. Ich finde diese Aussage gewagt und faszinierend zugleich. Was stand denn im Mittelpunkt, wenn nicht die Charaktere? Irgendwann werde ich zurückgehen und die ersten Abenteuer von Batman lesen, dann kann ich mich an der Diskussion zu diesem Thema beteiligen. Wie dem auch sei, das Zeitalter der Superhelden verblasste so schnell, wie es entstanden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie durch Geschichten ohne Superhelden ersetzt. Manchmal bedeutete dies, dass ihre eigenen Titel langsam ausliefen.

„Obwohl Batman und Superman in dieser Zeit weiter existierten, erging es Captain America nicht so gut. Sein Buch wurde in »Captain America’s Weird Tales« umbenannt und im selben Jahr wie Human Torch komplett aus dem Comic genommen und durch Horror-Material ersetzt.“ (Grant, 2016) Diese Entwicklung fand um 1950 statt.

Atomic Age

Die meisten Autoren schreiben nicht über das Atomic Age, sondern gehen direkt vom goldenen Zeitalter zum silbernen Zeitalter über. Meiner Meinung nach ist es jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass Superhelden einige Jahre lang nicht so beliebt waren, wie man meinen könnte, und eine Pause einlegten.

In diesen Jahren „wurden Horror-Comics sehr beliebt, und der erfolgreichste Verleger dieser Bücher war Bill Gaines von EC Comics. Diese Geschichten zeigten visuell Enthauptungen von Frauen, Morde und andere Verbrechen …“ (Grant, 2016). Aufgrund dieser sehr detaillierten Beschreibungen der Verbrechen und der grausamen Bilder kamen Bedenken auf. Wir haben uns mit diesen Bedenken bereits auseinandergesetzt. Ich habe erwähnt, was Bill Gaines nach der Schließung von EC Comics erreicht hat. Die Ära der Horror- und Krimi-Comics endete im Grunde mit der Gründung der »Comics Magazine Association of America« und der »Comics Code Authority«.

Everything X-Men | Comic-Epochen (1/5)

Es ist Donnerstag. Das heißt, wir sehen uns einen alten Text von mir an. Für das dritte Jahr des täglichen Blogs habe ich mir hierzu etwas Besonderes herausgesucht. Für das Medienwissenschaftsstudium habe ich eine Textreihe zu den X-Men geschrieben. Dabei habe ich nicht nur die Comics analysiert, sondern mich auch mit den Themen beschäftigt, die darin vorkommen. In den nächsten Wochen erscheinen die Texte zu den Comic-Epochen. Da der ursprüngliche Text etwas länger ausfiel, erschien mir die Aufgliederung in fünf Teile sinnvoll.

Heute geht es um die erste Einteilung und das Zeitalter der Proto-Superhelden. Anders als bei den Texten bisher habe ich hier einiges mehr geändert. Nicht weil ich meine Meinung geändert hätte, sondern weil mir eine gewisse Nuance gefehlt hat. Das ist die Kehrseite, wenn man sich mit alten Texten beschäftigt. Man kann etwas ändern. Aber das gefällt mir auch an diesem Projekt.

Der ursprüngliche Text erschien auf Englisch. Für den Blog habe ich diesen mithilfe von DeepL übersetzt und anschließend redigiert.

Als Letztes sind erschienen:


Vor der Recherche zu diesem Text habe ich mich nur am Rande mit den verschiedenen Epochen der Comicgeschichte auseinandergesetzt. Ich war zwar interessiert, brauchte aber irgendwie einen Grund, mich tiefgehender damit zu beschäftigen. Jetzt, wo ich diese Büchse der Pandora geöffnet habe, kann ich sie leider nicht mehr schließen. Es ist faszinierend, wie sehr die Meinungen auseinandergehen. Nicht nur was die Benennung der Epochen anbelangt, sondern auch bei der zeitlichen Einordnung. Ich habe Informationen von verschiedenen Quellen gesammelt und ihre Beschreibungen und Argumente für ihr System gelesen. Um ehrlich zu sein, hat mich das nicht zufriedengestellt. Also habe ich basierend auf dem vorhandenen Material eine eigene Einteilung vorgenommen. Hier ist sie also – die ultimative, endgültige, sicherlich nie wieder infrage gestellte Liste der Comic-Epochen:

  • Proto-Superhelden
  • Golden Age
  • Atomic Age
  • Silver Age
  • Bronze Age
  • Dark Age (Copper Age)
  • Extreme Age
  • Steel Age
  • Diamond Age

Aber was verbirgt sich hinter diesen Bezeichnungen? Lasst uns darüber sprechen und in einen Kaninchenbau hinuntersteigen, den wir so schnell nicht mehr verlassen werden.

Das Zeitalter der Proto-Superhelden

Diese Idee habe ich von einer sehr beliebten und wichtigen Website namens tvtropes.com (The Ages of Super Hero Comics). Meiner Meinung nach ist dies ein sehr passender Name für alles, was vor dem Aufkommen der Comics geschah, aber gleichzeitig auch ein sehr ungenauer, weil er alles in einen Topf wirft. Tausende Jahre Kultur werden in eine große, unordentliche Schublade gesteckt. Aber dies sind die Epochen der Comics, und nicht jeder konzentriert sich dabei unbedingt auf die Comics an sich, wenn es um deren Benennung geht.

Eine Einordnung vorzunehmen und zu wissen, was vorher da war, ist natürlich wichtig. Denn nicht jede Figur aus diesen frühen Tagen wird von uns in Erinnerung behalten und geehrt:

„Nur eine glückliche Handvoll (Zorro, Tarzan, The Shadow, The Phantom, The Lone Ranger, Golden Bat) ist seit ihrer Entstehung in der Öffentlichkeit bekannt geblieben. Aber ob mit Superkräften oder ohne, ob weithin bekannt oder nicht, es sind diese Proto-Superhelden, denen die späteren Comic-Superhelden des goldenen, silbernen, bronzenen, dunklen und modernen Zeitalters ihren Erfolg verdanken, als Inspiration für ihren Archetyp und die Industrie, die sie hervorgebracht hat.“ (Proto-Superhero, n. d.)

Scott McCloud spricht in seinem Buch „Understanding Comics“ ausführlich über die Geschichte der Comics. Die Definition von „Sequential Art“ von Will Eisner ist nach McClouds ausführlicher Analyse dieses Begriffs die perfekte Beschreibung für Comics. Aber schon vor 1842 – dem Jahr des ersten Comicstrips – gab es ähnliche Dinge. Vor über 2000 Jahren hatten die Ägypter ein ganzes Schriftsystem, das auf Symbolen basierte. Sie erzählten Geschichten und Ereignisse ausführlich an Wänden und in Pyramiden.

Andere Kulturen hatten ähnliche Dinge und erzählten Geschichten über ihre Helden, Legenden und Mythen. Betritt man eine Kirche, kann man das Leiden Jesu Bild für Bild sehen. Zugegeben, es gibt keine Dialoge oder Sprechblasen, aber sie erzählen eine Geschichte. Es gibt ganze Graphic Novels, die kein einziges Wort enthalten. Das Wort „Comic“ kann also eine ziemlich weit gefasste Definition für etwas sein.

Diese breite Definition müssen wir für unser Vorhaben jedoch etwas eingrenzen. Denn worüber wir bei den Comic-Epochen hier sprechen, sind hauptsächlich amerikanische Comics. Mangas haben mit Sicherheit eigene Einteilungen, genauso wie europäische Comics und so weiter. Man kann nicht alles über einen Kamm scheren, nur weil mit Bildern und eventuell Text Geschichten erzählt werden. Das wäre zu einfach und würde die kulturellen Unterschiede, ihre Ursprünge und ihr Aufkommen komplett ignorieren. Außerdem lese ich selbst hauptsächlich amerikanische Comics und beschäftige mich seit Jahren auf der Metaebene mit diesen. Es wäre anmaßend, zu behaupten, ich könnte eine generelle Einteilung für weitere Comic-Iterationen treffen. Und von den sarkastischen, einleitenden Worten abgesehen ist das hier meine eigene Einteilung. Es gibt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Korrektheit. Nach all meiner Recherche fühlt es sich für den Moment richtig an. Und ich fand es allein schon spannend, mich weiter mit der Geschichte auseinandersetzen zu können.

Everything X-Men | X-Men First Class v1 (2007)

Wie jede Woche am Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Genauer gesagt auf eine Reihe von Texten, die ich im Rahmen des Projektstudiums während meines Medienwissenschaftsstudiums geschrieben habe. In diesen Texten habe ich mich eingehend mit den X-Men beschäftigt. Damals habe ich die Texte auf Englisch verfasst, möchte sie heute jedoch auf Deutsch präsentieren. Dazu habe ich sie zuerst mit DeepL übersetzt (inkl. der Zitate) und anschließend redigiert.

Der heutige Text befasst sich mit einer alternativen Origin-Story der X-Men. Die letzten Texte haben sich mit Stan Lee und Jack Kirby auseinandergesetzt und damit, wie Roy Thomas deren Ideen weitergedacht hat. Doch wie sähe eine alternative Fassung aus? Macht sie es besser, wird die Geschichte modernisiert?

Als Letztes sind erschienen:


Die letzten Artikel habe ich den frühen Jahren der X-Men gewidmet. Wo ihre Geschichte begann und wo sie endete, bevor es zum kleinen Reboot kam. Dieser Reboot war der Auftritt von Chris Claremont. 20 Jahre hat er die X-Men geprägt, wie kein anderer. Doch bevor wir uns seinen Geschichten zuwenden, werfen wir einen Blick auf eine andere Interpretation der Entstehung der X-Men.

Die Schöpfer

»X-Men First Class« von 2007 umfasst acht Ausgaben. Jeff Parker schrieb sie und Roger Cruz ist für die fantastischen Zeichnungen verantwortlich. Für Jeff Parker war »First Class« einer seiner ersten Aufträge für Marvel. Bevor er mit dieser limitierten Serie begann, schrieb er »Agents of Atlas«. Dabei handelt es sich um ein Superheldenteam, das sich aus Figuren zusammensetzt, die erstmals in den 50er- und 60er-Jahren vorgestellt wurden. Der Name »Atlas« bezieht sich auf Marvels geistigen Vorgänger »Atlas Comics«. (Wikipedia, 2017) Roger Cruz hat viel für Marvel Comics gearbeitet. Er hat eine DeviantArt-Seite, die einen Besuch wert ist. Die beeindruckenden Kunstwerke von Cruz stammen nicht nur von den Seiten von Comics. Sie strotzen vor Kreativität und unterstreichen sein Gespür für Körpersprache. Mir gefallen auch die verschiedenen Gesichtsausdrücke, die er auf dieser Seite gepostet hat. DeviantArt ist etwas, das man öfter besuchen sollte – und damit meine ich auch mich selbst. Es ist ein großartiger Ort, um sich inspirieren zu lassen. Aber kommen wir zurück zum Thema.

Die Charaktere

Ich habe den ersten Band von »First Class« gelesen, der aus acht Ausgaben besteht. Wie es in einem Beitrag auf Comicvine über die Lesereihenfolge der gesamten X-Men-Reihe heißt: „Diese Serie eignet sich besonders gut für jüngere Kinder, die X-Men lesen möchten.“ (TEC2030, 2017).

Diesmal werden die Charaktere von Bobby Drake alias Iceman vorgestellt. Er schreibt einen Brief an seine Eltern und erzählt ihnen von seinem letzten Abenteuer. Wir erfahren, was er über seine Klassenkameraden denkt und was sie können. In den ursprünglichen X-Men von Jack Kirby und Stan Lee wussten die Eltern nicht, dass ihre Kinder Mutanten sind. Daher können die Kinder nicht offen über ihre Schule und ihre Erfahrungen sprechen. Dies wird besonders deutlich, als Angels Eltern zu Besuch kommen. Bobby scheint sich schon vor einiger Zeit geoutet zu haben, und es ist schön, zu sehen, wie er über die aktuellen Ereignisse spricht.

Im gesamten ersten Band ist präsent, dass wir es mit einer echten Schule zu tun haben, mit jungen Erwachsenen, die erst noch aufwachsen müssen. Das beginnt schon auf der Einführungsseite jeder Ausgabe. Dort wird jeder Charakter kurz vorgestellt. Nur ein Bild ihres Gesichts und eine Beschreibung mit ihrem Namen und ihren Fähigkeiten. Diese Seiten werden von den Charakteren selbst zum Zeichnen und Kommentieren genutzt. Natürlich ist in jeder Ausgabe eine andere Person dran. Was denken sie über sich selbst? Wen mögen sie? Es sind spannende Einblicke in die Dynamiken des Teams. Aus diesen kleinen Kommentaren kann man viel über Beziehungen und Freundschaften herauslesen.

Neben Bobby werden uns auch die ursprünglichen Mitglieder der X-Men vorgestellt. Warren alias The Angel, Scott alias Cyclops, Jean alias Marvel Girl, Hank alias The Beast und natürlich der Professor. Cerebro wurde aufgerüstet. Es ist nicht nur ein Gerät, mit dem man Mutanten finden kann, sondern es kann nun die Schüler unterrichten. Dieser Aspekt der „Schule“ wurde in der ursprünglichen Serie völlig ignoriert, was mich immer ein wenig gestört hat. Es gab keine richtigen Unterrichtsstunden, nur Trainingseinheiten. Aber jetzt, wie wir auch in den ersten drei X-Men-Filmen gesehen haben, bekommen die Schüler Unterricht mit Hausaufgaben, Tests usw.

Die Geschichten

Das Team hat es meist mit neuen Bösewichten zu tun. Der erste ist zum Beispiel ein Busch. Ja, ein Busch. Die X-Men kämpfen gegen einen Busch. Genauer gesagt gegen einen Azaleenbusch. Von diesem Moment an war mir klar, dass ich ein Buch für Kinder vor mir hatte. Das ist keine Beschwerde, sondern nur eine Beobachtung. Und es braucht diese Comics ebenso. Sie bringen Kindern die Charaktere näher. Aber normalerweise steckt hinter der Geschichte ein größerer Plan oder ein Thema, mit dem die Autor_innen und Künstler_innen aktuelle Diskussionen anstoßen wollen.

Zuerst konnte ich es nicht genau benennen. Aber ich wusste, dass etwas fehlte. Es war wie bei einem faden Gericht. Man weiß, dass etwas fehlt, aber man weiß nicht, was man noch hinzufügen soll. Genauso war es mit dieser Geschichte. Bis ich eine Rezension auf The Literary Omnivore (McBride, 2013) las: „In diesem Fall handelt es sich um eine Reihe von geradlinigen Abenteuern, die keine besonders tiefgründigen Themen behandeln.“

Und genau das ist es. Jeff Parker geht nicht tiefer. Die meisten Geschichten beginnen mit dem Alltag des Teams. Sie machen Urlaub, werden in etwas verwickelt, das sich im Kopf des Professors abspielt, oder gehen einfach nur aus. Sie stolpern zufällig über ein Abenteuer und einige Bösewichte, und das war’s. Das meiste wird auch in einer Ausgabe erledigt. Die Comics machen Spaß zu lesen, aber man darf keine großartigen, tiefgreifenden Charaktermomente oder gar eine Verbesserung gegenüber Stan Lees Jean-Grey-Problem erwarten. Ich habe in einem der letzten Artikel geschrieben, dass der Professor in Jean verliebt war. Das war einer der gruseligsten und unangenehmsten Momente. Leider wird es hier nicht besser:

„Aber in einer Geschichte befiehlt Professor X Cyclops und Jean, sich in einem gemieteten Haus in Florida auszuruhen. Cyclops ist niedergeschlagen, aber Professor X zwinkert ihm telepathisch zu und sagt ihm, dass er dafür gesorgt hat, dass Cyclops Zeit allein mit Jean verbringen kann.“ Aus dem Zusammenhang gerissen ist das ein netter Moment. Zwar klingt es so, wie aus einer Teenie-Komödie, aber nett. Jedoch bekommen wir in diesen Geschichten nicht viel von Jeans Gedanken mit, sodass sie eher wie ein Preis als wie ein Mitglied des Teams wirkt. Es wird besser – beispielsweise gibt es eine Geschichte, in der Angel mit Scarlet Witch ausgeht und Jean ihrem Bruder Pietro sagt, er solle aufhören, ihr Verhalten kontrollieren zu wollen –, aber es fühlt sich trotzdem nicht richtig an. (McBride, 2013)

Das Ende

Was mir gefallen hat, waren die Crossovers mit anderen Marvel-Charakteren. So bekommt man ein echtes Gefühl für ein größeres Universum. Ich verstehe, dass Stan Lee und Jack Kirby am Anfang nicht so viele Crossover machen konnten, weil die relevanten Charaktere erst vorgestellt werden mussten. Jetzt gibt es Geschichten mit Doctor Strange, Curt Conners und den Skrulls. Sogar die alten Bösewichte haben einen Gastauftritt in der dritten Ausgabe.

Zu dieser Serie gibt es nicht mehr viel zu sagen. Sie ist eine großartige Einführung in die Charaktere, insbesondere für jüngere Leser*innen. Aber um ehrlich zu sein, freue ich mich nun auf die Comics von Chris Claremont und darauf, wie er die X-Men neu erfunden hat. Wie er ihnen eindrucksvolle Geschichten verliehen und aus ihnen vielfältige, dreidimensionale Charaktere gemacht hat. Wir werden uns dann die X-Men-Ausgaben Nr. 94 bis Nr. 110 etwas genauer ansehen.

Quellen

  • Agents of Atlas. (o. D.). In Wikipedia. Abgerufen am 19. September 2017.
  • TEC2030. (2017, 02. April). Guide to Reading X-Men Comics, Blogpost | comicvine.gamespot.com
  • McBride, C. (27. September 2013). Review: X-Men: First Class, Volume 1, Blogpost | theliteraryomnivore.wordpress.com

Everything X-Men | Was ist ein Mutant? (Teil 2/2)

Es ist wieder so weit. Wie jede Woche werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Und zwar in die Zeit meines Medienwissenschaftsstudiums. Damals habe ich für das sogenannte Projektstudium eine Textreihe über die X-Men-Comics geschrieben. Ich habe sowohl die Comics analysiert als auch Texte zu Themen geschrieben, die in diesen Ausgaben vorkamen. Das letzte Mal haben wir uns mit dem Thema Mutationen befasst.

Eigentlich hätte ich das Thema damals schon in zwei Teile aufteilen und getrennt voneinander behandeln sollen. Vergangene Woche war die biologische Seite dran. Diese Woche geht es um die literarische Seite. Welche Bücher wurden vor den X-Men veröffentlicht, die sich mit Mutationen auseinandergesetzt haben? Dienten sie vielleicht als Vorlage oder Inspiration für die Comics? Die Inhalte der Bücher lesen sich auf jeden Fall äußerst faszinierend und vielleicht muss ich sie tatsächlich noch einmal nachholen.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Werfen wir einen Blick auf die literarischen Ursprünge. Es gibt bestimmte Bücher, die größtenteils Anfang der 1950er Jahre erschienen sind und den X-Men sehr ähnlich sind. Zumindest was ihre Fähigkeiten und die Stellung in der Gesellschaft angeht. „Ob Lee und Kirby diese Werke gelesen haben, lässt sich nicht sagen, aber die Ähnlichkeiten sind signifikant.“ (Darowski, 2011)

Ich habe drei Beispiele, die immer wieder genannt werden, wenn man etwas über den Ursprung der X-Men liest. Ich muss leider sagen, dass ich die Bücher noch nicht gelesen habe. Deshalb werde ich nur einen kurzen Überblick geben. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht allzu viele Kommentare oder Rezensionen darüber gelesen, weil ich mir nicht zu viel vorwegnehmen wollte – und ja, mir ist bewusst, dass diese Bücher über 60 Jahre alt sind.

  • Henry Kuttner & C. L. Moore: Mutant
    Das Buch erschien 1953, aber – wie auch bei „Children of the Atom“ – wurden die ersten Kapitel zunächst in der Zeitschrift „Astounding Science Fiction“ veröffentlicht. Das Buch enthält fünf Kapitel („The Piper’s Son“, „Beggars in Velvet“, „The Lion and the Unicorn“, „Three Blind Mice“ und „Humpty Dumpty“). Diese Kapitel erzählen verschiedene Geschichten derselben Figuren in verschiedenen Phasen ihrer Abenteuer. Die Beschreibungen des Inhalts klingen sehr vertraut und könnten leicht aus einem X-Men-Comic stammen. Einige der Mutanten in den Geschichten wollen beispielsweise friedlich leben, während andere die Menschheit vernichten wollen. Das klingt vertraut. Sofern ich das beurteilen kann, können die meisten Mutanten Gedanken lesen, und die Autoren „verwenden kursive Schrift und Absätze in Klammern, um telepathische Gespräche zwischen mehreren Personen effektiv zu vermitteln; eine der größten Stärken des Buches“ (Ferber, 2013).
  • Wilmar Shiras: Children of the Atom
    Dieses Buch wurde ebenfalls 1953 veröffentlicht. Wikipedia bezeichnet das Buch als eines der „bedeutendsten SF- und Fantasy-Bücher der letzten 50 Jahre, 1953–2002“. Leider ist die Quelle dafür nicht mehr verfügbar, aber es klingt faszinierend. Die beste Zusammenfassung, die ich finden konnte, stammt von Arthur Bangs. Er erwähnt auch die Ähnlichkeit der Geschichte mit den X-Men, deren erstes Abenteuer nur zehn Jahre später stattfand. Bangs (2005) schreibt: „Dies ist keine Superheldengeschichte, sondern eine Geschichte über begabte Kinder, die lernen, ihre Fähigkeiten zu verstehen und anzunehmen und ihr Gefühl der Isolation zu überwinden, indem sie sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen.“
  • A. E. van Vogt: Slan
    Dies ist der älteste Roman der drei; er erschien 1946. „Slans sind weiterentwickelte Menschen, benannt nach ihrem angeblichen Schöpfer Samuel Lann. Sie verfügen über die psychischen Fähigkeiten, Gedanken zu lesen, und sind überaus intelligent. Sie besitzen nahezu unbegrenzte Ausdauer, ‚Nerven aus Stahl‘ sowie überlegene Kraft und Geschwindigkeit. Wenn Slans krank oder schwer verletzt sind, fallen sie automatisch in eine heilende Trance.“ (Slan, o. J.)

Fazit

Es gibt viele Geschichten, insbesondere aus den 1940er- und 1950er-Jahren, die sich auf die eine oder andere Weise mit Mutationen befassen. Sie handeln von der Angst vor Atombomben und davon, wie diese andere Menschen beeinflussen könnten. Leider weiß ich nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber jemand sagte über diese Bücher, dass die meisten Kritiker sie heute nicht mögen, weil sie die Zukunft nicht richtig vorhergesagt haben. Das ist jedoch eine unfaire Aussage. Das Hauptziel von Science-Fiction-Büchern ist es nicht, dem Publikum die Zukunft zu beschreiben und genau aufzuzeigen, was in den nächsten zehn, zwanzig oder tausend Jahren passieren wird. Sie bieten eine Möglichkeit. Wie es sein könnte. Sie sind Warnungen oder Hoffnungsträger, beschäftigen sich mit Ängsten und Befürchtungen. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens.

Quellen

  • Arad, A. (Producer), & Singer, B. (Director). (2003). X-Men 2 [Motion Picture]. USA: Twentieth Century Fox.
  • Bangs, A. (October 23rd, 2005). sffworld.com | Children of the Atom by Wilmar Shiras.
  • Darowski, J. (2011). Reading The Uncanny X-Men: Gender, Race and the mutant metaphor in a popular narrative (doctoral dissertation).
  • Ferber, S. (April 15th, 2013). fantasyliterature.com | Mutant: Kuttner & Moore’s final novel.
  • ScienceClarified (n.d.) scienceclarified.com | Mutation – Real-life applications.
  • Slan. (n.d.) en.wikipedia.org
  • Norman, C. (2014). Mutating Metaphors: Addressing the Limits of Biological Narratives of Sexuality. In J.J. Darowski (Ed.), The Ages of the X-Men: Essays on the children of the atom in changing times (pp. 165–177). United States: McFarland & Company, Inc., Publishers.

Everything X-Men | Was ist ein Mutant? (Teil 1/2)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Die Textreihe »Everything X-Men« habe ich als sogenanntes Projektstudium für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben. Darin habe ich mich ausführlich mit den X-Men beschäftigt. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber auf Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung (auch der vorkommenden Zitate) habe ich mit DeepL gemacht. Natürlich redigiere ich die Texte danach noch.

Ich habe mir den Text mittlerweile mehrfach durchgelesen und immer wieder Stellen überarbeitet. Um ehrlich zu sein, finde ich ihn nicht gut. Vielleicht liegt es zum Teil auch an der Übersetzung. Denn hier bin ich tatsächlich an gewisse Grenzen gestoßen. Beispielsweise bei der Bezeichnung von kleinwüchsigen Menschen. Erkenntnisse und Begrifflichkeiten, die zu verwenden sind, beziehen sich nicht nur auf die damaligen Recherchen, sondern stammen auch noch aus dem nordamerikanischen Raum. Trotzdem wollte ich den Text der Vollständigkeit halber in dieser Reihe behalten.

Außerdem behandelt der Text zwei getrennte Themen, die ich auch in zwei getrennten Texten hätte behandeln müssen. Dieses Versäumnis kann ich heute begleichen, indem ich den Text einfach in zwei Schritten veröffentliche. Heute geht es um den biologischen Teil. Wie definiert man Mutation und was bedeutet sie? Ein faszinierendes Thema, das ich damals noch sehr viel ausführlicher hätte bearbeiten können. Als Einstieg in das Thema ist es allerdings nicht schlecht.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Ein Artikel auf der Website ScienceClarified beginnt mit einem sehr interessanten Satz. Ich werde diesen Satz ebenfalls verwenden, um das Interesse für das Thema Mutation zu wecken: „Jedes einzelne menschliche Merkmal – blaue Augen, rote Haare, ‚zystische Fibrose‘, ein zweiter Zeh, der länger ist als der große Zeh, und so weiter – ist das Ergebnis einer genetischen Mutation, die irgendwann in der Vergangenheit stattgefunden hat.“

Mutation

Der oben erwähnte Artikel befasst sich ausführlich mit verschiedenen Mutationen. Diese können auf natürliche oder künstliche Weise entstehen. Natürliche Mutationen entstehen, wenn eine Zelle bei ihrer Vermehrung einen Fehler macht (was zu Krankheiten führen kann). Sie können aber auch als eine Form der Evolution auftreten und somit zum Wohlergehen einer Spezies und ihrer Ausdauer beitragen. Oder, wie ScienceClarified schreibt: „Nützliche Mutationen sind in der Tat die treibende Kraft hinter der Evolution.“ Diese Entwicklungen können viele Generationen dauern.

Künstliche Mutationen hingegen „werden durch Mutagene verursacht – chemische oder physikalische Faktoren, die die Mutationsrate erhöhen“ (ScienceClarified, o. J.) Die meisten dieser Mutagene sind vom Menschen verursacht, wie z. B. Drogen, Tabak oder Alkohol sowie Wasserstoff- und Atombomben. Aber auch Viren können Mutagene sein, da sie „sich in die DNA des Wirts einfügen“. (ScienceClarified, o. J.)

Wie bereits erwähnt, können Mutationen eine Ursache für natürliche Evolution sein. Sie können Krankheiten oder körperliche Veränderungen eines Individuums hervorrufen. Veränderungen wie Albinismus oder die bereits erwähnten roten Haare. Aber auch drastischere Veränderungen fallen darunter, wie bei Kleinwüchsigen (früher als „Midgets“ bezeichnet). Ich hoffe, ich beleidige niemanden mit diesen Begriffen. Nach meinen Recherchen zu urteilen, gibt es bei dieser Form der Mutation Unterschiede, wie diese kategorisiert werden. Das hängt damit zusammen, ob jemand »normal« proportioniert ist oder es weiterführende genetische Erkrankungen gibt. Dann können unterschiedliche Körperteile unterschiedlich proportional sein.

Auch im Tierreich gibt es solche Mutationen. Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was Mutation bedeuten kann, biete ich folgende drei Definitionen an:

  • Cambridge Dictionary zu »mutant«: „Ein Organismus, der sich aufgrund einer dauerhaften Veränderung seiner Gene von anderen seiner Art unterscheidet.“
  • Wikipedia zu »mutant«: „Ein Organismus oder ein neues genetisches Merkmal, das durch eine Mutation entsteht oder daraus resultiert, wobei es sich um eine Veränderung der DNA-Sequenz eines Gens oder Chromosoms eines Organismus handelt.“
  • Urban Dictionary zu »mutant«: „Eine relativ dauerhafte Veränderung des Erbguts, die entweder eine physikalische Veränderung der Chromosomenbeziehungen oder eine biochemische Veränderung der Codons, aus denen Gene bestehen, beinhaltet; auch: der Prozess der Entstehung einer Mutation.“

Mutationen und die X-Men

Wie man sieht, gibt es Mutationen überall. Es gibt sie in allen Formen und Größen. Und sie können eine Spezies verbessern und ihre Fähigkeiten auf ein außergewöhnliches Niveau heben. Professor Xavier fragt zu Beginn des zweiten X-Men-Films, ob die X-Men nur „das nächste Glied in der Evolutionskette oder eine neue Spezies der Menschheit sind, die um ihren Anteil an der Welt kämpft“ (Arad & Singer, 2003). Mein erster Gedanke war, dass sie offenbar das nächste Glied in der Kette sind. Aber um sich dessen sicher zu sein, müsste man sich wohl die Herkunft verschiedener Arten ansehen und wann sie sozusagen als separate Ketten betrachtet werden. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel. So oder so, die X-Men haben individuelle Fähigkeiten und werden dafür gefürchtet. Aber woher kommen sie?


Nächste Woche kommt der zweite Teil des Textes. Darin geht es um die literarischen Ursprünge der X-Men. Außerdem gebe ich dort die Quellen an, die ich für den Text verwendet habe.

Everything X-Men | Thomas & Adams (Teil 2/2)

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute einen Text aus grauer Vorzeit an. Obwohl mein Medienwissenschaftsstudium noch gar nicht so lange her ist. Jedenfalls habe ich für mein sogenanntes Projektstudium eine Textreihe zu den X-Men geschrieben. Diese möchte ich hier nach und nach präsentieren. Da ich die Texte damals auf Englisch geschrieben habe, sie aber auf Deutsch präsentieren will, übersetze ich diese initial mit DeepL, bevor ich sie redigiere.

Beim letzten Mal haben wir mit den Comics von Roy Thomas und Neal Adams angefangen. Heute kommt der zweite und letzte Teil des Textes.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Freunde und Feinde

Die Hauptgeschichten, die sich über mehrere Ausgaben erstrecken, sind ausgezeichnet. Der erste Handlungsbogen mit Scotts Bruder und dem Pharao entpuppt sich als eine umfangreiche, tiefgreifende Geschichte, und ich bin mir sicher, dass ich bei einer erneuten Lektüre noch mehr Symbolik und Bedeutung darin entdecken würde. Roy Thomas ist ein fantastischer Autor. Man kann sehen und spüren, dass sich die Erzählweise zwischen den letzten Ausgaben von Stan Lees und der, die wir jetzt besprechen, massiv verändert hat. Es ist eine lange Geschichte über die Wächter, Scotts Bruder, Bobbys Freundin, einen entgleisten Sohn, eine Yin-Yang-Symbolik zwischen dem Pharao und Alex und vieles mehr. Roy Thomas hetzt nicht durch die Geschichte. Stattdessen gibt er ihr Raum zum Atmen. Auf diese Weise können die Leser*innen jede Sequenz verarbeiten und würdigen.

In den meisten Ausgaben steht Alex im Vordergrund, und am Ende stellt sich heraus, dass dies die Entstehungsgeschichte von Havok ist. Das habe ich nicht kommen sehen und war angenehm überrascht. Es sollte viel mehr dieser Entstehungsgeschichten geben.

Einer der coolsten, seltsamsten und lustigsten Momente war während des finalen Kampfes zwischen den Sentinels und Scott. In dem Kampf ist er einer der letzten X-Men, die noch stehen. Er macht einen Asimov-ähnlichen Zug und besiegt diese schrecklichen Maschinen mit Logik. Danach fliegen sie in die Sonne und zerstören sich selbst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, wie er das gemacht hat, aber ich wurde an die ersten beiden Kurzgeschichten von Isaac Asimov in der Sammlung „I, Robot“ erinnert (die jeder lesen sollte).

Für den nächsten Bösewicht, über den ich sprechen möchte, möchte ich kurz Kontext liefern: Ich bin großer Fan von „Der Herr der Ringe“ und der gesamten Mythologie von J. R. R. Tolkiens Mittelerde. Leider muss ich zugeben, dass ich gerade erst anfange, tiefer in diese Welt einzutauchen, indem ich die Bücher „The History of Middle-Earth“, „The Silmarillion“ und so weiter lese. Allerdings schaue ich mir regelmäßig (das heißt einmal im Jahr) die „Herr der Ringe“-Filme von Peter Jackson an, und jedes Mal weine ich und mache tiefe emotionale Erfahrungen. Ich schaue YouTube-Videos darüber und beschäftige mich gerne mit dieser Welt. Und nein, wir sprechen an dieser Stelle nicht über die „Hobbit“-Filme.

Nachdem das gesagt ist, können wir nun über Dr. Klaus Lykos sprechen – er spielt eine entscheidende Rolle in den Ausgaben Nr. 60 bis Nr. 62. Er ist ein Mutant und kann anderen Lebewesen, sogar Tieren, die Lebensenergie entziehen. Als die X-Men ihm Scotts Bruder übergeben – Lykos soll ein Freund von Xavier sein –, erhält er endlich genug Energie, um sich in einen Pteranodon zu verwandeln. Vor vielen Jahren hatten ihn dieselben Kreaturen angegriffen und ihm seine Kraft verliehen. So weit, so gut. Aber natürlich ist er ein Fan von „Der Herr der Ringe“ und nennt sich selbst Sauron.

Warum? Einfach … warum? So etwas macht man nicht. Man benennt jemanden nicht nach einem der größten Bösewichte aller Zeiten. Wenn Lykos ein großes, böses Genie mit einem Plan und Fähigkeiten gewesen wäre, um die X-Men zu besiegen – vielleicht dann. Aber so wie die Geschichte umgesetzt ist, kaufe ich ihm sein böses Genie keine Sekunde lang ab. Sauron ist wie eine zweite Persönlichkeit in ihm. Er hat mehr Ähnlichkeit mit Dr. Jekill und Mr. Hyde als mit irgendjemandem aus „Der Herr der Ringe“. Vielleicht käme Gollum noch eher infrage als Sauron. Außerdem müssen die X-Men nicht handeln. Sie sind wie ein Publikum, das zusieht, wie sich die einzelnen Elemente entfalten. Am Ende dreht sich alles um Liebe und Vergebung.

The coming of Sunfire

… ist Teil des Titels der 64. Ausgabe. Es ist die tragische Geschichte eines Jungen, der von einem alten Mann dazu manipuliert wird, einen Krieg zu führen, der schon lange vorbei ist. Diese Geschichte behandelt ein komplexes Thema. Sie befasst sich mit den Folgen von Hiroshima und Nagasaki und damit, wie manche Menschen (im Jahr 1970, als der Comic erschien – und vielleicht auch noch heute) die Vereinigten Staaten dafür hassten und wollten, dass sie für ihre Taten büßen.

Der Junge heißt Shiro. Seine Mutter war ein Opfer von Hiroshima, und als Folge des nuklearen Fallouts erhielt Shiro seine Kräfte. In seinem Körper kann er die Kraft der Sonne speichern und sie in mächtigen Explosionen freisetzen. Ohne dass sein Vater davon wusste, erzählte der Onkel seit Shiros Kindheit von Hiroshima und dem, was seiner Mutter widerfahren war. Wie sehr er die Vereinigten Staaten dafür hasste und dass er Rache wollte. Es sei ihr Recht und ihre Pflicht, diejenigen zu rächen, die gestorben sind, und diejenigen, die noch immer leiden. Als sich Shiros Kräfte manifestieren, befiehlt ihm sein Onkel daher, Washington, D. C., anzugreifen und zu zerstören.

Shiro glaubt an den von seinem Onkel vorgegebenen Kurs und ist zu allem bereit. Doch in Washington ereignet sich ein schrecklicher Unfall und sein Onkel tötet Shiros Vater. Denn als dieser von Shiros Taten erfährt, opfert sich sein Vater, um die Menschen der Stadt zu retten und Shiro davon zu überzeugen, dass das, was er tut, falsch ist.

Man merkt schon an dieser kurzen Zusammenfassung, dass die X-Men tatsächlich nicht vorkommen. In diesem Fall ist das auch gut so. »The Coming of Sunfire« ist eine intime Geschichte, die sich mit einem Thema befasst, das man vielleicht nicht erwarten würde. Es geht nur um Shiro und den Schmerz seiner Vergangenheit. Es geht um einen jungen Mann, der leicht zu manipulieren ist, weil derjenige, dem er vertrauen sollte, ihn verrät. Andererseits: Kann man dem Onkel seinen Hass übelnehmen? Dann ist da noch der Vater, der zwischen ihnen steht. Eine bewegende Geschichte, die an ihrer Aktualität nichts verloren hat.

Roy Thomas und Neal Adams haben nicht nur ein paar X-Men-Geschichten geschaffen, sondern eine ganze Achterbahnfahrt der Gefühle. Vielleicht habe ich die Entwicklungen zwischen Ausgabe Nr. 19 und Nr. 55 etwas zu sehr gelobt. Ich wollte jedoch darauf hinweisen, wie viel sich in den wenigen Jahren dazwischen verändert hat. Es ist großartig, die Entwicklung des Geschichtenerzählens in diesem Medium mitzuerleben. Besser gesagt, in meinem Fall nachzuholen. Ich denke, die X-Men eignen sich perfekt als Anschauungsmaterial.

Im nächsten Artikel werden wir uns mit der Frage „Was ist ein Mutant?“ beschäftigen und danach werfen wir einen Blick auf eine neuere Interpretation der Entstehungsgeschichte der X-Men: »X-Men First Class v1« von 2007, geschrieben von Jeff Parker.

Quellen

  • Darowski, J. (2011). Reading The Uncanny X-Men: Gender, Race and the mutant metaphor in a popular narrative (Doctoral dissertation).

Everything X-Men | Thomas & Adams (Teil 1/2)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Wir gehen zurück zu meinem Medienwissenschaftsstudium. Für das sogenannte Projektstudium habe ich mir die X-Men-Comics genauer angesehen und eine Textreihe dazu geschrieben. Da ich die Texte damals auf Englisch schrieb, ich sie aber hier auf Deutsch präsentieren will, übersetze ich diese initial mit DeepL. Natürlich redigiere ich sie anschließend. Auch Zitate sind übersetzt.

Beim Korrigieren des letzten Artikels ist mir aufgefallen, dass manche Formulierungen auf Deutsch gar nicht mehr so klasse klingen wie auf Englisch. Ebenso sind manche Aussagen, die ich vor gut acht Jahren getätigt habe, nicht mehr aktuell oder meine Ansicht ist nun etwas nuancierter. Das ist das Schöne, wenn man alte Texte noch einmal durchgeht und aufarbeitet: Man kann sie ändern und aktualisieren. Natürlich tue ich das nicht in detailliertem Umfang, aber hier und da ein paar Anpassungen vorzunehmen ist auf jeden Fall drin.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Was haben wir verpasst?

Als wir die X-Men das letzte Mal gesehen haben, kämpften sie gegen Mimic und besiegten ihn gemeinsam. Aber während wir zum 55. Heft gesprungen sind, scheint viel passiert zu sein. Scott jagt einen Pharao, der seinen Bruder Alex Summers entführt hat. Die X-Men haben ein neues Mitglied: Lorna Dane. Sie hat magnetische Kräfte und ist die Freundin von Bobby? Irgendwann in der Zukunft müssen wir vielleicht zurückgehen und auch die Ausgaben lesen, die zwischendurch veröffentlicht wurden. Das Schockierendste war allerdings, dass offenbar der Professor gestorben ist. Wir wissen nicht, wie oder warum oder was genau in den ersten beiden Ausgaben dieser Reihe passiert ist, aber es muss erst kürzlich geschehen sein.

Zu guter Letzt seien noch die Künstler der „Roy-Thomas-und-Neal-Adams-Reihe“ erwähnt. Werner Roth ist der Zeichner von Ausgabe Nr. 55. Neal Adams beginnt mit der Zeichnung des Comics ab Ausgabe Nr. 56.

Allein in den ersten beiden Ausgaben gibt es eine Menge Verwirrung, Fragen und faszinierende Story-Elemente, die wir diskutieren müssen. Fangen wir also an.

Storytelling & Artwork

In diesen Ausgaben finden sich viele Anknüpfungspunkte zu früheren Handlungssträngen. Aber es gibt auch genug neue Elemente und Bösewichte. So fühlt es sich erfrischend an, zugleich aber auch nach einer lebendigen Welt, in der auch Konsequenzen eine Rolle spielen. Die ursprünglichen Ausgaben waren meist Einzelgeschichten (mit wenigen Ausnahmen) und nur geringfügige Wechselwirkungen untereinander. Aber jetzt lernen wir nicht nur Trask Junior kennen (sein Vater war für das Sentinel-Programm verantwortlich), sondern treffen auch Ka-Zar wieder.

In Bezug auf die Zusammenstellung der Welt können wir einige Verbesserungen feststellen. In Ausgabe Nr. 58 sehen wir zum Beispiel eine kleine Szene mit Magneto und seinem neuen Kameraden Mesmero. Das vermittelt uns den Eindruck eines größeren, reichhaltigeren Universums, weil wir sehen können, dass die Zeit auch für andere Charaktere weitergeht. Wir betrachten ihre Handlungen und Vorbereitungen nicht nur im Rückblick, sondern während sie geschehen. Aber es sind nicht nur solche Dinge, die die Geschichte bereichern. Manchmal erhalten wir Informationen aus Nachrichtensendungen im Fernsehen, die sich natürlich in die Erzählung einfügen.

Auch die Panelstruktur unterscheidet sich von der ursprünglichen Serie. Es gibt Panels innerhalb von Panels, und die frühere 2×3-Struktur existiert mehr oder weniger nicht mehr. Panels variieren in Größe und Form. Dies sorgt für ein dynamisches Leseerlebnis, insbesondere während der Kampfszenen. Diese Änderungen waren längst überfällig und kommen perfekt zur Geltung, wenn Scott in Ausgabe Nr. 55 gegen den Hauptschurken antritt.

Eine Sache, die ich an modernen Comics liebe, sind Doppelseiten. Überraschenderweise handelt es sich um Zeichnungen, die sich über zwei Seiten erstrecken, oder um eine Ansammlung von Panels, die über eine Doppelseite reichen. Wenn sie gut gemacht sind, gehören solche Einstreuungen zu den Höhepunkten eines Comics. In letzter Zeit habe ich viele Comics von DC Comics gelesen, und die Doppelseiten, die in Green Arrow, Green Lantern oder den Titans-Comics zu finden sind, funktionieren einwandfrei. Manchmal treiben sie sogar die Erzählung voran. Das Gleiche gilt für einige Ausgaben dieser X-Men-Reihe. Sie präsentieren uns die erste Doppelseite der Serie (soweit ich das beurteilen kann – vielleicht gibt es noch einige in den Ausgaben Nr. 20 bis Nr. 54) und es ist wirklich beeindruckend. Neal Adams ist ein großartiger Künstler. Er kann alles. Ob seitenfüllende Action-Sequenzen mit intensiven Kämpfen oder emotionale Diskussionen zwischen Trasks Sohn und einem Richter – alles ist atmosphärisch und dabei auch noch schön anzusehen.

Bevor ich auf spezifischere Dinge eingehe, die mir gefallen oder nicht gefallen haben, möchte ich noch das Finale erwähnen. Man erkennt an der Ausgabe Nr. 65, dass Roy Thomas diese kleine Geschichte schon seit längerer Zeit vorbereitet. Doch es ist schade, dass sie in nur einer Ausgabe erzählt wird. Da die X-Men allerdings ihre erste Reihe abgeschlossen haben, erscheint es nicht logisch, einen weiteren epischen Handlungsbogen zu beginnen. Dies sind die letzten Ausgaben der X-Men. Zumindest für eine Weile. Nach der Ausgabe Nr. 66 veröffentlichte Marvel nur noch Nachdrucke älterer Geschichten. Es dauerte fünf Jahre, bis sie mit »Giant-Sized X-Men Nr. 1« zurückkehrten.

In der letzten Geschichte kehrt der Professor zurück! Yay? Hat jemand geglaubt, dass Xavier tot war? Nun, ich war mir offen gestanden nicht ganz sicher, aber jetzt haben wir den Beweis, dass er seinen Tod vorgetäuscht hat, um eine Strategie für die Invasion der Z’Nox vorzubereiten. Außerirdische Invasoren mit einem Todesstern-ähnlichen Schiff. Klingt großartig, oder? Leider ist das Ganze in nur einer Ausgabe erzählt und sehr schnell wieder vorbei. In der letzten Ausgabe müssen wir uns zudem mit einer seltsamen psychischen Neustartmaschine herumschlagen, damit der Professor wieder normal funktionieren kann. Eine verrückte Art, einen Handlungsbogen abzuschließen und eine Ära von X-Men-Comics zu beschließen.

Wie dem auch sei, die 66. Ausgabe fühlt sich wieder wie die alten an. Zurück zu den Wurzeln. Es gibt sogar eine kurze Trainingseinheit. Der Kreis schließt sich.

The Good, the Bad & the Ugly

Kennt ihr Backstorys? Das sind zusätzliche Seiten am Ende eines Comics (meist nicht mehr als zwei oder drei), die eine weitere Geschichte der Figuren aus dem Heft erzählen. Ich war erstaunt, so etwas in einem X-Men-Comic zu sehen. Dann entdeckte ich eine Tabelle in der Dissertation „Reading The Uncanny X-Men“ von Joseph Darowski. Darin sieht man, dass Backstorys seit der 38. Ausgabe Teil der Comics sind. Nun bin ich noch mehr daran interessiert, die anderen Geschichten zu lesen. Vor allem, weil die, die wir in den Ausgaben 55 bis 57 zu sehen bekommen, qualitativ äußerst unterschiedlich sind. Es ist jedoch schön zu sehen, dass sich die Geschichten seit Stan Lee weiterentwickelt haben. Beispielsweise dadurch, dass sie sich auf alte Geschichten beziehen oder Handlungsbögen über mehrere Hefte erstrecken. Es werden neue Dinge ausprobiert. Backstorys sind nur ein Teil des Prozesses, und Roy Thomas war eine ausgezeichnete Wahl als Nachfolger von Lee.

Worum ging es also in den Backstorys? Die Erste erzählt die Entstehungsgeschichte von Angel alias Warren Worthington oder, wie er sich selbst vor seinem Beitritt zu den X-Men nennt: The Avenging Angel! Er stoppt Einbrecher und Diebe auf eigene Faust. Bald werden die X-Men auf ihn aufmerksam und tauchen in seiner Wohnung auf. Ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür, wie man jemanden NICHT für seine Sache gewinnt (aber dieses Thema haben wir bereits im zweiten Artikel dieser Reihe behandelt). Ob ihr es glaubt oder nicht, das ist noch nicht der schlimmste Teil der Geschichte. Nein, es gibt kurze Kämpfe zwischen Warren und den X-Men, sogar eine Atombombe spielt eine Rolle. Es ist absurd, irre komisch und ich finde es eigentlich ganz gut.

Der peinliche Teil beginnt, als Jean ihre Hintergrundgeschichte bekommt. Ihr wisst schon, um der Figur etwas Respekt zu zollen, einem Charakter noch etwas mehr Tiefe zu geben; die Vergangenheit überwinden, quasi. Nur ein Scherz. Sie bekommt eine Hintergrundgeschichte, die nicht nur die letzte ist, sondern auch in nur einer Ausgabe erzählt wird. Das Erste, was sie tun darf, ist, ihre Wohnung zu putzen und mit Hilfe ihrer Kräfte einen Apfelkuchen zu backen. So geht Feminismus! So stellt man eine X-Woman vor. Das ist natürlich sarkastisch gemeint. Es ist zum Fremdschämen. Ich hatte hohe Erwartungen. Diese wurden leider herb enttäuscht. Noch dazu, weil die Geschichte von einer Frau geschrieben wurde. Hatte sie Vorgaben? Musste sie gerade diese Geschichte erzählen? Geht das nicht cooler? Lasst Jean etwas tun. Was wir bekommen, ist nicht einmal eine richtige Geschichte. Es ist wie ein Tagebucheintrag, den Jean dem Publikum vorliest. Es gibt kein Thema und keine Handlung. Ich kann es kaum erwarten, Chris Claremont zu lesen, also machen wir weiter mit etwas Gutem.


Das war der erste Teil des Textes zu Roy Thomas und Neal Adams. Nächste Woche geht es mit dem zweiten und letzten Teil weiter.

Everything X-Men | Comic Book Authority

Es ist Donnerstag und das heißt, wir werfen einen Blick in die Vergangenheit. Genauer gesagt auf eine Textreihe, die ich ihm im Rahmen meines Medienwissenschaftsstudiums geschrieben habe. Für dieses sogenannte Projektstudium habe ich mir die X-Men-Comics genauer angesehen. Doch ich habe nicht nur die Geschichten besprochen und analysiert, sondern mir auch Themen angesehen, die in den Comics vorgekommen sind. Wie die »Comics Book Authority«, um die es heute gehen soll.

Mittlerweile habe ich mir ein paar der alten Texte angeschaut und redigiert. Das ist hier etwas mehr Aufwand, da ich die Texte ursprünglich auf Englisch schrieb, ich sie hier allerdings auf Deutsch veröffentlichen möchte. Die initiale Übersetzung habe ich mit DeepL gemacht, jedoch ist noch einiges an Nacharbeit notwendig. Jedenfalls ist mir beim Durcharbeiten aufgefallen, dass manche der alten Links nicht mehr funktionieren. Entweder sind die Quellen nicht mehr verfügbar oder es gibt sonstige (technische) Gründe, warum sie nicht mehr wollen. Für Quellen aus dem Internet bin ich deshalb dazu übergegangen, nur mehr die Webseite, wenn vorhanden, den oder die Autor*in und den Titel des Beitrags zu nennen.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Ist euch schon einmal der stempelähnliche Abdruck in der rechten oberen Ecke von Comics aufgefallen? Mir ist sie bewusst zum ersten Mal aufgefallen, als ich die X-Men-Reihe von Jack Kirby und Stan Lee gelesen habe. Zuvor gehörte es eben zu Comics dazu, besonders wenn man sich ältere ansieht. Doch mittlerweile kann ich sie gar nicht mehr übersehen. Zum Beispiel in der Batman-Geschichte „No Man’s Land“. Selbst dort ist das Logo der CBA winzig klein und kaum zu erkennen vorhanden. Zuerst dachte ich: „Schön, ein Qualitätssiegel für Comics“. So wie Fleisch, Gemüse oder Eier manchmal mit Stempeln versehen werden, um zu beweisen, dass sie ihr Geld wert sind. Dann begann ich, mich über diese Comics Code Authority zu informieren, und mir wurde klar, dass dies das Schlimmste ist, was Comics jemals passieren konnte. Diese kleine Organisation, die bewusst von den Verlagen selbst gegründet wurde, ruinierte einige von ihnen, zensierte den Rest und schränkte die Autor*innen und Künstler*innen ein. Von 1954 bis 2011 (ja, richtig gehört) genehmigte die Comics Code Authority Comics verschiedener Verlage.

Meilensteine?

Ich möchte nicht die gesamte Geschichte der Comics Book Authority zusammenfassen, da Dr. Amy Kiste Nyberg dies bereits hervorragend auf der Website des »Comic Book Legal Defense Fund« getan hat (Comics Code: History of the seal of approval). Der Text ist schnell zu lesen und ich empfehle ihn allen, die sich für dieses Thema interessieren. Hier sind jedoch einige Meilensteine in der Geschichte der CBA:

  • Die erste Version eines Regulierungskodex wurde im Oktober 1954 veröffentlicht.
  • „Nur Comics, die die Vorabprüfung bestanden hatten, durften das Siegel tragen“ (Nyberg, o. J.).
  • Die Behörde wurde gegründet, weil Kritiker von Comics (Kirchen, Eltern und andere) einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder befürchteten.
  • Dr. Frederic Wertham, ein Psychiater, setzte sich für ein Verbot von Comics für Kinder ein und schrieb sogar ein Buch darüber: „Seduction of the Innocent“ (Verführung der Unschuldigen).
  • Vor allem Krimi-Comics wurden für Jugendkriminalität verantwortlich gemacht (weil sie Kindern angeblich schlechte Ideen in den Kopf setzten).
  • William Gaines, ein Verleger von EC Comics, war „angewidert von der Richtung, die die Ereignisse genommen hatten“ (Nyberg, o. J.) und weigerte sich, seine Comics von der CMAA (Comics Magazine Association of America) genehmigen zu lassen. Er war gezwungen, sein Comic-Geschäft aufzugeben, und gründete das MAD-Magazin.
  • Mit der Veröffentlichung einer dreiteiligen Spider-Man-Geschichte, die Stan Lee nicht von der CMAA genehmigen ließ, wurde der Kodex im Februar 1971 überarbeitet.
  • In den 1980er Jahren wurde der Vertrieb von Comics auf einen Direktvertrieb umgestellt, was dazu führte, dass immer mehr Verlage den Kodex umgingen.
  • 1982 wurde der Kodex zum letzten Mal überarbeitet.
  • DC Comics und Archie Comics waren die letzten Verlage, die das Gütesiegel aufgaben – wohlgemerkt im Jahr 2011.

Blick hinter den Vorhang

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das Gütesiegel und der dahinterstehende Code eine ganze Branche beeinflusst haben, kann ich folgende Webseite empfehlen: »seductionoftheinnocent.org«. Es handelt sich um eine sehr informative Seite. Dort wird versucht, alle Comics zu sammeln, die Wertham als „Beweis“ dafür verwendet hat, dass Comics einen schlechten Einfluss auf Kinder haben. Überdies finden sich dort viele interessante Artikel, die sich eingehender mit diesem Thema befassen. Der vollständige Kodex von 1954 ist hier zu finden: »lostsoti.org | TheComicsCode1954«. Aber wie zuvor gebe ich hier ein paar Beispiele:

  • „Kein Comic-Magazin darf die Wörter Horror oder Terror in seinem Titel verwenden.“
  • „Die Darstellung von Liebesgeschichten muss den Wert der Familie und die Unantastbarkeit der Ehe betonen.“ • „Obszönitäten, Vulgäres, Anzügliches oder Wörter oder Symbole, die eine unerwünschte Bedeutung angenommen haben, sind verboten.“
  • „Wenn Verbrechen dargestellt werden, müssen sie als schmutzige und unangenehme Handlungen dargestellt werden.“
  • „Verbrechen dürfen niemals so dargestellt werden, dass sie Sympathie für den Verbrecher wecken, Misstrauen gegenüber den Kräften des Gesetzes und der Gerechtigkeit fördern oder andere dazu inspirieren, Verbrecher nachzuahmen.“

Meiner Meinung nach war der Kodex wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Man muss bedenken, dass Comics zu dieser Zeit ein relativ neues Medium waren – zumindest in der Form, wie wir sie heute kennen. Die ersten Comicstrips wurden bereits 1827 vom Schweizer Rudolphe Töpffer veröffentlicht. Es folgten einige Graphic Novels. Das erste moderne amerikanische Comicbuch erschien jedoch erst in den frühen 1930er Jahren. »Famous Funnies: A Carnival of Comics« wurde 1933 veröffentlicht und »Famous Funnies #1« erschien 1934. Aber kommen wir zurück zum Thema:

Zu einer Zeit, als Krimi- und Horrorcomics groß in Mode waren, kamen auch die Kritiker – besorgt um ihre Kinder und die Auswirkungen, die die Comics auf sie haben könnten. Zunächst wurden Comics von Menschen angegriffen, die das Medium nicht verstanden. Anstatt mit dem Publikum zu sprechen und ihm zu erklären, dass nicht jedes geschriebene und veröffentlichte Comicbuch für Kinder geeignet ist, gründeten die Verlage eine Behörde. Vielleicht ist das eine naive Sichtweise. Ich habe jedoch den Luxus, das Thema aus einer modernen Perspektive betrachten zu können, und heute scheint das Publikum für Comics um einiges vielfältiger zu sein. Egal, wie alt man ist, ob man dünn oder dick, schwarz oder weiß, hetero oder queer ist – Comics sind für alle da. Ob von einem großen Verlag, als Indie-Comics, Webcomics oder für einen Nischenmarkt. Sie sind wie Fernsehsendungen oder Filme: ein Medium. Kein einheitliches Format oder eine eingeschränkte Art, Geschichten zu erzählen. Ganz im Gegenteil. Das mag selbstverständlich erscheinen, aber ich halte es für wichtig, dies immer wieder zu betonen. Comics sind keine Einheitsgröße.

Um diesen Punkt zu erreichen, braucht es Zeit, Geduld und Geld. Vor allem Geld von den Verlagen. Aber wenn man der Welt ein neues Medium vorstellt, kann man es nicht einfach zensieren, weil einige sich an der Art und Weise, wie man seine Geschichten erzählt, stören. Man muss ihm Zeit geben, sich zu entwickeln. Nicht nur dem Medium selbst (als Verlag muss man herausfinden, was man damit machen kann), sondern auch dem Publikum. Dennoch muss man sagen, dass wir ohne die CBA vielleicht nie unsere geliebten Superhelden bekommen. Wir hätten vielleicht etwas anderes. Es wäre spannend, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Man könnte fragen: Welche Comics und Geschichten waren zu der Zeit, als die Kritiker auftauchten, am beliebtesten? Welche Inhalte und Geschichten konnten aufgrund der Behörde nicht erzählt werden? Und dann weiter spekulieren. Aber wir können die Zeit nicht ändern. Und viele Geschichten und Charaktere, die in diesen Jahrzehnten entstanden sind, sind brillant, faszinierend und ich würde sie sehr vermissen. Sie haben sogar ganze Filmuniversen hervorgebracht und ein ganz neues Filmgenre inspiriert. Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Vielleicht braucht es diese Einordnung gar nicht.

Tatsache ist, dass die CBA die Schöpfer zensiert und einige Geschichten möglicherweise nicht so spannend oder originell sind, wie sie hätten sein können. War das der Grund für den Umsatzrückgang? Ich weiß es nicht; vielleicht können wir darüber mehr sprechen, wenn wir uns um die verschiedenen Zeitalter der Comics kümmern.

Fazit

Bis heute bin ich überrascht, dass sich angeblich alle großen Verlage auf den CBA geeinigt haben. Wir sprechen hier von einer ganzen Branche. Wie ist das möglich?

Bei meinen Recherchen stieß ich auf Sätze wie den folgenden: „1954 wurde die Comics Code Authority eingeführt, da offenbar ein Zusammenhang zwischen der steigenden Beliebtheit von Comics und einem Anstieg der Jugendkriminalität bestand.“ Es macht mich wütend, so etwas zu lesen, denn wo ist dieser „offensichtliche Zusammenhang“, von dem alle sprechen? Der Einzige, der immer wieder zitiert wird, ist Wertham (wenn überhaupt). Es gibt einen Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. Gibt es wirklich wissenschaftliche Beweise dafür, dass Aussagen wie die oben genannten wahr sind?

Glücklicherweise wird der Kodex heute nicht mehr angewendet. Aber er hat einigen Schaden angerichtet. Einige Verlage konnten ihre Comics nicht mehr verkaufen, was zu ihrer Insolvenz führte. Über 60 Jahre lang hat die Comic-Branche einfach aufgegeben – zumindest meiner Meinung nach. Wie gesagt, Comics waren damals noch relativ neu. Logischerweise gab es Bedenken – die gibt es immer. Aber man darf nicht auf diese Kritiker hören. Auch nicht, wenn die Verkaufszahlen sinken. Man muss einfach weiter gute, spannende Geschichten erzählen, dann finden die Leute wieder zurück. Davon bin ich überzeugt. Aber es ist auch eine sehr privilegierte, von einem Außenstehenden getätigte Aussage. Wie ein Historiker, den ich gerne höre, immer wieder zu sagen pflegt: Zu Hause im Wohnzimmer auf der Couch, mit einer Tüte Chips in der Hand, kann man hervorragend über die Vergangenheit urteilen. Es hat keine Konsequenzen.

Quellen

  • Wertham, F. (1953). What Parents Don’t Know About Comic Books. Ladies‘ Home Journal, November 1953.
  • Nyberg, A.K. (n.d.). cbldf.org | Comics Code History: The Seal of Approval (blog post).

Everything X-Men | Kirby & Lee (Teil 3/3)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute einen Blick in die Vergangenheit. Für mein Medienwissenschaftsstudium habe ich ein Projekt namens »Everything X-Men« auf die Beine gestellt. Ich habe mich darin eingehend mit den X-Men beschäftigt. Die Textreihe erschien sowohl auf einer eigenen Webseite als auch auf dem amerikanischen Blog »Rogues Portal«, bei dem ich drei Jahre mitwirkte. Die Texte des Projektes übersetze ich für die Aufbereitung hier mithilfe von DeepL und redigiere sie anschließend.

Bisher sind folgende Texte erschienen:

Heute geht es mit dem dritten und letzten Teil der Ära Kirby/Lee weiter.


Freund oder Feind

Mit jeder Ausgabe kommt ein neuer Mutant hinzu. Und bei jedem Mutanten spielt die Rekrutierung eine wichtige Rolle. Dafür hat der Professor ein Gerät entwickelt: Cerebro. Die Einführung von Cerebro, einem Gerät, das andere Mutanten aufspüren kann, war sehr unbefriedigend. In den Filmen muss Professor X mit dem Gerät verbunden sein, damit Cerebro funktioniert. In den Comics hingegen ist es ein eigenständiges Gerät. Und es ist in einen Schreibtisch eingebaut, einen Holzschreibtisch. Cerebro hat nichts Majestätisches oder Beeindruckendes an sich. Vielleicht ist das aber auch ein Vorteil.

Bei der Frage der Rekrutierung und Suche nach anderen Mutanten kann man eine gewisse Diskriminierung nicht ignorieren. Sie sind sehr streng, was ihre neuen Mitglieder angeht. Ein Thema, das mich stört, ist Folgendes: Auf der einen Seite stehen die X-Men und auf der anderen Seite die Bruderschaft der bösen Mutanten. Magneto hat die Gruppe gegründet, und die ersten Mitglieder sind The Toad, Pietro alias Quicksilver, Wanda alias Scarlet Witch und Mastermind. Immer wieder kämpfen die beiden Teams um neue Mitglieder. Das Problem dabei ist, dass es offenbar keine Alternative zu diesen beiden gibt. Mutanten schließen sich ihnen entweder an oder – nun ja, was genau? Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie sich keinem der Teams anschließen wollen, aber es klingt immer wie ein Ultimatum.

Nehmen wir zum Beispiel Blob. Die X-Men gehen so unvorsichtig auf ihn zu, dass es kein Wunder ist, dass er sich keinem der beiden Teams anschließen will. Nach ihrem anfänglichen Scheitern greifen sie ihn an, und natürlich wehrt er sich. In dieser Situation waren die X-Men selbst die eigentliche Bedrohung. Und der größte Fehler ihres Vorgehens ist, dass sie ihm sofort ihre richtigen Namen nennen. Keine geheimen Identitäten, keine Kostüme oder Ähnliches – nur ihre richtigen Namen und Alltagskleidung. Zugegeben: Wären sie etwas empathischer gewesen, hätten sie die Geheimidentität wahrscheinlich nicht gebraucht.

Hier sind einige Beispiele für Charaktere, um die Charles und Magneto (dessen richtiger Name in diesen 19 Ausgaben nie genannt wird) kämpfen: Prinz Namor/Sub-Mariner (der die Gesetze der Physik auf unschöne Weise beugt), Unun (der von seinen eigenen Kräften besiegt wird), Ka-Zar alias Lord of the Jungle (der in einem geheimen Land unter der Antarktis lebt) und einige andere. Zwei der faszinierendsten Bösewichte dieser Ära (neben dem oben erwähnten Juggernaut und der Bruderschaft) sind The Stranger und Luzifer.

Ja, richtig gehört, sie kämpfen sogar gegen Luzifer selbst. Oder zumindest Charles Xavier tut es. Luzifer ist derjenige, der den Professor in den Rollstuhl gebracht hat (wobei ich die Erklärung aus dem Film »X-Men: First Class« besser finde), und jetzt ist er zurückgekehrt, um Rache zu nehmen. In dieser Ausgabe müssen die X-Men auch gegen die Avengers kämpfen, denn wenn sie Luzifer zu früh besiegen, wird eine Bombe explodieren. Es ist eine großartige Ausgabe, und ich glaube nicht, dass Luzifer ein Mutant ist. Sondern nur ein Mensch mit viel Zeit und Ressourcen. Quasi wie Batman.

The Stranger ist ebenfalls sehr faszinierend. Und interessanterweise ist er nicht einmal ein Mutant, sondern ein Außerirdischer. Die elfte Ausgabe ist auch die Quelle eines außergewöhnlich guten Zitats (Achtung, Sarkasmus voraus) eines Zivilisten: „Holt einen Arzt! Die Frauen fallen hier wie die Fliegen um!!“ Man beachte die beiden Ausrufezeichen am Ende, die für eine so großartige Aussage notwendig sind. Abgesehen davon ist die Ausgabe eine gute Lektüre. The Stranger stammt von einem anderen Planeten und rekrutiert mutierte Kreaturen, um sie zu studieren – er nimmt Magneto und The Toad mit und lässt Mastermind in Stasis zurück. Dieses Ende war sehr überraschend, und keine der beiden Seiten kann wirklich gegen die Bedrohung kämpfen. Er ist einfach zu mächtig. Ich könnte mich irren, aber ich glaube, dies könnte auch die erste Ausgabe sein, die mit einem Teaser am Ende endet! Zumindest fühlte es sich mehr wie ein Cliffhanger/Teaser an als in den vorherigen Ausgaben.

Fazit

Sobald man anfängt, nach Quellen für Artikel wie diesen zu suchen, kann es schnell wie ein Fass ohne Boden erscheinen. Eins führt zum anderen, und man hat Dutzende von Aufsätzen, Büchern und Artikeln zu lesen und zusammenzufassen, damit man nicht vergisst, dieses oder jenes Thema oder diesen oder jenen Hinweis zu erwähnen. Ich bin Perfektionist, und gerade der erste Artikel dieser Reihe sollte spannend sein.

Ich wollte einen Überblick über die Entstehung der X-Men sowie über die Art und Weise geben, wie sie dargestellt wurden. Dazu habe ich mich auf eine Handvoll Quellen und meine Interpretation des Materials konzentriert. Eines möchte ich jedoch erwähnen: Ich habe nicht über die Bezüge zum Kalten Krieg gesprochen, weil andere das bereits viel besser getan haben, als ich es jemals könnte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas Neues beitragen könnte. Stattdessen war es mir wichtig, aus einer anderen Perspektive ausführlich über die ursprüngliche Serie zu sprechen und den Leser*innen hoffentlich einige Anregungen zu geben, sich ebenfalls diese frühen Ausgaben anzuschauen.

Der nächste Artikel wird sich mit der »Comic Book Authority« befassen, und dann setzen wir unsere Reise mit Neal Adams und Roy Thomas (Ausgaben Nr. 55 bis Nr. 66) fort.

Quellen:


Ich hatte ganz vergessen, wie lang die Texte teilweise geworden sind. Trotzdem fällt mir jetzt auf, wie kurz sie in gewisser Weise auch waren. Immerhin bespreche ich drei Jahre an X-Men-Geschichten. Vieles habe ich teilweise nur angedeutet oder verkürzt dargestellt. Themen, die ich aus heutiger Sicht betrachtet gerne ausführlicher besprechen würde. Aber die Texte sind immerhin 8 Jahre alt und ich habe mich in dieser Zeit auch weiterentwickelt. Trotzdem ist es interessant, die Texte von »Everything X-Men« durchzugehen, und ich bin schon sehr gespannt, wie die nächsten Texte ausfallen.

Everything X-Men | Kirby & Lee (Teil 2/3)

Heute ist Donnerstag, das heißt, wir werfen einen Blick in die Vergangenheit. Und zwar sehen wir uns die Textreihe »Everything X-Men« an, die ich als sogenanntes Projektstudium für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben habe. Darin habe ich mich ausführlich mit den X-Men beschäftigt. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber in Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung (auch der vorkommenden Zitate) habe ich mit DeepL gemacht. Natürlich redigiere ich die Texte danach noch.

Bisher sind folgende Texte erschienen:

Vergangene Woche begannen wir mit der Ära Kirby/Lee. Heute geht es weiter mit dem zweiten Teil des Textes.


Die Charaktere

Ein wiederkehrendes Thema in Stan Lees X-Men-Reihe sind die Trainingseinheiten, die zu Beginn fast jeder Ausgabe stattfinden. Scott, Bobby, Hank und Warren werden sogar im Rahmen einer solchen Einheit vorgestellt. Auf diese Weise lernen wir ihre Fähigkeiten kennen und können ihre Kameradschaft einschätzen. Wie sie miteinander umgehen und wie ihre Beziehung zueinander ist. Es scheint auch ein sehr militärischer Ansatz für die Geschichte zu sein, da Professor X ihnen immer wieder genaue Zeitvorgaben macht, die sie einhalten müssen. Er sagt Dinge wie „Ihr habt drei Sekunden Zeit“, „Ihr habt genau 15 Sekunden Zeit“ oder Ähnliches.

Die Fähigkeiten der Kinder werden sehr früh deutlich. Im Gegensatz zu ihnen scheinen die Fähigkeiten des Professors zu wachsen oder zu schwinden – immer passend zur Geschichte. Zunächst scheint es, als hätte Xavier nur mentale Fähigkeiten, um Gedanken zu lesen. Aber manchmal werden diese so weit ausgebaut, dass er Erinnerungen löschen kann. Kann er Menschen wie in den Filmen kontrollieren? Diese Frage wird in den ersten Ausgaben leider nicht beantwortet. Er hat jedoch eine weitere Fähigkeit, die Anlass zur Sorge gibt: Astralprojektion.

Das erste Mal, dass ich dieser Fähigkeit in anderer Form begegnete, war in den ersten Staffeln der Fernsehserie »Charmed«, in der Prue diese Fähigkeit entwickelt. Wenn sie eine Astralprojektion vornimmt, kann sie diese Projektion ihrer selbst jederzeit deaktivieren. Das scheint plausibel, da es sich um eine mentale Erweiterung des Geistes handelt, die nicht an einen physischen Gegenstand gebunden ist. Die Astralprojektion des Professors muss jedoch zu ihrem Besitzer zurückkehren, bevor sie deaktiviert werden kann. Interessant ist auch, dass Magneto offenbar ebenfalls über mentale Fähigkeiten verfügt – zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Dies würde nahelegen, dass sie irgendwie miteinander verwandt sind, was eine Wendung wäre, die ich nicht erwartet hätte. Aber der Professor ist mit einem anderen Mutanten verwandt: dem Juggernaut. Er ist sein Stiefbruder und heißt Cain Marko (Kain; wie in Kain und Abel). Cain erhielt seine Kräfte aus einem Tempel der dunklen Magie und dem magischen Gegenstand Cyttorak. Er ist eine unaufhaltsame Kraft. Die zweiteilige Geschichte, die in den Ausgaben # 12 und # 13 erzählt wird, gehört zu meinen Favoriten aus dieser Zeit.

Besonders # 12 ist wie ein Horrorfilm inszeniert und erinnert mich ein wenig an »Alien«. Der Professor weiß, was kommen wird, und lässt seine Schüler Vorbereitungen treffen, während sich der Juggernaut nähert. Aber wir sehen ihn nie direkt, er wird nur angedeutet. Jack Kirby hat unglaubliche Arbeit geleistet. Die Geschichte ist sehr spannend und auch ein bisschen beängstigend, obwohl alles am helllichten Tag passiert. X-Men # 12 ist auch ein großartiges Beispiel für die Teamarbeit der Kinder. Sie haben sehr hart trainiert und können nun von diesen intensiven Anstrengungen profitieren.

Leider wird Jean Grey in den ersten paar Ausgaben nicht gut behandelt. Und mit „paar“ meine ich etwa 14 Ausgaben. Es beginnt in den ersten drei Comics und wird von da an immer gruseliger. Ihre vermeintlichen Freunde bezeichnen sie als umwerfend, wunderschön und sind davon besessen, sie ständig zu berühren. Wenn sie nicht da ist (und manchmal sogar, wenn sie da ist), streiten sie sich darum, wer ihr Freund sein soll. Es ist sehr frustrierend, zu sehen, wie sie behandelt wird – als hätte sie in dieser Angelegenheit nichts zu sagen.

Der unangenehmste Moment von allen ereignet sich jedoch während eines Dialogs in der dritten Ausgabe, als der Professor denkt: „Als ob ich mir keine Sorgen um die Person machen könnte, die ich liebe! Aber ich kann es ihr niemals sagen! Ich habe kein Recht dazu! Nicht, solange ich der Anführer der X-Men bin und an diesen Rollstuhl gefesselt bin!“ [Ausgabe Nr. 3]

Wie John Darowski in seinem Essay „Böse Mutanten schrecken vor nichts zurück, um die Kontrolle über die Menschheit zu erlangen!“ schreibt, muss Marvel Girl verschiedene Rollen erfüllen. Ob Mutter, Schwester oder Freundin – sie ist das, was die Geschichte von ihr verlangt [Darowski]. Das zeigt sich sogar während der Trainingseinheiten. Während die anderen gefährliche und körperlich anstrengende Übungen machen (im Raum herumhüpfen und Flammen ausweichen), muss sie sich mit Büchern beschäftigen (sie schweben lassen) oder an der Präzision ihrer Fähigkeiten arbeiten (mit Nadel und Faden). Wenn die Übungen zu anstrengend werden, wird sie ohnmächtig oder muss von Cyclops gerettet werden.

All dies trotz ihrer hervorragenden Einführung. Auf den ersten Seiten schafft sie es, sich gegen die Jungen zu behaupten und ihre Kräfte einzusetzen. Sie ist ein selbstbewusstes junges Mädchen. Dieses Bild von ihr wird sehr schnell zunichte gemacht, wie das oben erwähnte Zitat von Professor X beweist. Erst ab der vierzehnten Ausgabe gewinnt sie wieder die Kontrolle und entwickelt eine echte Persönlichkeit. Am Ende ist sie den anderen ebenbürtig.

Bobby, Warren und Hank machen in diesen Ausgaben keine solche Entwicklung durch. Sie trainieren und schlagen sich während ihrer Missionen ziemlich gut. Aber ansonsten haben sie keine solchen Schwierigkeiten. Allerdings hat jeder von ihnen ein persönliches Problem. Hank zum Beispiel rettet an einer Stelle der Geschichte ein Kind. Zum Helden wird er aber nicht erklärt. Aus dem Nichts greift ihn buchstäblich eine Menschenmenge an. Vor diesem Vorfall wird nie deutlich, dass die Gesellschaft die X-Men hasst oder überhaupt von ihnen weiß. Zu einem gewissen Grad sind sie sogar angesehen, denn über eine direkte Verbindung zum FBI übernimmt der Professor Missionen für die Regierung. Es ist nicht klar, ob die Welt die X-Men hasst oder liebt oder ob sie einfach beschlossen hat, sie zu ignorieren.

Warren hingegen hat ein persönlicheres Problem. Seine Eltern besuchen die Schule und werden schnell von Magneto gefangen genommen. Dies ist eine weitere Parallele zwischen der queeren Community und den X-Men. Seine Eltern wissen nichts von seinem „Zustand” und versuchen daher, ihn geheim zu halten. Dies ist ein sehr emotionales Thema und die einzige Entwicklung, die er in den ersten 19 Ausgaben durchläuft.

Bobby kann seine Kräfte ein wenig weiterentwickeln. Am Anfang kann er sich buchstäblich in einen Schneemann verwandeln – indem er seinen ganzen Körper mit flauschigem Schnee bedeckt. Durch das Training wird der Schnee dichter und er kann eine kristallinere „Haut“ um seinen Körper bilden.

Scott ist meiner Meinung nach derjenige, der sich am meisten weiterentwickelt. Am Anfang und während der gesamten Reihe kämpft er mit seinen Fähigkeiten. Die Zerstörung, die seine Laseraugen verursachen können, ist eine echte Bedrohung. Der Professor macht ihn dennoch zu seinem Nachfolger, und Scott kann sich in Situationen, in denen sein Mentor nicht da ist, gut behaupten. Es wäre toll gewesen, wenn Kirby und Lee die Liebesgeschichte auf Scott und Jean konzentriert hätten. Sie scheinen ein perfektes Paar zu sein. Aber die oben erwähnten Kommentare, Streitereien und Verhaltensweisen machen es seltsam und unangenehm, zu lesen. Immerhin sind die X-Men ein Team und hätten sich auch hier gegenseitig unterstützen können.


Das soll es für heute gewesen sein. Nächste Woche geht es mit dem dritten und letzten Teil dieses Textes weiter.