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Everything X-Men | Was ist ein Mutant? (Teil 2/2)

Es ist wieder so weit. Wie jede Woche werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Und zwar in die Zeit meines Medienwissenschaftsstudiums. Damals habe ich für das sogenannte Projektstudium eine Textreihe über die X-Men-Comics geschrieben. Ich habe sowohl die Comics analysiert als auch Texte zu Themen geschrieben, die in diesen Ausgaben vorkamen. Das letzte Mal haben wir uns mit dem Thema Mutationen befasst.

Eigentlich hätte ich das Thema damals schon in zwei Teile aufteilen und getrennt voneinander behandeln sollen. Vergangene Woche war die biologische Seite dran. Diese Woche geht es um die literarische Seite. Welche Bücher wurden vor den X-Men veröffentlicht, die sich mit Mutationen auseinandergesetzt haben? Dienten sie vielleicht als Vorlage oder Inspiration für die Comics? Die Inhalte der Bücher lesen sich auf jeden Fall äußerst faszinierend und vielleicht muss ich sie tatsächlich noch einmal nachholen.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Werfen wir einen Blick auf die literarischen Ursprünge. Es gibt bestimmte Bücher, die größtenteils Anfang der 1950er Jahre erschienen sind und den X-Men sehr ähnlich sind. Zumindest was ihre Fähigkeiten und die Stellung in der Gesellschaft angeht. „Ob Lee und Kirby diese Werke gelesen haben, lässt sich nicht sagen, aber die Ähnlichkeiten sind signifikant.“ (Darowski, 2011)

Ich habe drei Beispiele, die immer wieder genannt werden, wenn man etwas über den Ursprung der X-Men liest. Ich muss leider sagen, dass ich die Bücher noch nicht gelesen habe. Deshalb werde ich nur einen kurzen Überblick geben. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht allzu viele Kommentare oder Rezensionen darüber gelesen, weil ich mir nicht zu viel vorwegnehmen wollte – und ja, mir ist bewusst, dass diese Bücher über 60 Jahre alt sind.

  • Henry Kuttner & C. L. Moore: Mutant
    Das Buch erschien 1953, aber – wie auch bei „Children of the Atom“ – wurden die ersten Kapitel zunächst in der Zeitschrift „Astounding Science Fiction“ veröffentlicht. Das Buch enthält fünf Kapitel („The Piper’s Son“, „Beggars in Velvet“, „The Lion and the Unicorn“, „Three Blind Mice“ und „Humpty Dumpty“). Diese Kapitel erzählen verschiedene Geschichten derselben Figuren in verschiedenen Phasen ihrer Abenteuer. Die Beschreibungen des Inhalts klingen sehr vertraut und könnten leicht aus einem X-Men-Comic stammen. Einige der Mutanten in den Geschichten wollen beispielsweise friedlich leben, während andere die Menschheit vernichten wollen. Das klingt vertraut. Sofern ich das beurteilen kann, können die meisten Mutanten Gedanken lesen, und die Autoren „verwenden kursive Schrift und Absätze in Klammern, um telepathische Gespräche zwischen mehreren Personen effektiv zu vermitteln; eine der größten Stärken des Buches“ (Ferber, 2013).
  • Wilmar Shiras: Children of the Atom
    Dieses Buch wurde ebenfalls 1953 veröffentlicht. Wikipedia bezeichnet das Buch als eines der „bedeutendsten SF- und Fantasy-Bücher der letzten 50 Jahre, 1953–2002“. Leider ist die Quelle dafür nicht mehr verfügbar, aber es klingt faszinierend. Die beste Zusammenfassung, die ich finden konnte, stammt von Arthur Bangs. Er erwähnt auch die Ähnlichkeit der Geschichte mit den X-Men, deren erstes Abenteuer nur zehn Jahre später stattfand. Bangs (2005) schreibt: „Dies ist keine Superheldengeschichte, sondern eine Geschichte über begabte Kinder, die lernen, ihre Fähigkeiten zu verstehen und anzunehmen und ihr Gefühl der Isolation zu überwinden, indem sie sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen.“
  • A. E. van Vogt: Slan
    Dies ist der älteste Roman der drei; er erschien 1946. „Slans sind weiterentwickelte Menschen, benannt nach ihrem angeblichen Schöpfer Samuel Lann. Sie verfügen über die psychischen Fähigkeiten, Gedanken zu lesen, und sind überaus intelligent. Sie besitzen nahezu unbegrenzte Ausdauer, ‚Nerven aus Stahl‘ sowie überlegene Kraft und Geschwindigkeit. Wenn Slans krank oder schwer verletzt sind, fallen sie automatisch in eine heilende Trance.“ (Slan, o. J.)

Fazit

Es gibt viele Geschichten, insbesondere aus den 1940er- und 1950er-Jahren, die sich auf die eine oder andere Weise mit Mutationen befassen. Sie handeln von der Angst vor Atombomben und davon, wie diese andere Menschen beeinflussen könnten. Leider weiß ich nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber jemand sagte über diese Bücher, dass die meisten Kritiker sie heute nicht mögen, weil sie die Zukunft nicht richtig vorhergesagt haben. Das ist jedoch eine unfaire Aussage. Das Hauptziel von Science-Fiction-Büchern ist es nicht, dem Publikum die Zukunft zu beschreiben und genau aufzuzeigen, was in den nächsten zehn, zwanzig oder tausend Jahren passieren wird. Sie bieten eine Möglichkeit. Wie es sein könnte. Sie sind Warnungen oder Hoffnungsträger, beschäftigen sich mit Ängsten und Befürchtungen. Das ist die Kraft des Geschichtenerzählens.

Quellen

  • Arad, A. (Producer), & Singer, B. (Director). (2003). X-Men 2 [Motion Picture]. USA: Twentieth Century Fox.
  • Bangs, A. (October 23rd, 2005). sffworld.com | Children of the Atom by Wilmar Shiras.
  • Darowski, J. (2011). Reading The Uncanny X-Men: Gender, Race and the mutant metaphor in a popular narrative (doctoral dissertation).
  • Ferber, S. (April 15th, 2013). fantasyliterature.com | Mutant: Kuttner & Moore’s final novel.
  • ScienceClarified (n.d.) scienceclarified.com | Mutation – Real-life applications.
  • Slan. (n.d.) en.wikipedia.org
  • Norman, C. (2014). Mutating Metaphors: Addressing the Limits of Biological Narratives of Sexuality. In J.J. Darowski (Ed.), The Ages of the X-Men: Essays on the children of the atom in changing times (pp. 165–177). United States: McFarland & Company, Inc., Publishers.

Everything X-Men | Was ist ein Mutant? (Teil 1/2)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Die Textreihe »Everything X-Men« habe ich als sogenanntes Projektstudium für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben. Darin habe ich mich ausführlich mit den X-Men beschäftigt. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber auf Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung (auch der vorkommenden Zitate) habe ich mit DeepL gemacht. Natürlich redigiere ich die Texte danach noch.

Ich habe mir den Text mittlerweile mehrfach durchgelesen und immer wieder Stellen überarbeitet. Um ehrlich zu sein, finde ich ihn nicht gut. Vielleicht liegt es zum Teil auch an der Übersetzung. Denn hier bin ich tatsächlich an gewisse Grenzen gestoßen. Beispielsweise bei der Bezeichnung von kleinwüchsigen Menschen. Erkenntnisse und Begrifflichkeiten, die zu verwenden sind, beziehen sich nicht nur auf die damaligen Recherchen, sondern stammen auch noch aus dem nordamerikanischen Raum. Trotzdem wollte ich den Text der Vollständigkeit halber in dieser Reihe behalten.

Außerdem behandelt der Text zwei getrennte Themen, die ich auch in zwei getrennten Texten hätte behandeln müssen. Dieses Versäumnis kann ich heute begleichen, indem ich den Text einfach in zwei Schritten veröffentliche. Heute geht es um den biologischen Teil. Wie definiert man Mutation und was bedeutet sie? Ein faszinierendes Thema, das ich damals noch sehr viel ausführlicher hätte bearbeiten können. Als Einstieg in das Thema ist es allerdings nicht schlecht.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Ein Artikel auf der Website ScienceClarified beginnt mit einem sehr interessanten Satz. Ich werde diesen Satz ebenfalls verwenden, um das Interesse für das Thema Mutation zu wecken: „Jedes einzelne menschliche Merkmal – blaue Augen, rote Haare, ‚zystische Fibrose‘, ein zweiter Zeh, der länger ist als der große Zeh, und so weiter – ist das Ergebnis einer genetischen Mutation, die irgendwann in der Vergangenheit stattgefunden hat.“

Mutation

Der oben erwähnte Artikel befasst sich ausführlich mit verschiedenen Mutationen. Diese können auf natürliche oder künstliche Weise entstehen. Natürliche Mutationen entstehen, wenn eine Zelle bei ihrer Vermehrung einen Fehler macht (was zu Krankheiten führen kann). Sie können aber auch als eine Form der Evolution auftreten und somit zum Wohlergehen einer Spezies und ihrer Ausdauer beitragen. Oder, wie ScienceClarified schreibt: „Nützliche Mutationen sind in der Tat die treibende Kraft hinter der Evolution.“ Diese Entwicklungen können viele Generationen dauern.

Künstliche Mutationen hingegen „werden durch Mutagene verursacht – chemische oder physikalische Faktoren, die die Mutationsrate erhöhen“ (ScienceClarified, o. J.) Die meisten dieser Mutagene sind vom Menschen verursacht, wie z. B. Drogen, Tabak oder Alkohol sowie Wasserstoff- und Atombomben. Aber auch Viren können Mutagene sein, da sie „sich in die DNA des Wirts einfügen“. (ScienceClarified, o. J.)

Wie bereits erwähnt, können Mutationen eine Ursache für natürliche Evolution sein. Sie können Krankheiten oder körperliche Veränderungen eines Individuums hervorrufen. Veränderungen wie Albinismus oder die bereits erwähnten roten Haare. Aber auch drastischere Veränderungen fallen darunter, wie bei Kleinwüchsigen (früher als „Midgets“ bezeichnet). Ich hoffe, ich beleidige niemanden mit diesen Begriffen. Nach meinen Recherchen zu urteilen, gibt es bei dieser Form der Mutation Unterschiede, wie diese kategorisiert werden. Das hängt damit zusammen, ob jemand »normal« proportioniert ist oder es weiterführende genetische Erkrankungen gibt. Dann können unterschiedliche Körperteile unterschiedlich proportional sein.

Auch im Tierreich gibt es solche Mutationen. Um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, was Mutation bedeuten kann, biete ich folgende drei Definitionen an:

  • Cambridge Dictionary zu »mutant«: „Ein Organismus, der sich aufgrund einer dauerhaften Veränderung seiner Gene von anderen seiner Art unterscheidet.“
  • Wikipedia zu »mutant«: „Ein Organismus oder ein neues genetisches Merkmal, das durch eine Mutation entsteht oder daraus resultiert, wobei es sich um eine Veränderung der DNA-Sequenz eines Gens oder Chromosoms eines Organismus handelt.“
  • Urban Dictionary zu »mutant«: „Eine relativ dauerhafte Veränderung des Erbguts, die entweder eine physikalische Veränderung der Chromosomenbeziehungen oder eine biochemische Veränderung der Codons, aus denen Gene bestehen, beinhaltet; auch: der Prozess der Entstehung einer Mutation.“

Mutationen und die X-Men

Wie man sieht, gibt es Mutationen überall. Es gibt sie in allen Formen und Größen. Und sie können eine Spezies verbessern und ihre Fähigkeiten auf ein außergewöhnliches Niveau heben. Professor Xavier fragt zu Beginn des zweiten X-Men-Films, ob die X-Men nur „das nächste Glied in der Evolutionskette oder eine neue Spezies der Menschheit sind, die um ihren Anteil an der Welt kämpft“ (Arad & Singer, 2003). Mein erster Gedanke war, dass sie offenbar das nächste Glied in der Kette sind. Aber um sich dessen sicher zu sein, müsste man sich wohl die Herkunft verschiedener Arten ansehen und wann sie sozusagen als separate Ketten betrachtet werden. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel. So oder so, die X-Men haben individuelle Fähigkeiten und werden dafür gefürchtet. Aber woher kommen sie?


Nächste Woche kommt der zweite Teil des Textes. Darin geht es um die literarischen Ursprünge der X-Men. Außerdem gebe ich dort die Quellen an, die ich für den Text verwendet habe.

Everything X-Men | Thomas & Adams (Teil 2/2)

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute einen Text aus grauer Vorzeit an. Obwohl mein Medienwissenschaftsstudium noch gar nicht so lange her ist. Jedenfalls habe ich für mein sogenanntes Projektstudium eine Textreihe zu den X-Men geschrieben. Diese möchte ich hier nach und nach präsentieren. Da ich die Texte damals auf Englisch geschrieben habe, sie aber auf Deutsch präsentieren will, übersetze ich diese initial mit DeepL, bevor ich sie redigiere.

Beim letzten Mal haben wir mit den Comics von Roy Thomas und Neal Adams angefangen. Heute kommt der zweite und letzte Teil des Textes.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Freunde und Feinde

Die Hauptgeschichten, die sich über mehrere Ausgaben erstrecken, sind ausgezeichnet. Der erste Handlungsbogen mit Scotts Bruder und dem Pharao entpuppt sich als eine umfangreiche, tiefgreifende Geschichte, und ich bin mir sicher, dass ich bei einer erneuten Lektüre noch mehr Symbolik und Bedeutung darin entdecken würde. Roy Thomas ist ein fantastischer Autor. Man kann sehen und spüren, dass sich die Erzählweise zwischen den letzten Ausgaben von Stan Lees und der, die wir jetzt besprechen, massiv verändert hat. Es ist eine lange Geschichte über die Wächter, Scotts Bruder, Bobbys Freundin, einen entgleisten Sohn, eine Yin-Yang-Symbolik zwischen dem Pharao und Alex und vieles mehr. Roy Thomas hetzt nicht durch die Geschichte. Stattdessen gibt er ihr Raum zum Atmen. Auf diese Weise können die Leser*innen jede Sequenz verarbeiten und würdigen.

In den meisten Ausgaben steht Alex im Vordergrund, und am Ende stellt sich heraus, dass dies die Entstehungsgeschichte von Havok ist. Das habe ich nicht kommen sehen und war angenehm überrascht. Es sollte viel mehr dieser Entstehungsgeschichten geben.

Einer der coolsten, seltsamsten und lustigsten Momente war während des finalen Kampfes zwischen den Sentinels und Scott. In dem Kampf ist er einer der letzten X-Men, die noch stehen. Er macht einen Asimov-ähnlichen Zug und besiegt diese schrecklichen Maschinen mit Logik. Danach fliegen sie in die Sonne und zerstören sich selbst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, wie er das gemacht hat, aber ich wurde an die ersten beiden Kurzgeschichten von Isaac Asimov in der Sammlung „I, Robot“ erinnert (die jeder lesen sollte).

Für den nächsten Bösewicht, über den ich sprechen möchte, möchte ich kurz Kontext liefern: Ich bin großer Fan von „Der Herr der Ringe“ und der gesamten Mythologie von J. R. R. Tolkiens Mittelerde. Leider muss ich zugeben, dass ich gerade erst anfange, tiefer in diese Welt einzutauchen, indem ich die Bücher „The History of Middle-Earth“, „The Silmarillion“ und so weiter lese. Allerdings schaue ich mir regelmäßig (das heißt einmal im Jahr) die „Herr der Ringe“-Filme von Peter Jackson an, und jedes Mal weine ich und mache tiefe emotionale Erfahrungen. Ich schaue YouTube-Videos darüber und beschäftige mich gerne mit dieser Welt. Und nein, wir sprechen an dieser Stelle nicht über die „Hobbit“-Filme.

Nachdem das gesagt ist, können wir nun über Dr. Klaus Lykos sprechen – er spielt eine entscheidende Rolle in den Ausgaben Nr. 60 bis Nr. 62. Er ist ein Mutant und kann anderen Lebewesen, sogar Tieren, die Lebensenergie entziehen. Als die X-Men ihm Scotts Bruder übergeben – Lykos soll ein Freund von Xavier sein –, erhält er endlich genug Energie, um sich in einen Pteranodon zu verwandeln. Vor vielen Jahren hatten ihn dieselben Kreaturen angegriffen und ihm seine Kraft verliehen. So weit, so gut. Aber natürlich ist er ein Fan von „Der Herr der Ringe“ und nennt sich selbst Sauron.

Warum? Einfach … warum? So etwas macht man nicht. Man benennt jemanden nicht nach einem der größten Bösewichte aller Zeiten. Wenn Lykos ein großes, böses Genie mit einem Plan und Fähigkeiten gewesen wäre, um die X-Men zu besiegen – vielleicht dann. Aber so wie die Geschichte umgesetzt ist, kaufe ich ihm sein böses Genie keine Sekunde lang ab. Sauron ist wie eine zweite Persönlichkeit in ihm. Er hat mehr Ähnlichkeit mit Dr. Jekill und Mr. Hyde als mit irgendjemandem aus „Der Herr der Ringe“. Vielleicht käme Gollum noch eher infrage als Sauron. Außerdem müssen die X-Men nicht handeln. Sie sind wie ein Publikum, das zusieht, wie sich die einzelnen Elemente entfalten. Am Ende dreht sich alles um Liebe und Vergebung.

The coming of Sunfire

… ist Teil des Titels der 64. Ausgabe. Es ist die tragische Geschichte eines Jungen, der von einem alten Mann dazu manipuliert wird, einen Krieg zu führen, der schon lange vorbei ist. Diese Geschichte behandelt ein komplexes Thema. Sie befasst sich mit den Folgen von Hiroshima und Nagasaki und damit, wie manche Menschen (im Jahr 1970, als der Comic erschien – und vielleicht auch noch heute) die Vereinigten Staaten dafür hassten und wollten, dass sie für ihre Taten büßen.

Der Junge heißt Shiro. Seine Mutter war ein Opfer von Hiroshima, und als Folge des nuklearen Fallouts erhielt Shiro seine Kräfte. In seinem Körper kann er die Kraft der Sonne speichern und sie in mächtigen Explosionen freisetzen. Ohne dass sein Vater davon wusste, erzählte der Onkel seit Shiros Kindheit von Hiroshima und dem, was seiner Mutter widerfahren war. Wie sehr er die Vereinigten Staaten dafür hasste und dass er Rache wollte. Es sei ihr Recht und ihre Pflicht, diejenigen zu rächen, die gestorben sind, und diejenigen, die noch immer leiden. Als sich Shiros Kräfte manifestieren, befiehlt ihm sein Onkel daher, Washington, D. C., anzugreifen und zu zerstören.

Shiro glaubt an den von seinem Onkel vorgegebenen Kurs und ist zu allem bereit. Doch in Washington ereignet sich ein schrecklicher Unfall und sein Onkel tötet Shiros Vater. Denn als dieser von Shiros Taten erfährt, opfert sich sein Vater, um die Menschen der Stadt zu retten und Shiro davon zu überzeugen, dass das, was er tut, falsch ist.

Man merkt schon an dieser kurzen Zusammenfassung, dass die X-Men tatsächlich nicht vorkommen. In diesem Fall ist das auch gut so. »The Coming of Sunfire« ist eine intime Geschichte, die sich mit einem Thema befasst, das man vielleicht nicht erwarten würde. Es geht nur um Shiro und den Schmerz seiner Vergangenheit. Es geht um einen jungen Mann, der leicht zu manipulieren ist, weil derjenige, dem er vertrauen sollte, ihn verrät. Andererseits: Kann man dem Onkel seinen Hass übelnehmen? Dann ist da noch der Vater, der zwischen ihnen steht. Eine bewegende Geschichte, die an ihrer Aktualität nichts verloren hat.

Roy Thomas und Neal Adams haben nicht nur ein paar X-Men-Geschichten geschaffen, sondern eine ganze Achterbahnfahrt der Gefühle. Vielleicht habe ich die Entwicklungen zwischen Ausgabe Nr. 19 und Nr. 55 etwas zu sehr gelobt. Ich wollte jedoch darauf hinweisen, wie viel sich in den wenigen Jahren dazwischen verändert hat. Es ist großartig, die Entwicklung des Geschichtenerzählens in diesem Medium mitzuerleben. Besser gesagt, in meinem Fall nachzuholen. Ich denke, die X-Men eignen sich perfekt als Anschauungsmaterial.

Im nächsten Artikel werden wir uns mit der Frage „Was ist ein Mutant?“ beschäftigen und danach werfen wir einen Blick auf eine neuere Interpretation der Entstehungsgeschichte der X-Men: »X-Men First Class v1« von 2007, geschrieben von Jeff Parker.

Quellen

  • Darowski, J. (2011). Reading The Uncanny X-Men: Gender, Race and the mutant metaphor in a popular narrative (Doctoral dissertation).

Everything X-Men | Thomas & Adams (Teil 1/2)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Wir gehen zurück zu meinem Medienwissenschaftsstudium. Für das sogenannte Projektstudium habe ich mir die X-Men-Comics genauer angesehen und eine Textreihe dazu geschrieben. Da ich die Texte damals auf Englisch schrieb, ich sie aber hier auf Deutsch präsentieren will, übersetze ich diese initial mit DeepL. Natürlich redigiere ich sie anschließend. Auch Zitate sind übersetzt.

Beim Korrigieren des letzten Artikels ist mir aufgefallen, dass manche Formulierungen auf Deutsch gar nicht mehr so klasse klingen wie auf Englisch. Ebenso sind manche Aussagen, die ich vor gut acht Jahren getätigt habe, nicht mehr aktuell oder meine Ansicht ist nun etwas nuancierter. Das ist das Schöne, wenn man alte Texte noch einmal durchgeht und aufarbeitet: Man kann sie ändern und aktualisieren. Natürlich tue ich das nicht in detailliertem Umfang, aber hier und da ein paar Anpassungen vorzunehmen ist auf jeden Fall drin.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Was haben wir verpasst?

Als wir die X-Men das letzte Mal gesehen haben, kämpften sie gegen Mimic und besiegten ihn gemeinsam. Aber während wir zum 55. Heft gesprungen sind, scheint viel passiert zu sein. Scott jagt einen Pharao, der seinen Bruder Alex Summers entführt hat. Die X-Men haben ein neues Mitglied: Lorna Dane. Sie hat magnetische Kräfte und ist die Freundin von Bobby? Irgendwann in der Zukunft müssen wir vielleicht zurückgehen und auch die Ausgaben lesen, die zwischendurch veröffentlicht wurden. Das Schockierendste war allerdings, dass offenbar der Professor gestorben ist. Wir wissen nicht, wie oder warum oder was genau in den ersten beiden Ausgaben dieser Reihe passiert ist, aber es muss erst kürzlich geschehen sein.

Zu guter Letzt seien noch die Künstler der „Roy-Thomas-und-Neal-Adams-Reihe“ erwähnt. Werner Roth ist der Zeichner von Ausgabe Nr. 55. Neal Adams beginnt mit der Zeichnung des Comics ab Ausgabe Nr. 56.

Allein in den ersten beiden Ausgaben gibt es eine Menge Verwirrung, Fragen und faszinierende Story-Elemente, die wir diskutieren müssen. Fangen wir also an.

Storytelling & Artwork

In diesen Ausgaben finden sich viele Anknüpfungspunkte zu früheren Handlungssträngen. Aber es gibt auch genug neue Elemente und Bösewichte. So fühlt es sich erfrischend an, zugleich aber auch nach einer lebendigen Welt, in der auch Konsequenzen eine Rolle spielen. Die ursprünglichen Ausgaben waren meist Einzelgeschichten (mit wenigen Ausnahmen) und nur geringfügige Wechselwirkungen untereinander. Aber jetzt lernen wir nicht nur Trask Junior kennen (sein Vater war für das Sentinel-Programm verantwortlich), sondern treffen auch Ka-Zar wieder.

In Bezug auf die Zusammenstellung der Welt können wir einige Verbesserungen feststellen. In Ausgabe Nr. 58 sehen wir zum Beispiel eine kleine Szene mit Magneto und seinem neuen Kameraden Mesmero. Das vermittelt uns den Eindruck eines größeren, reichhaltigeren Universums, weil wir sehen können, dass die Zeit auch für andere Charaktere weitergeht. Wir betrachten ihre Handlungen und Vorbereitungen nicht nur im Rückblick, sondern während sie geschehen. Aber es sind nicht nur solche Dinge, die die Geschichte bereichern. Manchmal erhalten wir Informationen aus Nachrichtensendungen im Fernsehen, die sich natürlich in die Erzählung einfügen.

Auch die Panelstruktur unterscheidet sich von der ursprünglichen Serie. Es gibt Panels innerhalb von Panels, und die frühere 2×3-Struktur existiert mehr oder weniger nicht mehr. Panels variieren in Größe und Form. Dies sorgt für ein dynamisches Leseerlebnis, insbesondere während der Kampfszenen. Diese Änderungen waren längst überfällig und kommen perfekt zur Geltung, wenn Scott in Ausgabe Nr. 55 gegen den Hauptschurken antritt.

Eine Sache, die ich an modernen Comics liebe, sind Doppelseiten. Überraschenderweise handelt es sich um Zeichnungen, die sich über zwei Seiten erstrecken, oder um eine Ansammlung von Panels, die über eine Doppelseite reichen. Wenn sie gut gemacht sind, gehören solche Einstreuungen zu den Höhepunkten eines Comics. In letzter Zeit habe ich viele Comics von DC Comics gelesen, und die Doppelseiten, die in Green Arrow, Green Lantern oder den Titans-Comics zu finden sind, funktionieren einwandfrei. Manchmal treiben sie sogar die Erzählung voran. Das Gleiche gilt für einige Ausgaben dieser X-Men-Reihe. Sie präsentieren uns die erste Doppelseite der Serie (soweit ich das beurteilen kann – vielleicht gibt es noch einige in den Ausgaben Nr. 20 bis Nr. 54) und es ist wirklich beeindruckend. Neal Adams ist ein großartiger Künstler. Er kann alles. Ob seitenfüllende Action-Sequenzen mit intensiven Kämpfen oder emotionale Diskussionen zwischen Trasks Sohn und einem Richter – alles ist atmosphärisch und dabei auch noch schön anzusehen.

Bevor ich auf spezifischere Dinge eingehe, die mir gefallen oder nicht gefallen haben, möchte ich noch das Finale erwähnen. Man erkennt an der Ausgabe Nr. 65, dass Roy Thomas diese kleine Geschichte schon seit längerer Zeit vorbereitet. Doch es ist schade, dass sie in nur einer Ausgabe erzählt wird. Da die X-Men allerdings ihre erste Reihe abgeschlossen haben, erscheint es nicht logisch, einen weiteren epischen Handlungsbogen zu beginnen. Dies sind die letzten Ausgaben der X-Men. Zumindest für eine Weile. Nach der Ausgabe Nr. 66 veröffentlichte Marvel nur noch Nachdrucke älterer Geschichten. Es dauerte fünf Jahre, bis sie mit »Giant-Sized X-Men Nr. 1« zurückkehrten.

In der letzten Geschichte kehrt der Professor zurück! Yay? Hat jemand geglaubt, dass Xavier tot war? Nun, ich war mir offen gestanden nicht ganz sicher, aber jetzt haben wir den Beweis, dass er seinen Tod vorgetäuscht hat, um eine Strategie für die Invasion der Z’Nox vorzubereiten. Außerirdische Invasoren mit einem Todesstern-ähnlichen Schiff. Klingt großartig, oder? Leider ist das Ganze in nur einer Ausgabe erzählt und sehr schnell wieder vorbei. In der letzten Ausgabe müssen wir uns zudem mit einer seltsamen psychischen Neustartmaschine herumschlagen, damit der Professor wieder normal funktionieren kann. Eine verrückte Art, einen Handlungsbogen abzuschließen und eine Ära von X-Men-Comics zu beschließen.

Wie dem auch sei, die 66. Ausgabe fühlt sich wieder wie die alten an. Zurück zu den Wurzeln. Es gibt sogar eine kurze Trainingseinheit. Der Kreis schließt sich.

The Good, the Bad & the Ugly

Kennt ihr Backstorys? Das sind zusätzliche Seiten am Ende eines Comics (meist nicht mehr als zwei oder drei), die eine weitere Geschichte der Figuren aus dem Heft erzählen. Ich war erstaunt, so etwas in einem X-Men-Comic zu sehen. Dann entdeckte ich eine Tabelle in der Dissertation „Reading The Uncanny X-Men“ von Joseph Darowski. Darin sieht man, dass Backstorys seit der 38. Ausgabe Teil der Comics sind. Nun bin ich noch mehr daran interessiert, die anderen Geschichten zu lesen. Vor allem, weil die, die wir in den Ausgaben 55 bis 57 zu sehen bekommen, qualitativ äußerst unterschiedlich sind. Es ist jedoch schön zu sehen, dass sich die Geschichten seit Stan Lee weiterentwickelt haben. Beispielsweise dadurch, dass sie sich auf alte Geschichten beziehen oder Handlungsbögen über mehrere Hefte erstrecken. Es werden neue Dinge ausprobiert. Backstorys sind nur ein Teil des Prozesses, und Roy Thomas war eine ausgezeichnete Wahl als Nachfolger von Lee.

Worum ging es also in den Backstorys? Die Erste erzählt die Entstehungsgeschichte von Angel alias Warren Worthington oder, wie er sich selbst vor seinem Beitritt zu den X-Men nennt: The Avenging Angel! Er stoppt Einbrecher und Diebe auf eigene Faust. Bald werden die X-Men auf ihn aufmerksam und tauchen in seiner Wohnung auf. Ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür, wie man jemanden NICHT für seine Sache gewinnt (aber dieses Thema haben wir bereits im zweiten Artikel dieser Reihe behandelt). Ob ihr es glaubt oder nicht, das ist noch nicht der schlimmste Teil der Geschichte. Nein, es gibt kurze Kämpfe zwischen Warren und den X-Men, sogar eine Atombombe spielt eine Rolle. Es ist absurd, irre komisch und ich finde es eigentlich ganz gut.

Der peinliche Teil beginnt, als Jean ihre Hintergrundgeschichte bekommt. Ihr wisst schon, um der Figur etwas Respekt zu zollen, einem Charakter noch etwas mehr Tiefe zu geben; die Vergangenheit überwinden, quasi. Nur ein Scherz. Sie bekommt eine Hintergrundgeschichte, die nicht nur die letzte ist, sondern auch in nur einer Ausgabe erzählt wird. Das Erste, was sie tun darf, ist, ihre Wohnung zu putzen und mit Hilfe ihrer Kräfte einen Apfelkuchen zu backen. So geht Feminismus! So stellt man eine X-Woman vor. Das ist natürlich sarkastisch gemeint. Es ist zum Fremdschämen. Ich hatte hohe Erwartungen. Diese wurden leider herb enttäuscht. Noch dazu, weil die Geschichte von einer Frau geschrieben wurde. Hatte sie Vorgaben? Musste sie gerade diese Geschichte erzählen? Geht das nicht cooler? Lasst Jean etwas tun. Was wir bekommen, ist nicht einmal eine richtige Geschichte. Es ist wie ein Tagebucheintrag, den Jean dem Publikum vorliest. Es gibt kein Thema und keine Handlung. Ich kann es kaum erwarten, Chris Claremont zu lesen, also machen wir weiter mit etwas Gutem.


Das war der erste Teil des Textes zu Roy Thomas und Neal Adams. Nächste Woche geht es mit dem zweiten und letzten Teil weiter.

Everything X-Men | Comic Book Authority

Es ist Donnerstag und das heißt, wir werfen einen Blick in die Vergangenheit. Genauer gesagt auf eine Textreihe, die ich ihm im Rahmen meines Medienwissenschaftsstudiums geschrieben habe. Für dieses sogenannte Projektstudium habe ich mir die X-Men-Comics genauer angesehen. Doch ich habe nicht nur die Geschichten besprochen und analysiert, sondern mir auch Themen angesehen, die in den Comics vorgekommen sind. Wie die »Comics Book Authority«, um die es heute gehen soll.

Mittlerweile habe ich mir ein paar der alten Texte angeschaut und redigiert. Das ist hier etwas mehr Aufwand, da ich die Texte ursprünglich auf Englisch schrieb, ich sie hier allerdings auf Deutsch veröffentlichen möchte. Die initiale Übersetzung habe ich mit DeepL gemacht, jedoch ist noch einiges an Nacharbeit notwendig. Jedenfalls ist mir beim Durcharbeiten aufgefallen, dass manche der alten Links nicht mehr funktionieren. Entweder sind die Quellen nicht mehr verfügbar oder es gibt sonstige (technische) Gründe, warum sie nicht mehr wollen. Für Quellen aus dem Internet bin ich deshalb dazu übergegangen, nur mehr die Webseite, wenn vorhanden, den oder die Autor*in und den Titel des Beitrags zu nennen.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Ist euch schon einmal der stempelähnliche Abdruck in der rechten oberen Ecke von Comics aufgefallen? Mir ist sie bewusst zum ersten Mal aufgefallen, als ich die X-Men-Reihe von Jack Kirby und Stan Lee gelesen habe. Zuvor gehörte es eben zu Comics dazu, besonders wenn man sich ältere ansieht. Doch mittlerweile kann ich sie gar nicht mehr übersehen. Zum Beispiel in der Batman-Geschichte „No Man’s Land“. Selbst dort ist das Logo der CBA winzig klein und kaum zu erkennen vorhanden. Zuerst dachte ich: „Schön, ein Qualitätssiegel für Comics“. So wie Fleisch, Gemüse oder Eier manchmal mit Stempeln versehen werden, um zu beweisen, dass sie ihr Geld wert sind. Dann begann ich, mich über diese Comics Code Authority zu informieren, und mir wurde klar, dass dies das Schlimmste ist, was Comics jemals passieren konnte. Diese kleine Organisation, die bewusst von den Verlagen selbst gegründet wurde, ruinierte einige von ihnen, zensierte den Rest und schränkte die Autor*innen und Künstler*innen ein. Von 1954 bis 2011 (ja, richtig gehört) genehmigte die Comics Code Authority Comics verschiedener Verlage.

Meilensteine?

Ich möchte nicht die gesamte Geschichte der Comics Book Authority zusammenfassen, da Dr. Amy Kiste Nyberg dies bereits hervorragend auf der Website des »Comic Book Legal Defense Fund« getan hat (Comics Code: History of the seal of approval). Der Text ist schnell zu lesen und ich empfehle ihn allen, die sich für dieses Thema interessieren. Hier sind jedoch einige Meilensteine in der Geschichte der CBA:

  • Die erste Version eines Regulierungskodex wurde im Oktober 1954 veröffentlicht.
  • „Nur Comics, die die Vorabprüfung bestanden hatten, durften das Siegel tragen“ (Nyberg, o. J.).
  • Die Behörde wurde gegründet, weil Kritiker von Comics (Kirchen, Eltern und andere) einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder befürchteten.
  • Dr. Frederic Wertham, ein Psychiater, setzte sich für ein Verbot von Comics für Kinder ein und schrieb sogar ein Buch darüber: „Seduction of the Innocent“ (Verführung der Unschuldigen).
  • Vor allem Krimi-Comics wurden für Jugendkriminalität verantwortlich gemacht (weil sie Kindern angeblich schlechte Ideen in den Kopf setzten).
  • William Gaines, ein Verleger von EC Comics, war „angewidert von der Richtung, die die Ereignisse genommen hatten“ (Nyberg, o. J.) und weigerte sich, seine Comics von der CMAA (Comics Magazine Association of America) genehmigen zu lassen. Er war gezwungen, sein Comic-Geschäft aufzugeben, und gründete das MAD-Magazin.
  • Mit der Veröffentlichung einer dreiteiligen Spider-Man-Geschichte, die Stan Lee nicht von der CMAA genehmigen ließ, wurde der Kodex im Februar 1971 überarbeitet.
  • In den 1980er Jahren wurde der Vertrieb von Comics auf einen Direktvertrieb umgestellt, was dazu führte, dass immer mehr Verlage den Kodex umgingen.
  • 1982 wurde der Kodex zum letzten Mal überarbeitet.
  • DC Comics und Archie Comics waren die letzten Verlage, die das Gütesiegel aufgaben – wohlgemerkt im Jahr 2011.

Blick hinter den Vorhang

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das Gütesiegel und der dahinterstehende Code eine ganze Branche beeinflusst haben, kann ich folgende Webseite empfehlen: »seductionoftheinnocent.org«. Es handelt sich um eine sehr informative Seite. Dort wird versucht, alle Comics zu sammeln, die Wertham als „Beweis“ dafür verwendet hat, dass Comics einen schlechten Einfluss auf Kinder haben. Überdies finden sich dort viele interessante Artikel, die sich eingehender mit diesem Thema befassen. Der vollständige Kodex von 1954 ist hier zu finden: »lostsoti.org | TheComicsCode1954«. Aber wie zuvor gebe ich hier ein paar Beispiele:

  • „Kein Comic-Magazin darf die Wörter Horror oder Terror in seinem Titel verwenden.“
  • „Die Darstellung von Liebesgeschichten muss den Wert der Familie und die Unantastbarkeit der Ehe betonen.“ • „Obszönitäten, Vulgäres, Anzügliches oder Wörter oder Symbole, die eine unerwünschte Bedeutung angenommen haben, sind verboten.“
  • „Wenn Verbrechen dargestellt werden, müssen sie als schmutzige und unangenehme Handlungen dargestellt werden.“
  • „Verbrechen dürfen niemals so dargestellt werden, dass sie Sympathie für den Verbrecher wecken, Misstrauen gegenüber den Kräften des Gesetzes und der Gerechtigkeit fördern oder andere dazu inspirieren, Verbrecher nachzuahmen.“

Meiner Meinung nach war der Kodex wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Man muss bedenken, dass Comics zu dieser Zeit ein relativ neues Medium waren – zumindest in der Form, wie wir sie heute kennen. Die ersten Comicstrips wurden bereits 1827 vom Schweizer Rudolphe Töpffer veröffentlicht. Es folgten einige Graphic Novels. Das erste moderne amerikanische Comicbuch erschien jedoch erst in den frühen 1930er Jahren. »Famous Funnies: A Carnival of Comics« wurde 1933 veröffentlicht und »Famous Funnies #1« erschien 1934. Aber kommen wir zurück zum Thema:

Zu einer Zeit, als Krimi- und Horrorcomics groß in Mode waren, kamen auch die Kritiker – besorgt um ihre Kinder und die Auswirkungen, die die Comics auf sie haben könnten. Zunächst wurden Comics von Menschen angegriffen, die das Medium nicht verstanden. Anstatt mit dem Publikum zu sprechen und ihm zu erklären, dass nicht jedes geschriebene und veröffentlichte Comicbuch für Kinder geeignet ist, gründeten die Verlage eine Behörde. Vielleicht ist das eine naive Sichtweise. Ich habe jedoch den Luxus, das Thema aus einer modernen Perspektive betrachten zu können, und heute scheint das Publikum für Comics um einiges vielfältiger zu sein. Egal, wie alt man ist, ob man dünn oder dick, schwarz oder weiß, hetero oder queer ist – Comics sind für alle da. Ob von einem großen Verlag, als Indie-Comics, Webcomics oder für einen Nischenmarkt. Sie sind wie Fernsehsendungen oder Filme: ein Medium. Kein einheitliches Format oder eine eingeschränkte Art, Geschichten zu erzählen. Ganz im Gegenteil. Das mag selbstverständlich erscheinen, aber ich halte es für wichtig, dies immer wieder zu betonen. Comics sind keine Einheitsgröße.

Um diesen Punkt zu erreichen, braucht es Zeit, Geduld und Geld. Vor allem Geld von den Verlagen. Aber wenn man der Welt ein neues Medium vorstellt, kann man es nicht einfach zensieren, weil einige sich an der Art und Weise, wie man seine Geschichten erzählt, stören. Man muss ihm Zeit geben, sich zu entwickeln. Nicht nur dem Medium selbst (als Verlag muss man herausfinden, was man damit machen kann), sondern auch dem Publikum. Dennoch muss man sagen, dass wir ohne die CBA vielleicht nie unsere geliebten Superhelden bekommen. Wir hätten vielleicht etwas anderes. Es wäre spannend, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Man könnte fragen: Welche Comics und Geschichten waren zu der Zeit, als die Kritiker auftauchten, am beliebtesten? Welche Inhalte und Geschichten konnten aufgrund der Behörde nicht erzählt werden? Und dann weiter spekulieren. Aber wir können die Zeit nicht ändern. Und viele Geschichten und Charaktere, die in diesen Jahrzehnten entstanden sind, sind brillant, faszinierend und ich würde sie sehr vermissen. Sie haben sogar ganze Filmuniversen hervorgebracht und ein ganz neues Filmgenre inspiriert. Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Vielleicht braucht es diese Einordnung gar nicht.

Tatsache ist, dass die CBA die Schöpfer zensiert und einige Geschichten möglicherweise nicht so spannend oder originell sind, wie sie hätten sein können. War das der Grund für den Umsatzrückgang? Ich weiß es nicht; vielleicht können wir darüber mehr sprechen, wenn wir uns um die verschiedenen Zeitalter der Comics kümmern.

Fazit

Bis heute bin ich überrascht, dass sich angeblich alle großen Verlage auf den CBA geeinigt haben. Wir sprechen hier von einer ganzen Branche. Wie ist das möglich?

Bei meinen Recherchen stieß ich auf Sätze wie den folgenden: „1954 wurde die Comics Code Authority eingeführt, da offenbar ein Zusammenhang zwischen der steigenden Beliebtheit von Comics und einem Anstieg der Jugendkriminalität bestand.“ Es macht mich wütend, so etwas zu lesen, denn wo ist dieser „offensichtliche Zusammenhang“, von dem alle sprechen? Der Einzige, der immer wieder zitiert wird, ist Wertham (wenn überhaupt). Es gibt einen Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität. Gibt es wirklich wissenschaftliche Beweise dafür, dass Aussagen wie die oben genannten wahr sind?

Glücklicherweise wird der Kodex heute nicht mehr angewendet. Aber er hat einigen Schaden angerichtet. Einige Verlage konnten ihre Comics nicht mehr verkaufen, was zu ihrer Insolvenz führte. Über 60 Jahre lang hat die Comic-Branche einfach aufgegeben – zumindest meiner Meinung nach. Wie gesagt, Comics waren damals noch relativ neu. Logischerweise gab es Bedenken – die gibt es immer. Aber man darf nicht auf diese Kritiker hören. Auch nicht, wenn die Verkaufszahlen sinken. Man muss einfach weiter gute, spannende Geschichten erzählen, dann finden die Leute wieder zurück. Davon bin ich überzeugt. Aber es ist auch eine sehr privilegierte, von einem Außenstehenden getätigte Aussage. Wie ein Historiker, den ich gerne höre, immer wieder zu sagen pflegt: Zu Hause im Wohnzimmer auf der Couch, mit einer Tüte Chips in der Hand, kann man hervorragend über die Vergangenheit urteilen. Es hat keine Konsequenzen.

Quellen

  • Wertham, F. (1953). What Parents Don’t Know About Comic Books. Ladies‘ Home Journal, November 1953.
  • Nyberg, A.K. (n.d.). cbldf.org | Comics Code History: The Seal of Approval (blog post).

Everything X-Men | Kirby & Lee (Teil 3/3)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute einen Blick in die Vergangenheit. Für mein Medienwissenschaftsstudium habe ich ein Projekt namens »Everything X-Men« auf die Beine gestellt. Ich habe mich darin eingehend mit den X-Men beschäftigt. Die Textreihe erschien sowohl auf einer eigenen Webseite als auch auf dem amerikanischen Blog »Rogues Portal«, bei dem ich drei Jahre mitwirkte. Die Texte des Projektes übersetze ich für die Aufbereitung hier mithilfe von DeepL und redigiere sie anschließend.

Bisher sind folgende Texte erschienen:

Heute geht es mit dem dritten und letzten Teil der Ära Kirby/Lee weiter.


Freund oder Feind

Mit jeder Ausgabe kommt ein neuer Mutant hinzu. Und bei jedem Mutanten spielt die Rekrutierung eine wichtige Rolle. Dafür hat der Professor ein Gerät entwickelt: Cerebro. Die Einführung von Cerebro, einem Gerät, das andere Mutanten aufspüren kann, war sehr unbefriedigend. In den Filmen muss Professor X mit dem Gerät verbunden sein, damit Cerebro funktioniert. In den Comics hingegen ist es ein eigenständiges Gerät. Und es ist in einen Schreibtisch eingebaut, einen Holzschreibtisch. Cerebro hat nichts Majestätisches oder Beeindruckendes an sich. Vielleicht ist das aber auch ein Vorteil.

Bei der Frage der Rekrutierung und Suche nach anderen Mutanten kann man eine gewisse Diskriminierung nicht ignorieren. Sie sind sehr streng, was ihre neuen Mitglieder angeht. Ein Thema, das mich stört, ist Folgendes: Auf der einen Seite stehen die X-Men und auf der anderen Seite die Bruderschaft der bösen Mutanten. Magneto hat die Gruppe gegründet, und die ersten Mitglieder sind The Toad, Pietro alias Quicksilver, Wanda alias Scarlet Witch und Mastermind. Immer wieder kämpfen die beiden Teams um neue Mitglieder. Das Problem dabei ist, dass es offenbar keine Alternative zu diesen beiden gibt. Mutanten schließen sich ihnen entweder an oder – nun ja, was genau? Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie sich keinem der Teams anschließen wollen, aber es klingt immer wie ein Ultimatum.

Nehmen wir zum Beispiel Blob. Die X-Men gehen so unvorsichtig auf ihn zu, dass es kein Wunder ist, dass er sich keinem der beiden Teams anschließen will. Nach ihrem anfänglichen Scheitern greifen sie ihn an, und natürlich wehrt er sich. In dieser Situation waren die X-Men selbst die eigentliche Bedrohung. Und der größte Fehler ihres Vorgehens ist, dass sie ihm sofort ihre richtigen Namen nennen. Keine geheimen Identitäten, keine Kostüme oder Ähnliches – nur ihre richtigen Namen und Alltagskleidung. Zugegeben: Wären sie etwas empathischer gewesen, hätten sie die Geheimidentität wahrscheinlich nicht gebraucht.

Hier sind einige Beispiele für Charaktere, um die Charles und Magneto (dessen richtiger Name in diesen 19 Ausgaben nie genannt wird) kämpfen: Prinz Namor/Sub-Mariner (der die Gesetze der Physik auf unschöne Weise beugt), Unun (der von seinen eigenen Kräften besiegt wird), Ka-Zar alias Lord of the Jungle (der in einem geheimen Land unter der Antarktis lebt) und einige andere. Zwei der faszinierendsten Bösewichte dieser Ära (neben dem oben erwähnten Juggernaut und der Bruderschaft) sind The Stranger und Luzifer.

Ja, richtig gehört, sie kämpfen sogar gegen Luzifer selbst. Oder zumindest Charles Xavier tut es. Luzifer ist derjenige, der den Professor in den Rollstuhl gebracht hat (wobei ich die Erklärung aus dem Film »X-Men: First Class« besser finde), und jetzt ist er zurückgekehrt, um Rache zu nehmen. In dieser Ausgabe müssen die X-Men auch gegen die Avengers kämpfen, denn wenn sie Luzifer zu früh besiegen, wird eine Bombe explodieren. Es ist eine großartige Ausgabe, und ich glaube nicht, dass Luzifer ein Mutant ist. Sondern nur ein Mensch mit viel Zeit und Ressourcen. Quasi wie Batman.

The Stranger ist ebenfalls sehr faszinierend. Und interessanterweise ist er nicht einmal ein Mutant, sondern ein Außerirdischer. Die elfte Ausgabe ist auch die Quelle eines außergewöhnlich guten Zitats (Achtung, Sarkasmus voraus) eines Zivilisten: „Holt einen Arzt! Die Frauen fallen hier wie die Fliegen um!!“ Man beachte die beiden Ausrufezeichen am Ende, die für eine so großartige Aussage notwendig sind. Abgesehen davon ist die Ausgabe eine gute Lektüre. The Stranger stammt von einem anderen Planeten und rekrutiert mutierte Kreaturen, um sie zu studieren – er nimmt Magneto und The Toad mit und lässt Mastermind in Stasis zurück. Dieses Ende war sehr überraschend, und keine der beiden Seiten kann wirklich gegen die Bedrohung kämpfen. Er ist einfach zu mächtig. Ich könnte mich irren, aber ich glaube, dies könnte auch die erste Ausgabe sein, die mit einem Teaser am Ende endet! Zumindest fühlte es sich mehr wie ein Cliffhanger/Teaser an als in den vorherigen Ausgaben.

Fazit

Sobald man anfängt, nach Quellen für Artikel wie diesen zu suchen, kann es schnell wie ein Fass ohne Boden erscheinen. Eins führt zum anderen, und man hat Dutzende von Aufsätzen, Büchern und Artikeln zu lesen und zusammenzufassen, damit man nicht vergisst, dieses oder jenes Thema oder diesen oder jenen Hinweis zu erwähnen. Ich bin Perfektionist, und gerade der erste Artikel dieser Reihe sollte spannend sein.

Ich wollte einen Überblick über die Entstehung der X-Men sowie über die Art und Weise geben, wie sie dargestellt wurden. Dazu habe ich mich auf eine Handvoll Quellen und meine Interpretation des Materials konzentriert. Eines möchte ich jedoch erwähnen: Ich habe nicht über die Bezüge zum Kalten Krieg gesprochen, weil andere das bereits viel besser getan haben, als ich es jemals könnte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas Neues beitragen könnte. Stattdessen war es mir wichtig, aus einer anderen Perspektive ausführlich über die ursprüngliche Serie zu sprechen und den Leser*innen hoffentlich einige Anregungen zu geben, sich ebenfalls diese frühen Ausgaben anzuschauen.

Der nächste Artikel wird sich mit der »Comic Book Authority« befassen, und dann setzen wir unsere Reise mit Neal Adams und Roy Thomas (Ausgaben Nr. 55 bis Nr. 66) fort.

Quellen:


Ich hatte ganz vergessen, wie lang die Texte teilweise geworden sind. Trotzdem fällt mir jetzt auf, wie kurz sie in gewisser Weise auch waren. Immerhin bespreche ich drei Jahre an X-Men-Geschichten. Vieles habe ich teilweise nur angedeutet oder verkürzt dargestellt. Themen, die ich aus heutiger Sicht betrachtet gerne ausführlicher besprechen würde. Aber die Texte sind immerhin 8 Jahre alt und ich habe mich in dieser Zeit auch weiterentwickelt. Trotzdem ist es interessant, die Texte von »Everything X-Men« durchzugehen, und ich bin schon sehr gespannt, wie die nächsten Texte ausfallen.

Everything X-Men | Kirby & Lee (Teil 2/3)

Heute ist Donnerstag, das heißt, wir werfen einen Blick in die Vergangenheit. Und zwar sehen wir uns die Textreihe »Everything X-Men« an, die ich als sogenanntes Projektstudium für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben habe. Darin habe ich mich ausführlich mit den X-Men beschäftigt. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber in Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung (auch der vorkommenden Zitate) habe ich mit DeepL gemacht. Natürlich redigiere ich die Texte danach noch.

Bisher sind folgende Texte erschienen:

Vergangene Woche begannen wir mit der Ära Kirby/Lee. Heute geht es weiter mit dem zweiten Teil des Textes.


Die Charaktere

Ein wiederkehrendes Thema in Stan Lees X-Men-Reihe sind die Trainingseinheiten, die zu Beginn fast jeder Ausgabe stattfinden. Scott, Bobby, Hank und Warren werden sogar im Rahmen einer solchen Einheit vorgestellt. Auf diese Weise lernen wir ihre Fähigkeiten kennen und können ihre Kameradschaft einschätzen. Wie sie miteinander umgehen und wie ihre Beziehung zueinander ist. Es scheint auch ein sehr militärischer Ansatz für die Geschichte zu sein, da Professor X ihnen immer wieder genaue Zeitvorgaben macht, die sie einhalten müssen. Er sagt Dinge wie „Ihr habt drei Sekunden Zeit“, „Ihr habt genau 15 Sekunden Zeit“ oder Ähnliches.

Die Fähigkeiten der Kinder werden sehr früh deutlich. Im Gegensatz zu ihnen scheinen die Fähigkeiten des Professors zu wachsen oder zu schwinden – immer passend zur Geschichte. Zunächst scheint es, als hätte Xavier nur mentale Fähigkeiten, um Gedanken zu lesen. Aber manchmal werden diese so weit ausgebaut, dass er Erinnerungen löschen kann. Kann er Menschen wie in den Filmen kontrollieren? Diese Frage wird in den ersten Ausgaben leider nicht beantwortet. Er hat jedoch eine weitere Fähigkeit, die Anlass zur Sorge gibt: Astralprojektion.

Das erste Mal, dass ich dieser Fähigkeit in anderer Form begegnete, war in den ersten Staffeln der Fernsehserie »Charmed«, in der Prue diese Fähigkeit entwickelt. Wenn sie eine Astralprojektion vornimmt, kann sie diese Projektion ihrer selbst jederzeit deaktivieren. Das scheint plausibel, da es sich um eine mentale Erweiterung des Geistes handelt, die nicht an einen physischen Gegenstand gebunden ist. Die Astralprojektion des Professors muss jedoch zu ihrem Besitzer zurückkehren, bevor sie deaktiviert werden kann. Interessant ist auch, dass Magneto offenbar ebenfalls über mentale Fähigkeiten verfügt – zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Dies würde nahelegen, dass sie irgendwie miteinander verwandt sind, was eine Wendung wäre, die ich nicht erwartet hätte. Aber der Professor ist mit einem anderen Mutanten verwandt: dem Juggernaut. Er ist sein Stiefbruder und heißt Cain Marko (Kain; wie in Kain und Abel). Cain erhielt seine Kräfte aus einem Tempel der dunklen Magie und dem magischen Gegenstand Cyttorak. Er ist eine unaufhaltsame Kraft. Die zweiteilige Geschichte, die in den Ausgaben # 12 und # 13 erzählt wird, gehört zu meinen Favoriten aus dieser Zeit.

Besonders # 12 ist wie ein Horrorfilm inszeniert und erinnert mich ein wenig an »Alien«. Der Professor weiß, was kommen wird, und lässt seine Schüler Vorbereitungen treffen, während sich der Juggernaut nähert. Aber wir sehen ihn nie direkt, er wird nur angedeutet. Jack Kirby hat unglaubliche Arbeit geleistet. Die Geschichte ist sehr spannend und auch ein bisschen beängstigend, obwohl alles am helllichten Tag passiert. X-Men # 12 ist auch ein großartiges Beispiel für die Teamarbeit der Kinder. Sie haben sehr hart trainiert und können nun von diesen intensiven Anstrengungen profitieren.

Leider wird Jean Grey in den ersten paar Ausgaben nicht gut behandelt. Und mit „paar“ meine ich etwa 14 Ausgaben. Es beginnt in den ersten drei Comics und wird von da an immer gruseliger. Ihre vermeintlichen Freunde bezeichnen sie als umwerfend, wunderschön und sind davon besessen, sie ständig zu berühren. Wenn sie nicht da ist (und manchmal sogar, wenn sie da ist), streiten sie sich darum, wer ihr Freund sein soll. Es ist sehr frustrierend, zu sehen, wie sie behandelt wird – als hätte sie in dieser Angelegenheit nichts zu sagen.

Der unangenehmste Moment von allen ereignet sich jedoch während eines Dialogs in der dritten Ausgabe, als der Professor denkt: „Als ob ich mir keine Sorgen um die Person machen könnte, die ich liebe! Aber ich kann es ihr niemals sagen! Ich habe kein Recht dazu! Nicht, solange ich der Anführer der X-Men bin und an diesen Rollstuhl gefesselt bin!“ [Ausgabe Nr. 3]

Wie John Darowski in seinem Essay „Böse Mutanten schrecken vor nichts zurück, um die Kontrolle über die Menschheit zu erlangen!“ schreibt, muss Marvel Girl verschiedene Rollen erfüllen. Ob Mutter, Schwester oder Freundin – sie ist das, was die Geschichte von ihr verlangt [Darowski]. Das zeigt sich sogar während der Trainingseinheiten. Während die anderen gefährliche und körperlich anstrengende Übungen machen (im Raum herumhüpfen und Flammen ausweichen), muss sie sich mit Büchern beschäftigen (sie schweben lassen) oder an der Präzision ihrer Fähigkeiten arbeiten (mit Nadel und Faden). Wenn die Übungen zu anstrengend werden, wird sie ohnmächtig oder muss von Cyclops gerettet werden.

All dies trotz ihrer hervorragenden Einführung. Auf den ersten Seiten schafft sie es, sich gegen die Jungen zu behaupten und ihre Kräfte einzusetzen. Sie ist ein selbstbewusstes junges Mädchen. Dieses Bild von ihr wird sehr schnell zunichte gemacht, wie das oben erwähnte Zitat von Professor X beweist. Erst ab der vierzehnten Ausgabe gewinnt sie wieder die Kontrolle und entwickelt eine echte Persönlichkeit. Am Ende ist sie den anderen ebenbürtig.

Bobby, Warren und Hank machen in diesen Ausgaben keine solche Entwicklung durch. Sie trainieren und schlagen sich während ihrer Missionen ziemlich gut. Aber ansonsten haben sie keine solchen Schwierigkeiten. Allerdings hat jeder von ihnen ein persönliches Problem. Hank zum Beispiel rettet an einer Stelle der Geschichte ein Kind. Zum Helden wird er aber nicht erklärt. Aus dem Nichts greift ihn buchstäblich eine Menschenmenge an. Vor diesem Vorfall wird nie deutlich, dass die Gesellschaft die X-Men hasst oder überhaupt von ihnen weiß. Zu einem gewissen Grad sind sie sogar angesehen, denn über eine direkte Verbindung zum FBI übernimmt der Professor Missionen für die Regierung. Es ist nicht klar, ob die Welt die X-Men hasst oder liebt oder ob sie einfach beschlossen hat, sie zu ignorieren.

Warren hingegen hat ein persönlicheres Problem. Seine Eltern besuchen die Schule und werden schnell von Magneto gefangen genommen. Dies ist eine weitere Parallele zwischen der queeren Community und den X-Men. Seine Eltern wissen nichts von seinem „Zustand” und versuchen daher, ihn geheim zu halten. Dies ist ein sehr emotionales Thema und die einzige Entwicklung, die er in den ersten 19 Ausgaben durchläuft.

Bobby kann seine Kräfte ein wenig weiterentwickeln. Am Anfang kann er sich buchstäblich in einen Schneemann verwandeln – indem er seinen ganzen Körper mit flauschigem Schnee bedeckt. Durch das Training wird der Schnee dichter und er kann eine kristallinere „Haut“ um seinen Körper bilden.

Scott ist meiner Meinung nach derjenige, der sich am meisten weiterentwickelt. Am Anfang und während der gesamten Reihe kämpft er mit seinen Fähigkeiten. Die Zerstörung, die seine Laseraugen verursachen können, ist eine echte Bedrohung. Der Professor macht ihn dennoch zu seinem Nachfolger, und Scott kann sich in Situationen, in denen sein Mentor nicht da ist, gut behaupten. Es wäre toll gewesen, wenn Kirby und Lee die Liebesgeschichte auf Scott und Jean konzentriert hätten. Sie scheinen ein perfektes Paar zu sein. Aber die oben erwähnten Kommentare, Streitereien und Verhaltensweisen machen es seltsam und unangenehm, zu lesen. Immerhin sind die X-Men ein Team und hätten sich auch hier gegenseitig unterstützen können.


Das soll es für heute gewesen sein. Nächste Woche geht es mit dem dritten und letzten Teil dieses Textes weiter.

Everything X-Men | Kirby & Lee (Teil 1/3)

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Die Textreihe »Everything X-Men« habe ich als sogenanntes Projektstudium für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben. Darin habe ich mich ausführlich mit den X-Men beschäftigt. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber in Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung (auch der vorkommenden Zitate) habe ich mit DeepL gemacht. Natürlich redigiere ich die Texte danach noch, bevor ich sie veröffentliche.

Bisher sind folgende Texte erschienen:

Heute geht es los mit der ersten Ära der X-Men. Die Charaktere wurden natürlich von Jack »The King« Kirby und Stan Lee ins Leben gerufen. Deren Comics erschienen zwischen 1963 und 1966. Aufgrund der Länge des Textes habe ich diesen in drei Teile geteilt. Sie sind zwar immer noch nicht kurz, aber weiter möchte ich diese nicht zerreißen. Legen wir also los mit der Ära Kirby/Lee.


Einleitung

In diesem ersten Artikel sehen wir uns die Anfänge der X-Men an und besprechen die ersten 19 Ausgaben. Sie wurden von Stan Lee geschrieben und von Jack Kirby gezeichnet (später von Werner Roth). Es geht darum, wie die Comics veröffentlicht wurden, und welche Geschichten werden uns darin präsentiert? Anschließend werden wir uns auf die Charaktere konzentrieren. Wer waren die ursprünglichen X-Men? Wie wurden sie dargestellt? Es ist faszinierend, sich diese über 50 Jahre alten Geschichten anzusehen.

Joseph Darowski spricht zu Beginn seiner Doktorarbeit ein wichtiges Thema an, das ich auch kurz erwähnen möchte: Alles wird von verschiedenen Gruppen unterschiedlich wahrgenommen. Und vielleicht am wichtigsten: Nichts hat eine feststehende Bedeutung. Sie kann sich im Laufe der Zeit ändern (zumindest die primäre Lesart) und ist eine sehr subjektive Sache. Darüber hinaus müssen wir diese Comics als das analysieren, was sie sind: ein Produkt einer anderen Zeit. Wir sollten dies nicht gegen sie verwenden, sondern es als Zeitkapsel betrachten und sehen, wie die Welt bestimmte Themen zu dieser Zeit sah. Diese Comics sind Artefakte und offenbaren gesellschaftliche Einstellungen. Denn „die Unterhaltung einer Gesellschaft spiegelt diese Gesellschaft wider und beeinflusst sie“ (Darowski, 2011, S. 11).

Die Anfänge

Eine interessante Entdeckung, die ich während meiner Recherchen gemacht habe, ist, dass Marvel pro Monat nur eine begrenzte Anzahl von Comics veröffentlichen durfte. Vor 1961 war Marvel unter dem Namen Atlas bekannt. Zu dieser Zeit verloren sie ihren Vertriebspartner und waren gezwungen, sich »Independent News« anzuschließen, dem Eigentümer und Vertreiber von »National Allied Publications«. Dieses Unternehmen wurde 1934 gegründet und später als »DC Comics« bekannt.

Die Comics von Marvel verkauften sich Ende der 1950er Jahre nicht besonders gut. Dies könnte der Grund dafür sein, dass ihr neuer Vertriebspartner die Anzahl der Comics, die Marvel veröffentlichen durfte, ohne Probleme begrenzen konnte. Diese Zahl lag zunächst bei acht Comics pro Monat. Aber mit der Verbesserung der Qualität der Geschichten stieg auch die Anzahl der verkauften Comics. Vor diesem Hintergrund durfte Marvel immer mehr Ausgaben veröffentlichen. Nach Ablauf des Vertrags schloss sich Marvel mit einem anderen Vertriebspartner zusammen und konnte endlich so viele Comics veröffentlichen, wie sie wollten. In einem Zeitraum von zwei Jahren veröffentlichten sie nur dreizehn Ausgaben von »The X-Men«. Ab # 14 konnten sie die Serie dank des neuen Vertriebs monatsweise veröffentlichen.

Stan Lee wollte das Buch eigentlich »The Mutants« nennen. Leider lehnte sein Verleger Martin Goodman diesen Namen ab, da niemand wissen würde, was ein Mutant ist. Brian Hiatt erzählt in einem Artikel im Rolling Stone die Entstehungsgeschichte der X-Men: Nachdem der Titel »The Mutants« abgelehnt worden war, entschied sich Lee für „X-Men“, weil er „dachte, sie haben zusätzliche Kräfte und ihr Anführer ist Professor Xavier“. Darüber hinaus gab er ihnen die Kräfte von Geburt an, was bedeutete, dass er keine ausgefallenen Entstehungsgeschichten für jede Figur brauchte. Also keine radioaktiven Unfälle mehr.

Brad Ricca weist in seinem Artikel »Origin of the Species« darauf hin, dass „das Wort ‚Mutant‘ zu dieser Zeit tatsächlich recht weit verbreitet war und nicht nur in populärwissenschaftlichen Zeitschriften, sondern auch in der New York Times vorkam […] vor allem in Artikeln über die Angst vor der Strahlung im Atomzeitalter [Ricca, 2014, S. 6]“. Allen, die sich für dieses Thema interessieren, kann ich den Artikel von Ricca empfehlen. Er zeichnet ein überzeugendes Bild der 1950er und 60er Jahre, was einige Wissenschaftler erreichen wollten, und weist darauf hin, dass die Idee eines Homo Superior, wie Magneto es ausdrückt, gar nicht so weit hergeholt ist, wie es scheinen mag. Insbesondere die Konzepte von Hermann J. Muller werden dort ausführlich beschrieben.

Eine letzte Anmerkung zur Veröffentlichung, bevor wir uns den Illustrationen zuwenden. Am Anfang war mir das nicht bewusst, aber es macht Sinn: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Erscheinungsdatum auf dem Cover und dem tatsächlichen Veröffentlichungsdatum. Vielleicht liegt das daran, dass ich so viele Comics im Nachhinein lese (sei es in Sammelbänden oder als Einzelausgaben) und selten zum Zeitpunkt ihrer tatsächlichen Veröffentlichung. Dennoch halte ich es für wichtig, darauf hinzuweisen:

„In dieser Arbeit wird das Erscheinungsdatum auf dem Cover der Comic-Ausgaben verwendet, um anzugeben, wann der Comic veröffentlicht wurde, obwohl das Erscheinungsdatum nicht genau mit dem Monat übereinstimmt, in dem ein Comic veröffentlicht wurde. Laut Brian Cronin gab es in den frühen 1960er Jahren in der Regel eine viermonatige Lücke zwischen dem offiziellen Erscheinungsdatum und dem Versanddatum. In den 1990er Jahren wurde von Marvel und DC Comics eine Lücke von zwei Monaten zwischen dem Erscheinungsdatum und dem Versanddatum festgelegt. Allerdings gab es fast immer Abweichungen zwischen den beiden Daten, selbst innerhalb dieser allgemeinen Richtlinien. Aufgrund dieser Schwierigkeit wird in dieser gesamten Dissertation das Erscheinungsdatum als Datum der Veröffentlichung eines Comics angegeben [Joseph Darowski, 2014, S. 44]."

Das Artwork

Die X-Men wurden nicht allein von Stan Lee erschaffen. Einen bedeutenden Beitrag leistete Jack Kirby mit seinem unglaublichen Talent. Heute widmet sich ein Künstler hauptsächlich einer Serie und zeichnet eine Ausgabe pro Monat. »The King« schaffte bis zu fünf Seiten pro Tag und entwarf die Figuren spontan, während er die Geschichten zeichnete, die Lee ihm gab [Hiatt].

Die Zeichnungen aus dieser Zeit gefallen mir sehr gut. Während der Trainingseinheiten der X-Men (darauf werde ich später noch eingehen) spürt man die Bewegung innerhalb der Panels. Der Fokus liegt eindeutig auf den Figuren, und Kirby gab ihnen Raum zum Agieren. Der Hintergrund ist nicht so wichtig. Manchmal existiert er gar nicht: nur eine Hintergrundfarbe, um den weißen Raum auszufüllen. Bei Bedarf kann er jedoch auch sehr detailliert sein. Jede Figur hat ihr eigenes Aussehen, ihre eigenen Gesten und ihre eigene Mimik. All diese Dinge beim Zeichnen der Geschichte zu entwickeln, ist bemerkenswert. Das Design der Kleidung, der Räume und der Merkmale der Umgebung ist einfach, aber effektiv.

In allen Ausgaben von Jack Kirby (und seinem Nachfolger) denkt man nie an Unstimmigkeiten oder größere Unterbrechungen. Manchmal steht jedoch die Erzählung dem Kunstwerk im Weg. Damals äußerten die Figuren oft das Offensichtliche oder – anders ausgedrückt – das Kunstwerk und der Dialog/Erzähler waren repetitiv. Wenn etwas in einem Panel gezeigt wird, wird es von den Figuren oder dem Erzähler erklärt, noch einmal hervorgehoben. Das trägt jedoch auch zum Charme dieser alten Ausgaben bei.

Wenn man sie mit den Comics von heute vergleicht, kann man aus diesen Comics viel herausholen. Was sie sagen, was sie denken und wie der Erzähler über die Figuren spricht – all das erzählt in Kombination mit den Illustrationen eine reichhaltige und bedeutungsvolle Geschichte. Aber wer waren die ursprünglichen X-Men?

Die X-Men

Scott Summers alias Cyclops, Warren Worthington III alias The Angel, Hank McCoy alias The Beast und Bobby Drake alias Iceman sind die ersten Schüler von Professor X. In der ersten Ausgabe werden sie zunächst mit ihren Fähigkeiten vorgestellt. Dann stößt noch Jean Grey alias Marvel Girl zu ihnen.

Das Ungewöhnliche an dieser Besetzung ist, dass sie keine Familie wie die Fantastic Four ist. Das unterscheidet sie von anderen Teams aus den 1960er Jahren. Allerdings könnte man, wie Andrew Wheeler in seiner dreiteiligen Artikelserie „Mutant and Proud“ betont, davon ausgehen, dass sie zumindest Cousins sind, da sie alle weiße, heterosexuelle, privilegierte Kinder sind. Dies widerspricht allem, was man von einer Comic-Reihe erwarten würde, die dafür bekannt ist, Frauen, LGBTQ+-Charaktere sowie Schwarze und andere Minderheiten durch die sogenannte Mutanten-Metapher darzustellen bzw. zu repräsentieren. Die Entstehung dieser kleinen Gruppe muss anders gelesen werden als ihre zweite Entstehung im Jahr 1975, als Chris Claremont die Serie quasi neu startet.

Wenn wir uns die Mutantenmetapher ansehen, müssen wir uns mit dem Leben der Charaktere und ihrer Darstellung von Queerness auseinandersetzen. Denn typischerweise stammen Mutanten (wie queere Menschen) nicht aus mutierten/queeren Familien [Wheeler].

„Wie LGBT-Menschen werden Mutanten nicht unbedingt von Mutanten geboren. Ihre Geschwister sind nicht unbedingt Mutanten. Ihre Kinder sind nicht unbedingt Mutanten. Sie werden nicht in Mutantengemeinschaften geboren. Sie werden nicht in eine Mutantenkultur hineingeboren. Sie sind sogar innerhalb ihrer eigenen Familien anomal. Wie LGBT-Menschen sind Mutanten einer erhöhten Angst ausgesetzt, von den Menschen gehasst zu werden, die sie am meisten lieben sollten [Wheeler, 2014].”

Aber die Ähnlichkeiten gehen noch weiter. Wie Drag-Personen nehmen die X-Men neue Namen an und kleiden sich anders, wenn sie von anderen Mutanten begleitet werden [Wheeler]. Manchmal muss jemand das Offensichtliche für einen aussprechen, und von diesem Moment an kann man es nicht mehr übersehen – so wie es bei mir der Fall war, was die Ähnlichkeiten dieser Communities angeht. Manchmal neigen wir dazu, Dinge zu überanalysieren. Besonders wenn dieses Etwas eine große Fangemeinde um sich hat, kann es zu einer Art Schneeballeffekt kommen. Es ist allerdings immer wieder interessant und spannend, diese Parallelen aufzunehmen und sie auf die erste X-Men-Serie zu übertragen. Ich glaube nicht, dass dies von den Schöpfern beabsichtigt war – es ist nur ein Zufall. Das ist das Schöne an Geschichten, und ich habe es bereits erwähnt: Verschiedene Menschen ziehen unterschiedliche Bedeutungen aus ihnen.

Aber kommen wir zurück zu den ursprünglichen X-Men. Die Charaktere waren am Anfang überwiegend weiß und ihre Mutationen versteckte Merkmale. Es war von außen nicht ersichtlich, dass sie Mutanten sind (Beast und Angel konnten ihre Mutationen mit Ausrüstung und Kleidung verbergen) [Darius]. Mit minimalem Aufwand können sie alle als normale Menschen durchgehen und sich an öffentlichen Orten bewegen, ohne entdeckt zu werden. Eine weitere Gemeinsamkeit mit queeren Menschen. Ich werde in einem separaten Artikel ausführlicher auf die Mutanten-Metapher und ihre Veränderung in den letzten Jahrzehnten eingehen.


Das war der erste Teil von der Ära Kirby/Lee. Nächste Woche geht es nahtlos weiter.

Everything X-Men | Über Comics

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute wieder einen alten Text von mir an. Wir setzen unsere Reise durch mein Projektstudium fort. Dieses habe ich während meines Medienwissenschaftsstudiums geschrieben. Darin habe ich angefangen, die X-Men-Comics chronologisch zu besprechen. Mit den Comics an sich geht es allerdings erst nächste Woche los. Erst einmal habe ich bei der Abgabe des Projektes ein wenig Kontext und Einordnung liefern müssen. Deshalb gibt es heute das Vorwort, welches sich mit dem Konzept »Comics« befasst hat.


Comics sind ein faszinierendes Medium. Oberflächlich betrachtet sind sie die Verbindung von Bild und Text, mit dem Ziel, eine Geschichte zu erzählen. Doch hinter dieser stumpfen Betrachtungsweise steckt sehr viel mehr als das. Autoren wie Will Eisner und Scott McCloud, die nicht nur selbst Comics kreiert haben, und dies sehr erfolgreich, sondern sich auch auf der Metaebene dem Medium nähern, haben Bücher damit gefüllt, wie sie funktionieren. Vieles scheint intuitiv zu funktionieren, doch im Hintergrund laufen Prozesse ab, die es uns ermöglichen, die Bilder und Texte miteinander zu kombinieren und so eine kontinuierliche Geschichte zu erleben.

Die Einteilung des Mediums ist nicht so einfach, besonders da durch das Internet Webcomics in allen möglichen Formen entstehen und präsentiert werden können. Doch grob kann folgende Einteilung erfolgen (basierend auf William Eisner): newspaper strips (kurze, meist humorvolle Sequenzen, die in Zeitungen und ähnlichen Medien anzutreffen sind), graphic novels (typischerweise in sich geschlossene Geschichten in variierender Länge) und comic books (regelmäßig, meist monatlich erscheinende Hefte, die eine fortlaufende Geschichte von einem oder mehreren Protagonist*innen erzählen und später in so genannten collected editions oder trade paperbacks gesammelt werden).

Diese Einteilung, wie auch die folgende Definition, was Comics sind, ist eine neutrale Beschreibung, wie sie auch Scott McCloud in Understanding Comics anbietet. Sie beinhaltet weder Stil noch Genre noch ein empfohlenes Alter der Leser*innen. Ebenso kein Format, Druckprozess oder zu verwendende Materialien. Hinzu kommt, dass mit neuen Technologien auch neue Möglichkeiten entstehen, wie Comics umgesetzt werden, und Definitionen, die heute als aktuell und vollständig gelten, können morgen bereits überholt sein. Dabei erweitert McCloud den von Will Eisner eingeführten Begriff „Sequential Art“ auf „juxtaposed pictorial and other images in deliberate sequence“, da, wie er selbst sagt, Eisners Definition für den Großteil von Comics gilt, jedoch auch speziellere Arten existieren, die einer genaueren Beschreibung bedürfen, welche er mit den Erweiterungen abdecken möchte.

Diese Beschreibung umfasst sämtliche Bildsequenzen, also auch Warnhinweise, Mangas, Webcomics, Sicherheitshinweise, Beschreibungen und Anleitungen, wie auch das klassische Verständnis des Comic Books, nämlich die monatlich bzw. regelmäßig erscheinenden Hefte von Verlagen wie DC Comics, Marvel oder Image. Es sollen im Folgenden die englischen Begriffe verwendet werden, da Comics als Medium verstanden werden und es keine deutsche Entsprechung für das Konzept des Comic Books bzw. der Graphic Novel gibt. Dabei wird außen vor gelassen, ob diese digital oder analog auf Papier veröffentlicht werden.

Was jedoch allen Comics gleich ist, ist die eigene Sprache, die sie im Laufe der Zeit entwickelt und die Leser*innen gelernt haben, zu decodieren. Wie jedes Medium kommen auch Comics mit eigenen Regeln, einer eigenen Grammatik, die Will Eisner in den Kapiteln zwei bis fünf von »Comics and Sequential Art« detailliert beschreibt. Er konzentriert sich dabei vor allem darauf, was innerhalb des Rahmens der Panels oder auf der Seite des einzelnen Comic-Books passiert. Scott McCloud hat später diese Theorie erweitert, indem er auch dem „Gutter“, dem Platz zwischen den einzelnen Panels, eine zentrale Rolle zuschreibt. Mit dem von ihm selbst etablierten Begriff des „Closure“ beschreibt er außerdem dessen Funktion, nämlich von uns wahrgenommene Fragmente mental zusammenzusetzen, so dass ein komplettes, vollständiges Bild entsteht. Dabei geht es nicht nur um das Erkennen von Mustern (der Mensch ist beispielsweise dazu prädestiniert, in allen möglichen einfachen Strukturen Gesichter zu erkennen) und das Vervollständigen von Bewegungen (Panels bieten ausgewählte Positionen, die einen kompletten Bewegungsablauf simplifiziert darstellen und durch die Einordnung in eine Sequenz verstanden werden). Closure meint auch einen Erkenntnisprozess, der entsteht, wenn eine Sequenz aus scheinbar nicht zusammenpassenden Bildern mental zu einem sinnvollen Bild zusammengesetzt wird.

So viel sei zu Comics gesagt. Es scheint mir immer wichtig zu sein, erst zu erklären, was Comics sind und wie komplex das Medium sein kann. Dies wird einem auch bewusst, wenn man sich Nick Sousanis Werk »Unflattening« ansieht. Die Art und Weise, wie er darin nicht nur das Medium beschreibt, sondern den menschlichen Wahrnehmungsprozess, beeindruckt immer wieder aufs Neue.

Everything X-Men | Einleitung

Es ist Donnerstag. Das heißt, wir sehen uns einen alten Text von mir an. Wie letzte Woche angekündigt geht es heute los mit »Everything X-Men«. Einer Reihe von Texten, die ich für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben habe. Es war ein kleines Mammutprojekt und hatte als Ziel oder Prämisse, die X-Men-Comics chronologisch zu lesen, zu besprechen und zu analysieren. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst. Heute möchte ich sie allerdings in Deutsch präsentieren. Für die initiale Übersetzung habe ich DeepL bemüht. Natürlich redigiere ich die Texte noch und sehe zu, dass sie Sinn ergeben.

Den Anfang macht die Einleitung des Projekts. Genauer gesagt handelt es sich, wenn ich mich richtig entsinne, um den Projektantrag oder etwas in der Art. Ich gehe darauf ein, wie die Idee des Projekts entstand und was ich genau vorhabe.


Die Idee für diese Reihe entstand Anfang 2017. Ich studierte Medienwissenschaften und Philosophie im dritten Semester, und in meinem Hauptfach – Medienwissenschaften – müssen alle Studierenden ein sogenanntes „Projektstudium“ absolvieren. Dieses Projekt soll ein wissenschaftliches und praktisches Projekt sein, bei dem man etwas Eigenes schafft. Man konzentriert sich dabei auf einen Aspekt oder ein Thema, behält aber immer den wissenschaftlichen Aspekt im Blick. Da ich mich seit vielen Monden als Blogger und Rezensent betrachtete, wollte ich unbedingt eine Reihe von Blog-Artikeln schreiben.

In den darauf folgenden Monaten, nachdem ich die Idee hatte, sprach ich mit Prof. Dr. Tanja Thomas, einer Professorin im Fachbereich Medienwissenschaft, und fragte sie, ob sie Interesse hätte, das Projekt zu betreuen. Nach einer ausführlichen Diskussion darüber, wie ich meine Idee umsetzen könnte, habe ich viel recherchiert und angefangen, einige X-Men-Comics zu lesen. Die Ergebnisse meiner Recherchen und Lektüren werden in den nächsten Wochen und Monaten veröffentlicht. Ich hoffe, ich konnte mit diesen Texten etwas Interessantes schaffen. Ich hatte auf jeden Fall viel Spaß beim Schreiben. Man könnte sagen, dass diese Reise eine unglaubliche Xperience war. Eine xzellente Idee, quasi.

Wo soll ich anfangen?

Ich liebe Comics und betrachte mich selbst als großen Fan der X-Men. Leider sind meine Erfahrungen mit ihren Geschichten eher begrenzt. Meine erste echte Begegnung mit den X-Men war der erste Film von Bryan Singer aus dem Jahr 2000. Ich war damals elf Jahre alt und sofort fasziniert. Seitdem habe ich jeden Film gesehen und einige Comics dieser wunderbaren Figuren gelesen. Dennoch blieben sie für mich eher im Hintergrund, und ich habe mich nie dazu durchgerungen, sie alle zu lesen – vor allem, weil ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Wenn man sich die Grafik aus der Doktorarbeit „Reading The Uncanny X-Men: Gender, Race and the mutant metaphor in a popular narrative“ von Joseph Darowski ansieht, wird deutlich, wie viele Serien es gab und immer noch gibt.

Seit 2011 gab es etwa 50 Events, 10 Neustarts oder Reboots (mal mehr, mal weniger einschneidend) und eine Reihe von Miniserien sowie Specials, die das Potenzial hatten, „das Internet zu sprengen“, wie Marvel Mitte 2017 erklärte (http://www.hollywoodreporter.com/heatvision/marvel-teases-a-comic-book-twist-will-break-internet-996924). All das ist jedoch bereits geschehen, und wir möchten nun in eine Zeit zurückkehren, in der all das noch bevorstand – in die gute alte Zeit. Ihr wisst schon, als Comics nur ein paar Cent kosteten und Stan Lee und Jack »The King« Kirby die Hälfte unserer Helden erschufen. Dort beginnt unsere Reise.

Ich wollte schon immer die X-Men von Anfang an lesen und die Geschichten als Ganzes erleben. Wo haben sie angefangen, was ist unterwegs passiert? Endlich alle Anspielungen verstehen, die noch heute in den Ausgaben zu finden sind. Leider musste ich feststellen, als ich die großartige Leseliste von Comicvine entdeckte (Guide to reading X-Men-Comics https://comicvine.gamespot.com/forums/x-men-155/guide-to-reading-x-mencomics-1727695), dass es sehr viele X-Men-Comics gibt. Man könnte Hunderte und Aberhunderte von Ausgaben lesen und wäre immer noch im Rückstand, weil Monat für Monat neue hinzukommen. Das ist entmutigend. Aber ich gebe nicht auf und habe daher einige Kürzungen vorgenommen. Irgendwo muss man ja anfangen, oder?

Der Plan

Außerdem muss das Projekt ein Ende haben – zumindest der Teil, der sich auf das Studium bezieht. Und es sollte vor meinem sechsten Semester abgeschlossen sein, damit ich mich dann auf meine Bachelorarbeit konzentrieren kann. Daher habe ich mich für eine Reihe von etwa 15 Artikeln (einschließlich dieser Einleitung) entschieden. Natürlich werde ich die Serie fortsetzen, wenn ich Lust dazu habe. Um es etwas interessanter zu gestalten, habe ich verschiedene Schöpfer aus den letzten fünf Jahrzehnten ausgewählt, und dies sind nun die Comics, die es in meine Reihe geschafft haben:

  1. Stan Lee / Jack Kirby (1963–1966)
  2. Roy Thomas / Neal Adams (1969/70)
  3. X-Men First Class v1 (2007)
  4. Chris Claremont Part I
  5. Chris Claremont Part II
  6. Chris Claremont Part III
  7. Avengers Disassembled (2004/2005)
  8. House of M
  9. X-Men Legacy: Legion
  10. Chris Claremont Part IV

Ich möchte nicht ausschließlich über die X-Men sprechen, das wäre nur eine eher wissenschaftlich fundierte Rezension einiger Comics, und ich habe in den letzten x Jahren bereits viele Rezensionen geschrieben. Ich wollte einen Schritt weitergehen. Ich kam auf die Idee, etwas aus diesen Serien zu nehmen – ein Thema, eine Anspielung oder eine Idee – und darüber in einem separaten Artikel ausführlicher zu sprechen. Diese Themen könnten alles Mögliche sein, von der Comic Book Authority hin zu Comic-Studien im Allgemeinen, über Terminologie, interessante Debatten, erwähnte Philosophien oder sexuelle Orientierungen und Geschlechterkonzepte.

Das bedeutet, dass auf jede Rezension/Analyse ein eher theoretisch ausgerichteter Artikel folgt – ein Essay. Dies sind die Themen, die ich bisher ausgewählt habe:

  1. Comic Book Authority
  2. Was ist ein Mutant?
  3. Comic Book Ages
  4. Die Mutanten-Metapher
  5. Philosophien innerhalb der X-Men
  6. A broken back in the refrigerator
  7. Comic-Events
  8. Wer bin ich?

Das Besondere an den X-Men und ihrer sehr langen Geschichte ist, dass sie oft als ein Konglomerat von Ideen und Themen angesehen werden. Daher werden die Schöpfer selbst oft als eine zusammengewürfelte Masse betrachtet. Das sind sie jedoch nicht. Jeder Schöpfer muss separat betrachtet und daher als Bestandteil des Gesamtbildes, also der X-Men, analysiert werden. Es ist ein Fehler, ein universelles Bild eines X-Universums zu schaffen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass jeder Autor, jede Künstlerin die Dinge unterschiedlich interpretiert. Wir haben alle verschiedene kulturelle Hintergründe und eine andere Sozialisierung, die stets mitgedacht werden muss. Mit meiner Recherche zu den einzelnen Themen habe ich versucht, dieser Einschränkung Rechnung zu tragen. Allerdings gilt auch hier: Meine Artikel sind nur eine Sichtweise, eine Möglichkeit, die Dinge zu interpretieren, inspiriert von den Büchern und Artikeln, die ich erwähnen werde. Ich werde sicherlich etwas vergessen oder übersehen.

Was noch zu sagen ist

Chris Claremont wird in der Übersicht häufiger erwähnt, weil er fast 20 Jahre lang die X-Men in vielen verschiedenen Team- und Solo-Serien geschrieben hat. Daher hat er die Charaktere wie kein anderer vor oder nach ihm geprägt. Zuerst dachte ich, ich würde nur einige Handlungsstränge hier und da auswählen. Aber das schien unmöglich. Wie könnte ich als Außenstehender die „richtigen“ auswählen? Ich meine, seine Geschichten gelten als die besten Geschichten der X-Men. Beispielsweise „The Dark Phoenix Saga“, „Days of Future Past“, „Trial of Magneto“ oder „The Fall of the Mutants“. Und ich möchte diese Geschichten nicht ohne Hintergrundinformationen lesen oder ohne zu wissen, was bisher passiert ist. Im Grunde möchte ich damit sagen: Wir werden seine Comics chronologisch durchgehen, basierend auf der oben genannten Lesereihenfolge.

Ich denke, das reicht fürs Erste. Was den Veröffentlichungsplan angeht: Ich werde zwei Artikel pro Monat veröffentlichen. Jeder Monat hat also ein Thema. So bleibt für die geneigten Leser*innen, die diese Reihe verfolgen, genug Zeit, um die Comics zu lesen. Marvel Unlimited ist ein guter Ausgangspunkt. Wenn ihr aber Sammler*innen seid, gibt es schöne, aber teure Omnibus- und Sammlerausgaben. Derzeit lese ich hauptsächlich digital, aber das eine oder andere Hardcover im Regal stehen zu haben, wäre natürlich auch nicht schlecht.