Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Die Textreihe »Everything X-Men« habe ich als sogenanntes Projektstudium für mein Medienwissenschaftsstudium geschrieben. Darin habe ich mich ausführlich mit den X-Men beschäftigt. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber in Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung (auch der vorkommenden Zitate) habe ich mit DeepL gemacht. Natürlich redigiere ich die Texte danach noch, bevor ich sie veröffentliche.
Bisher sind folgende Texte erschienen:
Heute geht es los mit der ersten Ära der X-Men. Die Charaktere wurden natürlich von Jack »The King« Kirby und Stan Lee ins Leben gerufen. Deren Comics erschienen zwischen 1963 und 1966. Aufgrund der Länge des Textes habe ich diesen in drei Teile geteilt. Sie sind zwar immer noch nicht kurz, aber weiter möchte ich diese nicht zerreißen. Legen wir also los mit der Ära Kirby/Lee.
Einleitung
In diesem ersten Artikel sehen wir uns die Anfänge der X-Men an und besprechen die ersten 19 Ausgaben. Sie wurden von Stan Lee geschrieben und von Jack Kirby gezeichnet (später von Werner Roth). Es geht darum, wie die Comics veröffentlicht wurden, und welche Geschichten werden uns darin präsentiert? Anschließend werden wir uns auf die Charaktere konzentrieren. Wer waren die ursprünglichen X-Men? Wie wurden sie dargestellt? Es ist faszinierend, sich diese über 50 Jahre alten Geschichten anzusehen.
Joseph Darowski spricht zu Beginn seiner Doktorarbeit ein wichtiges Thema an, das ich auch kurz erwähnen möchte: Alles wird von verschiedenen Gruppen unterschiedlich wahrgenommen. Und vielleicht am wichtigsten: Nichts hat eine feststehende Bedeutung. Sie kann sich im Laufe der Zeit ändern (zumindest die primäre Lesart) und ist eine sehr subjektive Sache. Darüber hinaus müssen wir diese Comics als das analysieren, was sie sind: ein Produkt einer anderen Zeit. Wir sollten dies nicht gegen sie verwenden, sondern es als Zeitkapsel betrachten und sehen, wie die Welt bestimmte Themen zu dieser Zeit sah. Diese Comics sind Artefakte und offenbaren gesellschaftliche Einstellungen. Denn „die Unterhaltung einer Gesellschaft spiegelt diese Gesellschaft wider und beeinflusst sie“ (Darowski, 2011, S. 11).
Die Anfänge
Eine interessante Entdeckung, die ich während meiner Recherchen gemacht habe, ist, dass Marvel pro Monat nur eine begrenzte Anzahl von Comics veröffentlichen durfte. Vor 1961 war Marvel unter dem Namen Atlas bekannt. Zu dieser Zeit verloren sie ihren Vertriebspartner und waren gezwungen, sich »Independent News« anzuschließen, dem Eigentümer und Vertreiber von »National Allied Publications«. Dieses Unternehmen wurde 1934 gegründet und später als »DC Comics« bekannt.
Die Comics von Marvel verkauften sich Ende der 1950er Jahre nicht besonders gut. Dies könnte der Grund dafür sein, dass ihr neuer Vertriebspartner die Anzahl der Comics, die Marvel veröffentlichen durfte, ohne Probleme begrenzen konnte. Diese Zahl lag zunächst bei acht Comics pro Monat. Aber mit der Verbesserung der Qualität der Geschichten stieg auch die Anzahl der verkauften Comics. Vor diesem Hintergrund durfte Marvel immer mehr Ausgaben veröffentlichen. Nach Ablauf des Vertrags schloss sich Marvel mit einem anderen Vertriebspartner zusammen und konnte endlich so viele Comics veröffentlichen, wie sie wollten. In einem Zeitraum von zwei Jahren veröffentlichten sie nur dreizehn Ausgaben von »The X-Men«. Ab # 14 konnten sie die Serie dank des neuen Vertriebs monatsweise veröffentlichen.
Stan Lee wollte das Buch eigentlich »The Mutants« nennen. Leider lehnte sein Verleger Martin Goodman diesen Namen ab, da niemand wissen würde, was ein Mutant ist. Brian Hiatt erzählt in einem Artikel im Rolling Stone die Entstehungsgeschichte der X-Men: Nachdem der Titel »The Mutants« abgelehnt worden war, entschied sich Lee für „X-Men“, weil er „dachte, sie haben zusätzliche Kräfte und ihr Anführer ist Professor Xavier“. Darüber hinaus gab er ihnen die Kräfte von Geburt an, was bedeutete, dass er keine ausgefallenen Entstehungsgeschichten für jede Figur brauchte. Also keine radioaktiven Unfälle mehr.
Brad Ricca weist in seinem Artikel »Origin of the Species« darauf hin, dass „das Wort ‚Mutant‘ zu dieser Zeit tatsächlich recht weit verbreitet war und nicht nur in populärwissenschaftlichen Zeitschriften, sondern auch in der New York Times vorkam […] vor allem in Artikeln über die Angst vor der Strahlung im Atomzeitalter [Ricca, 2014, S. 6]“. Allen, die sich für dieses Thema interessieren, kann ich den Artikel von Ricca empfehlen. Er zeichnet ein überzeugendes Bild der 1950er und 60er Jahre, was einige Wissenschaftler erreichen wollten, und weist darauf hin, dass die Idee eines Homo Superior, wie Magneto es ausdrückt, gar nicht so weit hergeholt ist, wie es scheinen mag. Insbesondere die Konzepte von Hermann J. Muller werden dort ausführlich beschrieben.
Eine letzte Anmerkung zur Veröffentlichung, bevor wir uns den Illustrationen zuwenden. Am Anfang war mir das nicht bewusst, aber es macht Sinn: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Erscheinungsdatum auf dem Cover und dem tatsächlichen Veröffentlichungsdatum. Vielleicht liegt das daran, dass ich so viele Comics im Nachhinein lese (sei es in Sammelbänden oder als Einzelausgaben) und selten zum Zeitpunkt ihrer tatsächlichen Veröffentlichung. Dennoch halte ich es für wichtig, darauf hinzuweisen:
„In dieser Arbeit wird das Erscheinungsdatum auf dem Cover der Comic-Ausgaben verwendet, um anzugeben, wann der Comic veröffentlicht wurde, obwohl das Erscheinungsdatum nicht genau mit dem Monat übereinstimmt, in dem ein Comic veröffentlicht wurde. Laut Brian Cronin gab es in den frühen 1960er Jahren in der Regel eine viermonatige Lücke zwischen dem offiziellen Erscheinungsdatum und dem Versanddatum. In den 1990er Jahren wurde von Marvel und DC Comics eine Lücke von zwei Monaten zwischen dem Erscheinungsdatum und dem Versanddatum festgelegt. Allerdings gab es fast immer Abweichungen zwischen den beiden Daten, selbst innerhalb dieser allgemeinen Richtlinien. Aufgrund dieser Schwierigkeit wird in dieser gesamten Dissertation das Erscheinungsdatum als Datum der Veröffentlichung eines Comics angegeben [Joseph Darowski, 2014, S. 44]."
Das Artwork
Die X-Men wurden nicht allein von Stan Lee erschaffen. Einen bedeutenden Beitrag leistete Jack Kirby mit seinem unglaublichen Talent. Heute widmet sich ein Künstler hauptsächlich einer Serie und zeichnet eine Ausgabe pro Monat. »The King« schaffte bis zu fünf Seiten pro Tag und entwarf die Figuren spontan, während er die Geschichten zeichnete, die Lee ihm gab [Hiatt].
Die Zeichnungen aus dieser Zeit gefallen mir sehr gut. Während der Trainingseinheiten der X-Men (darauf werde ich später noch eingehen) spürt man die Bewegung innerhalb der Panels. Der Fokus liegt eindeutig auf den Figuren, und Kirby gab ihnen Raum zum Agieren. Der Hintergrund ist nicht so wichtig. Manchmal existiert er gar nicht: nur eine Hintergrundfarbe, um den weißen Raum auszufüllen. Bei Bedarf kann er jedoch auch sehr detailliert sein. Jede Figur hat ihr eigenes Aussehen, ihre eigenen Gesten und ihre eigene Mimik. All diese Dinge beim Zeichnen der Geschichte zu entwickeln, ist bemerkenswert. Das Design der Kleidung, der Räume und der Merkmale der Umgebung ist einfach, aber effektiv.
In allen Ausgaben von Jack Kirby (und seinem Nachfolger) denkt man nie an Unstimmigkeiten oder größere Unterbrechungen. Manchmal steht jedoch die Erzählung dem Kunstwerk im Weg. Damals äußerten die Figuren oft das Offensichtliche oder – anders ausgedrückt – das Kunstwerk und der Dialog/Erzähler waren repetitiv. Wenn etwas in einem Panel gezeigt wird, wird es von den Figuren oder dem Erzähler erklärt, noch einmal hervorgehoben. Das trägt jedoch auch zum Charme dieser alten Ausgaben bei.
Wenn man sie mit den Comics von heute vergleicht, kann man aus diesen Comics viel herausholen. Was sie sagen, was sie denken und wie der Erzähler über die Figuren spricht – all das erzählt in Kombination mit den Illustrationen eine reichhaltige und bedeutungsvolle Geschichte. Aber wer waren die ursprünglichen X-Men?
Die X-Men
Scott Summers alias Cyclops, Warren Worthington III alias The Angel, Hank McCoy alias The Beast und Bobby Drake alias Iceman sind die ersten Schüler von Professor X. In der ersten Ausgabe werden sie zunächst mit ihren Fähigkeiten vorgestellt. Dann stößt noch Jean Grey alias Marvel Girl zu ihnen.
Das Ungewöhnliche an dieser Besetzung ist, dass sie keine Familie wie die Fantastic Four ist. Das unterscheidet sie von anderen Teams aus den 1960er Jahren. Allerdings könnte man, wie Andrew Wheeler in seiner dreiteiligen Artikelserie „Mutant and Proud“ betont, davon ausgehen, dass sie zumindest Cousins sind, da sie alle weiße, heterosexuelle, privilegierte Kinder sind. Dies widerspricht allem, was man von einer Comic-Reihe erwarten würde, die dafür bekannt ist, Frauen, LGBTQ+-Charaktere sowie Schwarze und andere Minderheiten durch die sogenannte Mutanten-Metapher darzustellen bzw. zu repräsentieren. Die Entstehung dieser kleinen Gruppe muss anders gelesen werden als ihre zweite Entstehung im Jahr 1975, als Chris Claremont die Serie quasi neu startet.
Wenn wir uns die Mutantenmetapher ansehen, müssen wir uns mit dem Leben der Charaktere und ihrer Darstellung von Queerness auseinandersetzen. Denn typischerweise stammen Mutanten (wie queere Menschen) nicht aus mutierten/queeren Familien [Wheeler].
„Wie LGBT-Menschen werden Mutanten nicht unbedingt von Mutanten geboren. Ihre Geschwister sind nicht unbedingt Mutanten. Ihre Kinder sind nicht unbedingt Mutanten. Sie werden nicht in Mutantengemeinschaften geboren. Sie werden nicht in eine Mutantenkultur hineingeboren. Sie sind sogar innerhalb ihrer eigenen Familien anomal. Wie LGBT-Menschen sind Mutanten einer erhöhten Angst ausgesetzt, von den Menschen gehasst zu werden, die sie am meisten lieben sollten [Wheeler, 2014].”
Aber die Ähnlichkeiten gehen noch weiter. Wie Drag-Personen nehmen die X-Men neue Namen an und kleiden sich anders, wenn sie von anderen Mutanten begleitet werden [Wheeler]. Manchmal muss jemand das Offensichtliche für einen aussprechen, und von diesem Moment an kann man es nicht mehr übersehen – so wie es bei mir der Fall war, was die Ähnlichkeiten dieser Communities angeht. Manchmal neigen wir dazu, Dinge zu überanalysieren. Besonders wenn dieses Etwas eine große Fangemeinde um sich hat, kann es zu einer Art Schneeballeffekt kommen. Es ist allerdings immer wieder interessant und spannend, diese Parallelen aufzunehmen und sie auf die erste X-Men-Serie zu übertragen. Ich glaube nicht, dass dies von den Schöpfern beabsichtigt war – es ist nur ein Zufall. Das ist das Schöne an Geschichten, und ich habe es bereits erwähnt: Verschiedene Menschen ziehen unterschiedliche Bedeutungen aus ihnen.
Aber kommen wir zurück zu den ursprünglichen X-Men. Die Charaktere waren am Anfang überwiegend weiß und ihre Mutationen versteckte Merkmale. Es war von außen nicht ersichtlich, dass sie Mutanten sind (Beast und Angel konnten ihre Mutationen mit Ausrüstung und Kleidung verbergen) [Darius]. Mit minimalem Aufwand können sie alle als normale Menschen durchgehen und sich an öffentlichen Orten bewegen, ohne entdeckt zu werden. Eine weitere Gemeinsamkeit mit queeren Menschen. Ich werde in einem separaten Artikel ausführlicher auf die Mutanten-Metapher und ihre Veränderung in den letzten Jahrzehnten eingehen.
Das war der erste Teil von der Ära Kirby/Lee. Nächste Woche geht es nahtlos weiter.