Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute einen alten Text von mir an. Dieser stammt vom 11. November 2016 und bespricht die 11. Collected Edition von Ultimate Spider-Man. Er erschien damals auf meinem Blog Geek-Planet, den es heute nicht mehr gibt.
Tode von wichtigen oder zentralen Charakteren gut zu inszenieren ist schwierig. Game of Thrones ist dafür bekannt geworden, in den frühen Staffeln und den dazugehörigen Büchern, Charaktere einfach so mal zu töten. Und vielleicht ist das die schockierendste Variante, die man wählen kann. Durchaus einen heroischen Tod, aber einen plötzlichen, unerwarteten, den man nicht vorhersehen kann. Der, in moderneren Erzählungen, quasi im Alltag der Personen passiert.
Gwens Tod im Film The Amazing Spider-Man war fantastisch umgesetzt und ein emotionaler Faustschlag. Hier, im Ultimate Spider-Man Comic, plötzlich und spontan – so wirkt es zumindest. Es ging mir damals schon fast zu schnell. Sie hat erst vor Kurzem von Peters Geheimnis erfahren und hätte zu einer tollen Kameradin und Unterstützerin werden können. Aber auch das zeugt von einem guten Charakter und einer guten Geschichte – wenn man sich fragt: „Was wäre, wenn …“
Seit ich die Liste der Story-Arcs von Ultimate Spider-Man überflogen habe, freue ich mich auf die von Carnage. Er und Venom gehören zu den wohl zu den ikonischsten Spider-Man-Gegnern, neben Doc Ock und Vulture. Welche Interpretation des Charakters hat Brian Michael Bendis für uns vorbereitet?
- Ausgaben: #60 bis #65
- Erscheinungsdatum: August bis November 2004
- Autor: Brian Michael Bendis
- Künstler: Mark Bagley
- Inks: Art Thibert
- Colors: Transparency Digital
- Letters: Chris Eliopoulus
„You mixed my genetically altered DNA with your genetically altered DNA using my father’s stolen work. To see what would happen. This is the most disgusting thing I could ever imagine …“ – Peter Parker
Es ist eine traurige Woche. Gerade erst habe ich das 9. und 10. Buch von The Walking Dead beendet und die darin vorkommenden Tode verarbeitet. Da kommt mir nichts, dir nichts, die Carnage Story-Arc um die Ecke und beschließt einen der besten Protagonisten zu töten, von der ich mir noch viel versprochen hatte. Aber dazu später mehr.
Was mich an dieser Reihe immer wieder begeistert, ist, wie viel Zeit Bendis der Geschichte gibt, sich zu entfalten. Es werden nicht einfach so Gegner und Ideen eingeworfen, sondern er investiert zwei Ausgaben darauf, die Grundlagen für die Entstehung von Carnage zu legen. Das Einzige, was mich etwas überrascht hat, ist, dass Peter sich bei Verletzungen plötzlich an Doctor Connors wendet. Diesen hat er in den letzten drei bis vier Geschichten nicht ein einziges Mal erwähnt. Aber darüber kann man hinwegsehen.
Jedenfalls fängt sich Peter eine Erkältung ein, wodurch er etwas geschwächt ist und sich so gegen einen Riesen durchsetzen muss, der ein Museum in Angst und Schrecken versetzt. Knapp gelingt es ihm, dieses Monster von einem Mann zu überwältigen, wird allerdings verletzt. Er schwingt sich, bevor er endgültig zusammenbricht, noch in das Labor von Connors und lässt sich dort von ihm wieder zusammenflicken. Die beiden haben eine tolle Chemie miteinander und ich hätte es willkommen geheißen, hätte ihn Bendis das ein oder andere Mal erwähnt. Er hätte zu einer Art Vertrauten für Peter werden können, indem er gelegentlich bei ihm vorbei schwingt. So hätte diese Beziehung noch mehr Gewicht.
Wenn man eine Lektion aus dieser Geschichte lernen kann, dann dass man niemals sein Blut einfach so irgendwo „herumliegen“ lassen sollte. Besonders wenn man in die Verlegenheit kommt, Fähigkeiten durch eine genetische Veränderung zu entwickeln. Vor allem sollte man sein Blut nicht bei einem Genie in Bezug auf Genetik, wie es Connors einer ist, liegen lassen. Denn dieser entdeckt Großes in Peters Blut und fängt, metaphorisch gesprochen, schon einmal an, seine Dankesrede für den Nobelpreis zu schreiben. Er holt sich zwar die Erlaubnis von Peter, an seinem Blut forschen zu dürfen, doch wie das oben genannte Zitat zeigt, geht er sehr unklug dabei vor.
Eines stört mich hier gewaltig: Connors ist ein Wissenschaftler; er hat, gelinde gesagt, schlechte Erfahrungen damit gemacht, einfach so mit mutierter DNA herumzupfuschen. Wieso geht er dann nicht in kleinen Schritten vor? Stattdessen wirft er alles, was sein Labor hergibt, in einen Topf und lässt sich überraschen, was dabei herauskommen mag. Natürlich entsteht nichts Gutes daraus und dieses Etwas, was hier heranwächst, ist natürlich Carnage.
Dieses Wesen saugt Blut und was weiß ich nicht alles aus den Menschen, denen seine eigene DNA am nächsten kommt, aus, um zu überleben. Aus einem unbekannten Grund hat es auch vage Erinnerungen von Peter übernommen, was es zu dessen Haus führt. Leider findet er dort nicht ihn vor, sondern seine Mitbewohnerin: Gwen Stacy.
Am liebsten hätte ich zu diesem Zeitpunkt den Comic und Bendis angeschrien. Wie kann man Gwen Stacy nur so sterben lassen? Ich war fassungslos. Einfach so. Weg. Da ist man dann sehr dankbar um Peters Reaktion, der Connors sämtliche Vorwürfe macht und am liebsten ordentlich verprügeln würde.
Hier macht der Autor einen interessanten Schritt, der in diesem Zusammenhang reibungslos funktioniert. Denn wir erleben den finalen Kampf zwischen Peter und Carnage gewissermaßen nicht live, sondern Peter erzählt Connors später, wie er es getan hat. Das Schreckliche an diesem Bild ist, dass er dabei nicht sein Kostüm anhat, sondern nur seine Pyjamahosen. Er ist verschwitzt, dreckig und sowohl traurig als auch immens wütend. Der Kampf an sich, so gut er auch visuell dargestellt ist, fällt leider etwas kurz aus und auch wenn wir weiterhin nicht das Letzte von Carnage gesehen haben, hätte ich mir etwas mehr erwartet. Allerdings muss man zugeben, dass es in dieser Geschichte primär nicht um die beiden geht, sondern um die ethische Verantwortung, die Connors in dieser Situation hatte und natürlich die Freundschaft zwischen Gwen, Peter und MJ.
Eine sehr bewegende und tiefsinnige Geschichte, die Peter daran zweifeln lässt, ob er als Spider-Man überhaupt einen Unterschied macht. Dies wird im Epilog der Geschichte noch einmal wunderbar aufgegriffen. Er befindet sich zufällig auf einem Dach eines Gebäudes und in der Zwischenstraße darunter wird gerade eine Frau überfallen. Peter kann gar nicht anders als zu helfen. Selbst wenn er noch so stark versucht, diesen Drang zu unterdrücken, es geht nicht. Menschen in Not beizustehen und zu unterstützen, ist tief in seiner DNA verankert.
Peter Parker ist Spider-Man. Daran kann nichts und niemand etwas ändern. Und statt sich durch den Verlust von Gwen schwächen zu lassen, wird er einen Weg finden, diesen Vorfall zu nutzen, um dafür zu sorgen, dass sich dies nicht wiederholt. Ähnlich wie beim Tod seines Onkels Ben. Aber Gwen wird in der folgenden Geschichte sicherlich fehlen. Schade, dass sie so früh gehen musste.