Eine anerkennende Leistung

Bevor ich mich abends meinem aktuellen Buch widme, schaue ich gerne eine Folge Star Trek – The Next Generation. Seit Ende Januar hat es mich, nach der Lektüre von Patrick Stewarts Biografie, gereizt, wieder einmal die Serie zu schauen. Paramount+ ist einer der günstigeren Streaming-Anbieter und da ich meist ohnehin nur einen abonniert habe, passte das insgesamt ganz gut.

Es ist schon wieder einige Jahre her, seit ich die Serie schaute; war allerdings mit der ersten Folge gleich wieder drin. Die ersten zwei Staffeln gehören zwar noch zur Findungsphase der Serie, aber es gibt doch einige Höhepunkte, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Measure of a man ist da sicherlich eine der besten Episoden. Leider ist die Extended Version nicht bei Paramount+ dabei. Diese hatte ich einmal gesehen, als ich noch die Blu-Rays der Serie besaß und war begeistert von den paar zusätzlichen Szenen, die mehr Kontext gaben.

Was mich heute aber eigentlich beschäftigt, ist die erste Folge der dritten Staffel. Sie konzentriert sich auf Wesley Crusher. Er hat ein wissenschaftliches Experiment am Laufen und schläft dabei ein. Am nächsten Morgen verschläft er und wird von Commander Rikers Ruf geweckt, dass er sich doch bitte zum Dienst melden sollte, wenn es ihm genehm ist. In seinem hastigen Aufräumen des Labors entwischen ihm ein paar der Naniten, mit denen er sich beschäftigt. Unbeobachtet von der Crew entwickeln sich diese weiter, vermehren sich rasend schnell und fangen schließlich an, die Enterprise zu beeinflussen und Systeme zu stören.

Die Naniten erinnern etwas an die Replikatoren von Stargate, die natürlich um einiges größer sind, aber ein ähnliches Verhalten an den Tag legen. Vielleicht könnte man die Naniten aus Star Trek als eine Art Vorstufe zu den Replikatoren aus Stargate sehen. Wäre zumindest interessant, zu sehen, wo sich diese hinentwickeln. Denn wie sich herausstellt, entwickeln sie sich so schnell weiter, dass sie Intelligenz und vielleicht sogar eine Art Bewusstsein entwickeln. Das zeigt sich spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem sich Data als Kommunikationsfigur einsetzen lässt. Die Naniten übernehmen ihn temporär und verhandeln so mit Picard und der Crew über ihre weitere Existenz.

Schließlich gelangt man zu dem Schluss, dass man dieses neu entstandene Leben nicht einfach auslöschen darf, sondern ihnen eine Chance lassen sollte. Man setzt sie auf einem unbewohnten Planeten aus und überlässt sie sich selbst. Alles ganz normal für eine Star Trek Folge, möge man jetzt denken. Nichts weiter als ein typischer Dienstag für die USS Enterprise.

Was mich an der Folge aber immer wieder stört, egal, wie oft ich sie über die Jahre nun schon gesehen habe, ist Folgendes: Wesley hat einfach so, nebenbei, neues Leben erschaffen. Zugegeben war es ein Unfall und die Naniten haben sich zufällig entwickelt. Eine Kombination aus den Materialien der Enterprise, die sie für die Vermehrung benutzt haben, und den Daten, die sie aus dem Schiffscomputer haben, führten irgendwann zu einem signifikanten Sprung in ihrer Entwicklung. Trotzdem – Wesley hat neues Leben geschaffen. Und niemand gratuliert ihm oder erwähnt es auch nur. Er entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten und dann wird weiter gemacht, wie bisher. Ich glaube, die Naniten kommen in keiner weiteren Episode mehr vor.

Eine faszinierende Geschichte, eines typischen Star Trek Abenteuers, welches aber die Chance verpasst hat, etwas noch außergewöhnlicheres zu werden. Sei es ein Zweiteiler mit der Weiterentwicklung der Naniten oder einer Follow-up-Folge zu einem späteren Zeitpunkt in der Serie. So bleibt Wesleys Errungenschaft hinter einem großen Potenzial zurück.

Die Sache mit Fortsetzungen – The Alpha’s Son

Fortsetzungen von erfolgreichen und/oder gut gemachten ersten Büchern zu schreiben, scheint eine wirklich schwierige Kunst zu sein. Zumindest, wenn sie von denselben Autor*innen geschrieben sind. Der Herr des Wüstenplaneten war stilistisch ein Bruch zum ersten Teil und ich kam nicht so recht in die Geschichte und die Charaktere. Husband Material war vom Aufbau der Geschichte sehr anstrengend und gewisse Charakterentwicklungen und Diskussionen haben sich vom ersten Band wiederholt. Aber das zweite Dune Buch hatte ein faszinierendes Setting und politische Intrigen; Husband Material konnte mit fantastischen, tiefgründigen und teils witzigen Dialogen aufwarten. Die YA-Buchreihe The Alpha’s Son hat nichts von all dem zu bieten. Aber alles der Reihe nach.

Wie es der Titel bereits vermuten lässt, geht es in dem Buch um Werwölfe. Der Protagonist Max ist 17 (?) Jahre alt und wurde gerade zum sogenannten Mating Run (Paarungslauf) eingeladen. Eine eher unregelmäßig stattfindende Tradition, in der Singles ihre*n zukünftige*n Partner*in finden sollten. Dies geschieht vordergründig nicht nur dadurch, wer wem mag, sondern durch eine tiefergehende, biologische und auch zu einer gewissen Weise mentale Verbindung, die Werwölfen vorbehalten ist. Wenn zwei Personen sich quasi auf diesen Ebenen riechen können, gehen sie in den meisten Fällen eine lebenslange Verbindung und Beziehung ein. Soweit so gut. Aber, wie es der Titel ebenfalls bereits verrät, ist die Sache für Max nicht ganz so einfach.

Während des Paarungslaufes stellt sich heraus, dass sein Partner, mit dem er diese Verbindung hat, der Sohn des Alphas ist – also der Sohn des Anführers ihres Rudels (eng.: pack). Jasper und Max waren sich vorher ihrer Homosexualität nicht wirklich bewusst, was die Sache nochmal etwas erschwert. Aber anstatt gemeinsam durch die ihnen bevorstehenden Herausforderungen zu gehen, weigert sich Jasper, ihrer natürlichen Verbindung freien Lauf zu lassen und lässt Max links liegen. Dieser weigert sich, das zu akzeptieren und auch Jaspers Vater, Jericho Apollo (die Namen in diesen Büchern sind so unfassbar wie der Plot), steht hinter Max und fordert ihn mehr oder weniger dazu auf, seinen Sohn nicht aufzugeben.

Dieses Katz-und-Maus-Spiel der beiden geht über zwei Bücher. Gut 700 Seiten werden damit verschwendet, dass Jasper Max in Sicherheit wissen will und ihn deshalb immer wieder ablehnt. Dann kommen sie sich durch irgendwelche Zufälle näher, vereinbaren eine geheime Beziehung zu führen, nur damit drei Seiten später Jasper wieder einen Rückzieher macht und Max stehen lässt. Das passiert immer und immer wieder. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie man zwei Bücher damit verbringen kann. Dazu kommen überbordende Beschreibungen der Umgebung, bis hin zu den Servietten, die niemandem etwas bringen. Wie ein Reviewer auf Goodreads so schön geschrieben hat: manchmal reicht ein einfaches »opulent«.

Die beiden Bücher könnte man wunderbar zu einem zusammenfassen. Ein bisschen kompakter geschrieben, die Dialoge etwas aufpoliert und man hätte ein feines allein stehendes Buch über zwei junge, schwule Männer in einem Werwolf-Setting, von dem man dann diese Welt weiter ausbauen kann. Denn es gibt gute Aspekte in der Geschichte (dazu gleich noch mehr). Die Nebencharaktere im ersten Buch sind ebenfalls interessant, werden aber im zweiten fast alle links liegen gelassen oder werden selbst Opfer seltsamer Beziehungsdynamiken. Ich habe nichts dagegen, dass es in einem Buch viele queere Personen gibt, die sich ausprobieren und herausfinden, wer sie sind; begrüße es sogar. Doch kein queerer Charakter in dem Buch geht selbstbewusst mit der eigenen Identität um oder ohne größere Schwierigkeiten.

Alle sind mit Problemen und Herausforderungen gespickt, die es zu überwinden gilt. Sie sind von Selbstzweifeln geplagt, hadern mit sich oder sind vollkommen isoliert von der Community und/oder fürchten um die Akzeptanz ihrer Umgebung. Es ist die gefühlt immer gleiche Schablone, die über alle Charaktere gelegt wird und das wird einfach zu viel. Jede Person hat ihre eigene Reise zu bewältigen und man hätte wunderbar diese verschiedenen Aspekte darstellen können.

Ich mochte, wie bereits erwähnt, einzelne Handlungsstränge aus beiden Büchern sehr gerne. Die Einführung des Protagonisten und der Paarungslauf sind wunderbar gestaltet, eine Rettungsaktion am Ende des ersten Bandes ist ebenfalls gut gelungen. Im zweiten Buch gibt es ein neues Setting in einer luxuriösen Skihütte, und das Konzept des Blutmondes und was dieser mit den Werwölfen macht, fand ich ebenfalls interessant. Auch die Herausforderung, die die Charaktere durchmachen müssen, um den Trip zur Skihütte zu gewinnen, ist spannend gestaltet. Man hätte diesen Wettbewerb sogar noch etwas ausbauen können.

Nur die emotionale Entwicklung der beiden Hauptcharaktere, Max und Jasper, stagniert nicht nur über weite Strecken beider Bücher, es ist ein regelrechtes hin und her. Jedweder Fortschritt wird schnell wieder zunichtegemacht, ohne dass die beiden, hauptsächlich Jasper, daraus lernen. Hatten die Bücher von Alexis Hall noch bestechende Dialoge zu bieten, die tiefer in die Motive, Absichten, Ängste und Sorgen der Charaktere blicken ließen, sind sie in diesen Büchern weitestgehend oberflächlich, wenn nicht repetitiv. Ich hätte es stark gefunden, hätten Jasper und Max gemeinsam an ihrer Verbindung gearbeitet und offen miteinander kommuniziert.

Hier wurde eine große Chance verpasst. Aus den The Alpha’s Son-Büchern von Penny Jessup hätte durch etwas mehr Editieren/Redigieren eine fantastische Geschichte entstehen können. So erinnert es zu sehr an die elends-langen, über-melancholischen Ausführungen der Twilight-Reihe, die ich im zweiten Buch abgebrochen habe. Für mich stellen YA-Romane zu einem gewissen Grad immer eine Vorbildrolle dar. Jemandem immer wieder nachzulaufen, der einen wiederholt ablehnt, ignoriert und verletzt, ist jetzt nicht unbedingt das, was ich ein gutes Vorbild nennen würde.

Faszination Horror

Ich habe in meiner Kindheit gerne Stephen King Bücher gelesen (und lese sie weiterhin gerne), genauso wie andere gruselige Literatur. Bisweilen zieht es mich auch zu Thrillern hin, wie The Invisible Man (Der Unsichtbare), und ich hatte vor Jahren einmal eine Phase, in der ich mir die Saw-Teile gerne ansah. Das ist jedoch eine Reihe und ein spezifisches Film-Genre, das ich heute gerne vermeide. Als klassischen Horror-Fan habe ich mich allerdings nie gesehen.

Das scheint sich jetzt zu ändern. Zumindest ein wenig, denn über die vergangenen Monate wird mir immer mehr bewusst, dass ich dem Genre nicht abgeneigt bin. Besonders Horror-Spiele haben es mir angetan. Dabei sind mir die subtileren Horror-Spiele, die mit einer (beklemmenden) Atmosphäre arbeiten oder aber auf psychologischen Horror setzen, lieber als diejenigen, die mit plumpen Jump-Scares arbeiten. Natürlich können diese eine interessante Rolle innerhalb eines Spiels einnehmen, aber sie sollten nicht das Zentrum darstellen.

Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich diese nicht selbst spiele, sondern mich auf gut gemachte Let’s Plays verlasse – meist natürlich die von TheRadBrad. Ich will diese Spiele nicht allein im dunklen Wohnzimmer durchstehen, aber sie trotzdem erleben. Let’s Plays sind da genau das Richtige. Und ich mag seine Herangehensweise an Playthroughs. Er redet nur in den tatsächlichen Spielsequenzen und hört sofort auf, sobald eine Cut-Szene kommt oder wichtige Dialoge der Charaktere. Ich habe auch schon andere Spieler ausprobiert, aber wenn man Horrorspiele während des Spielens ins Lächerliche zieht oder den Charakteren ständig ins Wort fällt, dann habe ich nichts von der Geschichte an sich.

Immer nur zuschauen ist aber auch fad, manchmal möchte man selbst Hand anlegen. Also habe ich mir, angespornt durch Freund C., und dank des Xbox Game Pass, das Dead Space Remake installiert. Bisher bin ich wirklich begeistert. Eine gute Atmosphäre und nicht zu sehr ins Horror-Genre abdriftend, sondern mit einer guten Portion Shooter-Mechanik bietet es viel Abwechslung. Zwar habe ich die Schwierigkeitsstufe auf »leicht« gestellt, weil ich an einer bestimmten Stelle immer wieder gescheitert bin, bis es mir gereicht hatte, aber das tut der dichten Atmosphäre und dem Setting keinen Abbruch. Vielleicht entwickelt sich Dead Space zu einer Art Einstiegsdroge und ich werde mich öfter selbst an Horror-Spielen versuchen. Wahrscheinlich nicht, aber man weiß ja nie.

Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, Spiele wir Amnesia: the bunker, Silent Hill: the short message, Graveyard Shift oder Ähnliche selbst durchzuspielen. Es sieht doch eher stressig aus. Trotzdem haben diese Spiele und das Horror-Genre eine gewisse Anziehung. Ich mag auch die verschiedenen Arten der Umsetzung und wie Entwickler*innen immer wieder neue Wege finden, eine beklemmende Atmosphäre zu erschaffen. Horror/Furcht haben etwas gespenstisch Anziehendes an sich – vorausgesetzt man setzt sich diesem Gefühl freiwillig in Form von Entertainment aus, natürlich.

Seien es Bücher, Filme oder eben Spiele, es gibt die unterschiedlichsten Formen und Umsetzungen im Horror-Genre. Manche gehen eher Richtung Thriller, andere tendieren mehr zu Action, aber eine gelungene Atmosphäre und gut geschriebene Charaktere gehören immer dazu – sind unabdingbar. Meine Leidenschaft für Warhammer 40k würde ich tendenziell ebenfalls diesem Genre oder einer Subkategorie zuweisen.

Erst einmal bin ich aber noch mit Dead Space beschäftigt. Ich mag die kompakte Story und dass es nicht zu lange geht. Laut der fantastischen Website howlongtobeat.com dauert einmal Durchspielen zwischen 12 und 15 Stunden. Das ist ebenfalls eine Kunst, die die verschiedenen Medien verstehen müssen: zu wissen, wann man aufhören sollte.

Unfokussierte Konzentration

Vergangene Woche hatte ich ca. zwei Tage, an denen ich nicht so recht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. Vielleicht kennen das die geneigten Leser*innen ebenfalls. Man will irgendetwas machen, sich um anstehende Sachen kümmern oder bei einem Projekt weiter kommen, aber man springt von einem zum Nächsten. Dabei richtet man nicht wirklich etwas aus, bleibt unfokussiert und unkonzentriert. Dazu kommt dann noch ein gewisser Drang, dauernd das iPhone in die Hand zu nehmen und alles Mögliche zu checken, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich in den letzten 5 Minuten etwas Weltbewegendes verpasst habe.

Diese Tendenz, sich dann mit Hilfe des Smartphones abzulenken, ist groß. Ist doch das gemeine Versprechen, sich zumindest mit etwas zu beschäftigen. Ein persönliches Problem von mir ist allerdings, dass ich keine Social-Media-Apps installiert habe. Somit bleiben nur noch wenige Apps übrig. Eine davon ist meine E-Mail-App, um nachzusehen, ob mein lang erwartetes BlueBrixx-Set Das Planetarium des Astronomen endlich erschienen ist oder einer meiner abonnierten Newsletter eintraf. Dazu fehlte mir allerdings die Muse, sie zu lesen. Mehr Bücher brauchte ich mir auch nicht zu bestellen, also legte ich es unverrichteter Dinge wieder zur Seite.

Ich wollte mich auch nicht so recht mit dem zweiten Dune-Buch beschäftigen, weil es doch anstrengender war zu lesen, als das zweite. Außerdem fehlte mir ein aktuelles Spiel. Bei einer Unterhaltung mit Kolleg*innen bin ich auf Forza 5 aufmerksam geworden. Ich war bisher immer der Annahme anheimgefallen, dass es sich dabei um eine realistische Rennsimulation handelt.

Der Horizon-Ableger davon ist allerdings etwas offener und eher im Sinne von Need for Speed. Was schon eher meinem Metier entspricht. Need for Speed Hot Persuit gehört zu meinen absoluten Favoriten, was Rennspiele anbelangt, aber das habe ich über die Jahre schon so oft gespielt, dass es zwar weiterhin Spaß macht, aber trotzdem eintönig wird. Forza 5 Horizon kam also genau richtig. Und es ist im Xbox Game Pass enthalten, was natürlich half, da ich es mir wahrscheinlich so nicht gekauft hätte.

Ich dachte mir nämlich, wenn mich schon nichts wirklich zufrieden stellt und ich von einer Sache zur anderen Springe, dann sollte doch ein cooles, gut gemachtes Rennspiel funktionieren. Die Intro-Sequenz des Spiels hat mich dann direkt gepackt. Autos werden aus einem Flugzeug geworfen, man fährt in einen Sandsturm hinein, rast durch einen Dschungel und springt über Rampen. Action geladen, mit einer guten Steuerung. Die Rennen dauern nicht allzu lange, die offene Welt ist interessant, man kann einfach Punkte sammeln und machen, worauf man gerade Lust hat.

Über die folgenden Tage habe ich dann durchaus ein einige Stunden in das Spiel investiert und bin weiterhin begeistert. Zwar stören mich die Online-Features ein wenig und die „in-App-Käufe“, wenn man so will, aber die kann man ignorieren. Deaktivieren lassen sie sich scheinbar nicht. Aber Forza 5 Horizon trat genau zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben.

Das ist jetzt alles über eine Woche her und das Spiel begeistert mich weiterhin. Das zweite Dune-Buch ist ebenfalls abgeschlossen und ich bin gerade dabei die beiden Bücher Boyfriend Material und Husband Material zu lesen. Das Erste hat mich von Seite 1 an gepackt – ich kann es kaum zur Seite legen. Ein schönes, witzig, aber auch tiefgründig geschriebenes Buch, das einem die Seele streichelt.

Tage, an denen ich nichts mit mir anzufangen weiß, habe ich selten. Aber wie so oft im Leben gilt es, solche Phasen zu akzeptieren und mit der Sicherheit im Hinterkopf zu leben, dass es vorbeigeht. Wichtig finde ich dabei, sich nicht mit Doom-Scrolling am Smartphone abzulenken, da es das nur schlimmer macht. Lieber ein gutes Buch finden, ein Spiel, das begeistert, rausgehen oder sich mit Menschen treffen, die einem guttun. Und natürlich die Augen offen halten, wer weiß, was man entdeckt.

Jäger und Sammler

Über die letzten Wochen habe ich mal wieder etwas mit der Ernährung experimentiert, weil mich eine Sache schon seit Längerem gestört hat: zu wenig Obst und Gemüse. Vielleicht ist »gestört« das falsche Wort dafür, aber es ist mir wie ein Mangel vorgekommen, den ich etwas mehr erkunden wollte. Man hat manchmal, wenn man in der Lage ist, auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers zu hören und gewillt ist, diese wahrzunehmen, einen Sinn dafür, was man braucht. Ein Gefühl, auf das es sich zu hören lohnt. So habe ich mich hierbei auf mein Körpergefühl verlassen und mich mit Obst, Gemüse und Nüssen eingedeckt.

Vielleicht war es zusätzlich eine verspätete Reaktion auf das fantastische ernährungswissenschaftliche Buch von Bas Kast, welches ich Anfang des Jahres gelesen hatte. Die Studien, die der Autor darin zitiert und Vorschläge, die er anbringt, begeistern mich schon lange und ich versuche diese immer wieder in meinen Alltag einzubauen. Manchmal brauchen Veränderungen allerdings gerne etwas länger, bis sie einem in Fleisch und Blut übergehen.

Aber egal, was schlussendlich der Auslöser oder es ein Zusammenschluss aus verschiedenen Gründen war, ich bin wirklich begeistert von dieser natürlichen Ernährung. Mit natürlich meine ich unverarbeitet, naturbelassen und solcherlei Dinge. Besonders in der ersten Tageshälfte setze ich aktuell sehr auf viel unterschiedliches Obst, verschiedenste Nüsse und Joghurt. Auch gewisse beigaben wie Chia- oder Leinsamen, Kürbis- bzw. Sonnenblumenkerne dürfen nicht fehlen. Abends kommt dann meist Gemüse an die Reihe (sei es roh in Salatformen oder verschiedenste Tiefkühlgemüse Varianten). Das gerne mit Fisch (mal paniert, mal nicht paniert, je nach Lust und Laune).

Ich bilde mir ein, bereits eine Veränderung zu spüren – dass es mir mit diesen „natürlichen“ Dingen besser geht. Das heißt aber nicht, dass es nichts Süßes gibt oder ich kein Brot mehr esse oder sonstige Leckereien außen vor lasse. Ich mochte noch die »Diäten«, die mit Verboten arbeiteten und Verzicht predigten. Aber das Bedürfnis nach solchen Sachen ist von selbst auf jeden Fall geringer geworden, Heißhunger weniger und das allgemeine Körpergefühl besser. Es ist immer wieder interessant, was verschiedene Ernährungsweisen und Experimente an Auswirkungen mit sich bringen. Natürlich, wie Bas Kast im Buch schreibt, passt nicht eine Ernährung für jeden Menschen, aber gewisse Eckpfeiler lassen sich durch Studien durchaus untermauern.

In diesem Sinne kann ich nicht nur das Buch wärmstens empfehlen, sondern auch Experimente mit der Ernährung zu wagen. Im schlimmsten Fall hat man etwas Neues über sich selbst gelernt.

Throwback Thursday: Der Tod in Venedig von Thomas Mann

Es ist Donnerstag und damit Zeit für einen erneuten Rückblick in eine längst vergangene Zeit. Für den heutigen Rückblick habe ich mir eine Rezension herausgesucht, die ich am 22.01.2018 auf meinem damaligen Blog geek-planet veröffentlichte. Der Tod in Venedig ist ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Allein das Lesen des Textes darüber hat mich wieder in die Zeit zurückgeworfen. Im Studierendenwohnheim sitzend, habe ich in meinem kleinen Zimmer das Buch geradezu verschlungen. Es ist ein auf vielen Ebenen wahnsinniges Werk und anders als im folgenden Text angegeben, habe ich es seither nicht noch einmal gelesen. Vielleicht wird es dieses Jahr mal wieder Zeit.


Thomas Mann mag sein Buch in fünf Kapitel eingeteilt haben, doch für mich ist es eine Geschichte aus drei Teilen. Im ersten Teil lernen wir unseren Protagonisten Aschenbach kennen. Er ist Autor und möchte einfach abschalten. Wo genau, weiß er jedoch nicht. Auf den ersten 50 Seiten schreibt Mann über Aschenbachs bisherige Werke und wie dieser sein Leben gelebt hat.

Dabei besticht der Autor mit einer Sprache, die ich so bislang nicht gesehen habe. Ob es an den langen, verschachtelten Sätzen liegt, seiner Fähigkeit, Situationen und Menschen auf verschiedenste Weise zu beschreiben oder seinen Metaphern, Anspielungen und Sinnbildern – ich kann es nicht sagen. Oft sitzt man da, liest Seite um Seite, versteht, was er einem sagen will, aber kann nicht nachvollziehen, wie er es geschafft hat, so viel Gefühl zu transportieren. Mit etwas Abstand werde ich das Buch mit Sicherheit noch einmal lesen. Es steckt einfach zu viel in einem Satz, sodass es unmöglich scheint, alles beim ersten Durchlesen aufzunehmen. Zumal die wahre Tragik erst ab Seite 50 beginnt. Ich weiß kaum noch, was sich davor abgespielt hat, da mich das, was ab da passiert, einfach nicht mehr loslässt. Es beschäftigt mich. Zwar passiert nicht viel in Der Tod von Venedig doch es ist eine psychologische Abhandlung über einen Mann, der sich selbst nicht akzeptieren kann. Der sein Leben lang ein Leben des Verzichts gelebt hat und den eine Person, die er nicht einmal kennt, beinahe in den Wahnsinn treibt. Doch eines nach dem anderen.

Der für mich zweite Teil des Buches beginnt, als Aschenbach schließlich Venedig als geeigneten Ort für seinen Urlaub ausgewählt hat. Dort begegnet er kurze Zeit nach seiner Ankunft Tadzio. Beziehungsweise begegnet er dem vierzehnjährigen Jungen weniger, als dass er nach ihm schmachtet. Das erste Mal sieht er ihn im Speisesaal, als Tadzio mit seiner Familie dort zu Abend isst. Wenn man sich dann die folgenden Beschreibungen des Jungen ansieht, und davon gibt es so einige, muss er einer der schönsten Menschen auf dem Planeten sein. So absurd die impliziten Umschreibungen des Jungen auch sein mögen, so nachvollziehbar sind sie doch auch. Wer ist nicht schon einmal einem Menschen in seinem Leben begegnet, sei es auf der Straße, im Bus oder sonst wo, der einfach schön ist. Objektiv attraktiv und anziehend. Der einlädt zu Spekulationen und einem anderen Leben. Es sind meist kurze Begegnungen und dauern nur Augenblicke. Doch Aschenbach befindet sich im selben Hotel wie Tadzio und eine Flucht scheint unmöglich; zu sehr steckt er in seinem Bann.

Erst habe ich mir einen Spaß daraus gemacht, Aschenbachs Sehnsucht als sexuell anzusehen. Als die Ansichten eines zur Pädophilie neigenden alten Mannes. Doch ich denke nun nicht mehr, dass es tatsächlich darum geht. Vielleicht auf einer entfernten Ebene. Vielmehr interpretiere ich es als die Sehnsucht eines alten Mannes, der einmal in seinem Leben nicht hinter einer Maske stecken möchte. Der sich so akzeptieren will, wie er ist. Wir befinden uns hier am Anfang des 20. Jahrhunderts und auch wenn ich nicht spezifisch dazu recherchiert habe, kann ich mir nicht vorstellen, dass es all zu viele Kreise gab, in denen man sich als homosexueller Mensch hat ausleben können. Und nun, unbewusst dem Angesicht des Todes ausgesetzt, begegnet Aschenbach dem schönsten Menschen, dem er je begegnet ist. Seite um Seite, Schilderung um Schilderung gelingt es Thomas Mann seinen Protagonisten in ein tiefes psychologisches Loch zu stürzen, aus dem es kein Entkommen mehr gibt.

Denn wie es bereits Nizsche gesagt hat, sobald man zu tief in den Abgrund blickt, blickt dieser in einen selbst zurück. Wäre Aschenbach nach wenigen Tagen abgezogen, hätte er sich vielleicht davon erholt, doch er ist über Wochen Tadzio ausgesetzt. Später sogar gezwungenermaßen. Das Hotel mutiert zum mentalen Gefängnis. Und genau das ist es. Eine Gefangenschaft.

Für Tadzio, der das Interesse Aschenbachs bewusst sein muss, denn Aschenbach stellt ihm nach, verfolgt ihn bei Ausflügen in die Stadt, ist am Strand, wenn der Junge am Strand ist. Für Tadzio mag es nur ein Spiel sein – eine Kuriosität. Vielleicht sogar ein Kompliment. Oder aber es spielt sich alles nur im Kopf von Aschenbach ab und die zufälligen Blicke, die scheinbar beabsichtigte Nähe in bestimmten Situationen, sind und bleiben genau das: Zufall. Doch nicht für Aschenbach. Es bestätigt ihn in seinem Wahn und der Absturz ist vorprogrammiert. Niemals kommt es zum direkten Kontakt, geschweige denn zu einem Gespräch zwischen den beiden. Und so ist Aschenbach mit seinen Gedanken allein, mit niemandem in der Lage, darüber zu sprechen. Genau das ist es, was ihn schließlich zerstört. Denn Fantasie und Vorstellung, ohne dass sie mit Dritten abgesprochen und eingeordnet werden können, führen nur dazu, dass man selbst den Verstand verliert. Gefangen in einer Spirale.

Blickt man hinter die teils doch sehr sexuellen Anspielungen, so scheint es, dass Tadzio ein Spiegelbild Aschenbachs ist. Oder besser Aschenbach, wie er sich selbst gerne gesehen hätte in dessen Alter. Sein Leben noch vor sich, voller Möglichkeiten und Potenziale. In dieser neuen, moderneren Version vielleicht ohne Versteckspiel, ohne versäumte Möglichkeiten und ungenutzten Chancen. Tadzio ist die Verkörperung dessen, was er nie hat sein können. Aschenbachs Personifikation von Potenzial und Attraktivität steckt in dem Jungen. Was wäre wohl aus ihnen geworden, wäre Aschenbach nicht im letzten Satz des Buches gestorben?

Eigentlich gibt es doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder Aschenbach hätte sich Tadzios Körper zunutze gemacht oder aber er hätte ihn umgebracht. Eines von beiden scheint unausweichlich. Aber es scheinen zu einfache Lösungen für ein derart komplexes Buch.

Der Tod in Venedig ist eine tragische Geschichte eines Mannes, der sich selbst verleugnet hat und am Ende seines Lebens den Preis dafür bezahlt. Der Tod in Venedig ist eine Warnung und so genial geschrieben, wie nur selten Bücher es sind.

Diskussionsgrundlagen

Vor einigen Jahren habe ich an einer Fortbildung teilgenommen, die unter anderem zum Thema hatte, wie man schwierige Gespräche führt. Seien es Streitigkeiten unter Kolleg*innen, Versetzungen, das Ansprechen heikler Angelegenheiten oder sonstige Themen. Wie es oft der Fall ist, zumindest wenn es sich um einen guten Kurs handelt, sind Rollenspiele ein erheblicher Teil des Programms. Man bekommt ein Szenario vorgelegt, liest sich in die jeweilige Rolle kurz ein, macht sich Gedanken darüber, wie man ein solches Gespräch führen möchte, was die Ziele sind und legt los.

Genauso oft wie sie vorkommen, sind solche Rollenspiele, wie mir scheint, aber auch verhasst. Verhasst ist vielleicht ein etwas starkes Wort, aber sie stoßen doch auf eher mäßige Begeisterung. Doch sie sind ein wichtiger Teil dieser Kurse, da man erst so lernt, mit vergleichbaren Situationen umzugehen. Natürlich können solche gestellten Situationen nie die Realität komplett abbilden, doch wenn man sie ernst genug nimmt, kann man immer etwas daraus lernen. Sei es als Beobachter oder Teilnehmer.

Besonders wenn man zuerst nur die anderen Teilnehmer*innen beobachtet, denkt man sich gerne, dass man es doch selbst sicher besser hinbekommen würde, bis man im Zentrum der Aufmerksamkeit sitzt. Hat man sich aber erst einmal überwunden, fällt es leichter, sich in die Situation hineinzuversetzen und vergisst vielleicht sogar, dass man beobachtet wird. Manchmal vergisst man sogar während des Rollenspiels, was überhaupt das Ziel dieses spezifischen Szenarios ist, was man in dem Gespräch erreichen will – nicht, dass mir das bereits passiert wäre.

Zwar sind mir nicht unbedingt die spezifischen Szenarien im Kopf geblieben, aber eine Lektion, die ich mir davon mitgenommen habe, durchaus. Ich habe mit dem Kursleiter eines der Szenarien durchgespielt und es war wirklich ein heikles Thema, bei dem es um zwei Arbeitskollegen ging, die gemeinsam ein Projekt realisieren sollten. Leider sind mir die Details nicht mehr so recht bewusst, aber ich weiß noch, dass ich mir von Anfang an unsicher war, wie ich an das Gespräch herangehen soll. Ich kam immer wieder ins Stocken, überlegte, was ich sagen soll oder wie ich am besten auf die Rhetorik meines Gegenübers reagiere. Etwas brachte uns sogar einmal komplett raus, als ich etwas verdutzt reagierte und ein Arbeitskollege lachte und mich dadurch ebenfalls aus der Rolle brachte. Alles natürlich kein Problem, es gehört eben zu dieser Art Kurs dazu und zu ernst muss man es ja auch nicht nehmen.

Aber was der Kursleiter in dieser kleinen Unterbrechung gesagt hat, ist mir noch heute im Gedächtnis geblieben. Ich hatte nämlich angemerkt, dass ich mich teilweise für nicht schnell genug in meinen rhetorischen Retouren hielte oder als das, was man im Englischen als quick witted bezeichnen würde – also als schlagfertig. Jede*r kennt wahrscheinlich das Gefühl oder die Situation, dass erst nach einer Diskussion oder Unterhaltung das perfekte Argument, ein toller Satz oder was auch immer einfällt. Beim nächsten Mal hat man es dann aber parat. Und im Eifer des Gefechts vergessen doch alle manchmal genau die richtigen Argumentationen, die man zuvor noch wusste.

Wie dem auch sei, der Kursleiter betonte nicht nur, dass man die anderen meist als besser, in dem Fall also als rhetorisch schlagfertiger ansieht, als man sich selbst einschätzen würde. Außerdem ist es ratsam, sich manchmal etwas mehr Zeit zu lassen, zu überlegen und es nicht unbedingt besser ist, immer mit dem ersten Gedanken in die Situationen hineinzugehen. Wenn wir einmal ehrlich sind, ist das allgemein ein guter Rat.

Jede Situation, Diskussion, Streits oder was auch immer sind immer individuelle Situationen. Die Kontexte, in denen sie stattfinden und die Atmosphäre machen viel aus, genauso die Vertrautheit der Diskutierenden. Aber ich habe solche Kurse zu schätzen gelernt, da sie eine gute Vorbereitung sind. Man kann sich in einem sicheren Umfeld ausprobieren. Das allein ist von unschätzbarem Wert.

Geschenkte Blumen

Am Wochenende habe ich überraschend eine Blume geschenkt bekommen, was mich sehr gefreut hat. Tatsächlich glaube ich, dass ich eine einfache Schnittblume zuvor noch nicht geschenkt bekommen habe. Deshalb bereitet es mir umso mehr Freude, diese auf meinem Esstisch bewundern zu können. Das hat mich an ein Zitat erinnert, welches ich vor einiger Zeit gelesen habe, das ich aber nicht mehr wortgetreu wiedergeben kann.

Es geht darum, sich selbst etwas Gutes zu tun; es geht um die Wertschätzung des einen selbst und darum, sich nicht von anderen abhängig zu machen. Es wird vorgeschlagen, alleine essen zu gehen, sich selbst Blumen zu schenken oder einfach ins Kino zu gehen. Grundsätzlich geht es schlicht ergreifend darum, ein Date mit sich selbst zu arrangieren und sich des Lebens zu freuen. Die Idee hat etwas an sich. Ich ging früher gerne alleine ins Kino und habe dies vergangene Woche durch Dune wieder für mich entdeckt. Oder auch mal alleine wo hinzufahren und Dinge zu unternehmen. Man muss sich nicht von anderen abhängig machen.

Wenn man dann aber von jemandem spontan eine Blume geschenkt bekommt, ist es umso erfreulicher. Also mein Aufruf heute lautet schlicht: verschenkt mehr Blumen, besonders an Menschen, die es vielleicht nicht erwarten. Bereitet jemandem eine Freude, oder schenkt euch selbst Blumen. Verbreitet Positives in der Welt.

Husband Material und die Kunst, zu entschädigen

Heute geht es weiter mit der Besprechung des Buches Husband Material, die ich gestern begann (Husband Material und die Kunst, zu enttäuschen). Wie berichtet, sind die ersten 30 % von Husband Material sehr anstrengend. Es geht auch noch zum Teil so weiter, da die nächste Hochzeit, die ansteht, diejenige von Miles und JoJo ist. Miles ist Luciens Ex-Freund, der ihn vor nunmehr sieben Jahren zutiefst betrogen und ihre Geschichte für viel Geld an die Klatschpresse verkauft hat. Luciens Eltern sind, genauer gesagt waren, erfolgreiche Musiker, was ihn natürlich auch zu einem Interesse für diese Blätter macht. Nun treffen sich die beiden zufällig wieder und Miles lädt Lucien zu seiner Hochzeit ein.

Die Idee einer Konfrontation der beiden hatte ich schon während des ersten Buches im Kopf. Es war absehbar, dass es diese geben musste, damit Lucien eine Art Abschluss finden und Oliver mit ihm gemeinsam dieses Kapitel zuklappen kann. Doch es hätte nicht unbedingt eine weitere Hochzeit gebraucht, um dies zu realisieren. Was ich allerdings sehr zu schätzen wusste, ist, dass Miles Verlobter JoJo zu Lucien ins Büro kam und die beiden eine wirklich herzliche und offene Unterhaltung über Miles und die vergangenen Ereignisse hatten. Das war einer der Momente, in denen ich ahnte, dass das Buch besser und seine Momente haben würde.

Es folgen daraufhin einige großartig geschriebene Szenen und Momente, die ich gerne als eine kleine Aufzählung abhandeln würde. Es geschieht einfach sehr viel und dies erlaubt mir eine kompakte Besprechung der wichtigsten Ereignisse:

  • Eine Szene, die zur Abwechslung nicht auf einer Hochzeit stattfindet, ist der spontane Hochzeitsantrag von Lucien. Es ist ein toll geschriebener Augenblick aus dem Alltag der beiden, wo sie einfach miteinander funktionieren, sich verstehen und trotzdem gewisse Probleme überwinden. Solche Alltagsmomente hätte ich mir gerne mehr gewünscht.
  • Die dritte Hochzeit ist von Alex. Einem Kollegen von Lucien. Die Fahrt dorthin wird zu einem Arbeitsausflug, wo auch Oliver dabei ist. Es ergeben sich einige lustige Situationen, die Bande wird verhaftet, findet aber doch noch zur Hochzeit. All diese Momente hätte man ebenso haben können, wenn es ein „normaler“ Ausflug der Kolleg*innen mit ein oder zwei Partner*innen gewesen wäre.
  • Die darauffolgende Sequenz zwischen Oliver und Lucien im Hotelzimmer bestärkt diesen Eindruck abermals. Denn diese dreht sich um Olivers psychischen Probleme. Seit zwei Jahren geht er zu einer Psychotherapeutin und arbeitet an seinem Drang, immer andere zufriedenstellen zu wollen, seinem damit einhergehenden Perfektionismus und seiner Essstörung. Die tiefgründige Unterhaltung der beiden und Luciens Art, seinen Freund zu unterstützen, sind voller Liebe geschrieben und strahlen nichts als Unterstützung und Hingabe aus. Die beiden funktionieren einfach miteinander. Der Autor Alexis Hall spielt in solchen Szenen absolut sein Verständnis für die Charaktere aus und brilliert in der Art, wie er die Dialoge zum Leben erweckt.
  • Oliver hat ein sehr schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern, die ihn sein Leben lang unter Druck setzen, fordern und mit (unterschwelliger) Homophobie drangsalieren. In einer wirklich gut geschriebenen Dinner-Szene zwischen seinen Eltern, ihm und Lucien steht er aber das erste Mal für sich ein. Lucien weiß sich zurückzuhalten und stärkt seinem Partner gekonnt den Rücken. Eine befreiende Szene.
  • Es findet auch eine Beerdigung statt, die vielleicht das beste größere Kapitel des Buches darstellt. Diverse Streits über die Hochzeit machen Luciens und Olivers Beziehung gerade etwas schwierig und wie sie das Ganze vielleicht überwinden, wird im Laufe dieses Kapitels wirklich gut dargestellt.
  • All die Hochzeiten und die Beerdigung machen Lucien und Oliver sehr reaktiv. Sie müssen weitestgehend mal hierhin und mal dorthin, weil es ihre Freund*innen, Kolleg*innen etc. sind (meist von Lucien übrigens). Aber eigentlich will ich Protagonisten, die aktiv sind und nicht nur auf ihre Umwelt passiv reagieren müssen. Es hätte schon geholfen, wenn sie eine Hochzeit abgelehnt und stattdessen was anderes gemacht hätten.

Das waren so die kleineren bis größeren Momente oder Sequenzen, die im Buch eigentlich einwandfrei funktionieren. Nicht alles hätte entlang von Hochzeiten abgearbeitet werden müssen, aber die intimen Momente und lustigen Ereignisse machen dafür wieder wett. Aber ein größeres Thema, das ich auch bei diversen Goodreads-Rezensionen angesprochen wurde, muss ich ebenfalls noch behandeln.

Denn Oliver und Lucien leben ihre Homosexualität unterschiedlich aus. Lucien ist sehr offen, umgibt sich mit LGBTQIA-Freund*innen, mag Regenbögen und all die anderen Ikonografien, die mit der Community einhergehen, und geht auf entsprechende Partys. Oliver mag das alles nicht so sehr. Er lehnt es nicht ab, geht stattdessen aber auf Demonstrationen – er braucht die Ikonografien und Regenbögen nicht, um seine Sexualität auszudrücken. Was macht Lucien? Er wirft ihm internalisierte Homophobie vor. Natürlich kann das, besonders im Hinblick darauf, wie Oliver aufgewachsen ist, eine Rolle spielen, doch es muss es nicht sein. Die Grenze zwischen internalisierter Homophobie und einer ikonografischen Ablehnung mag schmal sein, doch sie ist entscheidend. Oliver muss das für sich selbst entdecken und herausfinden, aber Luciens absolutes Unverständnis stößt bei mir auf Ablehnung.

Jede*r in der LGBTQIA+-Community lebt die eigene Sexualität, Identität und alles, was damit einhergeht, unterschiedlich aus. Jede*r muss den eigenen Weg entdecken, und wie so vieles, existiert auch dieser Aspekt auf einem Spektrum. Dass es eine, vielleicht zwei Unterhaltungen oder hitzigere Diskussionen im Laufe des Buches gibt, finde ich verständlich und es ist ein Thema, das angesprochen werden sollte. Aber dass dieses Thema, ob des künstlich aufgebauschten Unverständnisses von Lucien, immer wieder vorkommt und durchgekaut wird, entzieht sich meinem Verständnis. Besonders als es zur Hochzeit der beiden kommt, genauer gesagt deren Planung, eskaliert dieses Thema immer wieder.

Es macht einen Unterschied, ob man kompromissorientierte streitet/diskutiert, weil man unterschiedliche Dinge von einer Hochzeit erwartet, oder aber den anderen einfach nicht so akzeptieren kann, wie er ist. Das ist auch ein Grund, warum ich mir gewünscht hätte, dass dieses Buch aus der Sicht von Oliver geschrieben worden wäre. Wir haben Luciens Ansichten und Gedankengänge zur Genüge im ersten Buch mitgemacht. Ich würde sagen, man versteht ihn. Deshalb wäre es umso interessanter gewesen, in Olivers Gedanken einzutauchen. Mehr von seinem Leben, seinen Freunden, Arbeitskollegen, Arbeitsalltag und Sichtweisen mitzubekommen. Wie ich finde, eine verpasste Chance.

Husband Material ist kein schlechtes Buch. Die Momente und Szenen, die ich beschrieben habe, sind es wert, dieses Buch zu lesen. Es hinkt dem Vorgänger aber um Welten nach, wenn es um das Füllmaterial geht – um das, was zwischen diesen großartigen Sequenzen passiert. Deshalb habe ich nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben, obwohl ich so einige Stellen nur überflogen habe.

Alexis Hall hat mit Lucien und Oliver zwei beeindruckende Charaktere erschaffen. Ich habe sie gerne verfolgt – sie inspirieren. Ich bin gespannt, ob es noch ein drittes Buch mit den beiden geben wird. Allerdings hoffe ich, es orientiert sich mehr am ersten Band und nimmt eventuell Olivers Perspektive ein. Aber ich kann die Reihe auf jeden Fall empfehlen.

Husband Material und die Kunst, zu enttäuschen

Ich denke, wir müssen uns die nächsten zwei Tage mit dem Buch Husband Material von Alexis Hall auseinandersetzen. Es steckt einfach so viel in dem Buch, dass ich es nicht in einem unnötig langen Text verarbeiten möchte, sondern mir etwas Zeit lassen will, die Aspekte, die mich beschäftigen, zu beschreiben. Immerhin hat mich der Vorgänger Boyfriend Material von der ersten bis zur letzten Seite gefangen genommen. Es war eine hervorragend geschriebene Geschichte, mit pointierten Dialogen, einer nachvollziehbaren Charakterentwicklung, und es war ein roter Faden zu erkennen, dem ich sehr gerne gefolgt bin.

Husband Material jedoch weiß diesen roten Faden nicht recht wieder aufzugreifen. Die Handlung setzt zwei Jahre nach dem ersten Band an und zeigt Oliver und Lucien in einer gemeinsamen, glücklichen Beziehung. Erneut ist die Geschichte aus Luciens Perspektive geschrieben. Genau damit beginnen meines Erachtens die Probleme. Nachdem ich die ersten 30 % des Buches gelesen hatte, musste ich es für einen Tag beiseitelegen und haderte ehrlich mit mir selbst, ob es sich überhaupt lohnt zu Ende zu lesen. Für mich untypisch habe ich sogar auf Goodreads Rezensionen gelesen, um zu sehen, was mich noch so erwartet.

Ich kann schon einmal so weit verraten, dass es sich lohnt, das Buch komplett zu lesen, da die Szenen und vor allem die Dialoge zwischen Oliver und Lucien superb geschrieben sind. Auch die Situationen, in die sie geraten, sind, teils tragisch, teils lustig, teils lehrreich. Doch das alles ließ sich leider in den ersten 30 % des Buches nicht wirklich absehen. Es steht nämlich Bridges Hochzeit an. Sie ist Luciens beste Freundin und somit ist er in die Planung der Hochzeit sehr involviert.

Das alles ist noch soweit okay. Bis Bridge von einer Freundin ein Bild von Tom geschickt bekommt, ihrem Verlobten. Dieses zeigt Tom mit einer attraktiven Frau, wie sie gemeinsam aus einem Restaurant spazieren. Daraufhin kann Bridge ihren zukünftigen Ehemann zwei Tage nicht erreichen. Es eskaliert. Die engsten Freund*innen werden gerufen, es wird geweint, spekuliert, verzweifelt Eiscreme gegessen – schlicht, es werden sämtliche Klischees ausgepackt, die ich schon vor 10 Jahren nervig fand. Hinzu kommt, dass Lucien Oliver durch diese künstlich aufgeputschte Situation komplett vernachlässigt. Oliver ist Rechtsanwalt und gerade in einen komplizierten Fall verwickelt. Die beiden sehen sich kaum. Dann verbringt Lucien auch noch zwei Tage bei Bridge, weil sie selbst nicht zurechtkommt. Schließlich entscheiden die Freund*innen Tom ausfindig zu machen und quer durch England zu fahren und ihn zur Rede zu stellen.

Nicht nur erinnert das an eine ähnliche Situation aus dem ersten Buch (die berechtigt war und ihren Sinn/Platz in der Geschichte hatte), sondern löst sich in nichts auf. Denn wer sich an das erste Buch erinnert, wird feststellen, dass Tom für die Regierung arbeitet. Ich bin mir nicht sicher, ob er direkt im Geheimdienst arbeitet oder eine Art Agent ist, aber etwas in dieser Richtung. Natürlich hat er da mit verschiedenen Klient*innen zu tun und ist für ein paar Tage immer mal wieder nicht erreichbar. Es ergibt also absolut keinen Sinn, dass Bridge Zweifel an seiner Treue hat, vor allem da sie kurz vor der Hochzeit stehen, es nie Anzeichen dazu gab und sie seit Jahren ein Paar sind.

Ein weiterer Aspekt, der die ersten 30 % des Buches absolut sinnlos macht, ist Lucien und Olivers Beziehung. Nicht nur ignoriert Lucien Olivers Bedürfnisse und die schwierige Phase, die er in der Arbeit durchmacht; die Diskussionen, die die beiden führen, könnten 1:1 aus dem ersten Buch stammen. Als hätten zwei Jahre einer glücklichen Beziehung nicht stattgefunden. Natürlich ändern sich Menschen nicht von heute auf morgen und fallen vielleicht in alte Muster zurück, aber in einer fiktionalen Geschichte, wo entsprechende Entwicklungen stattgefunden haben und noch dazu mehrere Jahre vergangen sind, machen diese Passagen zu einer sehr anstrengenden Lektüre.

Was mich zusätzlich noch abgeschreckt hat, war die Tatsache, dass in dem Buch vier Hochzeiten vorkommen. Das sind für meinen Geschmack mindestens drei zu viel. Es wiederholt sich dadurch gefühlt sehr viel, die Orte der Handlung sind eintönig und ich hatte nicht viel Hoffnung für das Buch. Trotzdem wollte ich wissen, wie es weitergeht und habe weitergelesen. Die erste Hälfte habe ich immer mal überflogen, dann wieder konzentriert gelesen, aber nachdem Bridges Hochzeit überstanden ist, nimmt das Buch etwas an Fahrt auf.

Interessanterweise kommt sie im Rest des Buches kaum mehr vor. Was nicht unbedingt etwas Schlechtes ist. Boyfriend Material hatte es verstanden, die vielen Nebencharaktere so unterzubringen, dass sie nicht zu viel Platz einnehmen, trotzdem aber ihre einzigartigen Persönlichkeiten ausleben können. Sie haben die Hauptcharaktere unterstützt und sind nicht zu sehr ins Rampenlicht gerückt. Husband Material hat diese Stärke zuerst kaum gehabt. Lucien und Oliver wurden zu Nebencharakteren ihrer eigenen Geschichte. Zum Glück ändert sich das etwas. Aber mit den positiven Entwicklungen beschäftigen wir uns morgen.