Im Englischen gibt es den schönen Begriff des Foreshadowing. Dabei handelt es sich um ein erzählerisches Werkzeug. In einer Handlung wird einmal oder sogar mehrmals etwas angedeutet, das zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgegriffen wird. Diese Andeutungen können alle möglichen Formen annehmen – sei es direkt, über die Wünsche und Absichten eines Charakters, oder aber auch über Metaphern, Gemeinsamkeiten, rätselhafte Phänomene. Es gibt unzählige Alternativen.
Nachdem ich den Star Wars Jugendroman Die Bewährungsprobe gelesen und durchaus genossen habe, wollte ich weiter in diesem Universum bleiben. Außerdem war es ein recht kurzes Buch – ich brauchte noch mehr Geschichten über Jedi und die hohe Republik. Also nahm ich mir In die Dunkelheit von Claudia Gray aus dem Regal. Hierbei handelt es sich um einen YA-Roman. Die verschiedenen Alterseinstufungen, die es in der Star Wars Reihe gibt und damit wohl auch allgemein in amerikanischen Publikationen, habe ich bereits besprochen: Altersgerechte Publikationen.
Nachdem ich nun zwei Bücher aus der Ära der hohen Republik von Star Wars gelesen habe, die nicht zur Pflichtlektüre zählen, wenn man so will, bin ich sehr froh, mich dazu entschieden zu haben, alles von Phase I zu lesen. Unter Pflichtlektüre verstehe ich hier diejenigen Romane, die die Hauptgeschichte voranbringen und sich mit dem zentralen Konflikt zwischen den Jedi und den Nihil auseinandersetzen. Diese zusätzlichen Geschichten sind eine wirkliche Bereicherung. Man findet immer wieder faszinierende Charaktere von Spezies, von denen ich bisher noch nichts gewusst habe, denen ich aber gerne öfter begegnen würde. Es werden Geschichten erzählt, die andere Perspektiven einnehmen. Wie haben andere von den Nihil und der Hyperraum-Katastrophe erfahren? Wie muss man sich die Ära der hohen Republik abseits der Jedi vorstellen?
Außerdem haben die Autor*innen dieser Romane die Freiheit, mehr über die Philosophie der Jedi zu schreiben, in ihre Historie einzutauchen, verschiedene Standpunkte zu erzählen. Und es wird einem erst so richtig bewusst, wie sehr sich diese Zeit von der des Imperiums, welche 200 Jahre später stattfindet, unterscheidet. Die kleinen Details, die in In die Dunkelheit eingestreut sind, machen ebenfalls sehr viel Freude. Es begeistert mich, wie dieses Universum immer wieder wächst und quasi nebenbei weiter ausgefüllt wird. Sei es die Sith-Stätte im Herzen des Jedi-Tempels, die Wand aus Kyberkristallen verstorbener Jedi, oder auch nur, dass sich die Quartiere der Padawane ebenfalls im Tempel befinden und sie gelegentlich halb-erlaubte Partys schmeißen.
Claudia Gray ist eine Star Wars Veteranin und schreibt immer wieder faszinierende Geschichten in dieser Welt und findet jedes Mal neue Winkel, die es zu entdecken gibt. Ihre Protagonist*innen sind stets komplexe Charaktere, die sich nachvollziehbar weiterentwickeln. Jeder Nebencharakter scheint seine oder ihre Vergangenheit zu haben, die sie prägt, und dadurch werden Entscheidungen greifbar. In die Dunkelheit erzählt die Geschichte von Reath Silas, einem Padawan, der seine Zeit gerne im Archiv des Jedi-Tempels verbringt, viel liest und lieber Abenteuer aus zweiter Hand erlebt, anstatt sich selbst in welche zu stürzen. Doch gewisse Umstände und eine Meisterin, die die äußeren Welten erkunden will, machen ihm einen Strich durch die Rechnung.
Im Laufe des Romans heben sich neben Reath auch noch mehr als fünf Nebencharaktere hervor, die er auf seinen Abenteuern und Reisen trifft und mit ihm unterwegs sind. Geschickt wechselt Gray immer wieder die Perspektive der Geschichte und gibt uns so einen hervorragenden Einblick in jeden einzelnen Charakter. Die teils tragischen Entwicklungen und hart erarbeiteten Einsichten treffen einen dann umso härter.
Das Einzige, was mich wirklich gestört hat, war eine bestimmte Entscheidung, weil es gegen jede Andeutung, jedes Foreshadowing geht, was im Laufe der Geschichte aufgebaut wurde. Leichte Spoiler voraus.
Es geht darum, wie sich Reath seine Zukunft vorstellt. Seine Meisterin, Jora Malli, ist tragischerweise bei einem Kampf gegen die Nihil gestorben. Jetzt steht Reath vor der schwierigen Entscheidung, wen er sich nun als ihren Nachfolger vorstellen könnte, wenn er denn seine Ausbildung fortsetzen möchte. Jora hatte vor Reath nur einen anderen Schüler, Dez Rydan, der die Prüfungen vor einigen Jahren erfolgreich abgelegt hat und inzwischen ein respektabler Jedi-Ritter ist. Er macht viele, teils furchtbare Dinge durch, und am Ende zweifelt er an seiner Verbindung mit der Macht.
Alle philosophischen Ansichten, die im Laufe der Geschichte über Reath und Dez herauskommen, ihre gemeinsame Vergangenheit im Tempel und dass sie die gleiche Meisterin hatten, sind nur einige der Gemeinsamkeiten der beiden. Alles deutet quasi darauf hin, dass Reath Dez darum bittet, sein neuer Meister zu werden. Nicht nur um Jora zu ehren, sondern weil sie sich gut ergänzen. Sie könnten viel voneinander lernen. Reath könnte Dez sogar bei seinen Zweifeln helfen. Die Entscheidung, die Reath stattdessen trifft, kann ich gar nicht nachvollziehen und widerspricht irgendwie allem, was davor geschehen ist.
Es ärgert mich ein wenig, wie sich Reath entschieden hat. Allerdings ist das zugleich ein großes Kompliment an Claudia Gray, da mir Reath scheinbar ans Herz gewachsen ist. Ich bin gespannt, ob wir diesen Charakteren nochmal begegnen werden. Was aus ihnen wird, würde mich auf jeden Fall interessieren. Vielleicht finden die beiden ja doch noch irgendwie zueinander.