Schön, dass mein Geburtstag dieses Jahr auf einen Donnerstag fällt. Der Tag der Woche, an dem ich alte Texte von mir ausgrabe und vorstelle. Heute ist allerdings kein Blogbeitrag an der Reihe, sondern mal wieder eine Kurzgeschichte. Zwar hatte ich mir im Dezember, als ich die letzte Kurzgeschichte veröffentlicht habe, vorgenommen, mehr in diese Richtung zu Schreiben, doch fehlte es mir etwas an Inspiration. Deshalb freut es mich umso mehr, erneut eine Kurzgeschichte zu präsentieren.
Sie trägt den ominösen Titel »God is in the rain« und ich habe sie vor vielen Jahren im Rahmen eines VHS-Kurses zum Thema kreatives Schreiben verfasst. Zwar würde ich mich als etwas zwischen Atheist und Agnostiker bezeichnen, doch manche Fragen scheinen universell zu sein. Die Geschichte ist ein Philosophieren und Nachdenken, das ich diesem namenlosen Charakter auferlegt habe, das so manchen innewohnt. Besonders an melancholischen Herbstabenden, mit einer Tasse Tee in der Hand und einer Tastatur unter den Fingern.
Die Idee für diese Geschichte oder der spezifische Ausdruck »God is in the rain« kommt in diesem Fall vom Film V wie Vendetta, als die Protagonistin Evey nach ihrer Gefangenschaft und Folter das erste Mal an nach draußen kommt und es anfängt zu regnen. Ich wollte versuchen, dieses Gefühl einzufangen und weiter herunterzubrechen. Ob es mir gelungen ist, entscheiden Sie, liebe Leser*innen.
God is in the rain
von Christoph Staffl
Der Regen prasselt auf die viel beschäftigte Straße. Erst schwach und kaum wahrnehmbar, wie der Beginn eines klassischen Konzertes, wenn nur wenige Instrumente spielen. Dann immer stärker steigert sich die Szene, nähert sich dem Crescendo. Es beginnen sich Pfützen zu bilden. Menschen ohne Regenschirm suchen hektisch nach Unterschlupf. Warum fürchtet ihr den Regen und das, was er offenbart? Anderen macht diese nasse Überraschung nichts aus und gehen einfach weiter ihres Weges – unbeirrt, beinahe stur, doch entschlossen. Wie eine Hyäne, die ihre Beute ausspäht, sich ihr nähert und nicht durch einen Vogel ablenken lässt. Kinder spielen mit den neu entstandenen Pfützen, springen hinein, sehr zum Ärgernis ihrer Eltern, die zu Hause nun die Kleidung waschen müssen. Autos und Busse fahren die enge Straße entlang, spritzen Wasser auf die Fußgänger am Bürgersteig. Nichts bleibt so vor dem Regen sicher. Alles berührt und verändert er. Etwas Magisches wohnt ihm inne.
Die reinigende Kraft des Regens ist unbeirrbar. Sie ist eine Naturkonstante, gleich der Schwerkraft. Wie eine Gottheit, die sich nur durch den Regen in die Welt begeben kann und den Menschen versichert, dass sie da ist, über uns wacht, uns den Weg zeigt, uns begleitet und Leben spendet.
Gott ist im Regen.
Es war ein guter Tag. Die Tasse ist halb voll, jetzt wäscht der Regen die Münzen sauber. Trotzdem bleibe ich sitzen. Ein Hut mit Krempe schützt mich vor dem Regen. Ein Poncho, den ich kurzerhand übergeworfen habe, schützt den Rest meines Körpers, hält den Boden halbwegs trocken. Ich bleibe sitzen. Wer weiß, was noch so passieren mag, an meiner Ecke der Straße. Kein Schild ziert meinen Platz, kein offensichtliches Gebrechen peinigt meinen Körper, kein Anzeichen, warum ein junger Mensch wie ich hier sitzt, eine Tasse in seiner Hand und wortlos die Menschen um Hilfe bittet.
Doch ist das Warum wirklich so faszinierend? Ich schaue den Menschen lieber in die Augen, wenn sie vorbeigehen. So wie Gott im Regen ist, sitzt die Seele eines Menschen in seinen Augen. Katzen wissen das. Deshalb fühlt man sich auch so verletzlich, wenn einem eine Katze lange und tief in die Augen blickt. Sie urteilt über die Seele. Wägt sie ab, wie in der ägyptischen Mythologie scheinen sie die Seele gegen eine einzelne Feder abzuwiegen und zu prüfen – ihren Wert festzustellen. Die Augen eines Menschen sind das Tor zu seiner Seele, für jeden ersichtlich, der sie zu lesen weiß.
Und wenn Menschen nun zu hunderten jeden Tag an mir vorbeigehen, dann blicke ich ihnen in die Augen, lerne sie kennen, ihre Seelen, ihre Natur, ihre Verletzlichkeit. Viele fürchten diese offen zur Schau gestellte Blöße. Sie blicken schnell zur Seite oder blicken stur geradeaus. Sie sind die schlimmsten. Nicht für mich, aber für sich selbst. Ich habe Mitleid mit ihnen. Hassen sie sich selbst so sehr, dass sie einen Menschen, der so viele Schichten unter ihnen ist, nicht einmal eines Blickes würdigen können?
Doch es gibt auch andere. Diejenigen, die einem Respekt zollen. Ein kurzer Blick in die Augen hier, ein kurzes Nicken da. Sie nehmen mich und mein scheinbares Leid zur Kenntnis. Nehmen zur Kenntnis, dass ich hier sitze und warte. Es sind gütige Augen, mitleidvolle Augen, Augen, die Angst davor haben, zu enden wie ich. Auf der Straße, der Natur ausgeliefert, Gott ausgeliefert und die Seele für jeden offenzulegen, der sie beurteilen möchte. Eine Verletzlichkeit, die nicht viele ertragen. Mit den Jahren werden die Menschen entweder zu jenen gütigen, nachsichtigen Wesen, die ein paar Geldstücke erübrigen können oder zu denjenigen, die sich für zu gut halten, um den Blick überhaupt zu senken. Ich habe Hoffnung für sie. Hoffnung für sie alle.
Diejenigen, die dann doch ein paar Geldstücke übrig haben, um sie einem wildfremden Menschen in die Blechtasse zu legen, mögen im Inneren vielerlei Gründe dafür haben. Doch ich sehe nur zwei. Aus der Güte ihres Herzens, um einem anderen zu helfen. Oder aus Scham und aus einem irrwitzigen Schuldgefühl heraus. Die zweite Kategorie ist geschwind in ihren Bewegungen, wie Taschendiebe in einer Menge von Menschen. Sie wollen nicht gesehen werden, wie sie etwas geben. Scham ist ein mächtiger Motivator, beinahe so effektiv wie Hass.
So sitze ich hier, im beginnenden Regen, Menschen beobachtend und wartend. Jeden Tag. Andere sitzen in ihren Büros, sind gehetzt und warten auf das Ende eines Arbeitstages. Wieder andere sitzen nahe dem Ausgang eines Supermarktes, der sie zu verspotten scheint, werden sie ihn doch nie wirklich erreichen. Sitzen nur da, um eine nie enden wollende Flut an Produkten über einen Scanner zu ziehen.
Ich sitze hier, in Ruhe, im Reinen mit mir selbst und warte ebenso. Wir alle warten auf etwas. Doch was ist dieses Etwas? Wenn es so regnet wie jetzt, die Sonne am Horizont verschwindet, der Verkehr weniger wird und die Menschen es nach Hause treibt, dann kann man dieses Etwas beinahe hören. Es liegt in den Tropfen, die auf Dachrinnen landen und dann durch ein Rohr auf die Straße plätschern. Es liegt in den Bächen, die sich bilden und sich einen Weg durch die Straße suchen. Es liegt im Zauber des Regens, der die Menschen ausweichen macht, als handele es sich um etwas Ätzendes. Dabei scheint es so, als würde man am Ende dieser einzelnen Zweige aus Wasser den Sinn des Lebens finden.
Ich sehe diesen Rinnsalen gerne nach, genauso voller Neugier, wie ich in die Augen eines Menschen blicke und auf Erkenntnis hoffe. Ein Erwachen, einen Blick in Gottes Seele, der mir den Sinn des Lebens offenbart. Manchmal, an einem Abend wie heute, denke ich, dass ich kurz davor bin, etwas in ihnen zu entdecken. Die Muster, die sie über die Straßen ziehen, die Wege, die sie durch die Stadt nehmen. Ein großes Ganzes, wie die Muster und Nebel der Millionen an Galaxien. Kann das alles Zufall sein?
Das Einzige, was ich sehe, sind – nasse blaue Sportschuhe?
Ich war so in Gedanken, ich merkte gar nicht, dass die Tasse zu Boden gefallen war. Mein Gesicht war dem kalten Boden nun ganz nah. Ich beginne zu zittern, ob der Erkenntnis, dass die Kälte inzwischen auch meinen Körper erreicht hat. Und blicke auf diese blauen nassen Schuhe. Die Person kniet vor mir, ich setze mich auf. Blaue nasse Jeans kleiden die schlanken Beine. Die Jacke, zuvor mag sie grau gewesen sein, scheint nun schwer und schwarz. Ich sehe der Person ins Gesicht. Es sind gütige Augen, die darin zu Hause sind. Die Seele dieses Menschen sieht mich, erkennt mich und ich sehe und erkenne die Seele dieses Menschen. Die Tasse wird mir entgegengestreckt. Die Münzen sind nun wieder darin verstaut. Ich greife nach der Tasse. Unsere Finger treffen sich, wie sich unsere Augen getroffen haben. Und alles ändert sich.
Gott ist im Regen.