Ich schreibe mittlerweile schon seit Jahren Texte über Comics, Filme und Serien. Mal mehr, mal weniger. Trotzdem fällt es mir immer wieder schwer, einen geeigneten Einstieg zu finden. Nicht immer natürlich, allerdings merke ich einen besonders hohen Anspruch an den eigenen Text, wenn mir das Material, über das ich schreibe, wichtig ist. Es ist mir ein Anliegen, jeder Geschichte einen eigenen Twist zu geben, etwas, das heraussticht. Es wird schnell langweilig, immer wieder dieselben Punkte und Superlative zu lesen.
»To the star and back« ist ein Beispiel dafür, dass mir eine Geschichte viel bedeutet. Besonders bei Webcomics fällt mir immer wieder auf, dass eine stärkere Verbindung zu den Charakteren und ihren Erlebnissen besteht als bei anderen Geschichten. Das liegt zu einem großen Teil sicherlich am Format selbst. Webcomics werden traditionellerweise wöchentlich aktualisiert und mit einem neuen Kapitel versehen. Wie umfangreich diese ausfallen, ist von den Autor*innen abhängig. Die Tatsache ist, dass, selbst wenn ich wollte, ich nicht schneller weiterlesen kann, da es keine weiteren Kapitel gibt. Ich muss warten, bis der Autor oder die Autorin neues Material veröffentlicht.
Dadurch, dass die Autor*innen meist „nur“ einmal die Woche neue Kapitel zur Verfügung stellen, kommt es nicht selten vor, dass ich alle bisherigen Kapitel erneut lese. Etwa einmal im Jahr oder alle zwei Jahre würde ich sagen. Immerhin ist es keine Seltenheit, dass Webcomics eine dreistellige Anzahl an Kapiteln aufweisen und über viele Jahre laufen. Da dauert es schon eine Weile, bis man mit allem durch ist.
Wenn ich mich recht erinnere, ist »To the stars and back« einer der jüngsten Webcomics, die ich verfolge, aber das mittlerweile auch schon mehrere Jahre. Seit ich nicht mehr so häufig Comics lese, sinkt natürlich auch meine Entdeckungsrate für neues Material. Aber mit meinem Vorhaben, mehr queere Geschichten vorzustellen, wird sich das sicherlich bald ändern. Aber kommen wir zum eigentlichen Comic.
»To the stars and back« ist eine slice-of-life Geschichte, wie man im Englischen so schön sagt. Es wird also ein Stück aus dem alltäglichen Leben der Charaktere erzählt, ohne übernatürliche Ereignisse, Fantasy- oder Science-Fiction-Elemente. Die beiden Protagonisten sind der introvertierte Einzelgänger Kang Dae und sein neuer, lebensfroher, eher extrovertierter Nachbar und Studienkollege Bo Seon. Schnell merken die beiden, dass sie sich sehr gut verstehen und lernen sich immer besser kennen.
Besonders schön an der angehenden Beziehung zwischen Kang Dae und Bo Seon ist, dass sie sehr selbstverständlich mit ihrer Homosexualität umgehen. Die Identitätsfindung ist für beide, sie sind etwa Anfang 20, was dieses Thema anbelangt, weitgehend abgeschlossen. Eine wirkliche Beziehung hatten beide allerdings noch nicht. Ihr respektvoller Umgang miteinander ist immer wieder toll zu beobachten. Sie gehen auf die Bedürfnisse des jeweils anderen ein und verstecken ihre Beziehung auch nicht. Ich mag es, wenn coming-of-age-Geschichten (wenn man »to the stars and back« als solche bezeichnen kann) mit Konventionen brechen und versuchen einen eigenen Weg zu gehen.
Jedoch haben beiden ihre Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen, wenn nicht zu sagen, große Lasten. Diese werden nach und nach immer mehr behandelt. Hier besticht das fantastische Talent des Autors für pointierte Dialoge und gefühlvolle Szenen. Die beiden müssen erst lernen, was es heißt, jemandem wirklich zu vertrauen und mit ihrer Vergangenheit zurechtzukommen. Besonders Bo Seon fällt dies sichtlich schwer. Kang Dae drängt ihn allerdings nicht dazu, sich zu öffnen, sondern lässt ihm Zeit. Er redet mit Freunden und versucht einfach nur so gut es geht für Bo Seon da zu sein.
Wir als Leser*innen lernen dabei ebenfalls Stück für Stück mehr über ihre Vergangenheit. Mal sind die Brotkrumen deutlicher zu lesen oder auch expliziter dargestellt, manchmal sind es nur kleine Anmerkungen. So hat »to the stars and back« für mich ein enormes Potenzial, öfter gelesen zu werden. Man entdeckt immer wieder Kleinigkeiten oder Verbindungen, die man zuvor nicht bemerkt hat.
Was ebenfalls positiv auffällt, ist, dass die Nebencharaktere gut ausgearbeitet sind. Bei solchen Geschichten kann es durchaus vorkommen, dass Nebencharaktere schnell nervig ausfallen oder zu viel Platz einnehmen. Peglo, der Autor, findet allerdings stets die richtige Dosierung. Es macht sehr viel Freude, diese Geschichte zu lesen. Vor allem auch deshalb, weil sich die schwierigeren Themen und Szenen mit leichtfüßigen, tänzelnden, schönen Szenen wunderbar abwechseln. Der Alltag von Kang Dae und Bo Seon findet ebenso Platz wie die besonderen Ereignisse. Es ist eben wie im echten Leben auch. Es ist meistens nicht alles stets düster und traurig, sondern vieles wechselt sich ab, findet manchmal sogar gleichzeitig statt. Diese nachvollziehbare und realitätsnahe Darstellung der Charaktere gelingt immer wieder aufs Neue.
»To the stars and back« ist ein großartiger Webcomic. Die Geschichte von Kang Dae und Bo Seon ist mit viel Feingefühl, Witz und Leidenschaft geschrieben. Die Zeichnungen bestechen durch eine Dynamik, sodass stets ein kleiner Film im Kopf abläuft. Sowohl die Charaktere selbst als auch ihre Welt und die Personen darin wirken lebendig, durchdacht und mit Liebe zum Detail gestaltet. »To the stars and back« gehört zu meinen absoluten Favoriten, was Webcomics anbelangt.
Zu lesen ist »to the stars and back« auf Webtoons.