MCU Intermission: Spider-Man Trilogie (Sam Raimi)

Wir haben ja schon des Öfteren festgestellt, dass Spider-Man zu meinen liebsten Comic-Charakteren gehört. Eigentlich zu meinen liebsten fiktiven Charakteren überhaupt. Nicht nur in den Comics kann ich mich verlieren, sondern mir ebenso die Filme immer wieder anschauen, ohne dass es langweilig wird. So sollte es nicht verwundern, dass ich vor vier Jahren, es war in einem wohligen, Corona-verseuchten Sommer im Jahre des Herren 2020, als ich mich auf die Suche nach 4k Blu-Rays der ersten Spider-Man-Trilogie machte.

Warum ich mich dafür speziell auf Ebay umsah und nicht direkt auf Amazon, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht gab es noch keine 4k Blu-Ray-Discs der gesamten Trilogie oder der »Extended Cut« des 2. Teils fehlte. Es waren wilde Zeiten und wir haben doch alle irrationale Dinge getan. Jedenfalls suchte ich nach einer Box, die alle 3 Filme der Sam Raimi Spider-Man Trilogie auf 4k enthielt. Das war international gar nicht mal so einfach, weil man aufpassen muss, dass die Discs die richtige Region haben. Also entweder sind sie Regionsfrei und können überall und von allen Blu-Ray-Playern und Spielekonsolen abgespielt werden, oder aber sie sind für Europa kompatibel, sprich, Region B. B2? Irgendwas mit B auf jeden Fall.

Schließlich, und das ist mein voller Ernst, wurde ich in Kanada fündig. Dort wurde eine spezielle Booklet-Version von der Spider-Man Trilogie vertrieben, die mit Europa kompatibel war und nicht nur die normalen Blu-Rays enthielt, sondern auch jene mit den 4k-Versionen. Ich glaube, es hat mich am Ende ungefähr 70 oder 80 € gekostet, in die Hände dieses wunderbaren Booklets zu kommen. Aber es war die Strapazen wert, denn bei dem Kauf ging erst noch etwas schief, dann dauert natürlich der Versand entsprechend lange und irgendwann kam ein unscheinbares Paket bei mir an. Die Filme funktionierten auf der Xbox One X wunderbar, und ich war äußerst zufrieden.

Mittlerweile gibt es sicherlich Boxen, die alle bisherigen Spider-Man-Filme enthalten, aber ob ich dafür nochmal nach Kanada schauen muss, wird sich zeigen. Jedenfalls habe ich mir gedacht, ich könnte das Ende der ersten Phase des MCU, welches wir letzte Woche mit dem Text zu _Avengers_erreichten, dafür nutzen, um die originale Spider-Man-Trilogie anzuschauen. Es sind echte Klassiker, wurden Jahre vor dem MCU veröffentlicht und sie halten weiterhin dem Zahn der Zeit stand.

Spider-Man

Kitschig? Ist das das richtige Wort? Ich bin mir nicht sicher. Der Film hat so vieles zu bieten. Aber in manchen Szenen, besonders zwischen Peter und MJ, ist der Film einfach kitschig. Die beiden gehen sehr seltsam und schüchtern miteinander um, aber diese Momente, wie auch der restliche Film, haben das Herz am rechten Fleck. Es ist pure Freude, Peter Parker dabei zuzusehen, wie er seine Kräfte entdeckt. Es ist herzzerreißend, mit ansehen zu müssen, wie Onkel Ben stirbt. Rosemary Harris als Tante May möchte man am liebsten umarmen und während man Apfelkuchen mit ihr isst und ein Glas Milch trinkt, ihr von unseren Sorgen und Ängsten erzählen oder einfach nur wie unser Tag war. Der Cast, die Effekte, die Musik, die Cinematographie – ich liebe diesen Film.

Spider-Man ist der perfekte Einstieg in eine neue Ära von Comic-Verfilmungen. Er nimmt sich selbst nicht zu ernst, aber ernst genug. Norman Osborn, perfekt verkörpert von Willem Dafoe, der scheinbar Andy Serkis Performance als Gollum channelt, mag einen Gummi-Anzug tragen, aber seine Bösartigkeit und echte Bedrohung überspielen das wunderbar. Haben wir heutzutage noch solche Filme? Die eine Balance kreieren zwischen zu goofy und zu ernst? Die wissen, dass sie zwar auf einem Comic basieren mögen, aber die Vorlage trotzdem mit Respekt behandeln? Ich bin mir offen gestanden nicht sicher. Deshalb bin ich umso glücklicher, jederzeit auf diesen Film zurückgreifen zu können. Wir werden über die nächsten Wochen und Monate ja sehen, wie sich die modernen Filme gegenüber den älteren Interpretationen schlagen.

Spider-Man 2

Der gemeinhin als bester Spider-Man-Film geltende Teil der Sam Raimi Trilogie. Wenn nicht sogar der beste Spider-Man-Film überhaupt. Sam Raimi und sein Team nehmen das, was im ersten Teil funktioniert hat, und bauen gekonnt darauf auf. Sie verfeinern ihre Techniken, engagieren Schauspieler*innen, die ihre Rollen mit Inbrunst verkörpern und fangen alles gekonnt cineastisch mit der Kamera ein, als wäre es ein Kinderspiel. Der Film tänzelt geradezu vor sich hin. Mühelos, wie es scheint. Alle einzelnen Teile greifen ineinander, um das größere Ganze zu konstruieren.

Doc Ock ist der perfekte Gegner und nicht ohne Grund einer der ältesten Bösewichte im Spider-Man-Kosmos. Das wird in diesem Film nochmal deutlich. Ein gescheiterter Wissenschaftler, der an seiner eigenen Hybris zugrunde ging. Der von der eigens kreierten Macht korrumpiert und manipuliert wurde, am Ende aber vielleicht doch so etwas wie Frieden findet.

Es gibt so viele gute Szenen, die teils 1:1 aus den Comics entnommen sind. Besonders als Peter sein Kostüm in den Müll wirft, sei hier als Beispiel erwähnt. Aber es gibt so viel mehr Großartiges. Sei es der Kampf auf dem Zug, die Menschen von New York, die ihrem Helden zur Seite stehen oder J. Jonah Jameson, der sich eingestehen muss, dass Spider-Man vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie er immer glaubte. Doch die vielleicht beste und einfühlsamste Szene beinhaltet weder einen Kampf noch Spider-Man oder sonstigen Schnickschnack. Sie findet statt, einige Tage, nachdem Peter seiner Tante gestanden hat, dass er für den Tod seines Onkels verantwortlich ist.

May räumt mit der Hilfe des Nachbarsjungen Henry gerade die Garage aus, als Peter auftaucht. May und Peter versöhnen sich und schließlich kommt das Thema auf Spider-Man und warum er in letzter Zeit nicht mehr zu sehen war. Rosemary Harris ist eine begnadete Tante May. Sie weiß sich nicht nur mit Doc Ock anzulegen (bei einem Banküberfall) und Spider-Man zu unterstützen, sondern sagt Peter genau das, was er in diesem Moment hören muss. Es ist ein großartig geschriebener Monolog, den ich hier (mithilfe von DeepL übersetzt) gerne wiedergeben möchte:

„Er erkennt einen Helden, wenn er einen sieht. Es gibt zu wenige Figuren da draußen, die so herumfliegen und alte Frauen wie mich retten. Und Gott weiß, Kinder wie Henry brauchen einen Helden. Mutige, aufopferungsvolle Menschen. die uns allen ein Beispiel geben. Jeder liebt Helden. Die Leute stehen für sie an, jubeln ihnen zu, schreien ihre Namen. Und Jahre später werden sie erzählen, wie sie stundenlang im Regen standen, nur um einen Blick auf denjenigen zu erhaschen, der sie gelehrt hat, eine Sekunde länger durchzuhalten. Ich glaube, dass in jedem von uns ein Held steckt, der uns ehrlich hält, der uns Kraft gibt, der uns edel macht und der uns schließlich erlaubt, mit Stolz zu sterben, auch wenn wir manchmal standhaft sein und das aufgeben müssen, was wir am meisten wollen. Sogar unsere Träume.“

Herrlich. Beeindruckend finde ich auch die letzte Einstellung des Films. MJ und Peter haben sich versöhnt, doch da kommt schon der nächste Einsatz über den Polizeifunk herein. MJ nennt Peter »Tiger« und er schwingt sich heldenhaft in den Sonnenuntergang der nächsten Gefahr entgegen. Doch dann schneidet Raimi noch einmal auf MJ zurück, die ihrem Helden nachblickt. In diesem kurzen Augenblick liegt die ganze Schwere, die gesamte Last der Entscheidung, die sie gerade getroffen hat, auf MJs Gesicht.

Spider-Man 2 reiht sich ein in eine äußerst exklusive Reihe an herausragenden zweiten Teilen. Von Star Wars – The Empire Strikes Back hin zum 4 Jahre später erschienenen The Dark Knight. Der Film sieht noch immer fantastisch aus, er ist exzellent geschrieben und ein Meilenstein in der Geschichte von Comic-Verfilmungen.

Spider-Man 3

Kommen wir nun zum letzten Film der Reihe. So sehr über diesen Film geschimpft wurde, manche lassen heute noch kein gutes Haar an ihm, muss ich doch sagen, dass ich ihn eigentlich ganz gerne mag. Nur zeigt sich an Spider-Man 3, was Sony später noch einige Male wiederholen wird: entsetzliche Ungeduld. Sie haben gerade zwei herausragende Filme produziert, mit einem Regisseur, der zuvor mit einem Horrorfilm bekannt wurde. Der allerdings ein Händchen zu haben scheint für Spider-Man. Nun, nach den großen Erfolgen, zwingen sie ihn in eine Geschichte hinein, die so nicht geplant war. Sony ist wie ein Kind, das plötzlich zu viel Spielzeug im Zimmer hat und zu viele Ideen hat, um sich ein wirklich gutes Abenteuer auszudenken:

Und dann kommt Spider-Man, aber Harry entdeckt das Geheimnis seines Vaters und dann nimmt er das Serum, deshalb ist er so stark und dann kämpfen die beiden über den Dächern der Stadt und dann haut sich Harry den Kopf und vergisst alles was passiert ist und dann kommt Venom vom Himmel gefallen und Spider-Man küsst Gwen und Venom, der ein Alien ist, verschafft Peter den schwarzen Anzug, aber Sandman ist ja auch noch da und der braucht Geld und dann überfällt er einen Geldtransporter und dann wird Peter böse, so ein bisschen und dann erinnert sich Harry und dann schlägt Peter MJ und dann und dann und dann und dann.«

Leider sind diese »und dann« Entscheidungen, mit denen man als Kind gut durchkommt, nicht immer so gut ausgearbeitet. Weil es auch nicht funktionieren kann, quasi drei neue Bösewichte ausführlich in einem einzigen Film vorzustellen. Man kann sich ewig den Kopf zerbrechen, wie sie es hätten besser machen können. Sei es zuerst, den schon seit Teil 1 angekündigten Lizard als Gegner zu etablieren. In diesem Film hätte man Peters Konkurrenten beim Bugle einführen können. Teil 4 hätte dann mehr oder weniger so aussehen können, wie dieser, vielleicht sogar in zwei Teile geteilt. So hätte man Peter mehr Zeit im schwarzen Anzug verpassen können und Venom, sowie Sandman weiter ausbauen. Der Cliffhanger von 4.1 hätte die Kirchenszene sein können, in der sich Peter Venoms Fängen entledigt und Eddie Brock dieses schreckliche Erbe übernimmt.

Es stecken so viele tolle Ideen in diesem berühmt-berüchtigten dritten Teil. Aus jedem davon hätte man einen Film oder zwei machen können. Leider hat das Vertrauen in Sam Raimi gefehlt und die Ungeduld der Studiobosse zugeschlagen. Dennoch mag ich den Film. Gerade weil er so viele Ideen beinhaltet, über die man sich Gedanken machen kann. Und dass Peter peinlich rüberkommt, wenn er versucht cool zu sein, liegt wohl in der Sache der Natur. Es ist eine völlig okaye Szene. Ich mag es nicht, wenn man sich zu sehr über solche Dinge aufregt. Am Ende des Tages ist es nur ein Film von vielen, die wir mittlerweile über Spider-Man bekommen haben. Nicht alle machen es perfekt und man findet stets etwas zum Kritisieren. Trotzdem will ich mich eher auf die guten Dinge konzentrieren, was mir gefällt und was hätte sein können, wenn sie es anders gemacht hätten. Es ist ein nettes Gedankenspiel.

Sam Raimi hat uns drei Spider-Man-Filme geschenkt. Tobey Maguire war und ist für viele Fans der erste und einzig wahre Peter Parker. Ich sehe es eher wie die Rolle von James Bond. Es können viele in die Fußstapfen ihrer Vorgänger treten und in das Kostüm schlüpfen. Das ist die Idee hinter Spider-Man: Jede*r könnte hinter der Maske stecken. Und so bringt jeder Schauspieler etwas anderes für die Rolle mit, interpretiert Spider-Man und Peter Parker etwas anders. Es war eine großartige, dreiteilige Reise, mit der schließlich alles angefangen hat. Schön, dass es sie gibt.