Letztens hat es ein Produktivitätsvideo in meine YouTube-Vorschläge geschafft. Normalerweise versuche ich diese zu vermeiden, aber das Internet ist mittlerweile voll mit Leuten, die einem beibringen wollen, wie man den Tag effektiver strukturiert und das beste aus dem eigenen Leben herausholen kann. An sich nichts Schlechtes, allerdings drehen sich die meisten solcher Ratschläge um stundenlange Morgenroutinen und gehen von einem Tagesablauf eines YouTubers und Content-Creators aus. Was nicht sehr realistisch ist.
Ich stehe kurz vor halb sechs auf, mache mich für die Arbeit fertig, verlasse das Haus und bin kurz nach sechs Uhr morgens im Büro. Wenn ich da eine dreistündige Morgenroutine einbauen würde, müsste ich entweder um 2 Uhr nachts aufstehen oder erst später ins Büro kommen – beides für mich keine tragbare Lösung. Ebenso finde ich es anmaßend, wenn gleich zu Beginn eines Videos suggeriert wird, dass man sowieso gerade sein Leben verschwendet. Das oben erwähnte Video, das mir aus irgendeinem Grund vorgeschlagen wurde, ging davon aus, dass ich jeden Tag Chips fressend auf der Couch verbringe.
Es spricht nicht gerade für den Menschen, der dieses Video gemacht hat, wenn er von seinen Zuschauer*innen das schlechteste erwartet. Warum nicht einfach damit einsteigen, dass man das Leben der Menschen bereichern möchte? Dass man ihnen helfen möchte, Ziele zu erreichen und den Tag besser nutzen zu können? Warum gleich so negativ einsteigen? Das ist nicht nur anmaßend, sondern fühlt sich als Zuschauer nicht gut an.
Ich habe das Video trotzdem laufen lassen, weil ich mir dachte, er soll mal zeigen, was er kann und welche Ratschläge er erteilt. Das Video begann also mit dem negativen Bild der Zuschauer*innen auf der Couch, die Junk-Food fressend Zeit verschwenden. Dann erwähnte er, dass wir alle so sein können, wie er und alles aus unserem Leben herausholen können. Beispielsweise hatte er vor ein paar Jahren sein Studium abgebrochen, sein Zeug gepackt, ist irgendwo hingezogen und hat einen YouTube-Kanal gestartet. Ich weiß jetzt nicht, ob das ein Vorbild sein soll? Sollen das jetzt alle so machen und radikal alle Wurzeln und Verbindungen kappen, um fragwürdige Videos im Internet zu veröffentlichen?
Nach weiteren Details der Lebensgeschichte, die mich eigentlich nicht interessiert haben, kam allerdings doch noch ein guter Ratschlag. Mein neuer Lieblings-Life-Coach meinte, man solle doch aufhören, Videos im Internet anzuschauen und stattdessen etwas Produktives mit seinem Leben anfangen. Was an sich schon mal eine gewagte These einer Person ist, die ihren Lebensunterhalt mit der Produktion von Videos für das Internet verdient und davon abhängig ist, dass besonders viele Menschen eben jene Videos anschauen. Allerdings dachte ich, ja, er hat recht. Daraufhin habe ich das Video abgebrochen, den Fernseher abgeschaltet und bin ins Bett gegangen. Ich wollte sowieso an diesem Tag etwas früher ins Land der Träume abgleiten. Manchmal findet man eben doch die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen.
