Erwartungen an Essen und Wein

Man begab sich am Samstag, so wie es mittlerweile schon beinahe zum Brauchtum gehört – um eines der Worte zu gebrauchen, deren Bedeutung wie beim Tauziehen von verschiedenen Seiten eingenommen werden möchte – in die schöne Stadt namens Salzburg. Seit geraumer Zeit wartet dort ein kleines unscheinbares Lokal darauf, getestet zu werden, dessen Spezialität Weine sind und das durch ein bestechendes, wenn auch simples, wenn nicht sogar einfaches Menü überzeugen soll. Doch natürlich musste die Stadt zuvor erkundet und ihr weitere, kulturelle Geheimnisse entlockt werden, ansonsten wäre es kein vollständiger Besuch.

So trug es sich zu, dass man die Steingasse – an diesem Tag sollte es nicht das einzige Mal bleiben – entlang schlenderte, um die Aussicht vom kleinen Arenberg aus zu genießen. Es war ein herrlich sonniger Tag angekündigt worden, doch je öfter man diverse Wetter-Applikationen studierte, desto niedriger wurde auch die Anzahl an Sonnenstunden. Es sollten also keine weiteren Konsultationen entsprechender Apps stattfinden, um zu vermeiden, diese Zahl ins Negative rutschen zu lassen. Am Ende schuldet man dem geneigten Wettergott oder der geneigten Wettergöttin etwas und das kann niemand wollen.

Trotz aufkommender Wolken war der Anblick der Burg, wenn nicht gar der Festung Hohensalzburg, atemberaubend. Jedes Mal überrascht der Anblick, wie dieses lang gezogene, aber doch überaus vertikal gestaltete Bauwerk auf dem Mönchsberg thront. Steile Klippen zeichnen das Gelände. Es muss ein einschüchterndes Erlebnis gewesen sein, zu früheren Zeiten per Fluss in diese wohlhabende Stadt zu kommen. Dabei die prächtige, massive Festung bestaunen und schließlich dem Herren des Landes in eventuellen Verhandlungen gegenübersitzen zu müssen. Man antizipierte also wahrscheinlich von Anfang an die eigene, benachteiligte Position und wägte ab, was man in Kauf nimmt zu verlieren.

So beschäftigte man sich, den Ausblick und die Stadt genießend, in der üblichen Gesellschaft mit der Geschichte der Stadt. Allerdings in einem eher spezifischen Kontext, denn nach dem Besteigen des Arenbergs ergatterten wir gerade noch rechtzeitig die Führung durch den Dom. Zwar war dies bereits die zweite Führung durch dieses beeindruckende Gebäude, doch jeder Guide – um ein neudeutsches Wort zu bemühen – setzt andere Schwerpunkte und bietet andere Perspektiven auf die Geschichte. War die erste Führung noch sehr auf die religiösen Aspekte, das Metaphysische und was dies alles für die Bürgerinnen und Bürger bedeutet hat, fokussiert, so war die zweite weniger spirituell. Das hat der Faszination allerdings keinen Abbruch getan. Es ist immer wieder toll zu hören, wie man ein Gebäude liest und welche Zwecke es erfüllen kann.

Nach den Strapazen des Bergsteigens und dem Abstieg in die kulturelle Geschichte der Stadt hatte man sich eine Stärkung verdient, die im Altstadt-Hotel serviert werden würde. Eine äußerst freundliche und sympathische Kellnerin, bei der man sich stets willkommen fühlt, brachte Kaffee und einen Kaiserschmarrn mit Zwetschkenröster. Die Portion konnte sich durchaus sehen lassen und wollte schnell verdaut werden, da das angekündigte und reservierte 3-Gänge-Menü nur mehr eineinhalb Stunden entfernt war, doch schmeckte die klassisch und äußerst lecker zubereitete Mehlspeise dermaßen gut, dass keine getroffenen Entscheidungen zu bereuen waren. Es war schließlich noch genug Zeit, die Speise bei einem ausgedehnten Spaziergang zu verdauen.

Schließlich traf man, etwas verspätet im Ziel ein, dem kleinen Lokal, das sich Köchlverzeichnis nennt. Der Besitzer, Kellner und Koch in Personalunion, hieß uns äußerst freundlich willkommen und platzierte uns an dem großen Esstisch, bei dem man sich fragte, wie dieser in den kleinen Raum kam oder ob sich die Erbauer des alten Gebäudes vor Jahrzehnten der Einfachheit halber entschlossen, das Gebäude um den Tisch herum zu bauen. Was auch immer die Beweggründe waren, das Lokal machte einen schicken Eindruck. Dutzende, wenn nicht hunderte Weinflaschen, konnten in jeder Ecke erspäht und begutachtet werden. Leider war der Tisch etwas zu breit, um sich angenehm unterhalten zu können und die anderen Gäste, die kurze Zeit darauf ebenfalls eintrafen und am mächtigen Tisch Platz nahmen, machten es notwendig, die diversen Themen, die in den drei Stunden der Anwesenheit diskutiert werden wollten, durchaus lauter debattierte.

Drei Stunden für ein 3-Gänge-Menü klingt nun wahrscheinlich etwas extravagant und überlang, doch es dauert eben seine Zeit, bis die nächsten Gänge serviert und die dazu passenden Weine eingeschenkt wurden. Ein Lokal vollkommen alleine zu betreiben macht es notwendig, dass man Gäste bedauerlicherweise gelegentlich vernachlässigen muss. So waren die angebotenen Speisen zwar von der Menge her perfekt und schmeckten fantastisch, doch man verbrachte die meiste Zeit mit leeren Gläsern und ohne Essen vor sich. Doch in guter Gesellschaft und mit großartigen Unterhaltungen über das sprichwörtliche »Gott und die Welt« verging die Zeit wie im Flug und tat einem ansonsten großartig verbrachten Abend keinen Abstrich. Die Zeit zwischen den Gängen konnte man schließlich noch dazu nutzen zu spekulieren, was der ganze Spaß am Ende kosten würde, denn einen Preis suchte man vergebens und wurde zu Anfang auch nicht preisgegeben. Wir sahen auch davon ab, danach zu fragen; ob aus gedanklicher Ungeschicktheit oder aus Furcht vor dem endgültigen Preis, weiß der Autor dieses Textes nun nicht mehr zu rekapitulieren.

So ließ man sich am Ende die Rechnung kommen und teilte diese freundschaftlich durch zwei. Trotzdem musste jeder am Ende über 1.100 Schilling (oder knapp über 80 Euro) entlohnen. Das Essen war, wie bereits erwähnt, großartig, kulinarisch abwechslungsreich und bot dem Gaumen diverse Freuden an. Ebenso passte jeder vom Sommelier und Chef ausgewählte Wein wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Trotzdem schien der Preis übertrieben und stand leider in keinem Verhältnis zum gebotenen. Dafür war der Eigentümer der Lokalität zu sehr damit beschäftigt, jedem der Gäste das Menü zu servieren, zu erklären, was man vor sich fand und entsprechende Weine einzuschenken. Natürlich wäre das finale Urteil etwas milder ausgefallen, hätte man nicht sechs fünfzig (oder sagenhafte neunzig Schilling) für das stille Wasser berechnet. Das hätte man gut und gerne dem Essen zurechnen können, es wäre weniger störend gewesen, so war es enttäuschenderweise nur frech.

Der Magen war gut gefüllt, der Gaumen für diesen Abend befriedigt und das Geldbörserl leichter, doch zuckte es im Hinterkopf noch nach einem schönen Abschlussgetränk. Dieses fand man auch in der wundervollen Steinbar, nicht unweit des kleinen Lokals. Einen delektablen (ein Wort, das der Autor extra für diesen Text recherchierte) Schluck Rotwein schlürfend, blickte man ein letztes Mal für diesen Abend auf eine fast schon kitschig beleuchtete, wunderschöne Stadt, bevor man sich zufrieden gen Heimat aufmachte.