XCU Rewatch | X-Men

Thanos ist besiegt, Tony Stark sei dank und der Rest der Welt muss sich erst wieder damit zurechtfinden, dass alle verlorenen Seelen zurückgekehrt sind. Die Infinity Saga ist komplett. Ein beeindruckendes und einzigartiges Stück Kinogeschichte endete. Deshalb machen wir in diesem Rewatch genau das, was auch Marvel nach dem Ende der Infinity Saga hätte machen sollen: eine Pause. Mindestens ein Jahr, wenn nicht sogar zwei, hätte es nach Spider-Man: Far From Home gebraucht. Auf diesen speziellen Lorbeeren hätte man sich gerne etwas ausruhen können. Neue Kräfte sammeln, Konzepte verfeinern und dann neu durchstarten. Wir machen das in diesem Rewatch, in dem wir uns den X-Men zuwenden. 13 Tage, 13 Filme.

„Welcome to Mutant High.“ – Bobby

Es ist fast exakt 25 Jahre her, als X-Men im Jahre 2000 ins Kino kam. Wahrlich unfassbar. Iron Man war schon ein Trip in eine andere Welt, aber X-Men setzt da auf jeden Fall erneut einen obendrauf. Ich war gerade einmal elf Jahre alt, als der Film erschien. Ich kann gar nicht mehr genau sagen, wann ich den Film überhaupt das erste Mal gesehen habe. Im Kino war es, glaube ich, nicht. Aber zumindest im Free-TV des Öfteren und später auf DVD. Nun steht er als Blu-ray im Regal. Schon der Auftakt des Films mit den triumphierenden Fanfaren und einer virtuellen Kamerafahrt um das 20th Century Fox Logo zeugt von einer anderen Zeit.

Dieses Hoch ist aber sogleich unterbrochen, durch die darauffolgende Szene, in der wir einen jungen Erik Lehnsherr im KZ Auschwitz antreffen. Mit anderen Gefangenen wird er in das KZ gebracht und von seiner Mutter getrennt. Dieses Trauma, der Zorn und die Wut, die Verzweiflung in ihm, bringt ihn dazu, seine Kräfte des Magnetismus zu offenbaren oder überhaupt das erste Mal zu entdecken. Mir kamen dabei sofort die Szenen eines späteren X-Men-Films in Erinnerung, der uns mehr zeigt, was in dieser Zeit mit Erik geschah und wie die Nazis an ihm experimentiert haben. So gesehen ist ein Rewatch dieser Filme insofern tiefgreifender, als man natürlich das Wissen der zukünftigen Filme mitbringt. Auch wenn es nun schon sehr lange her ist, dass ich überhaupt einen der X-Men-Filme sah.

Fast hätte ich vor diesem Satz ein »Leider« gesetzt, aber ich bin mir bislang nicht sicher, ob das angebracht wäre. Es geht um den Stil des Films, der sich (leider) sehr an vorangegangenen, erfolgreichen Filmen orientiert. Besonders was die Stunts und Kämpfe anbelangt, haben sich die Macher stark an The Matrix orientiert, was sogar im Wikipedia-Artikel zum Film erwähnt wird. Die Drahtseileinlagen sind nicht wirklich das Problem, diese werden oft verwendet, nur versucht man hier krampfhaft die damals revolutionäre Stuntarbeit nachzuahmen und muss natürlich daran scheitern. Dass die X-Men schwarze Ledersachen tragen ist ein Zeichen der Zeit und war gerade total en vogue, aber für die Stunts und die Kämpfe hätte man sich gerne etwas mehr an der Vorlage entlang orientieren können. Mehr an den Charakteren, ihren Kräften und Fähigkeiten entlang. Nicht alle Mutanten kämpfen gleich.

Und weil wir schon bei Fähigkeiten sind: Es scheinen die Fähigkeiten von Storm nicht komplett verstanden worden zu sein. Zumindest werden sie ab und an auf fragwürdige Weise eingesetzt. Wind funktioniert eben nicht wirklich so, wie im Finale des Films angedeutet wird. Zumindest würde die Freiheitsstatue nicht mehr stehen, wenn Storm Logan mit einem Windstoß davonsegeln lassen will. Und Wolverine, auch wenn es cool aussieht, vielleicht, kann sich nicht einfach um einen Zacken der Krone der Freiheitsstatue wirbeln. Aber das sind alles Kleinigkeiten, in einem ansonsten beeindruckenden Film. Man darf eben nicht aus den Augen verlieren, dass wir uns im Jahr 2000 befinden. Es gab de facto keine wirklichen Comicverfilmungen. Das MCU war noch Jahre entfernt, und selbst der erste Spider-Man war gerade einmal eine Idee eines Produzenten. Nur Blade war ein paar Jahre zuvor erschienen und überraschte viele.

Und dafür, dass der Film vor 25 Jahren herauskam und ein Franchise für Fox starten sollte, wurde so einiges in den Film gepackt. Wer wusste damals schon über die X-Men Bescheid? Vielleicht waren noch Cyclops und Prof. Xavier manchen ein Begriff, aber dann wurde es auch schon dünn. Wolverine erfuhr seine Jahre im Rampenlicht erst durch die bravouröse Darstellung von Hugh Jackman. Patrick Stewart als Xavier und Ian McKellen als Magneto waren ein genialer Schachzug des Casting-Direktors. Die beiden in einem solchen Film als ehemalige Freunde und jetzige Rivalen zu sehen, ist immer wieder beeindruckend. Ihnen gehören manche der besten Szenen, und die Dialoge sind spannend geschrieben. Man merkt ihnen ihre Geschichte und turbulente Vergangenheit an. Nur manches wird durch unnötige Exposition zunichtegemacht. Charles muss etwa von Magnetos Helm schon länger wissen und nicht erst seit Kurzem. Immerhin kennen sie sich schon länger und stehen sich mit Sicherheit nicht erst seit zwei Wochen als Konkurrenten gegenüber.

Aber auch die anderen ausgewählten Charaktere passen wunderbar in den Film. Es sind weder zu viele noch zu wenige. Die Schule von Xavier wirkt insgesamt sehr lebendig, und wenn man die X-Men Comics kennt, wird man so manche Anspielungen verstehen. Wenn nicht, wirkt es interessant, aber man denkt vielleicht nicht näher darüber nach. Rogue als Einstieg in die Welt der Mutanten ist großartig. Zusammen mit der Sequenz im KZ und dem verzweifelten Einsatz von Eriks Kräften bekommen die Fähigkeiten der Mutanten als etwas Grausames, beinahe schon Body-Horror-mäßiges präsentiert. Selbst Wolverines erste Szene ist von Brutalität, Einsamkeit und einer scheinbar hoffnungslosen Suche nach Antworten geprägt. Diese Schwere tut dem Film gut, weil es dem Thema eine Ernsthaftigkeit verleiht. Wenn dann die X-Men mit ihren Kostümen und schicken Codenamen daherkommen, macht sich Logan zwar erst darüber lustig, aber die Bedrohung durch Magneto rückt dieses humoristische in den Hintergrund.

Der Gipfel des Body-Horrors ist natürlich Mystique. Sie kann sich in jeden Menschen verwandeln und seinen oder ihren Platz einnehmen. Sie kann Politiker mimen und so Regierungen manipulieren, vielleicht sogar zu Fall bringen. Weltgeschehnisse liegen ihr zu Füßen, und wenn sie möchte, kann sie tief in das weitere Voranschreiten der Geschichte eingreifen. An dieser Stelle möchte ich vor den Mühen, die Rebecca Romijn-Stamos auf sich genommen hat, um Mystique mimen zu können, den Hut ziehen. Wenn man ihren Interviews Glauben schenken darf, war es eine reine Tortur, das Kostüm anzulegen, geschminkt zu werden und in die Rolle zu schlüpfen. Man muss allerdings sagen, dass sich diese Mühen gelohnt haben, denn sie ist mit Abstand die beeindruckendste aller Mutanten. Die X-Men ziehen sich ihre Kostüme an, wenn überhaupt, Erik seinen Umhang und los geht’s. Aber sie sieht komplett anders aus und dadurch, dass es Make-up ist, beeindruckt sie noch 25 Jahre später.

Es werden aber nicht nur die Kräfte der Mutanten mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, die dem ganzen Film guttut. Auch die Politik darum wird behandelt. Die politischen Diskussionen, die Forderungen von Senator Kelly und den Demonstrant*innen erinnern sehr stark an aktuelle Bilder aus den Nachrichten. Der Film bietet keine finale Antwort und kann diese auch nicht liefern. Aber allein schon, dass es thematisiert wird, wie mit Mutanten umgegangen wird, finde ich heute beeindruckender denn je. Es wird sich auch durch diese Trilogie durchziehen, wenn ich es richtig in Erinnerung habe. Nur einen Vergleich haben die Produzenten damals gescheucht und würden ihn heute ebenfalls nicht machen: Waffen. Denn die Analogie, die Jean in der ersten Diskussionsrunde wählt, ist die eines Autofahrers; der Vergleich mit dem Tragen von Waffen wäre natürlich passender gewesen, vor allem in Amerika. Doch soweit wollte sich Fox wohl nicht aus dem Fenster lehnen.

Zur Geschichte an sich muss ich wohl nicht viel sagen. Der Film ist 25 Jahre alt und wir machen hier schließlich einen Rewatch. Wie schon bei den Filmen des Marvel Cinematic Universe geht es mir um die Diskussion über den Film. Man kann allerdings sagen, dass die zugrundeliegende Geschichte einfach gestrickt ist, was ich dem Film nicht übel nehme. Immerhin musste X-Men viele Charaktere etablieren, ihre Beziehungen zueinander, ihre Kräfte und Fähigkeiten vorstellen und hat schwierige Diskussionen angesprochen (sowohl innerhalb der Mutanten-Community als auch außerhalb). Da braucht es keine komplexe Erzählung. Man hätte sich zwar das komische Dreieck rund um Logan, Jean und Scott sparen können, aber wir sind eben im Jahr 2000 und da hat man das eben noch so gemacht. Die ersten Szenen sind immer noch grandios, die Sequenz am Bahnhof beeindruckend. Aber der Film lebt ebenso von kleineren, intimen Momenten.

X-Men war und ist ein großartiger Auftakt in die Welt der Mutanten. Bis heute sind uns Marvel und Disney eigene Interpretationen dieser Welt und ihrer Charaktere schuldig. Sie bedienen sich noch an etablierten Konzepten, wie der Deadpool-Reihe und dem Ruf von Hugh Jackman als Wolverine. Leider nur mit mäßigem Ergebnis, wenn man mich fragt, aber dazu kommen wir noch. Erst einmal genießen wir diesen klassischen Einstieg ins X-Men Cinematic Universe, bevor es dieses Konzept überhaupt gab.