Wenn ich Texte zu Filmen oder Serien schreibe, habe ich stets ein kleines Notizbuch neben mir auf der Couch liegen, um Gedanken schnell festhalten zu können. Buchstäblich das Erste, was ich mir zu The Last Stand aufgeschrieben habe, ist: »oje«. Schon bevor der Film losgegangen ist. Ich habe es etwas vor mir hergeschoben, diesen letzten Teil der ersten Trilogie anzuschauen. Es ist schon sehr lange her, dass ich The Last Stand gesehen habe. Doch sein Ruf eilt ihm durchaus voraus. Doch ob sich das wirklich bestätigt hat, können wir nun gemeinsam herausfinden.
Die erste Überraschung bestand schon einmal in der Laufzeit des Films. Lediglich 99 Minuten dauert der Streifen (inklusive Credits). Ich hatte mit über zwei Stunden gerechnet, weil doch sehr viel darin passiert. Aber die Dauer ist nur das erste schlechte Vorzeichen. Denn es zeugt nicht gerade von einer positiven Entwicklung, wenn nicht nur der Regisseur der ersten beiden Teile geht und sich anderen Projekten zuwendet, sondern ebenso die Autoren und einer der Hauptdarsteller. Übrigens ist das der Grund, warum Cyclops so früh im Film stirbt und nicht etwa eine kreative Entscheidung. Man muss allerdings zugestehen, dass dieses Ereignis durchaus zur Atmosphäre des Films beiträgt.
Auch sonst war ich von The Last Stand sehr positiv überrascht. Immerhin hat es drei Filme gedauert, bis wir fast alle Standards, die wir aus den Comics kennen, hier wiederfinden. Da sei zum einen der Danger Room genannt. Der Trainingsraum der X-Men, der hier als eine Art Holodeck neu erdacht wird. Das passt durchaus ins Konzept und beinhaltet nebenbei schöne Teaser zu den Sentinels. Trask, der diese Mutanten jagenden Roboter bauen wird, kommt ebenfalls im Film vor. Dann sehen wir natürlich Hank aka Beast. Das Make-up und Design gefallen ausgezeichnet. Es hat eben doch etwas Zeitloses an sich, wenn man sich damit Mühe gibt und praktisch umsetzt, statt auf CGI zu setzen. Und schließlich darf sich Warren aka Angel noch zu den X-Men gesellen.
Von ihm hätte ich im Film gerne mehr gesehen. Immerhin ist das Erste, was wir von ihm zu Gesicht bekommen, dass er versucht, die wachsenden Flügel vom Rücken zu scheiden oder zu schleifen. Sein Vater erwischt ihn und ist bestürzt. Aber nicht etwa, weil er sich selbst verletzt, sondern weil er ein Mutant ist. Ein sympathischer Mann. Der wird noch sympathischer, als er die „Heilung“ für Mutanten vorstellt, natürlich extrahiert aus einem Kind, welches die Fähigkeit besitzt, anderer Mutanten Kräfte in seiner Nähe zu neutralisieren oder deaktivieren. Und wer darf als erster Testkandidat herhalten? Richtig, Warren, sein Sohn. Doch zum Glück bricht dieser aus, spreizt seine Flügel und macht sich auf den Weg zu Xaviers Schule. Dort trifft er zwar zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt ein, aber seine Reise im Film mag ich ganz gerne. Diese hätte man noch mehr ausbauen können. Ich hätte ihn gerne mehr in Aktion gesehen und in mehr Dialogen. So verkommt er leider zu einem etwas besseren Statisten.
Die Geschichte des Films ist wirklich großartig und gefällt mir außerordentlich gut. Es öffnet eine Thematik, die bereits in den beiden Vorgängern immer wieder angesprochen wurde und für unserer Held*innen nun zur Realität macht: eine „Heilung“. Rogue ist ganz begeistert davon, weil sie endlich andere Menschen anfassen könnte. Doch auch Hank ist nicht komplett abgeneigt. Viele Mutanten können sich nicht einfach in der Masse verstecken und sehen aus wie ein normaler Mensch. Umso bedauerlicher ist es, dass Kurt aka Nightcrawler nicht im Film ist. Aus dem religiösen Aspekt, gepaart mit der Option einer Heilung, hätte man tolle, tiefgründige Dialoge erschaffen können. Action-Sequenzen sind immer willkommen, doch wenn dahinter eine entsprechende emotionale Wucht steckt, können sie neue Höhen erreichen.
In dem Film sieht man auch, wie hart Magneto ist. Beim Versuch, Mystique zu befreien, wird sie mit dem Heilserum angeschossen, welches die Wachen als Waffen bei sich tragen. Sie ist also ein normaler Mensch. Doch so ist sie für ihn nichts wert, sie ist auch nicht mehr hübsch, wie er anmerkt. Also lässt er sie fallen und liegen, nackt und allein. Magneto geht es darum, die Community der Mutanten zu befreien, sie aus der Unterdrückung zu holen, denn die Methode von Charles, einen gemeinsamen Dialog mit den Menschen zu führen, geht ihm zu langsam. Er holt sich Unterstützung bei einer Gruppe an Revolutionären, wenn man sie so bezeichnen möchte, und rekrutiert sie alle. Ian McKellen ist ein fantastischer Schauspieler und findet eine tolle Balance zwischen der manischen Seite von Magneto und dem warmherzigen Mann, der die Welt für Mutanten besser machen möchte.
Diese mitfühlende Seite merkt man besonders im Zusammenspiel mit Charles. Sie sind zwar unterschiedlicher Meinung, wie sich die Mutanten zu den Menschen verhalten sollen, doch am Ende haben sie beide ein verwandtes Ziel. Außerdem sind sie alte Freunde, respektieren sich und die Ansichten des anderen. Ich finde das eine fantastische Botschaft, die in The Last Stand mehrmals unterstrichen wird. Man kann unterschiedliche Perspektiven auf ein Problem oder eine Herausforderung haben. Ansichten, Meinung und Standpunkte dürfen und müssen sich unterscheiden. Doch der gegenseitige Respekt und das Akzeptieren der anderen Meinung sind ebenso wichtig. Man muss nicht immer recht haben. Manchmal geht es nur um den Austausch selbst.
Deshalb hätte ich Kurt so gerne im Film gehabt, weil mich seine Ansichten interessiert hätten. Wäre er mit Rogue gemeinsam zur örtlichen Klinik gegangen, um sich das Serum verabreichen zu lassen? Wie hätte der Dialog mit Storm ausgesehen? Die beiden hatten im letzten Teil einen schönen Moment, den man hier aufgreifen könnte. So kann der Film zwar nicht das volle Potenzial ausschöpfen, trotzdem finde ich diesen Aspekt des Films sehr gelungen. Wäre da nicht noch die Kleinigkeit mit Jean.
Wie vielleicht aufgefallen ist, habe ich nur von dem Heilungsaspekt des Films gesprochen und der Storyline, die sich damit beschäftigt. Jean habe ich noch gar nicht erwähnt. Dabei gefällt mir der anfängliche Erzählstrang mit ihr einwandfrei. Der Moment am See, der Durchbruch der Phoenix-Persönlichkeit, der Cyclops das Leben kostet. Die gedoppelte Szene in ihrem Elternhaus. Einmal als Rückblende, wo sie noch ein Kind ist (das verjüngende CGI von Ian McKellen und Patrick Stewart kann sich heute noch sehen lassen; Hut ab) und einmal als Erwachsene. Die Todesszene von Xavier ist tragisch, doch er gibt Jean partout nicht auf. Toll inszeniert und fantastisch gemacht. Doch dann wissen die Verantwortlichen scheinbar nichts mehr mit ihr anzufangen.
Ihr Charakter hat keine Agenda. Sie ist einfach nur da. Steht mal hier im Wald herum und da mitten in der Schlacht, ohne wirklich etwas zu tun. Sie sagt fast nichts, setzt sich nicht mit der Heilung oder Magnetos Rede auseinander. Famke Janssen holt alles heraus, was ihr das Skript gibt, doch das ist leider viel zu wenig. Ich hätte mir gerne gewünscht, dass die Szene im Haus die letzte ist, wo man sie sieht. Die letzte Szene des Films hätte sie dann irgendwo an einem einsamen Ort zurückgezogen zeigen können. Jean vs. Phoenix. Der vierte Teil hätte sich dann damit auseinandersetzen können. Heilungsthema quasi abgehakt und volle Konzentration auf Jean und den Kampf mit dem Phoenix. Vielleicht hätte man auch in ihre Psyche abtauchen und dort den Kampf austragen können.
Mich stört es nicht, wenn Dinge aus der Vorlage, wie hier aus den Comics, geändert werden, nur sollte es dann entsprechend gut und konsequent umgesetzt sein. Bedauerlicherweise ist das mit dem Phoenix-Aspekt nicht ganz gelungen. Die böse Seite, wenn man so will, von Xavier kommt allerdings trotzdem recht gut rüber. Er baut ohne jemandes Wissen eine psychische Barriere in Jeans Kopf ein, ist übergriffig in manchen Belangen und seine scheinbaren doch heuchlerischen Seiten schlagen in The Last Stand durch. Man hätte all dem gerne etwas mehr Zeit geben können. Einen Zweiteiler daraus machen, Themen mehr Raum geben und ausführlichere Dialoge schreiben. Ich hatte sehr wenig von diesem Film erwartet, wurde dann aber doch belohnt. Manchmal verdienen Geschichten eine zweite Chance.