Anders als die bisherigen drei Phasen endet die vierte nicht mit einem Avengers-Film oder einer sonstigen Zusammenkunft der Held*innen. Stattdessen ist es ein Abschiednehmen von Chadwick Boseman, ein Blick in die Zukunft und ein Erweitern der Welt des MCU. Ich hatte schon Sorge, dass der Film ähnliche qualitative Tiefen erreichen würde, wie Thor: Love and Thunder. Bei einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden wollte ich mich da nicht durchquälen müssen. Erfreulicherweise ist es ein wunderschöner und gut gemachter Film.
Chadwick Bosemans plötzliches Ableben hat mich, zugegebenermaßen, schwerer getroffen, als ich vermutet habe. Nicht, dass ich ihn vor seiner Verkörperung des Black Panther und T’Challa groß gekannt hätte. Doch er hatte eine Präsenz und Ausstrahlung, die man nicht in Worte fassen kann. Jede Szene, die er gespielt hat, war on point und die Rolle des Black Panther war ihm auf den Leib geschrieben. Interviews mit ihm habe ich gerne geschaut. Er war eine einzigartige Persönlichkeit. Deshalb ist es schön zu sehen, dass sich Wakanda Forever nicht nur einmal die Zeit nimmt, um Chadwick Boseman zu gedenken.
Ihm ist das Marvel-Logo am Anfang des Films gewidmet. In Stille sitzt man da, sieht die Szenen von ihm in den wenigen Auftritten, die er hatte, vorbeihuschen, während sich der Bildschirm violett färbt. Am Ende sitzt Shuri an einem Lagerfeuer und gedenkt ihres Bruders. Dabei sieht man ebenfalls ein paar gut ausgewählte Szenen von Chadwick Boseman. Ebenfalls in leiser Andacht. Schließlich ist ihm der Film noch gewidmet. Ich hatte schon Befürchtungen, dass sie es irgendwie vermasseln würden. Zu kitschig oder klischeehaft. Doch es ist würdevoll und angemessen, wie ich finde. Ich war äußerst positiv überrascht.
Das Kernthema des Films ist Trauer. Shuri (Letitia Wright) verdrängt die Trauer um ihren Bruder. Will sich dem nicht stellen. Stattdessen stürzt sie sich in ihre Arbeit, sucht Ablenkungen, lässt sich von Zorn und Wut leiten. Ihre Mutter Ramonda (erneut genial gespielt von Angela Bassett) muss dagegen nicht nur mit dem Verlust ihres Sohnes zurechtkommen, sondern Wakanda als Königin führen. Sie darf keine Schwäche zeigen. Die Szenen im UN-Hauptquartier sind fantastisch und lassen jeden Zweifel an Wakandas Macht sofort verblassen. Doch sie sucht ebenso eine Verbindung zu ihrer Tochter. Versucht ihr einen Weg zu zeigen, mit ihrer Trauer umzugehen. Doch lange trauern können sie nicht.
Die Welt will sich des Vibraniums bemächtigen, es nutzen. Sie beschuldigen Wakanda nicht genug zu tun. Große Worte von Nationen, die Wakanda zu infiltrieren versuchen und in die »Outreach Center« eindringen, um das Vibranium gewaltsam in ihre Finger zu bekommen. Doch sie sind nicht die Einzigen. Denn die Welt des MCU öffnet sich in Wakanda Forever gewaltig.
Ich habe den Film im Zuge dieses Rewatch das erste Mal gesehen und völlig vergessen, dass Namor und sein Unterwasser-Königreich Talokan eingeführt werden. Eine ausgeprägte Unterwasserwelt durften wir bereits in Aquaman bewundern. Mir gefällt es ausgezeichnet, dass Marvel sich entschieden hat, einen realistischeren Look zu wählen. Die Szenen Unterwasser sind eher düster gehalten, es gibt wenig Licht. So, wie es eben in tieferen Gefilden ist. Es sieht realistisch aus und wirklich gut gemacht. Namor an sich wird toll gespielt von Tenoch Huerta Mejía. Selbst die Darstellung der geflügelten Füße gelingt, ohne dass es zu lächerlich aussieht.
Ich will gar nicht zu sehr ins Detail gehen, sonst wird das hier ein ausführliches Essay über den Film. Dafür ist später vielleicht einmal Zeit. Wakanda Forever ist sehr vielschichtig. Besonders Shuris Reise im Film und ihr Umgang mit der Trauer hat mich durchaus berührt. Sie ist ein toller Charakter und mitreißend gespielt wie geschrieben. Die Einführung von Riri Williams (Dominique Thorne) gelingt ebenfalls. Sie nimmt nicht zu viel Platz weg, sondern ergänzt den Film wunderbar. Okoye (Danai Gurira), einer meiner Lieblingscharaktere aus der Welt von Wakanda, erfährt ebenfalls ein interessantes Upgrade, von dem ich sehr gespannt bin, wo das hinführt. Leider müssen wir uns von einem Charakter verabschieden. Das hatte ich so nicht erwartet und finde ich sehr schade.
Wakanda Forever hatte eine schwere Aufgabe zu erfüllen. Chadwick Bosemans Tod hat ein großes Loch hinterlassen. Doch Ryan Coogler und sein Team finden eine tolle Balance zwischen der Ehrung von dem, was war und blicken doch in die Zukunft. Die Charaktere haben Platz zu trauern, doch die Action kommt nicht zu kurz. Auf die »Seeschlacht«, wenn man es so nennen will, hätte ich aber verzichten können. Ansonsten ist Wakanda Forever eine würdige Fortsetzung und der mittlerweile 30. Film im MCU. Ein schönes Jubiläum.