Apokalyptischer Dungeon

Nachdem ich das Video von Daniel Greene gesehen habe, in dem er die komplette Fantasyliteratur zusammenfasst, begab ich mich auf die Suche nach einem Buch. Ich wollte mal wieder gute Fantasy lesen. In eine Welt eintauchen, die ich zuvor noch nicht gekannt oder auch nur davon gehört hatte. Etwas Neues. Erst habe ich überlegt, ob nicht »His Dark Materials« (Der goldene Kompass) diese Buchreihe sein könnte oder »Wheel of Time« (Das Rad der Zeit). Aber beide haben mich nicht wirklich gepackt. Die kommen später dran. Stattdessen habe ich mich für »Dungeon Crawler Carl« entschieden.

Diese Bücher gibt es aktuell nur auf Amazon, zumindest was die digitale Distribution anbelangt. Ich glaube, sie sind exklusiv und die komplette Reihe (bisher sind sieben Bücher erschienen) ist bei Kindle Unlimited verfügbar. Autor Matt Dinniman war sehr produktiv in den vergangenen Jahren. Allein 2021 sind drei Teile von »Dungeon Crawler Carl« erschienen, wenn ich das richtig gesehen habe. Demnächst soll ein Webcomic zu der Reihe erscheinen. Den Trailer dazu hat Daniel Greene in einem seiner »Fantasy News«-Videos angeschnitten. Dieser kleine Ausschnitt hat mich endgültig davon überzeugt, die Bücher zu lesen. Aber worum geht es eigentlich?

Der Anfang erinnert stark an »Hitchhiker’s Guide to the Galaxy« (Per Anhalter durch die Galaxis). Im Universum gibt es vielfältiges, intelligentes Leben. Komplexe politische Systeme, über die wir nach und nach mehr erfahren. Die Erde hat davon nichts mitbekommen. Eines Tages stürzen plötzlich, ohne Vorwarnung, sämtliche Gebäude mit Dach ein. Seien es Häuser, Pavillons, Autos, vielleicht sogar Regenschirme – einfach alles, was auch nur einem Dach ähnelt, wird dem Boden gleichgemacht. Unser Protagonist, der titelgebende Carl, steht zufälligerweise draußen und versucht gerade, die Katze seiner (Ex-)Freundin wieder einzufangen, die aus dem Fenster gesprungen ist.

Eine Stimme ertönt in den Köpfen der Menschen. Sie berichtet darüber, dass die »Borant Corporation« Regentschaft über das Sonnensystem hat und nun die Ressourcen der Erde beansprucht. Wir hätten Einspruch erheben können, aber die Frist ist längst verstrichen und das verantwortliche Büro viele Lichtjahre entfernt. Aber keine Sorge, denn Subsection 35 vom »Indigenous Planetary Species Protection Act« räumt den Bewohner*innen von Welten ein Recht ein, für ihren Planeten zu kämpfen. Wie viel das bringt, nachdem schon alles zerstört ist und der Großteil der Bevölkerung damit ausgelöscht wurde, sei einmal dahingestellt. Für diese „Kämpfe“ gibt es verschiedene Optionen. Die Borant Corporation hat sich für den »World Dungeon« entschieden. Ein Dungeon, unter der Erde, mit 18 Ebenen. Gefüllt mit Monstern, Bossen und NPCs. Wenn es jemand schafft, diese 18 Ebenen zu meistern, bekommen wir die Erde wieder? Ich bin mir nicht ganz sicher. Überall auf der Welt öffnen sich Portale und den Menschen bleibt die Entscheidung überlassen, ob sie auf der Oberfläche zu überleben versuchen oder sich im Dungeon probieren.

Carl rennt mit Princess Donut (so der Name der Katze) in das nächste Portal. Wo er sich gerade befindet, ist nämlich tiefster Winter. Und er trägt quasi nichts. Nur Boxershort, eine dicke Lederjacke, die er sich kurzfristig übergeworfen hat und pinke, zu kleine Crocs. Nun fängt er also an sich mit der Katze durch das Dungeon zu kämpfen. Wie das mit einer Katze genau funktioniert, dazu müsst ihr euch überraschen lassen. Es entspinnt sich ein Abenteuer, das seinesgleichen sucht. Denn das Dungeon ist aufgebaut wie ein Computerspiel – ein Rollenspiel, um genau zu sein. Carl (und auch Donut) bekommt einen Lebensbalken in sein Sichtfeld eingeblendet, einen Mana-Balken und sogar eine Minimap. Man kann sich hochleveln, Skills freischalten (die ebenfalls gelevelt werden können) und natürlich Achievements mit mal mehr, mal weniger nützlichen Belohnungen. Es gibt Kleidungsstücke und Schmuck mit Buffs, Waffen, die man findet, und so viel mehr. Eben alles, was ein Rollenspiel braucht, ist vertreten. Es ist fantastisch.

Vor allem gefällt mir, wie nach und nach die Welt immer größer und tiefer wird. Durch Itembeschreibungen erfährt man von verschiedenen Organisationen, Firmen oder sonstigen Einrichtungen, die es im Universum gibt. NPCs erzählen immer mal wieder kleine Schnipsel und so erhält man Schritt für Schritt ein immer vollständigeres Bild. Donut und Carl müssen zwischendurch Interviews machen. Dungeon Crawler ist natürlich eine der erfolgreichsten Shows im Universum und wird von Aberbillionen Wesen geschaut. Selbstverständlich gibt es Interviewshows, in denen die erfolgreichsten, beliebtesten Crawler eingeladen werden. Denn jeder Crawler (so der Name der kämpfenden Menschen im Dungeon) kann Follower, Favorites und Patrons akquirieren. Dadurch haben sie die Chance auf bessere Items und eventuell eine bessere Überlebenschance.

Die Welt von »Dungeon Crawler Carl« ist durchdacht und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Zwar hatte ich bei manchen Aspekten immer mal wieder die Sorge, dass etwas mit der Zeit nervig werden könnte oder die ständigen Interviews langweilig werden würden. Doch Matt Dinniman findet die perfekte Balance. Das erste Buch bildet die ersten zwei Ebenen des Dungeons ab und das ist mehr als genug. Wenn er in diesem Detail weitermacht, freue ich mich auf die weiteren Bücher. Aktuell bin ich mitten im zweiten Teil. Carl und Donut sind fantastisch geschriebene Charaktere. Immer mal wieder bekommt man Schnipsel aus ihrer Vergangenheit mit, besonders natürlich von Carl, was ihn zu einem echten, nachvollziehbaren Charakter macht. Aber auch sämtliche NPCs und Nebencharaktere wirken ausgearbeitet. Als wären es echte Wesen mit einer turbulenten Geschichte, eigener Motivation und Antrieb.

»Dungeon Crawler Carl« ist mit recht eine äußerst beliebte Fantasy-Reihe. Sie ist actiongeladen, weiß aber ebenso ruhige, herzerweichende, tiefgründige Momente zu schaffen. Ich würde gerne das Regelbuch sehen, denn der detailgrad überrascht mich immer wieder. Standen sämtliche Regeln des Dungeon im Vorhinein fest oder arbeitet es Matt Dinniman zum Teil on-the-fly aus? Was auch immer es sein mag, er hat etwas einzigartiges geschaffen. Ich kann es kaum erwarten, in die nächsten Bücher und Ebenen des Dungeons einzutauchen.