Wie wäre es, wenn man plötzlich Kräfte bekommt, die man nicht kontrollieren kann? Woher kommen sie? Was macht man damit? Sind sie inhärent gut oder inhärent böse? Es ist eine Diskussion, die immer wieder aufkommt, wenn es darum geht, dass Personen Fähigkeiten bekommen; besonders wenn sie diese im jugendlichen bis erwachsenen Alter erhalten. Sei es in Superhelden-Comics oder eben in TV-Serien. Wir als Zuschauer*innen wissen, dass sie sich schlussendlich selbstlos für das Gute einsetzen. Doch müssen sie selbst ebenfalls zu dieser Erkenntnis kommen. Erst dann werden die darauffolgenden Geschichten glaubhaft.
In Charmed ist es Piper, die sich fragt, was diese Kräfte bedeuten. Phoebe ist mehr oder weniger furchtlos und nimmt die Dinge, wie sie kommen. Sie macht sich scheinbar wenig Gedanken darüber und geht davon aus, dass sie ihre Kräfte für das Gute nutzen. Prue ist mit anderen Dingen beschäftigt und möchte eher ignorieren, dass sie Hexen mit mächtigen Kräften geworden sind, deshalb das Dekret, dass sie diese nicht einsetzen, solange sie sie nicht kontrollieren können. Wobei sich die Frage stellt, wie die drei Schwestern lernen sollen, ihre Kräfte zu kontrollieren, wenn sie diese nicht einsetzen. Aber das Dekret hält sowieso nicht lange, deshalb erübrigt sich die Frage.
Piper steigert ihre Angst vor den Kräften noch weiter, in dem sie eine Dokumentation schaut, wo ihr erklärt wird, dass Hexen böse sind und von Gott bestraft werden. Sie fragt sogar ihren Pastor, ob Hexen böse sind, und der kommt mit einem sehr unhilfreichen Bibel-Zitat. An dieser Stelle möchte ich die Absichten und Fähigkeiten des Pastors infrage stellen. Denn ein Mitglied seiner Gemeinde ist sichtlich verstört, zweifelt an sich und projiziert ihre Sorgen dadurch, dass sie sich als Hexe versteht (aus der Sicht des Pastors gesprochen). Dass ihr dann auch noch sagt, man solle Hexen töten, ist wohl der schlechteste Ratschlag, den man geben kann. Eigentlich eine Frechheit. Später streiten sich dann noch Phoebe und Prue um den Einsatz ihrer Kräfte, was nicht gerade zuträglich ist.
Doch es geht auch anders. Piper und Phoebe haben später eine rührende Szene auf dem Dachboden. Piper liest im Buch der Schatten, um herauszufinden, was ihre Kräfte bedeuten, ob sie dazu auserkoren sind, böse zu sein. Doch Phoebe beruhigt sie und versichert ihr, dass es keinen besseren Menschen gibt als sie. Die Szene lebt vom gut geschriebenen Dialog und den schauspielerischen Fähigkeiten der beiden Frauen, allen voran Holly Marie Combs. Geschickt transportiert sie die Verzweiflung und Angst, die Piper gerade durchmacht. Natürlich könnte eine solche Szene durch mehr Tiefgang und längere Dialoge profitieren, doch wir befinden uns in den 90ern und da wurden sämtliche Probleme in 40 Minuten gelöst. Trotzdem mag ich die Szene sehr.
Von den Bösewichten her ist es eine dicht gepackte Folge. Prue trifft ihren zukünftigen Chef Rex Buckland und seine Assistentin Hannah Webster. Ich kann mich zwar nicht mehr im Detail an sie erinnern, weiß aber noch, dass sie später wichtig werden. Außerdem sagt Hannah mit bösem Blick, dass Prue wohl eine Hexe ist und damit wohl zu denjenigen mit weniger guten Absichten gehört. Monster der Woche ist Javna, der sich als Fotograf ausgibt. Javna saugt jungen Frauen die Lebensenergie aus, um selbst unsterblich zu werden. Dadurch altern diese rapide. Hier kommen wunderbare Überblendungen zum Einsatz, die diese Kraft unterstreichen sollen. Dazu noch rote Laser-Augen und eine schwebende Prue; großartig. Natürlich können die Halliwells Javna durch eine Zauberformel (incantation) besiegen. Ich frage mich, warum Javna im Buch der Schatten vorkommt. Gibt es mehrere von ihm, kommt er immer wieder? Muss er regelmäßig durch die »Hand of Fatima« verbannt werden oder brauchte es die Macht der Drei, um ihn endgültig zu besiegen?
Darryl und Andy haben es unterdessen ebenfalls nicht leicht. Sie jagen mittlerweile den zweiten potenziellen Mörder von jungen Frauen und müssen am Ende feststellen, dass die Serie an Verbrechen einfach aufhört, ohne dass jemand geschnappt wurde. Offiziell müssten das also weiterhin Cold Cases sein, die nie aufgeklärt werden. Zum Glück können sich die Opfer nicht an die Strapazen erinnern, wobei das verunsichernd sein muss, wenn einfach ein paar Tage fehlen. Sie verwandeln sich jedoch, nachdem Javna besiegt wurde, zurück in ihr junges Ich. Darryl und Andy bleiben im Dunkeln. Wobei Andy weiterhin skeptisch ist, was die drei Schwestern und Zufälle anbelangt.
Schließlich liefert uns Andy noch ein nettes, als er mit Prue auf einem Date ist. Die beiden haben sich scheinbar sieben Jahre nicht mehr gesehen, wie wir in dieser Folge herausfinden, und schliefen bei ihrem ersten Date gleich miteinander. Sie zählen das allerdings noch zu ihrer alten Beziehung und möchten diese neue Phase etwas langsamer angehen – ob das wohl gut geht? Wir werden es sehen. Jedenfalls werden sie bei ihrem zweiten Date rude unterbrochen: Prue durch ihr enormes, unförmiges Mobiltelefon und Andy durch seinen Pager. Was dieser kommentiert mit: „Dating in the 90s“. Wenn du nur wüsstest, Andy.