Everything X-Men | Thomas & Adams (Teil 2/2)

Wie jeden Donnerstag sehen wir uns auch heute einen Text aus grauer Vorzeit an. Obwohl mein Medienwissenschaftsstudium noch gar nicht so lange her ist. Jedenfalls habe ich für mein sogenanntes Projektstudium eine Textreihe zu den X-Men geschrieben. Diese möchte ich hier nach und nach präsentieren. Da ich die Texte damals auf Englisch geschrieben habe, sie aber auf Deutsch präsentieren will, übersetze ich diese initial mit DeepL, bevor ich sie redigiere.

Beim letzten Mal haben wir mit den Comics von Roy Thomas und Neal Adams angefangen. Heute kommt der zweite und letzte Teil des Textes.

Bisher sind folgende Texte erschienen:


Freunde und Feinde

Die Hauptgeschichten, die sich über mehrere Ausgaben erstrecken, sind ausgezeichnet. Der erste Handlungsbogen mit Scotts Bruder und dem Pharao entpuppt sich als eine umfangreiche, tiefgreifende Geschichte, und ich bin mir sicher, dass ich bei einer erneuten Lektüre noch mehr Symbolik und Bedeutung darin entdecken würde. Roy Thomas ist ein fantastischer Autor. Man kann sehen und spüren, dass sich die Erzählweise zwischen den letzten Ausgaben von Stan Lees und der, die wir jetzt besprechen, massiv verändert hat. Es ist eine lange Geschichte über die Wächter, Scotts Bruder, Bobbys Freundin, einen entgleisten Sohn, eine Yin-Yang-Symbolik zwischen dem Pharao und Alex und vieles mehr. Roy Thomas hetzt nicht durch die Geschichte. Stattdessen gibt er ihr Raum zum Atmen. Auf diese Weise können die Leser*innen jede Sequenz verarbeiten und würdigen.

In den meisten Ausgaben steht Alex im Vordergrund, und am Ende stellt sich heraus, dass dies die Entstehungsgeschichte von Havok ist. Das habe ich nicht kommen sehen und war angenehm überrascht. Es sollte viel mehr dieser Entstehungsgeschichten geben.

Einer der coolsten, seltsamsten und lustigsten Momente war während des finalen Kampfes zwischen den Sentinels und Scott. In dem Kampf ist er einer der letzten X-Men, die noch stehen. Er macht einen Asimov-ähnlichen Zug und besiegt diese schrecklichen Maschinen mit Logik. Danach fliegen sie in die Sonne und zerstören sich selbst. Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, wie er das gemacht hat, aber ich wurde an die ersten beiden Kurzgeschichten von Isaac Asimov in der Sammlung „I, Robot“ erinnert (die jeder lesen sollte).

Für den nächsten Bösewicht, über den ich sprechen möchte, möchte ich kurz Kontext liefern: Ich bin großer Fan von „Der Herr der Ringe“ und der gesamten Mythologie von J. R. R. Tolkiens Mittelerde. Leider muss ich zugeben, dass ich gerade erst anfange, tiefer in diese Welt einzutauchen, indem ich die Bücher „The History of Middle-Earth“, „The Silmarillion“ und so weiter lese. Allerdings schaue ich mir regelmäßig (das heißt einmal im Jahr) die „Herr der Ringe“-Filme von Peter Jackson an, und jedes Mal weine ich und mache tiefe emotionale Erfahrungen. Ich schaue YouTube-Videos darüber und beschäftige mich gerne mit dieser Welt. Und nein, wir sprechen an dieser Stelle nicht über die „Hobbit“-Filme.

Nachdem das gesagt ist, können wir nun über Dr. Klaus Lykos sprechen – er spielt eine entscheidende Rolle in den Ausgaben Nr. 60 bis Nr. 62. Er ist ein Mutant und kann anderen Lebewesen, sogar Tieren, die Lebensenergie entziehen. Als die X-Men ihm Scotts Bruder übergeben – Lykos soll ein Freund von Xavier sein –, erhält er endlich genug Energie, um sich in einen Pteranodon zu verwandeln. Vor vielen Jahren hatten ihn dieselben Kreaturen angegriffen und ihm seine Kraft verliehen. So weit, so gut. Aber natürlich ist er ein Fan von „Der Herr der Ringe“ und nennt sich selbst Sauron.

Warum? Einfach … warum? So etwas macht man nicht. Man benennt jemanden nicht nach einem der größten Bösewichte aller Zeiten. Wenn Lykos ein großes, böses Genie mit einem Plan und Fähigkeiten gewesen wäre, um die X-Men zu besiegen – vielleicht dann. Aber so wie die Geschichte umgesetzt ist, kaufe ich ihm sein böses Genie keine Sekunde lang ab. Sauron ist wie eine zweite Persönlichkeit in ihm. Er hat mehr Ähnlichkeit mit Dr. Jekill und Mr. Hyde als mit irgendjemandem aus „Der Herr der Ringe“. Vielleicht käme Gollum noch eher infrage als Sauron. Außerdem müssen die X-Men nicht handeln. Sie sind wie ein Publikum, das zusieht, wie sich die einzelnen Elemente entfalten. Am Ende dreht sich alles um Liebe und Vergebung.

The coming of Sunfire

… ist Teil des Titels der 64. Ausgabe. Es ist die tragische Geschichte eines Jungen, der von einem alten Mann dazu manipuliert wird, einen Krieg zu führen, der schon lange vorbei ist. Diese Geschichte behandelt ein komplexes Thema. Sie befasst sich mit den Folgen von Hiroshima und Nagasaki und damit, wie manche Menschen (im Jahr 1970, als der Comic erschien – und vielleicht auch noch heute) die Vereinigten Staaten dafür hassten und wollten, dass sie für ihre Taten büßen.

Der Junge heißt Shiro. Seine Mutter war ein Opfer von Hiroshima, und als Folge des nuklearen Fallouts erhielt Shiro seine Kräfte. In seinem Körper kann er die Kraft der Sonne speichern und sie in mächtigen Explosionen freisetzen. Ohne dass sein Vater davon wusste, erzählte der Onkel seit Shiros Kindheit von Hiroshima und dem, was seiner Mutter widerfahren war. Wie sehr er die Vereinigten Staaten dafür hasste und dass er Rache wollte. Es sei ihr Recht und ihre Pflicht, diejenigen zu rächen, die gestorben sind, und diejenigen, die noch immer leiden. Als sich Shiros Kräfte manifestieren, befiehlt ihm sein Onkel daher, Washington, D. C., anzugreifen und zu zerstören.

Shiro glaubt an den von seinem Onkel vorgegebenen Kurs und ist zu allem bereit. Doch in Washington ereignet sich ein schrecklicher Unfall und sein Onkel tötet Shiros Vater. Denn als dieser von Shiros Taten erfährt, opfert sich sein Vater, um die Menschen der Stadt zu retten und Shiro davon zu überzeugen, dass das, was er tut, falsch ist.

Man merkt schon an dieser kurzen Zusammenfassung, dass die X-Men tatsächlich nicht vorkommen. In diesem Fall ist das auch gut so. »The Coming of Sunfire« ist eine intime Geschichte, die sich mit einem Thema befasst, das man vielleicht nicht erwarten würde. Es geht nur um Shiro und den Schmerz seiner Vergangenheit. Es geht um einen jungen Mann, der leicht zu manipulieren ist, weil derjenige, dem er vertrauen sollte, ihn verrät. Andererseits: Kann man dem Onkel seinen Hass übelnehmen? Dann ist da noch der Vater, der zwischen ihnen steht. Eine bewegende Geschichte, die an ihrer Aktualität nichts verloren hat.

Roy Thomas und Neal Adams haben nicht nur ein paar X-Men-Geschichten geschaffen, sondern eine ganze Achterbahnfahrt der Gefühle. Vielleicht habe ich die Entwicklungen zwischen Ausgabe Nr. 19 und Nr. 55 etwas zu sehr gelobt. Ich wollte jedoch darauf hinweisen, wie viel sich in den wenigen Jahren dazwischen verändert hat. Es ist großartig, die Entwicklung des Geschichtenerzählens in diesem Medium mitzuerleben. Besser gesagt, in meinem Fall nachzuholen. Ich denke, die X-Men eignen sich perfekt als Anschauungsmaterial.

Im nächsten Artikel werden wir uns mit der Frage „Was ist ein Mutant?“ beschäftigen und danach werfen wir einen Blick auf eine neuere Interpretation der Entstehungsgeschichte der X-Men: »X-Men First Class v1« von 2007, geschrieben von Jeff Parker.

Quellen

  • Darowski, J. (2011). Reading The Uncanny X-Men: Gender, Race and the mutant metaphor in a popular narrative (Doctoral dissertation).